hilfe invertiert original schwarzweiss weissschwarz
Druckfunktion klein normal mittel gross
Navigation & Sitemap

Biografie

Biografie
Familie
Author:  Klapheck
Biografie vom:  19.11.2001
Drucken
Der Autor ist ein Teilnehmer des Biografie-Projekts "Das ist mein Leben" der GGT.
Der Schutzengel an meiner Seite

Oft habe ich darüber nachgedacht, wo wohl meine Heimat sei. Irgendwann werde ich es wissen. Wie sagte schon Adolf Pompe einst

"Jetzt bin ich im Wandern,

bin bald hier, bald dort;

doch aus allem andern

treibt mich`s immer fort.“


Meine Wiege stand im Pommern, in Hinterpommern. In meinen ersten 18 Lebensjahren bemühte ich mich, eine folgsame Tochter eines sehr autoritären Vaters, nach der Schulzeit ein guter Lehrling der Stadtverwaltung Wangerin zu sein. Bis zum 2. März 1945, der mein Leben total verändern sollte. Noch am Abend des 1. März habe ich Gott angesichts der endlos vorbeiziehenden Flüchtlingstrecks gedankt, nicht an diesem Exodus teilnehmen zu müssen. Mein Realitätssinn war wohl nicht gut entwickelt. Eigentlich hätte man es wissen müssen, denn unsere "Einquartierung“, Angehörige der "Feldherrnstandarte Hermann Göring“ waren seit Tagen aus unserem Haus und aus der Stadt abgezogen, nicht ohne uns Mädchen ans Herz zu legen, in jedem Falle vor der näherrückenden Front zu fliehen. Sie hatten wohl ihre Gründe für die Warnung.

Und dann war es soweit. Morgens war ein im Bahnhof eintreffender Zug an der letzten Station beschossen worden. Für uns das Zeichen zum Aufbruch. Uns anerzogene Tugenden, wie Pflicht, Gehorsamkeit, Treue siegten, und ich bin eingepackt in Kleid, Kostüm und Mantel ins Rathaus gerannt, um bei der angesetzten Lebensmittelmarken-Verteilung zu helfen. Ich gelangte nur über ausgestreckte Hände und Arme einer großen wartenden Menschenmenge an meinen Arbeitsplatz. Sehr geordnet begann die Verteilung der Marken unter Aufsicht unseres sehr pedantischen Chefs, mehrmals unterbrochen durch Fliegeralarm. Herr Grützmann meinte grundsätzlich, er sei ja schließlich "kein Akademiker nicht, keine Philosoph“ und wenn man ihn mit über Siebzig noch dienstverpflichte, müsse man seine Arbeitsweise auch akzeptieren. Auch bei dem später erfolgenden Panzeralarm (Sirenendauerton) und Ausbruch einer großen Panik stellte er seine Disziplin über die Menschlichkeit. Alle Lebensmittelmarken wurden weisungsgemäß im Panzerschrank verstaut. Auch ich bekam so keine Marken für unsere Familie, die ja Grundlage für jeglichen Lebensmittelerwerbs waren. Am Bahnhof Ruhnow, der Arbeitsstelle meines Vaters, versammelte sich die Familie mit eiligste gepacktem Hab und Gut, verstaut im Bollerwagen und kleinen Koffern. Mein Vater entschied, dass wir nicht fliehen sollten, weil man diesem Inferno niemals lebend entkommen könne. Diesmal war ich nicht gehorsam und bin mit meinem Handköfferchen im großen Treck mitgetrabt, einen zornigen Vater und eine traurige Familie zurücklassend. Meine zwei Jahre ältere Schwester folgte mir. Wir sollten alle nach Jahren ihrer Apokalypse und Ausweisung in die damalige DDR wiedersehen. Mein Vater und mein ältester Bruder wurden nach Warschau transportiert.

Am Abend des 2. März bot uns eine mitfühlende Seele in einem kleinen Dorf eine Übernachtung an. Morgens sah man ringsherum nur Feuerschein. Man sagte uns, dass die Russen auf Gewehrschussnähe im nahen Wald seien und schenkte uns zwei alte Fahrräder, um schneller zu entkommen. Die Dorfbewohner waren Lehnsleute eines Gutsbesitzers, der seine Pferdegespanne nur seinen eigenen Leuten zur Verfügung stellte.

Mit unserem neuerworbenen Schatz lenkte uns ein Schutzengel wohl immer auf den rechten Weg, denn wir sind westwärts entkommen, trotz gelegentlicher Tieffliegerattacken.

In Naugard entdeckten wir glücklicherweise im Treck eine Schulfreundin mit ihrer Familie. Gemeinsam trabten wir nun westwärts. In Gollnow baten wir abends einen Bauern um ein Nachtlager. Vergeblich. Selbst im Stall würden wir sein Vieh stören. Was müssen wir wohl einen erbärmlichen Anblick geboten haben. Das DRK wies uns dann in die Wohnung einer jungen Mutter mit zwei Kleinkindern, die sofort Platz schaffte. Ihr Mann war an der Front. Morgens verabschiedete sie uns weinend ob unseres ungewissen Schicksals, nicht ahnend, dass sie einen Tag später vermutlich unser Schicksal teilte. Was mag wohl aus diesem Engel geworden sein?

Wir steuerten jetzt Stettin an. Die Autobahn nahm mit dem Mittelstreifen nebeneinander fünf Treckreihen auf. Wir bewegten uns im Schritttempo. Ab und zu wurden die Reihen durch Tieffliegerbeschuss gelichtet. Die toten Pferde berührten uns weniger. Als kaum zu bewältigendes Hindernis prophezeite man uns die zu überwindende Oderbrücke vor Stettin, die durch die Oderauen sehr lang ist. Man kann nirgends Schutz vor den ständig präsenten Tieffliegern suchen, wie immer wieder praktiziert. Die Aussicht, bald gerettet zu sein, beflügelte unsere Schritte, und die schwarzen Punkte vor den Augen lenkten ab. Mein Schutzengel war wieder neben mir. Unbehelligt erreichten wir das vermeintlich rettende andere Oderufer. Herren in braunen Uniformen und weißen Handschuhen empfingen uns. Nach einer warmen Suppe gaben sie uns zu verstehen, dass der Ort bereits in Artilleriereichweite liege, wir also nicht bleiben dürften.

Der Lokomotivführer eines in nahen Gleisen stehenden Güterzuges weiß sich bis heute nicht, dass er nicht nur uns damals im Viehwaggon kostenlos nach Berlin befördert hat.

In Berlin fand man, dass Leer/Ostfriesland unsere neue Heimat sein sollte und stattete uns mit Fahrkarten aus. In Büchen bei Hamburg kamen wir in einen entsetzlichen Bombenangriff, der meinen Schutzengel wieder eingreifen ließ. Der Zug blieb fahruntüchtig liegen. Leer ade! Ein anderer, in nahen Gleisen stehender Zug bot uns ungefragt Zuflucht. Irgendwann setzte er sich gen Norden in Bewegung. In Husum/Nordsee wähnten wir uns weit genug fort von Front und Bomben und beschlossen, unsere Flucht zu beenden. Es entbehrt nicht einer gewissen Komik, als uns ein Bahnbeamter mit Gefängnis wegen unserer Zahlungsunfähigkeit drohte, denn wir waren ja nun in Husum und nicht in Leer. Das DRK leitete uns dann nach Schwabstedt, Kreis Husum weiter. Hier war unsere Odyssee beendet.
Meine neue Hauswirtin stellte mich ihrer Nachbarin vor "dat is unsre Deern“. Ich begriff nicht, dass ich nun eine Dirne sein sollte, wie ich es in einer mir unverständlichen Sprache verstanden hatte. Sie schaute mich so wie so mitleidig an wegen meiner Unförmigkeit, wie sie mir später sagte. Ich sehe noch heute ihren erstaunten Blick, wie ich mich entblättert hatte und rank und schlank in einem weinroten Kleid vor ihr auftauchte.

Ich wurde schnell mit der neuen Sprache vertraut, lernte Plattdütschsnaken, und Heinke, die kleine zweijährige Tochter, übte mit mir das Hochdeutsche. Kauderwelsch auf beiden Seiten.

Heinke empfing mich mal "guck mal Gerda, da boben sind Fleigen an die Gardeinen“. Sie meinte, Fliegen an den Gardinen.

Meine Bewerbung im Amtsbüro, Verwaltungsstelle für sieben angeschlossene Gemeinden mit je einem Bürgermeister, hatte Erfolg. Ich hatte es ja schließlich gelernt. Es war nun Ende April.

Mein Chef, sicher ein verdienter Mann der damals Herrschenden, machte sich keine Illusionen über sein zu erwartendes Schicksal und gab auf. So blieb ich allein im Büro zurück. Anfang Mai rückten die Engländer ein. Ich fand es angebracht, das Führerbild von der Wand zu entfernen und gegen den Spruch "bliev nich so lang, ick mut noch schrieven, de Arbeit drängt und darf nich legenblieven“ auszutauschen. Anlass zum stummen Studium des ersten eintretenden Engländers. Von nun an kamen alle Anweisungen von der Kommandantur. Die schönsten Häuser mussten innerhalb weniger Stunden von ihren Bewohnern geräumt werden und dienten den Besatzern als Unterkunft. Alle Fotoapparate, Hieb- und Stichwaffen mussten sofort im Amtsbüro abgeliefert werden. Die Bewohner erfuhren die Anordnungen durch unseren Amtsdiener, der mit der Glocke durchs Dorf lief und laut rief "Bekanntmachung“. Das Abliefern der requirierten Gegenstände wurde durch eine dabeisitzenden Engländer beobachtet. Frau Weissenborn, eine junge Frau, brachte eine LEICA mit einer in Englisch geschriebenen Bitte um Rückgabe, da sie ein Andenken an ihren Vater sei. Die LEICA diente dem ersten suchenden Engländer sicher als Souvenir aus Germany. Frau Weissenborn fragte mich, ob man den Film wohl entnehmen dürfe, da er Aufnahmen ihrer Kinder enthielt. Ich fand, wir sollten es einfach wagen, und wir hantierten beide mit bebenden Händen. Der vermeintlich stumme Engländer fragte auf Deutsch, ob er helfen könne. Er hat dann das Problem gelöst. Nun hielt er öfter small Talk mit mir über Land, Leute, Entfernungen, Kriegsberührungen. Als er erfuhr, dass am Bahnhof in einem stehenden Zug 16 junge Arbeitsmaiden durch Tiefflieger ihre Leben lassen mussten, meinte er betroffen, dass er kein Engländer, sondern ein Schwede in Englischen Dienst sei. Er bewunderte auch die Zivilcourage des noch amtierenden Bürgermeisters, der sich geweigert hatte, einem angesetzten Termin nachzukommen, weil er "Mist streuen“ müsse.

Die Kommandantur setzte bald einen kom. Amtsvorsteher ein, der die meist unpopulären Anweisungen gegenüber der Dorfbevölkerung durchsetzen musste. Dann gab es einen demokratisch gewählten Amtsvorsteher. Die Verwaltung und die Gemeinde wuchsen, und wir bekamen ein größeres Büro.

Im August 1945 trat ein junger entlassener Kriegsgefangener zur Anmeldung ins Büro und in mein Leben. Wir verlobten uns 1947 und machten Pläne für eine gemeinsame Zukunft, die aber in dem damals restlos übervölkerten Schleswig-Holstein nicht zu realisieren waren. Wir packten 1950 kurzentschlossen unsere Koffer und zogen in das stark zerstörte Dortmund. Wir glaubten, dass hier noch jede arbeitswillige Hand zum Aufbau benötigt würde. Auftakt war unsere Heirat, damit wir in einem Zimmer, ja sogar in einem Bett schlafen durften. Zwei Trauzeugen aus dem Standesamt Dortmund-Marten waren unsere einzigen Hochzeitsgäste. Tatsächlich fanden wir bald beide Arbeit und bekamen in einem Neubau eine winzig kleine Dachwohnung gegen DM 1500.- Mietvorauszahlung, die wir 100.-DM-weise monatlich abstotterten. Fiede, mein Mann, gelernter Kaufmann, wurde nach einigen Experimenten als Tiefbauarbeiter und Herd- und Ofenverkäufer Energieberater bei den Dortmunder Stadtwerken. Ich konnte mich im Laufe der Jahre zur Büroleiterin eines größeren Bayrischen Unternehmens hocharbeiten. Wie sagte doch später einer unserer Direktoren in seiner Laudatio gelegentlich meines 25-jährigen Dienstjubiläums (Foto rechts) und Verleihung des Barischern Verdienstordens "der Personalakte habe ich entnommen, dass sie aus Pommern, ja sogar aus Hinterpommern sind. Die Menschen dort habe ich mir ganz anders vorgestellt“. Mein leiser Einwand, dass wir dort aber auch längst den aufrechten Gang hatten, hat hoffentlich seine Vorstellung revidiert.
Bald bekamen wir gegen DM 7.000,-Mietvorauszahlung eine größere Wohnung. 1977 bauten wir sogar ein Reihenhaus. "Kinder waren ihnen nicht vergönnt, sie haben es wohl nicht gekönnt“, sagte kürzlich meine Schwägerin in ihrer Laudatio anlässlich unserer Goldenen Hochzeit (Foto links). Wir reisten viel. Wohl als Ersatzbefriedigung.
Nach unserer Pensionierung packten wir 1987 wieder unsere Koffer, diesmal viele. Es zog uns wieder gen Norden. Im Emsland, im Moin-Moin-Land, gefiel uns in einem aufstrebenden Dorf ein Bungalow. Haus uns Garten wurden unser Hobby. Rings um unser Haus entstand ein blühendes Paradies, das uns jung und gesund bleiben ließ. Die intakte Nachbarschaft macht es leicht, sich hier wohl zu fühlen. Unsere Goldene Hochzeit (Foto links), die wir gerade gefeiert haben, wurde nicht nur für uns ein unvergessenes Erlebnis. Unser Haus wurde von den Nachbarn liebevoll mit unendlich vielen Girlanden, Blumen und Krönchen golden gekränzt. Eine goldgeschmückte Pferdekutsche (Foto rechts) stand als Überraschung vor unserer Tür und brachte uns, gefolgt von den geschmückten Autos durchs Dorf zur Kirche.
Mein Schutzengel hat noch öfter die Hand über mich gehalten. Wegen eines technischen Defekts überschlug sich mein Auto. Oder eine verrutschte Leiter brachte einen schweren Sturz. Ich habe alles ohne größere Blessuren überstanden. Auch mein Mann wurde in den Schutz mit einbezogen. Er überstand eine lebensbedrohende Krankheit und fühlt sich heute mit 78 Jahren wohler, denn je.
Ich glaube, wir sind nun angekommen.

Neue Einrichtung
in Deutschland

Diakonie für Bielefeld gGmbH
Begegnungszentrum Kreuzstraße 19a, Bielefeld.

Das Internetcafé, im BZ Kreuzstraße, verfügt über sieben Arbeitsplätze mit aktueller Win7-PC-Ausstattung und nach Absprache, auch Plätze für den eigenen Laptop. Hier bieten wir fortlaufend PC-Kurse, zum Hausgebrauch, für Mitbürger ab 55 Jahren an....

Mehr Details

Stand: 09.02.12


SOL-Umfrage

Welches Betriebssystem nutzen Sie?

Microsoft Windows
Linux-Distribution
Apple MacOS
anderes Betriebssystem



Ergebnis ansehen

SOL-Newsletter

E-Mail-Adresse:




GGT sucht
gerade Sie

GGT sucht gerade Sie

Anmeldungs

Teilnehmer:

Passwort:

Benutzerdaten vergessen?

Sie sind noch nicht registriert?

Eine Registrierung ist für Sie völlig unverbindlich und in jedem Falle kostenfrei!

Die Konzeptionelle Unterstützung

Mit diesem neuen Angebot unterstützt SOL ab sofort alle Bildungseinrichtungen und Internetcafés bei der Planung und Umsetzung von Kursangeboten. Geboten werden sowohl Präsentationsunterlagen und Übungsaufgaben als auch technische, organisatorische und presserelevante Tipps und Materialien. Dieser neue Komplett-Service wird stufenweise weiter ausgebaut. Erste Materialien stehen ab sofort zur Verfügung!

Zum neuen Angebot

SOL braucht Sie

Redakteur

Wir suchen ständig ehrenamtliche Redakteurinnen und Redakteure, um speziell unsere regionale Berichterstattung zu verstärken!

Wenn Sie sich vorstellen können, für eines der größten Internetportale für ältere Menschen zu schreiben, wenden Sie sich an Bettina Bohlken (Kontakt-Adresse öffnen)!

Startseite : Impressum : Kontakt  ]
© Senioren OnLine, 1999 - 2005