Der Autor ist ein Teilnehmer des Biografie-Projekts "Das ist mein Leben" der GGT.
Pflichtjahr
"Jedes Mädchen, das eine Lehre beginnen will, muss zunächst ein Jahr der Volksgemeinschaft opfern!" "Und was heißt das?" fragte Mutter, die mich zum Arbeitsamt begleitet hatte, die Leiterin der Behörde. "Alle schulentlassenen Mädchen müssen für ein Jahr in einem Haushalt, vorwiegend in einem bäuerlichen, arbeiten. Für ein Taschengeld, versteht sich, Kost und Logis frei."
Das war der Auftakt zu einem Pflichtjahr im Münsterland, das ich mit sieben anderen Mädchen meiner Klasse schon kurz nach meiner Schulentlassung antreten musste. Am Ziel angekommen, wurden wir den entsprechenden Familien zugeteilt. Meine Schicksalsgenossinnen fanden vorwiegend in kinderreichen Familien ihr neues Zuhause, wo sie der Hausfrau zur Hand gehen und sich um die Kinder kümmern mussten. Wie gern hätte ich mit ihnen getauscht! Mich hatte man in einem bäuerlichen Betrieb untergebracht, der nur von Erwachsenen bewirtschaftet wurde. Nun kam ich dazu, ein kleines, nicht einmal vierzehn Jahre altes Mädchen aus der Großstadt, das nichts mitbrachte außer gutem Willen. Man machte mich mit Feld- und Stallarbeiten vertraut. Schon bald lernte ich, meine erste Kuh zu melken. Ich entwickelte mich zu einer vollwertigen Arbeitskraft. Während die anderen Mädchen mit Kindern und Kinderwagen spazieren gingen, harkte ich Heu auf große Haufen, hackte endlose Rübenreihen. Während das junge Volk auf der Wiese Ball spielte, stand ich auf dem Leiterwagen oder auf der Dreschmaschine und nahm Kornbündel entgegen. Dass meine Leistung nur mit drei Reichsmark vergütet wurde, war mir nicht so wichtig. Die körperliche Arbeit machte mir Spaß. Was ich nicht konnte, lernte ich, jedes Lob beflügelte mich, machte mich stolz.
Wenn nur das Heimweh nicht gewesen wäre! Ich vermisste Mutters Wärme und Zärtlichkeit, ihre Fürsorge und ihr Verständnis. Für die Leute hier war es nur wichtig, dass ich funktionierte. Mit meinen Gefühlen, Ängsten, Bedürfnissen wurde ich völlig allein gelassen.
Das Heimweh schmerzte nicht mehr so heftig im Laufe der Zeit; Arbeit ist die beste Medizin. Und dann war bereits die Hälfte des Pflichtjahres vorüber. Plötzlich wurde es unruhig in meiner kleinen Welt, die bisher von Zeitgeschichte unbehelligt geblieben war, in der es weder Zeitung noch Radio noch Kino gab. Immer öfter fielen im Gespräch die Worte "Sudetenland, Krieg". Unter Krieg konnte ich mir überhaupt nichts vorstellen. Ich fragte meinen Bauern: "Was ist denn, wenn ein Krieg ausbricht? Was ist dann mit der Eisenbahn?" Der lachte. "Eisenbahn? Im Krieg fahren keine Züge mehr. Du wirst dann wohl bei uns bleiben müssen, bis sich alles wieder beruhigt hat." Ich wusste nicht, ob ich das glauben sollte. Man hatte mich schon oft mit derben Neckereien in Angst versetzt. Und wenn es doch stimmte? Das hätten die sich so gedacht! Am Abend packte ich meinen Koffer und versteckte ihn unter dem Bett. Nun brauchte ich nur noch eine Taschenlampe, wenn ich mich nämlich bei Nacht und Nebel aufmachen würde, um zu Fuß nach Gelsenkirchen zu laufen. Und ich würde dort ankommen, darauf konnten die Leute hier Gift nehmen. Von wegen - hierbleiben, länger als ein Jahr! Pah! - Fast tat es mir ein bisschen leid, als das Münchener Abkommen zustande kam und der Krieg abgeblasen wurde. Ich hatte mich schon so auf zu Hause gefreut!
Am Morgen des 10. November fuhr ich mit dem Fahrrad ins Dorf, um einen Eimer Rübenkraut zu besorgen. Mein Weg führte an einer kleinen Kate vorbei, die von zwei älteren Frauen bewohnt wurde. Der kleine Volksauflauf, der sich dort gebildet hatte, machte mich neugierig und ließ mich vom Fahrrad steigen. Nun sah ich die Ursache der Erregung. Die Fensterscheiben des Hauses waren total zerschlagen, vor dem Haus ein hoher Schuttberg, gebildet aus zerhackten Möbeln, Porzellanscherben, zerbeulten Töpfen, mit marmelade- und russ-verschmierten und zerrissenen Laken und Decken. Auf einem Stein daneben sitzend die zwei Frauen, weinend und stumm. Ich war fassungslos. Was war passiert? "Na, das hat doch heute nacht die SA gemacht. Die haben überall zugelangt." "Wie, zugelangt? Warum?" "Na, das sind doch Jüdinnen, weißt Du das nicht?" "Ne, weiß ich nicht. Sehen die anders aus als wir? Und warum hat man denen alles kaputtgemacht?" "Weil es halt Juden sind." Juden! Ich konnte mir nicht viel darunter vorstellen. Persönlich kannte ich nur einen Juden, der ab und zu mit dem Bauchladen zu uns kam und uns Schnürsenkel, Schälmesser, Gummiband und andere Kurzwaren verkaufte. Er war immer nett und freundlich, und manchmal kochte Mutter ihm eine Tasse Kaffee.
"Die Juden sind unser Unglück!" Dieses Schlagwort hatten wir in der Schule gelernt. Ohne weitere Erklärungen oder Beweise. Niemand hätte gewagt, es zu hinterfragen. Bedingungslos glauben, das wurde von jedem verlangt. Mein Weltbild bekam einen feinen Haarriss. Ich konnte mir bei allem guten Willen nicht vorstellen, dass diese beiden armen Frauen, ebenso wie Simon, unser Straßenhändler, unserem Volke Unglück bringen würden. Mitleid wechselte mit Empörung. Es war das erste Mal, dass ich in meinem jungen Leben mit Hass und Gewalt in Berührung kam. Ebenso schlimm fand ich die Reaktion der Leute um mich herum. War es Angst oder Hilflosigkeit, die sie verstummen ließ? Ab und zu ein Kopfschütteln, nach und nach lösten sie sich aus dem Zuschauerkreis und verschwanden. Empört kehrte ich auf den Hof zurück und erzählte aufgeregt, was ich erlebt hatte. Keine Reaktion, kein Kommentar. Es wurde einfach totgeschwiegen. Auch ich verdrängte die Erinnerung daran. Ich hatte so viel mit mir selbst zu tun, da blieb kein Raum für Politik. Doch vergessen, vergessen habe ich das Bild dieser beiden armen, hilflosen Frauen nie.