Biografie
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| Der Autor ist ein Teilnehmer des Biografie-Projekts "Das ist mein Leben" der GGT. | |||||||||
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Silvester Wenn man den steilen Schriemweg hinaufgestiegen war und so die Chaussee, die, am Ende der Waldenburgerstraße beginnend, sich den Alten Berg hinaufschlängelte, abgekürzt hatte, sich dann nach rechts wandte und auf der Straße weiterging, kamen bald die ersten Häuser von Niedersalzbrunn in Sicht. Das erste große Haus auf der linken Seite war das "Hotel zur Eisenbahn“. Davor endete mit einem Stück Doppelgleis und zwei Weichen die Linie Drei der Waldenburger Straßenbahn. Über das Gleisstück musste sich der Triebwagen nach jeder Ankunft wieder an die Spitze des Zuges setzen, damit er nach Waldenburg zurückfahren konnte. Das Hotel hatte kaum noch Gäste. Der Wirt war eingezogen worden. Frau Mikolajczick, die Wirtin, kümmerte sich nur wenig, denn seit alle Räder für den Sieg rollen mussten, kamen Reisende nur noch selten. Die Zimmer standen meistens leer, und in der Gaststube gab es außer Heißgetränk, einem nur ganz entfernt an billigen Glühwein erinnernden Gebräu, und ein paar Gläsern Leichtbier nichts mehr. In einigen Zimmern wohnten Ausgebombte aus Berlin und dem Ruhrgebiet. Verirrte sich doch einmal ein Reisender in das Hotel, gab es als Stammessen Kohl und Kartoffeln. Weil kein Fleisch und kaum Fett darin waren, brauchte niemand Marken dafür abzugeben. Manchmal gab es auch Steckrüben. Hier wohnte im vierten Stock in einer kleinen Dachwohnung Jochmann Franz mit seiner Anna. Sie hatten kurz vor Beginn des Krieges geheiratet, und auf ihrer Hochzeit hatte ich meinen ersten Auftritt als Harmonikaspieler. Bis dahin hatte ich nur mit Papa und Onkel Alfons zusammen bei Familienfeiern musiziert. Ab und zu auch mit Papa und Klinnert Alfred, der immer so merkwürdige Grimassen schnitt und die Zunge herausstreckte, wenn er mit einem Zelluloidblättchen die Saiten seiner Mandoline zupfte. Bei besonders schwierigen Griffen geriet ihm sein Mienenspiel so außer Kontrolle, dass wir zu lachen anfangen mussten und nicht mehr weiter spielen konnten. Klinnert Alfred packte dann beleidigt seine Mandoline ein und ging nach Hause. Ich hatte Papa in Verdacht, dass er absichtlich Stücke vorschlug und anstimmte, in denen Klinnert Alfred schwierige Passagen zu bewältigen hatte. Bei Franz und Anna spielte ich das erste Mal vor fremden Leuten. Angefangen hatte alles mit einer kleinen Handharmonika, die Papa von einem Dachboden mitgebracht hatte. Bei einem Ausflug in die Zeisgrundbaude glaubte er, eine große musikalische Begabung bei mir entdeckt zu haben. Weil ich keinen Groschen mehr für die gusseiserne Henne haben sollte, die nach Betätigung eines Hebels laut gackernd ein buntes Blechei legte, hatte ich missmutig, aber fehlerlos und mit kleinen Variationen, auf einer Tischglocke den Takt zu einem Marsch mitgeschlagen, der gerade im Radio gespielt wurde. Einem der Gäste war das aufgefallen und er hatte Papa darauf aufmerksam gemacht. Der war so vertieft in eine Geschichte aus der Zeit seiner Wanderschaft durch Böhmen, über die sich eine Runde von Gästen köstlich amüsierte, dass er meine musikalische Darbietung gar nicht wahrgenommen hatte. Als er sich mir zuwandte, hörte ich erschrocken mit dem Taktschlagen auf, bekam aber statt der erwarteten Ohrfeige ein Riesenlob. Ich erhielt nicht nur den ersehnten Groschen für die Bonbons, sondern durfte mir aus einem Glaskasten auf der Theke noch eine Tafel Schokolade aussuchen. Dann wurde das Radio lauter gestellt, ich wurde auf das Sofa hinter den großen Stammtisch gesetzt und bekam der Bequemlichkeit halber ein Kissen untergelegt. Dann schlug ich mit meiner kleinen Faust auf die Glocke los und traf präzise den Takt zu allen Musikstücken, die aus dem Radio zu hören waren. Ich begleitete die Melodien im Dreivierteltakt, schlug genauso exakt den Zwei- und den Viervierteltakt, und als plötzlich der Fehrbelliner Reitermarsch aus dem Lautsprecher dröhnte, brachte mich selbst der schwierige Rhythmus des Sechsachteltaktes nicht in Verwirrung. Mindestens drei Runden Bier war Papa die Entdeckung meines Talentes wert gewesen, als er mich, der ich verschüchtert über meinen Erfolg hinter der Tischglocke saß, allen in der Gaststube Anwesenden als eine Art Wunderkind präsentierte. Auf dem Nachhauseweg sagte er mir zwei Stunden lang eine große musikalische Zukunft voraus. Aber erst einmal saß ich in der Stube auf der Fußbank, die kleine Harmonika auf den Knien. Diese besaß auf der Melodienseite zwei Reihen Knöpfe und acht Bassknöpfe. Außerdem gab sie zwei verschiedene Töne von sich, je nachdem, ob ich den abgewetzten Balg auseinanderzog oder zusammendrückte. Ich übte nach einer Methode, die Papa extra für mich entwickelt hatte. Da seine Notenkenntnisse mehr als mangelhaft waren, hatte er für mich auf einem Stück Pappe mit einem Zirkel kleine Kreise gezeichnet und in die Kreise Zahlen und Buchstaben geschrieben. So bedeutete eine Drei mit einem "Z“ dahinter, die dritte Taste von oben zu drücken und den Balg auseinanderzuziehen. Eine Fünf war die fünfte Taste, und wo ein "D“ dahinterstand, mußte ich den Balg zusammendrücken. Um alles noch leichter verständlich zu machen, hatte Papa die Kreise farbig ausgemalt. Die Farben wiederum sagten aus, wie lange ein Ton zu halten war. Nach Papas Meinung war seine Methode einfach genial. Mir jedoch, der ich Zahlen und Buchstaben miteinander kombinieren und dazu noch mit dem Fuß den Takt schlagen musste, wobei ich gleichzeitig die farbigen Kreise in kürzere und längere Töne und Pausen zu zerlegen und dem geschlagenen Takt zuzuordnen hatte, erschien die Einmaligkeit seiner Lehrmethode sehr zweifelhaft. Verbissen übte ich Stunde um Stunde, Tag um Tag und war bald trotz Papas großartiger Erfindung über "Hänschen klein“ und "Das lustige Zigeunerleben“ hinaus. Schnell kannte ich viele Stücke auswendig, so dass Papa mein Repertoire ständig erweitern musste. Später übte ich heimlich auf dem Akkordeon von Backauf Herbert. Das hatte er bei uns untergestellt, um es nicht immer hin und her tragen zu müssen, wenn er mit Papa und manchmal auch mit Onkel Alfons Musik machen wollte. Papa erwischte mich einmal dabei, als er früher von der Arbeit nach Hause kam. Es gab einen Riesenkrach, aber er beruhigte sich schnell, als ich ihm einige Märsche und noch zwei bekannte Schlager recht ordentlich und fast fehlerfrei vorspielte. Am nächsten Weihnachtsfest stand ein wunderschönes Akkordeon mit achtzig Bässen unter dem Christbaum. Papa hatte es im Tausch gegen unseren alten Volksempfänger und die Zuzahlung einer nicht geringen Summe für mich erstanden. Franz war klein und verwachsen. Er hatte einen gewaltigen Buckel, aber nicht nur auf dem Rücken wie normale Bucklige. Auch die Brust wölbte sich, einen großen Buckel bildend, nach vorn. Dies veranlaßte mich, als ich mit Papa zum erstenmal den Jochmann Franz besuchte, zu sagen: "Papa, der Onkel Franze sieht aus wie ein Kamel!“. Eine Bemerkung, die mir lange anhängen sollte und immer wieder zum Ergötzen der Zuhörer im Verwandten- und Bekanntenkreise erzählt wurde. Alle kannten die Geschichte schon, lachten aber immer wieder darüber, so als hätten sie die Erzählung über meine kindlich alberne Bemerkung eben erst gehört. Papa war meine Bemerkung äußerst peinlich gewesen, und er hatte mir schon eine Ohrfeige angedeutet. Jochmann Franz aber hatte nur gelacht und meine kindliche Beschreibung seiner Person fast wie ein Kompliment aufgenommen. Er war nämlich, wohl als Ausgleich für seinen missgestalteten Körper, sehr nachsichtig und besaß eine weite Seele. Mit Fortgang des Krieges gewann die Freundschaft zwischen Papa und Jochmann Franz immer mehr an Bedeutung. Franz war in dieser Zeit, in der Lebensmittelmarken und Bezugsscheine den Ablauf des täglichen Lebens weitgehend bestimmten, eine sehr wichtige Persönlichkeit. In normalen Zeiten bedeutete es nicht allzu viel, Vorstand eines Kaninchenzüchtervereins und Präsident eines Vereins zur Verbreitung und Reinhaltung des Bestandes deutscher Hühnerrassen zu sein, aber wer im vierten Jahr eines großen Krieges als Präses solchen Institutionen vorlas, war ein sehr wichtiger und angesehener Mann. Im Verlaufe des Krieges stieg seine Wichtigkeit mit jeder Verringerung der Lebensmittelrationen in den einzelnen Zuteilungsperioden. So war Franz Jochmann für Papa nicht nur ein Freund vergangener Tage, mit dem sich gut über viele gemeinsame Erlebnisse plaudern ließ, sondern auch Garant für viele fette Hühnersuppen, knusprige Entenbrüste und saftige Kaninchenbraten. Eine solche Freundschaft bedarf behutsamer Pflege. Das muss Papa durch den Kopf gegangen sein, als er Mama und mir an Silvester 1943 eine folgenreiche Eröffnung machte: Wir sollten jetzt unsere Instrumente einpacken, eine Flasche Rum, die er aus einer Sonderzuteilung für Rüstungsarbeiter aufbewahrt hatte, dazutun und alles, auch Mama, auf den Schlitten laden, anschließend nach Niedersalzbrunn aufbrechen und mit Franz und Anna Silvester feiern. Mama und ich waren seiner Idee gegenüber eher abgeneigt. Unsere Einwände aber, Franz und Anna könnten eventuell nicht zu Hause sein oder an einem Schnupfen oder an einer Grippe leiden, wischte er mit einer Handbewegung beiseite. Er schnürte seinen Gitarrensack zu, holte den Schlitten aus dem Schuppen, und bevor Mama und ich uns recht besinnen konnten, waren wir schon auf dem Weg nach Niedersalzbrunn. Anna und Franz waren zu Hause. Sie waren auch nicht krank, sondern freuten sich, dass wir gekommen waren. Gitarre und Akkordeon wurden ausgepackt. Aus einem Karton, der noch aus Friedenszeiten stammen musste, und sich in einer Ecke des Schlafzimmerschrankes befand, zauberte Jochmann Franz ein paar Papierschlangen, eine Tüte Konfetti und einige zerdrückte Silvesterkappen. Während Mama und Franz die Papierschlangen entwirrten und kunstvoll um die Wohnzimmerlampe und auf dem Tisch drapierten, richtete Anna in der Küche eine Platte mit bescheiden belegten Broten. Papa und ich spielten die drei Stücke, mit denen wir immer unsere Hausmusik begannen. Als "Wien bleibt Wien“, "Heinzelmännchens Wachtparade“ und "Die böhmische Polka“ verklungen waren, kam eine bescheidene Silvesterstimmung auf. Die Kerzenreste an dem kleinen Weihnachtsbaum wurden angezündet und tauchten die Stube in trauliches Dämmerlicht. Wir fühlten uns recht wohl, aßen und tranken, spielten und erzählten uns dem neuen Jahr entgegen. Jochmann Franze schaute immer wieder auf den alten Regulator, der an der Wand unverdrossen vor sich hin tickte, und bemerkte dann: "Noch drei und eine halbe Stunde, noch drei Stunden...“. Zum Beginn des neuen Jahres würden wir uns gegenseitig mit dem letzten Rest der Getränke zuprosten, "Prost Neujahr“ rufen und uns Glück wünschen für die kommenden dreihundertfünfundsechzig Tage, denn Glück würden wir alle sicher sehr nötig haben. Danach würden wir nach Hause gehen. Aber dazu sollte es nicht kommen, denn ein kleines Paradies, nur vier Treppen unter uns, sollte in dieser Nacht seine Pforte öffnen. Der Engel, der das Paradies mit seinem Flammenschwert streng bewachte, schwebte schon über die Treppen zu uns herauf. Wären wir ihm begegnet, hätten wir ihn nie und nimmer für einen Paradieswächter mit einem Flammenschwert gehalten, denn er trug einen eleganten schwarzen Anzug über einer gestärkten weißen Hemdbrust, eine weiße Fliege und sah eher aus wie Johannes Heesters in seinen Filmen. Statt des Flammenschwertes hielt er eine riesige Brasilzigarre in der Hand, die einen wunderbar aromatischen Duft verströmte. Als er nach einem kurzen "Herein“ in die Stube trat, hielt ihn Jochmann Franz erst für einen Hotelgast, der sich über die Lautstärke unserer Musik beschweren wollte. Einer der Ausgebombten konnte es nicht sein, dafür war er zu elegant angezogen. Franz wollte gerade zu einer Entschuldigung ansetzen, dass doch Silvester sei und das bisschen Musik nicht weiter stören könne, als ihm der Engel mit einer Handbewegung das Wort abschnitt. Jawohl, sagte er, wegen der Musik sei er hier, er habe unten in einem der Clubzimmer einige Freunde mit ihren Damen zu einer Silvesterfeier und sie hätten alles, nur keine Musik. Im Radio liefe nichts Vernünftiges, nur Märsche und Richard Wagner. Für das Grammophon könnten sie keine Nadeln finden. Nun hätten sie uns gehört und er sei heraufgeschickt worden, uns zu bitten hinunter zu kommen und dort weiterzuspielen. Wir seien alle herzlich eingeladen - eine Absage sei ausgeschlossen und würde nicht angenommen. Er sagte das so energisch, dass Papa und Jochmann Franz sofort ja sagten. Mich fragte keiner. Mama und Anna zierten sich erst ein wenig und sagten, was Frauen in solchen Situationen immer sagen - sie seien nicht darauf eingerichtet, nicht passend angezogen, und erst ihre Frisuren! Aber der Engel ließ keinen Einwand gelten und machte beiden ein paar Komplimente, die sie in ihrem bisherigen Leben sicher noch nie so gut formuliert gehört hatten. Endlich gaben sie, leicht errötend, durch ein schwaches Kopfnicken ihre Zustimmung. Der Engel führte uns die Treppen hinunter. Durch ein Labyrinth von Gängen, die wenige schwache Glühbirnen kärglich beleuchteten, dirigierte er uns mit Zurufen: "Jetzt rechts, jetzt links und nun geradeaus“ bis direkt vor die Pforte des Paradieses. Eine Flügeltür wurde aufgestoßen und wir waren geblendet von der Lichtfülle, die herausdrang. Mit einigen Schritten in die Helligkeit hinein stolperte ich über die Türschwelle. Dann sah ich Jochmann Franz und Papa, Mama und Anna neben mir und schämte mich meiner Unbeholfenheit. Der Engel stellte uns vor. Namen wurden genannt, die ich nicht alle verstand, zwei Doktoren waren dabei, und zu jedem Namen gehörte eine der Damen. Meine Augen hatten sich allmählich an das helle Licht gewöhnt, so dass ich jetzt die Gesichter unterscheiden konnte. Ich sah mich einer Runde eleganter Leute gegenüber, die gekleidet waren wie unser Engel. Zwei Männer trugen einen Smoking und die Damen, denn nur um Damen und nicht um einfache Frauen konnte es sich hier handeln, lange Abendkleider und kunstvolle Frisuren. Ich kam mir in meinen ausgebeulten Knickerbockern, dem karierten Schihemd und dem selbst gestrickten Pullover ziemlich schäbig vor. Viel lieber hätte ich jetzt meine gute schwarze Hose angehabt, die der Fiebig Herrmann vor mir getragen hatte. Seine Mutter hatte sie, zusammen mit ein paar Hemden und einem Anzug, für wenig Geld an Mama verkauft, weil Hermann in Rußland gefallen war und sie die Sachen nicht mehr sehen konnte. Und natürlich den schicken weißen Stehkragenpullover, den ich erst kürzlich von Pawel und Jan, den beiden polnischen Bäckergesellen vom Päsler-Bäcker, gegen Zigaretten, eine Packung Blausiegel und hundert Reichsmark eingetauscht hatte. Aber Mama hatte gemeint, die Sachen seien für einen Fußmarsch von über einer Stunde an einem kalten Winterabend völlig ungeeignet, viel zu schade und außerdem für einen Besuch bei Franz und Anna nicht unbedingt nötig. Ich bereute es jetzt, dass ich mich nicht gegen Mama durchgesetzt hatte, und versuchte krampfhaft, eine gute Figur zu machen. Ich hätte auch gerne meinen Kamelhaarmantel dabei gehabt, den Mama im Bekleidungshaus Haake am Markt für nur ein Viertel der Punkte meiner Kleiderkarte und einen lächerlich geringen Preis für mich erstanden hatte. Der Mantel musste schon lange im Lager gehangen haben, denn er hatte allerbeste Friedensqualität. Der Verkäufer musste ihn aus Versehen für einen Ladenhüter gehalten haben. Vielleicht war er aber auch nur Mamas Charme erlegen, den sie beim Erwerb von knappen, bewirtschafteten Verbrauchsgütern meisterhaft einzusetzen wußte. Während ich mit meinen Fingern Tasten und Knöpfe des Akkordeons drückte, um die Töne für einen "Hein Mück aus Bremerhaven“ hervorzuzaubern, stellte ich mir immer wieder vor, wie ich jetzt in meiner schwarzen Hose und dem schicken weißen Pullover, den Mantel lässig über die Schultern gehängt, herein geschlendert wäre, und was für einen großen Auftritt ich damit hätte inszenieren können. Das helle elektrische Licht, mit dem man uns empfangen hatte, war gelöscht. Während wir spielten, sah ich mich unauffällig in dem Raum um. Alle Tische waren weiß gedeckt, und Servietten lagen lose zusammengelegt zwischen Tellern, von denen schon gegessen worden war. Flaschen und Gläser, in denen Wein grüngelblich und rot leuchtete, standen herum, und silbernes Besteck schimmerte im Licht vieler weißer Kerzen, die schon halb herunter gebrannt waren. Über allem lag ein leichter Duft von Parfüm und guten Zigarren. Es war eine Atmosphäre, wie ich sie aus UFA-Filmen kannte, die im Freiburger Nationaltheater über die Leinwand flimmerten, wenn die Wochenschau mit ihrer harten Realität vorüber war. Darum fühlte ich mich wie der Zuschauer einer Spielszene, der sich alles in Ruhe betrachtet und neugierig darauf ist, wie es weitergehen wird. Bei der Musik mussten wir uns den Wünschen unseres Engels anpassen, denn als wir "Es geht alles vorüber, es geht alles vorbei“ und "Davon geht die Welt nicht unter“ spielten, hatte der Engel abgewinkt und ein Gesicht gemacht, als wäre die Welt für ihn schon lange untergegangen. So spielten wir den "Bel ami“, der bei den Frauen so viel Glück hat, ließen den "Stern von Rio“ auf- und wieder untergehen und aßen mit der ganzen Gesellschaft für eine kurze Zeit "In einer kleinen Konditorei“. Wir luden den "armen Gigolo“ ein, unser Gast zu sein, und zwischendurch versicherten wir allen anwesenden Damen: "Ich küsse ihre Hand, Madame“. Wir hatten wohl schon eine Stunde gespielt und nach jedem dritten Stück eine Pause gemacht, als mir Papa ein Zeichen gab, mein Glanzstück zu Gehör zu bringen. Nachdem ich mich kurze Zeit geziert hatte, trat ich einen Schritt vor und spielte die "Tanzenden Finger“ von Will Glahe. Damit hatte ich immer großen Erfolg, und auch hier wandte sich mir bald die Aufmerksamkeit der Gäste zu. Sie unterbrachen ihre Unterhaltung und lauschten meinem fingerfertigen Spiel, bei dem ich mich nur ein einziges Mal vergriff. Dabei bildete ich mir ein, dass die Augen der Dame in dem rosa Kleid, die ganz vorne rechts von mir saß, besonders wohlwollend auf mir ruhten. Gerade als ich mit einigen schwungvollen Akkorden dazu überleiten wollte, der Dame in Rosa mit den wunderschönen Augen die Aufforderung "Komm zu mir heut Nacht“ musikalisch zu Füßen zu legen natürlich ohne jede Hoffnung, dass sie meinen Wunsch auch erfüllen würde, winkte uns der Engel, eine Pause zu machen. Wir mussten uns jetzt mit an den Tisch setzen, an dem Mama, Anna und Jochmann Franz schon die ganze Zeit saßen. Einige der Damen, die bis jetzt unserer Musik gelauscht, dabei leise geplaudert und gelacht und zwischendurch applaudiert hatten, schoben uns die Platten mit den Speisen zu und schenkten Getränke ein. Unser Engel stand dabei und wies mit seiner Zigarre, die inzwischen erloschen war, hierhin und dorthin und empfahl uns, von der getrüffelten Brüsseler Gänseleberpastete und dem Bayonner Schinken zu nehmen, die geräucherte pommersche Gänsebrust nicht zu vergessen und unbedingt den wunderbar reifen Gorgonzola zu kosten. Ach ja, Lachs sei auch noch da, den dürften wir unter keinen Umständen verschmähen. Er zählte noch mehr Köstlichkeiten auf, von denen ich noch nie gehört hatte, und nannte zwischendurch immer wieder Namen französischer und italienischer Weine und anderer Getränke, die wir dringend dazu probieren müssten. Nebenbei bat er einen der Herren, schon einmal den Champagner zu öffnen, es sei bald Mitternacht. Es war überwältigend. Noch nie hatte ich so viele herrliche Speisen auf einem Tisch gesehen, von denen ich auch noch nach Herzenslust essen durfte. Als ich noch klein war, bin ich mit Muttel, wie ich Mamas Mutter liebevoll nannte, oft in das Feinkostgeschäft von Theodor Buchali gegangen, um Delikatessen wie Lachs, Leberpastete oder französischen Käse einzukaufen. Oft nur hundertgrammweise oder weniger, und meistens nur für meinen Urgroßvater. Der leistete sich von seinen schmalen Einkünften, welche die Inflation ihm gelassen hatte, selten genug solche Dinge und erinnerte sich vergangener Zeiten oder verwöhnte seine Urenkel. Ich war tief beeindruckt und begann mich zu fragen, was das für Leute sein mochten. Parteileute konnten es nicht sein, denn keiner trug ein Abzeichen. Von der SA, der SS oder der Wehrmacht konnten sie auch nicht sein, denn keiner der Anwesenden war in Uniform. Keine Orden glänzten, die Damen sahen wie richtige Damen und die Herren wie Herren aus, oder wenigstens so, wie ich mir Damen und Herren vorstellte. Es herrschte auch nicht die sonst übliche ausgelassene und lärmende Stimmung, die bei anderen Festen nach reichlichem Alkoholgenuss rasch um sich griff. Niemand grölte, niemand versuchte auch eine Rede zu halten, um sich und alle Anwesenden des nahen Endsiegs zu versichern. Es herrschte eine gedämpfte Heiterkeit; aber über allem lag eine gespannte Erwartung, die ihren Grund nicht nur im Beginn des neuen Jahres haben konnte. Punkt zwölf spielten wir einen Tusch. Der Engel hatte die letzten Sekunden des alten Jahres mit der Taschenuhr in der Hand laut mitgezählt. Gläser wurden gereicht. Wir stießen mit den Umstehenden an, und ich trank zum erstenmal in meinem Leben Champagner. Alle Damen und Herren wünschten uns ein glückliches neues Jahr. Die Dame in Rosa faßte mich um den Hals, zog mich zu sich herab und küßte mich ganz leicht auf die Wange. Damit brachte sie mich in große Verlegenheit. Mama hatte diesen Hauch von Kuß gesehen und sofort ihr beleidigtes Gesicht aufgesetzt, das sie immer machte, wenn ein weibliches Wesen in meine Nähe kam. Sie fand es einfach schamlos, wenn mich Frauen, immer einige Jahre älter als ich, charmant und attraktiv fanden. Ihr würde es nicht einmal im Traum einfallen, mit einem Burschen in meinem Alter zu poussieren, sagte sie dann. Sie sagte es in einem Ton, aus dem ich herauszuhören glaubte, dass nicht alleine ihre unangreifbare Tugend und ihre Sorge um mich sie diese Worte sagen ließen. Mama hatte Papas Getränke- und Zigarrenkonsum schon seit einiger Zeit argwöhnisch beobachtet und bereits ihre Bedenken dazu geäußert. Den zarten Kuß auf meine Wange hatte sie als Anlaß genommen zu verkünden, dass es höchste Zeit für uns sei den Heimweg anzutreten. Mama liebte solche Auftritte und ihre Inszenierungen unserer Abschiede waren unter Verwandten und Freunden geradezu berühmt. Sie hatten etwas unerhört Theatralisches an sich und trugen oft zur Erheiterung der Gäste und Gastgeber bei. Die üblichen Höflichkeiten wurden ausgetauscht, die einen Aufbruch allgemein begleiten. Alle fanden es schade, dass wir schon gehen wollten. Dabei wollten wir doch gar nicht. Papa der Getränke und der ausgezeichneten Zigarren wegen, und ich, weil ich mich von der Dame in Rosa noch nicht trennen wollte. Aber Mama hatte unseren Aufbruch nun einmal angekündigt und blieb hart. Ihrer Feststellung, dass unser Weg nun einmal der weiteste sei, hatte niemand widersprochen, weil sie der Wahrheit entsprach. Schweren Herzens begann ich mich zu verabschieden. Für Mama und Anna wurden noch Pralinen eingepackt. Papa und Jochmann Franz bekamen vom Engel noch eine Handvoll Zigarren. Von der Dame in Rosa verabschiedete ich mich zuletzt. Ich machte eine tiefe Verbeugung und hauchte einen Kuss auf ihren Handrücken. Nach dem ersten Glas Champagner meines Lebens, dem zarten Kuß und meinem mutigen Versuch, einer Dame die Hand zu küssen, kam ich mir sehr weltgewandt und erfahren vor. Ich fühlte mich als Lebemann und war angefüllt mit den kühnsten Erwartungen für die Zukunft. Anna und Franz stiegen die Treppen zu ihrer Wohnung hinauf, und einige der Gäste brachten uns noch bis zur Haustür. Die Dame in Rosa war leider nicht dabei - ich hätte sie so gerne noch einmal gesehen. Mit einem kreischenden Laut, der schmerzlich in meine Ohren drang, schloss sich die Pforte des Garten Edens hinter uns. Der gute Engel hatte uns verlassen, und wir standen wie Ausgestoßene in der Finsternis des verdunkelten Niedersalzbrunn. Ein leichter Wind trug den Geruch von Kohlenrauch und die Geräusche vieler rollender Eisenbahnwagen von Waldenburg zu uns herunter. Schweigend machten wir uns auf den Heimweg. Achtzehn Monate später, in den letzten Kriegstagen, war Papa auf dem Heimweg nach Freiburg. Er kam aus dem Eulengebirge, wohin er als Volkssturmmann verpflichtet worden war. Die Einheit hatte sich aufgelöst. Bei einer Übung war aus Versehen scharfe Munition ausgegeben worden, und es hatte einen Toten und zwei Verletzte gegeben. Papas Weg führte ihn durch Niedersalzbrunn, wo er Anna und Franz im Hotel zur Eisenbahn wieder traf. Anna wieselte zwischen den Flüchtlingen umher, mit denen das Hotel bis unter das Dach belegt war. Sie kochte riesige Töpfe Essen in der Hotelküche und machte sich überall nützlich. Nur Franz wirkte noch kleiner und verwachsener. Seit das letzte Kaninchen und die letzte Henne geschlachtet worden waren, er damit aller Pflichten ledig und seiner kleinen Privilegien beraubt war, fühlte er sich überflüssig. Papa ging in das Klubzimmer, wo wir das letzte Kriegssilvester gefeiert hatten. Dort lagen auf Strohschütten Frauen und Kinder, auch einige Verwundete und wenige sehr alte Männer. Bis auf einen Tisch und einen Sessel waren alle Möbel verschwunden. An den Fenstern fehlten die Gardinen, und durch die zerbrochenen Scheiben strich der Wind. Franz erzählte leise und abgehackt, dass er damals in der Neujahrsnacht, kaum dass er eingeschlafen war, durch Motorengeräusch geweckt wurde. Er hörte das Schlagen von Autotüren und Füßegetrappel. Er hatte aus dem Fenster gesehen, aber ehe er in der Dunkelheit erkennen konnte, was da los war, waren die Autos schon wieder eilig in Richtung Waldenburg davongefahren. Eine Limousine und einen Lastwagen hatte er gerade noch in der Finsternis verschwinden sehen und sich sehr gewundert, warum sich so feine Herrschaften mit einem Lastwagen nach Hause fahren ließen. |
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