Der Autor ist ein Teilnehmer des Biografie-Projekts "Das ist mein Leben" der GGT.
Sich der Schrift stellen
Eine Jugend in Deutschland, elternlos aufgewachsen, immer in der Fremde und nur bei mir selbst daheim, oft hungernd und frierend, erfüllte sich mein Jugendtraum "SICH DER SCHRIFT STELLEN" langsam aber stetig in dem Zeitraum der Jahre 1921 bis 1981.
Die erzählerische Form trägt autobiographische Züge und ist eingebettet in prägenden Begegnungen mit Dichtern, Philosophen, Schauspielern und Journalisten.
Mein Leitspruch, der mich begleitete auf diesem Weg ist von Marie von Ebner – Eschenbach: "Nenne Dich nicht arm, weil Deine Träume nicht in Erfüllung gegangen, wirklich arm ist nur, wer nie geträumt hat."
Der Empfindsamkeit meiner deutschen Muttersprache in gewählter Sprachform, mit gebührendem Respekt begegnen, sich zu eigen zu machen, ist mein lebenslanges Bemühen gewesen, ja, bis auf den heutigen Tag geblieben.
2Muttersprache, Mutterlaut, wie so wonnesam und traut usw." stand in meinem Lesebuch zu lesen, welches ich in den dreißiger Jahren benutzte. Meine intensive Vertiefung in Sprachlehre und angewandte Rhetorik unterstützte verständnisvoll mein aufmerksam mich fördernder Deutschlehrer konstant über Jahre maßgeblich. Die Poesie förderte in hohem Maße meine seelische Empfindungswelt. Es fiel mir nicht schwer, die Poetik in meinen privaten, engagierten Stundenplan einzubeziehen. Ich entwickelte den Ehrgeiz, Balladen, Erzählungen, überhaupt philosophische, schöngeistige Literaturtexte, altes, lebendiges deutsches Liedgut einzusaugen wie die Muttermilch. Dies alles vollzog sich im Dunstkreis der Schlote und Essen, der Eisen- Stahl- und Hüttenwerke, Kokereien, der Fördertürme an Rhein und Ruhr, Wupper und Emscher, in meiner Geburtsstadt Bochum / Regierungsbezirk Arnsberg im westfälischen Land mit Koppeln, Äckern und Wiesen, mit seinen Wildpferden und Pferdezuchtgestüten im Münsterland.
Diese Industrielandschaft prägte den Arbeitsrhythmus, die Mentalität der Bevölkerung, die auch aus anderen Regionen Europas kommend hier ihren Broterwerb suchten zwischen den beiden Weltkriegen. Die Franzosen beschafften sich die Kohle von der Ruhr unter dem Mißmut der Bergleute. Die Geldentwertung tat ihr übriges und Mitte der 30iger Jahre kletterte die Zahl der Erwerbslosen auf 6 Millionen. Politische Unruhen waren die Folge, begleitet von Demonstrationen, Notverordnungen. Aufkommender Radikalismus beunruhigte den Alltag der Bevölkerungsschichten. Diese Spannungen prägten mich nachhaltig nach Schulabschluß an der achtklassigen katholischen Volksschule an der Klosterstraße/Kaiser Friedrich Platz. 5-jährig schon wurde ich Ministrant in dem der Schule nahegelegenen Redemptoristenkloster. Unter dem Sakristan Bruder Cölestin lernt ich zusätzlich Schönheitssinn, Innerlichkeit, Chorgesang, Laienspiel und lateinisches Vokabular.
Ich verließ meine Heimatstadt und wurde landwirtschaftlicher Eleve im Siegerland/Westfalen durch einen dreijährigen Lehrvertrag auf den landwirtschaftlichen Anwesen eines Gemeinde-bürgermeisters namens Gustav Klein, in Volnsberg nahe der Stadt Siegen, der Geburtsstadt Peter Paul Rubens. Ich absolvierte die Landwirtschaftsschule mit Auszeichnung, also besten Ergebnissen in Weidenau / Sieg. So schuf ich mir, auch als Gemeindediener tätig, in dieser Zeit durch meinen väterlichen Lehrherrn, Herrn Klein, gute Voraussetzungen, über den 2. Bildungsweg die Fachhochschule zum Ingenieuragrar anzustreben.
Aber der für mich überraschende, nicht faßbare Ausbruch des 2. Weltkrieges am 1.9.39 zer-störte vorerst die Verwirklichung meines Jugendtraumes "SICH DER SCHRIFT STELLEN2. Schockiert über die Ereignisse wurde ich am 1. Oktober 39 schon mit 18 Jahren (Geburtstag 24.9. Jahrgang 1921) zur Luftwaffe einberufen. Im Fliegerausbildungsregiment Weimar – Nohra erhielt ich Soldatenrock und Wehrausbildung. Als Fallschirmjäger des Sturmregimen-tes 5, unter dem Kommando ObstLt. Koch, Ritterkreuzträger, Heimatstandort Hildesheim geriet ich im Frühjahr 43 in Nordafrika/Tunesien in britische Gefangenschaft, nach schweren Verlusten meiner Gruppe an Toten und Schwerverwundeten. Wie durch ein Wunder entkam ich aus diesem Inferno. In Casablanca der US-Armee übergeben, ging es unter Flieger – und Zerstörergeleitschutz über den Atlantik nach New York. Von hier in einer 3-tägigen Bahn-fahrt in Pullmanwaggons den Mississippi abwärts nach Galveston am Golf von Mexiko. Eine Marinebasis wurde für 3 Jahre als POW meine "Ruhestätte".
Endlich konnte ich systematisch meine Studien wieder aufnehmen. Die Gefangenschaft war meine Erlösung und brachte mich der Verwirklichung meines Jugendtraumes ein gewaltiges Stück näher. Politisch wachgerüttelt erkannte ich den erschreckenden Niedergang meines Volkes durch das nationalsozialistische Regime. Der Rücktransport nach Europa (Zwischen-station Baltimore, Maryland) ging über den Atlantik nach Le Havre/ Frankreich. Als ich Eu-ropa wieder sah nach all den Jahren: ein geistiger und wirtschaftlicher Schrottplatz, mit systematischer Vertreibung der ostdeutschen Bevölkerung = ein Chaos an Hunger, Elend, seelischen Nöten; hautnah mir auf die Pelle gerückt. Meine Träume hatten aber überlebt. Ihre Verwirklichung "SICH DER SCHRIFT STELLEN" lag in den in Amerika zurückgebliebenen Manuskripten und Tagebüchern, wohlverwahrt bei dem protestantischen Pfarrersehepaar Fritz Evers, aus Berlin gebürtig, in Baltimore. Erst bei dessen Pensionierung und ihrem Umzug aus der Dienstwohnung in ihr Heim fielen ihnen auf dem Dachboden die Manuskripte in die Hände. Zur Weihnachtszeit in den 60iger Jahren erblickte ich sie auf meinem Krankenhausbett in Koblenz/Rhein.
Die Zeit dazwischen gelang es mir meine landwirtschaftlichen Studien an der Fachhochschule in Bad Kreuznach / Nahe mit Erfolg abzuschließen. Der elternlos Aufgewachsene, inzwischen verehelicht und mit 3 Kindern hatte bei dem Ansturm der Diplomlandwirte aus den Osten keine berufliche Chance und hatte zur Automobilbranche als techn. Angestellter innerhalb der Opel Organisation gewechselt. Die familiären Verantwortlichkeiten standen jetzt im Vordergrund. Weitere Betätigungen in der Interimszeit (1949 bis 51 ) ergaben sich erwerbsmäßig als Berichterstatter bei der Redaktion des Diepholzer Kreisblattes, sowie Lesungen in literarischen Kunstvereinen, als Landtagskandidat des damaligen BHE. Schriftmappen füllten die Bücherregale mit eigenen Ausarbeitungen. Autorenlesungen in München, Kontakte zu Gleichgesinnten häuften sich im Umfeld.
Versammlungsorte Stuck Villa, Gasteig in der Landeshauptstadt Bayerns füllten meine Freizeit und Urlaubszeit. Engere Beziehungen entstanden mit Personen wie: Prof. Schüpple =, Friedrichsdorf bei Bad Homburg, Karl Krolow Darmstadt, Pfarrer Albrecht Goes, Heinz Piontek aus dem schlesischen Kreuzburg, Hilde Domin, Heidelberg, Peter Maiwald, Düsseldorf, Sarah Kirsch, Luise Rinser um einige zu benennen.
Dichtung, Sprache von Nietzsche, Schopenhauer, Friedrich Hölderlin, Heinrich Heine, Else Lasker-Schüler, Mascha Kaléko, Theodor Fontane und neben Hölderlin vor allem Bertold Brecht, Augsburg. Die Worpsweder Künstlergruppe, Chagall, der Blaue Reiter, Hundertwas-ser prägten, formten mein literarisch – visuelles Weltbild immens. Sie brachten mich in der Verwirklichung meines Kindheitstraumes "SICH DER SCHRIFT STELLEN" ein gewaltiges Stück näher.
Ich selbst nahm mich im öffentlichen Bereich nicht als Autor so wichtig. Lektoren und Verlagsleiter waren keine wichtigen Ansprechpartner für mich. Ich bemühte mich stets in den Lesungen andere Persönlichkeiten den Zuhörern vorzustellen. Inzwischen befinde ich mich im 80. Lebensjahr und habe nichts unter ISBN veröffentlicht. Ich bin bereits ein lebendes Geschichtsbuch geworden und somit hat sich mein Kindheitstraum "SICH DER SCHRIFT STELLEN" doch noch erfüllt.
Zwei Gedichte von Gerhard Silberbach
MODUS VIVENDI
Die Art miteinander zu leben
München, 17. Mai 1978
S 'wird auch für mich die Zeit einst kommen,
wo mich das Elend in den Arm genommen;
vorbei die Zeit des Küssens, Singens, Kosens,
ich werd nicht mehr, wie jetzt, gebettet sein auf Rosen!
Drum "Mea parvitas" sollst heute schon bescheiden sein!
Ja jetzt schon üben den Verzicht, das Traurigsein
und dankbar sein für jede Stunde,
wo auch der Liebe Glück mir schlug 'ne Wunde.
Und trösten die, die heut' schon sind allein,
alt, krank, erschöpft von lauter Pflicht
und öfter schon im Stillen weinen.
Will glücklich sein, wenn morgens ich erwach'
und kann bestellen noch allein mein Sach'.
Denn sicher wird die Zeit für mich auch kommen,
wo mir allein zu Nutz und Frommen,
nur noch die Güte anderer hilft weiter –
mög' ich schon jetzt es lernen, dann zu bleiben heiter;
Heut' schon mit Großmut, Liebe und Verstand
Die Stund' den Tag ausfüllen bis zum Rand!
Ich denke nicht, ich hätt' das Glück gepachtet
Für heut' und alle Ewigkeit,
glaub' nicht, dass immer nur die Sonn' mir gnädig lachte in dieser Zeit!
Das Glück hat eigne Wege, wird an fernen Orten blüh'n.
Doch hab' Geduld!
So wie der Winter kommt und geht und starres Land wird wieder grün.
Nur eins erbitt' ich mir, was wirklich zählt auf dieser Welt:
Mein guter Wille und Dein Herz, das zu mir hält!
Drei Worte sollen geben meinem Leben Sinn:
Schaffen – Schenken – Schweigen –
Die soll'n mir helfen der zu bleiben, der ich bin.
Will auch in Schuld und Leid mir ihrer Größe würdig zeigen!
Ja, Herrgott,
will im Glück bescheiden, dankbar sein
und jetzt schon lernen den Verzicht, das lange Traurigsein!
ARS LONGA, ARS BREVIS
München, Primavera A.D. 1978
Es gibt für mich noch allzu viel zu tun,
Mein Wille, mein Verstand, mein Geist - er will nicht ruh'n!