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Biografie

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Familie
Author:  Schlegel
Biografie vom:  20.11.2001
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Der Autor ist ein Teilnehmer des Biografie-Projekts "Das ist mein Leben" der GGT.
Erinnerungen

Wir saßen in gemütlicher Runde und kamen, wie so oft, auf "früher" zu sprechen. Wenn ich erst mal anfing zu erzählen, wollten sie immer mehr hören, weil das "Thema" doch sehr interessant war. "Warum schreibst du das nicht auf?" – war die Frage!

Vor etwa acht Jahren hatte ich angefangen, meine Erlebnisse zu Papier zu bringen. Meine Enkelkinder Angela, Bernd-Uwe, Monikas Kinder, und Ulrike, Tochter von Burkhard, hatten mich erneut dazu überredet. So fing ich an, meine Geschichte zu erzählen.

Jedesmal, wenn ich daran arbeitete, konnte ich nachts nicht schlafen, so hat mich das Erlebte aufgeregt! Resultat: Ich hörte auf zu schreiben!

Das ist acht Jahre her. Durch die Initiative eines Bekannten, der seine Kindheitsgeschichten aus Schlesien zu Papier brachte, und wir, im ehemaligen Tanzkreis-Treffen an seinen Vorlesungen teilnahmen, bekam ich wieder Mut!

Heute, mit 88 Jahren, verkrafte ich das "Erlebte" besser als damals!

Es war einmal! So fangen viele Märchen an! Das, was jetzt kommt, ist wirklich geschehen!

Man zählt das Jahr 1934!
Ich war 22 Jahre alt und heiratete meinen langjährigen Jugendfreund, Wolfgang Schlegel! Er sollte von seiner Dienststelle, das war die "Wehrmacht" von Berlin nach Torgau versetzt werden. Er wollte nicht, dass ich in Berlin zurückbleibe und so mußte ich, wohl oder übel, mitgehen. Ich wohnte damals in Schöneberg, wo meine Großmutter (genannt "Großa", ich kürzte früher alles ab) eine Speise-Gaststätte betrieb. Trotz der vielen Arbeit, die es dort gab, meine Mutter war gerade ein Jahr zuvor, mit 42 Jahren, durch eine Operation gestorben, viel zu jung. Es war ein schwerer Schlag für uns. Aber nun mußte ich mit meinem Mann gehen!

Ich hatte Verwandte in Jessen a. d. Elster und zog vorübergehend dorthin. Es war nicht weit von der Dienststelle, und mein Mann kam zum Wochenende. Die Versetzung war nur für ein Jahr, sozusagen das "Sprungbrett" für Wolfgang, beruflich gesehen. Mein Großonkel hatte ein Haus in Jessen, er war der Bruder von Großa, hatte eine Tochter, die ein "Stoffgeschäft" und Schneiderei führte, die Tante war gestorben. Ich war in den Schulferien oft dort, kannte alles und konnte mich dort nützlich machen. Es dauerte nicht lange, Großa mußte das Restaurant verkaufen, und ging zu ihrem Bruder nach Jessen, um dem pensionierten Beamten den Haushalt zu führen. Das Haus war groß genug für alle. Nach Zurückversetzung kam Wolfgang ins Ministerium "Jebenstraße". Er hatte es geschafft! Nun aber das "Wohnungsproblem". Das war zu damaliger Zeit ganz schwierig. Tante Lieschen, die in meinem Leben eine Rolle spielte (Schwester meines Vaters, der früh an Herzschlag verstorben ist), besorgte uns eine Wohnung in der Nähe meiner Schwiegereltern, in Schöneberg, die uns aber nicht gefiel. Als ich wieder in Berlin war, ging ich auf Wohnungssuche, fand eine Neubauwohnung, gerade angefangen, das dauerte noch eine ganze Zeit, bis wir sie beziehen konnten. Sie lag in einer schönen Gegend, am Hohenzollerndamm, Stadtteil "Grunewald"!

Für damalige Verhältnisse "fantastisch"! Wir hatten Zentralheizung, elektrische Küche mit zentraler Waschanlage im Keller, sogar einen Wäschetrockner gab es schon. Wir waren glücklich!

Mir war oft langweilig, den lieben langen Tag allein, bis Wolfgang vom Dienst kam, so bewarb ich mich im "Kadewe", als Aushilfe für die Abteilung "Modewaren", was ich früher gelernt hatte, bei Alexander Gutkind, eine sehr gute Adresse. Er mußte die Firma schließen, weil er Jude war. Das "Dritte Reich" verbot den jüdischen Mitbürgern, Geschäfte zu führen. Sie verstanden es oft besser als die anderen. Wir Angestellten hatten eine schöne Zeit! - Er hat "Gott sei Dank" überlebt! Der Hausdiener hatte ein Laubengrundstück, hat ihn dort vor den Nazis versteckt, mit ihm seine Lebensmittel geteilt, das war damals gar nicht so einfach! -

Es gefiel mir gut und machte viel Spaß, dort zu arbeiten. Ich wollte aber nicht fest angestellt werden, so blieb ich immer ¼ Jahr, setzte eine Woche aus, und dann wieder wie gehabt.

Wir hatten viele Freunde um uns, waren im Ruderclub, erlebten viele schöne Feste und Bälle in den Gesamträumen des Zoos! Unsere Freunde, Mohr und Walter Starke, waren auch im Ruderclub, aber in einem anderen. So verbrachten wir auch ihre Bälle mit ihnen.

Damals gab es noch keine Dauerwelle, und ich klemmte mir allabendlich 38 Wickler ins Haar, denn mein Haar war mir sehr wichtig! So verlebten wir viele schöne Jahre miteinander. Aber wir wollten Kinder haben. Plötzlich war es soweit. Wir machten Urlaub im Iser- und Riesengebirge (Schlesien). Wolfgang liebte die Berge. Als wir auf der Rückreise waren, erfuhren wir auf dem Bahnhof von anderen Reisenden, dass Lebensmittelkarten verteilt werden sollten, und sahen Güterzüge mit Soldaten an uns vorüberfahren. Das war Ende August 1939. Uns war aller Urlaub vergangen!

Wenn Wolfgang auch an der Quelle des Geschehens saß, das hatten wir so schnell nicht erwartet. Außerdem war er "Geheimträger"!

Das Heeres-Waffenamt (Abteilung Nachrichten), wo Wolfgang tätig war, hatte mit dem herrschenden Regime nichts im Sinn und arbeiteten, wenn möglich, dagegen. Niemand war von den Beamten und Angestellten in der Partei! Dass es so schnell zu einem Krieg kommen würde, hätte niemand gedacht. Na, und dann war es Anfang September soweit!

Im November wurde unsere Tochter Monika geboren. Wir hatten noch eine komplette Babyausstattung. Ich betone es, denn nun konnte man ohne Bezugsschein nichts mehr kaufen!

An Lebensmittelkarten hatten wir uns schon gewöhnt. Nach und nach kamen die Luftangriffe auf Berlin. Wir mußten mit dem Kinderwagen vier Etagen runter, Nacht für Nacht! Unsere Nachbarin, in unserem Alter, war im "Erfrischungsraum" (der nannte sich so), das Café im Kadewe, als leitende Angestellte tätig. Sie hatte immer Bohnenkaffee, was damals eine Rarität war. Jeden Abend kam sie zu uns und wir tranken den Kaffee aus wertvollen Mocca-Tässchen, dass wir wach blieben, wenn es Fliegeralarm gab. Wir dachten, es geht sowieso alles kaputt, also benutzten wir sie.

Inzwischen wollten wir unsere Großa zu uns nehmen, die sich mit ihrem Bruder nicht mehr verstand, und tauschten unsere Wohnung mit einer "größeren" in Berlin-Zehlendorf, direkt am Park. Es war ein schönes Wohnen dort. Zwar etwas weiter von der Innenstadt entfernt, aber wir hatten gute Bus- und S-Bahnverbindung. Zu damaliger Zeit hatte man kein Auto, nur Geschäftsleute. Meine Schwiegereltern bekamen Besuch von einem ehemaligen Studienfreund mit Frau und waren eingeladen, sie kennenzulernen. Wir mochten uns auf Anhieb, wie man so sagt. Sie kamen aus "Weißstein"/Schlesien und luden Monika und mich ein, uns bei ihnen ein paar Wochen auszuschlafen. Bevor Großa zu uns zog, waren wir vier Wochen dort. Sie wollten uns dort behalten, aber ich wollte nach Hause!

Der Krieg nahm seinen Lauf, wir "siegten", wie wir ja wissen, uns zu "Tode"!

1942 wurden unsere Zwillinge geboren. Man hatte mich im "Waldfrieden" (so hieß die Klinik in Zehlendorf) im Kreißsaal vergessen, als am Nachmittag "Fliegeralarm" kam. Die Wehen hatten aufgehört, ich lag da, rings um mich große Fenster. Als die Flieger schon zu hören waren, kam ganz entsetzt eine Schwester und brachte mich in den Luftschutzkeller. Trotz Aufgeregtheit kamen Burkhard und Volkmar erst am nächsten Nachmittag zur Welt! Burkhard wog sechs Pfund, Volkmar nur 3 Pfund und 20 Gramm. Der "Erstgeborene" hatte dem zweiten die Kraft genommen, trotzdem bekam ich beide mit nach Hause. Heutzutage wäre Volkmar in den Brutkasten gekommen! Nach einem ¼ Jahr hatte ich ihn auf 8 ½ Pfund gebracht, habe ihn alle zwei Stunden gefüttert!

Durch unsere nächtlichen Sitzungen, wir brachten Stunden im Keller zu, bekamen beide Jungen Lungenentzündung. Zwillingsjungen neigen in dem Alter dazu. Volkmar starb leider daran. Ich konnte es kaum fassen!, dachte ich doch, ich hätte ihn über den Berg. Immer wenn etwas passierte, war ich allein mit dem Kummer, denn mein Mann war viel auf Reisen, hinter den Angriffslinien, um Neues zu erproben, natürlich streng "geheim". Nicht nur, dass Burkhard Lungenentzündung hatte, man legte ihn auf den Balkon, mit einer Wärmflasche. Es ging ihm schon ganz gut, plötzlich bekam er wieder Fieber! Ich war täglich von einem Ende Berlins zum anderen Ende unterwegs, zum "stillen"! Das Krankenhaus lag im Norden der Stadt. Mein Kinderarzt meinte es gut, er hatte eine ehemalige Studienkollegin dort als Oberärztin, und meinte, dort wären sie gut aufgehoben!!! Als ich am nächsten Tag kam, wurde er gerade gefüttert! Ich fragte, was er bekäme? Die Antwort war: "Obstbrei und Zitrone!" Man hatte mir gesagt: "Das Fieber käme von einem "Magen-Darm-Katarrh"! Das konnte ja wohl nicht sein!!!

Ich suchte den Stationsarzt, es war niemand zu sprechen! Es war wie eine Verschwörung, keiner war zuständig! Da habe ich meinen Kinderarzt angerufen, ihm geschildert, was sich dort tat! Er versprach mir, sich sofort darum zu kümmern. Ich sollte ihn in einer Stunde anrufen. Da erfuhr ich, dass die Oberärztin mit mir sprechen wollte, das hatte ich erreicht. Dass da etwas nicht stimmte, war mir klar! Nun mußte man mir die Wahrheit sagen: Die Schwester, die ihm die Wärmflasche machte, merkte nicht, dass die Flasche "tropfte"! Außerdem war sie viel zu heiß für einen "Säugling"! Es tropfte auf sein Schienbein, er hatte eine 2/3 Verbrennung davon getragen, die hätte tödlich sein können! Dann hatten sie mir nicht gesagt, was wirklich geschah! Die Oberärztin wollte mich nicht beunruhigen, weil ein Kind schon gestorben war! Ich machte sie für alles verantwortlich, schriftlich natürlich!

Gott sei Dank war Burkhard über den Berg. Das Krankenhaus stellte mir einen "alten Kinderwagen" zur Verfügung, dass ich ihn täglich spazieren fahren konnte, denn er mußte, der Wunde wegen, noch im Krankenhaus bleiben. Zum Glück waren die Angriffe am Tage nicht so oft, denn Großa war mit Monika allein zu Hause! -

Burkhard gedieh prächtig; aber ich war krank! Ich konnte das alles nicht verkraften, kein Arzt konnte mir helfen, der Tod und das Erlebte, es war zuviel!
Mein Mann hatte sich mit einer Homöopathin in Verbindung gesetzt, die mich besuchte. Großa war eingeweiht, sie sagte eine Dame komme sie besuchen. Sie kam, wir tranken Kaffee, "so und Frau Schlegel bekommt einen Kognac", sagte sie. Ich war derart perplex, aber sie schaffte es, mir beizubringen, dass ich ohne eine "Kur" nicht gesund werde.

Ich hatte eine gute Bekannte, der Mann war im Krieg, sie wollte Burkhard versorgen. Sie zog mit ihrer Tochter zu uns und mit Großas Hilfe würden sie es schon schaffen! Ich fuhr für drei Wochen mit Monika nach Alexisbad im Harz, ärztlich betreut! Wir wohnten im Kurhaus und ich erholte mich tatsächlich! Nach 14 Tagen kam mein Mann, holte Monika ab, denn der Arzt wollte, dass ich mich eine Woche allein erholen konnte. Er hatte sich mit meinem Mann in Verbindung gesetzt!

Burkhard gedieh prächtig und feierte, was man damals feiern nennen konnte, jeden Geburtstag woanders. Weil die Angriffe immer schlimmer wurden, gingen wir Frauen mit unseren Kindern nach Vinzelberg. Dort hatte das Ministerium ein Versuchsgelände und waren bei den Bauern bekannt. So nahmen sie uns auf. Es war nicht weit von Berlin entfernt, und so konnten uns unsere Männer am Wochenende besuchen. 14 Tage dort, kam der Phosphorangriff auf Hamburg. Es war wohl mit das Schlimmste, was geschehen konnte. Vinzelberg war Aufnahmegebiet für Hamburg und wir mußten nach Berlin zurück (Die Menschen dort verbrannten am lebendigen Leibe und gingen ins Wasser, was auch nichts half).

Wieder in Berlin, meldete ich mich bei der NSV. Mütterverschickung, so hieß die Institution im Dritten Reich. Es ging ein Transport in die Mark Brandenburg. Das Gepäck, so viel wie möglich mitzunehmen, mußte einen Tag vorher aufgegeben werden. Meine Schwiegereltern gaben mir zwei alte Truhen mit Eisenbeschlag, die wurden vollgepackt und ab ging die Post!

Mit mir fuhr eine Bekannte mit ihrer Tochter und wir hatten uns auf drei bis vier Stunden Fahrt eingerichtet. Im Abteil waren vier Mütter und sechs Kinder, also voll überbelegt, wir waren empört, aber was half es uns, für ein paar Stunden geht auch das, aber: es wurden 24 Stunden daraus, denn es ging nicht in die Mark Brandenburg, sondern nach Ostpreußen, was man uns verschwiegen hatte, denn dort wäre freiwillig niemand hingefahren. Das erfuhren wir natürlich viel später!

Das war ein Schock, denn aussteigen konnte niemand. Das Gepäck war unterwegs, also mußten wir erst mal mit. Den Angehörigen wurde natürlich auch nicht gesagt, wo unsere Reise hinging. Unterwegs wurden wir mit Erbsensuppe verpflegt (es war ein Truppentransport gemeldet, statt für kleine Kinder zu sorgen! Gott sei Dank hatte ich Kekse und Fencheltee bei mir, aber das reichte nicht aus. Wir hielten aber durch, was blieb uns übrig!

Als wir vollkommen übermüdet und mit den Nerven am Ende in Kreuzingen ankamen, wollte uns zunächst niemand haben. Sie waren auch überrumpelt worden, wie wir! Das Gepäck stand am Bahnsteig aufgebaut. Da kam ein Bauer auf mich zu und sagte 'nun kommen Sie schon', nahm das Gepäck, die schweren Truhen und ab ging es mit dem Pferdewagen. Die Gehöfte lagen weit auseinander, der nächste Nachbar wohnte mindestens eine Stunde entfernt. Nach gut einer Stunde Fahrt durch Wald und Flur, kamen wir in das Haus. Die Frau empfing mich als "Matka", ich nahm an, es mit einer Russin zu tun zu haben. Sie hatte eine Tochter, die sehr nett war. Nun aber kommt's! Wir wurden auf eine "Diele" oder Tenne (so nennt man es wohl) gebracht, wo ringsum schmale Holzbänke und sonst nichts im Raum waren. Es waren arme Bauern, die auf Gäste überhaupt nicht eingerichtet waren! -

Immer voraussehend, hatte ich Decken mitgenommen, denn wir mußten auf der Erde schlafen. Burkhard als Zwillingskind war anfälliger als andere Kinder. Er bekam jedesmal, wenn wir unterwegs waren, Fieber. Töpfe hatte ich auch mitgenommen. Also machte ich ihm Tee und Zwieback.

Die Leute gingen am nächsten Morgen auf's Feld und stellten uns einen Tisch und zwei Schemel hin. Auf dem Tisch stand das Frühstück. Ich hatte mit Burkhard zu tun, da machte sich Monika an das Essen ran. Sie hatte Hunger und aß einen Teller mit Eiern und Speck fast auf. Außerdem stand ein Topf mit Suppe da, Pflaumensuppe mit langen angebratenen Speckstreifen – sicher dort so üblich. Ich konnte überhaupt nichts essen!

Als ich dann in die Küche kam, die sehr dreckig war, habe ich erst einmal sauber gemacht. Eine Kaffeekanne stand auf dem Herd, die man farblich nicht beschreiben konnte. Ich räumte auf, wusch ab und siehe da, die Kanne wurde weiß. Als die Leute vom Feld nach Hause kamen, war die Frau entsetzt, dass ich ihre Kaffeekanne abgewaschen hatte und alles in Ordnung war. Die Tochter kam auf mich zu, umarmte mich, sie war wohl 17 Jahre alt, und sagte: "Das haben Sie aber gut gemacht!" Der Mann grinste nur. -

Ich bat den Mann, mich am nächsten Tag zum Bürgermeister zu fahren, der für alles zuständig war. -

Nun erst erfuhr ich, wieviel Eier Monika gegessen hatte. Es waren zehn Stück. Es hat ihr aber nicht geschadet! Die Frau sagte, 'die ist richtig, der Junge stirbt sowieso! Das reichte mir, wo ich schon Volkmar verloren hatte! -

Nun fuhren wir in die Wildnis hinaus, über eine Stunde Weg mit dem Fuhrwerk, um evtl. einen Arzt oder eine Schwester aufzusuchen, mit Burkhard, denn ich hatte Angst um ihn!

Als wir dort ankamen, traf ich meine Bekannte mit ihrer Tochter wieder. Dort waren natürlich andere Verhältnisse als bei meinen Leuten, der 1. Sohn war Lungenkrank. Die Gemeinde-Schwester war gerade anwesend und gab mir Medikamente für Burkhard. Vom Bürgermeister wollte ich eine Ausreisegenehmigung nach Berlin haben, die konnte er mir nicht geben. Dazu war er nicht befugt! Man bekam damals keine Fahrkarte ohne Genehmigung von einer N.S.-Dienststelle oder eines Befugten. Also mußte ich mich noch einen Tag gedulden, dass mich der Mann am nächsten Tag nach Kreuzingen fuhr, mit meinem ganzen Gepäck. Es war nicht zu seinem Schaden!

Kreuzingen war die Stadt mit Bahnhof, wo wir angekommen waren. Dort gab es in Bahnhofsnähe auch einen Arzt. Mein Gepäck gab ich am Bahnhof auf und ging mit den Kindern zum Arzt. Dem klagte ich meine Situation, er untersuchte Burkhard und gab mir sofort die Bescheinigung, dass ich die Fahrkarten erhielt.

Wir mußten noch einige Stunden warten, bis der nächste Zug bis Königsberg fuhr. Dort mußten wir umsteigen. Unterdessen schickte ich meinem Mann ein Telegramm, wann wir in Berlin eintreffen. -

In Königsberg angekommen, hatten wir fast vier Stunden Aufenthalt. Da haben sich NSV-Schwestern sofort um uns gekümmert, wollten uns dort unterbringen, aber ich wollte nach Berlin zurück. Ich hatte die Nase voll!

Wir wurden dort verpflegt, sie nahmen mir die Kinder ab, dass ich mich erst einmal ausruhen konnte. Ich hatte die ganze Zeit kaum geschlafen. Da schlief ich dann auch ein.

Als ich erwachte, redeten sie auf mich ein, dort zu bleiben. In Berlin wäre die Hölle los. Ich sagte: "Lieber Bomben als 'Ostpreußen'", wo sowieso bald der Russe käme, denn das war am Ende der Welt für mich! Übrigens, meine Bekannte, mit der ich von Berlin nach dort fuhr, sah ich erst nach dem Krieg wieder. Sie hatte "Schreckliches" erlebt! -

Wir fuhren in einem fast leeren Zug ab Königsberg, hatten das Abteil für uns allein, so dass ich die Kinder auf die Bank legen konnte, und sie schliefen schnell ein. Proviant hatten wir von den Schwestern am Königsberger Bahnhof mitbekommen. Sie waren sehr hilfsbereit und ich konnte dort auch den berühmten Fencheltee für unterwegs aufbrühen. Es gab ja ohne Lebensmittelkarten nichts zu kaufen, und diese hatte ich ja nicht. -
Als wir am nächsten Tag in Berlin ankamen, war der Bahnsteig, an dem wir ausstiegen, fast leer. Die anderen Bahnsteige quollen über von Menschen, die alle aus Berlin rauswollten. Aber kein Wolfgang war zu sehen! -

Stattdessen kam eine NSV-Schwester und sagte, wir könnten den Bahnsteig nicht verlassen, weil Tausende von Menschen auf die anderen Bahnsteige wollten, um Berlin zu verlassen. Durch diese Massen könnte niemand durchkommen, darum war auch mein Mann nicht zu sehen!

Wir bahnten uns trotzdem einen Weg durch die Menge und fuhren mit der Taxe nach Hause. -

Unsere "Großa" empfing uns, sie war in Tränen aufgelöst, weil wir viel später eintrafen als angesagt! Mein Mann suchte uns am Bahnhof und kam noch später als wir zu Hause an. Unser Gepäck holte mein Mann am nächsten Tag ab.
Wir holten uns neue Lebensmittelkarten und ich mußte mit den Kindern zum Gesundheitsamt, wegen einer Bescheinigung, dass sie gesund sind, um sie abends in den Bunker zu bringen, denn die Bombenangriffe hatten enorm zugenommen. Dort angekommen, heulten die Sirenen. Von unserer Wohnung waren wir zu Fuß eine halbe Stunde entfernt, also nach Hause konnten wir nicht! In der Nähe, ca. 5 Min. Weg, hatten Bekannte eine Villa und wir gingen dorthin. Wir hatten es gerade so geschafft, als das Spektakel losging. Es war am Vormittag, als der Alarm begann. Das Haus zitterte unter dem Bombenhagel, Burkhard schrie die ganze Zeit, aber wir blieben unversehrt. Er war nicht zu beruhigen. Als alles vorbei war, wir gingen hinaus, war es stockdunkel, es war Mittag, und vor lauter Rauch kaum etwas zu sehen. Das war einer der schlimmsten Angriffe, die Berlin zu überstehen hatte. Um nach Hause zu kommen, mußten wir Umwege machen, es brannte überall!

Unsere Wohnung war aber verschont geblieben, meine Großa war ganz verstört, sie dachte, wir wären umgekommen. Von dem Tag an brachte ich die Kinder am Spätnachmittag in den Bunker, und mein Mann und ich gingen, wenn Alarm im Anzug war, das war im Radio das Zeichen (Hannover – Braunschweig) auch dorthin. Die Kinder waren separat untergebracht. Der Bunker war gut zehn Minuten von unserer Wohnung entfernt. Einer mußte immer wach bleiben, der andere konnte schlafen, angezogen versteht sich, Koffer immer parat. Eines abends war Wolfgang, der wachen sollte, eingeschlafen und wir wurden wach als die Sirenen heulten. Ich stürmte los, mein Mann mußte sich erst die Krawatte binden, das war mir zuviel! Ich rannte los, in der Mitte des Weges gab es einen Unterstand, da bin ich hinein, weil rings um mich schon die Christbäume standen, so nannte man damals die Markierung, die Flack schoß aus allen Rohren. Ich war ganz allein in dem Unterstand, von meinem Mann nichts zu sehen, es war grausam!

Als die 1. Welle vorüber war, rannte ich weiter bis zum Bunker, ich konnte nicht rein, alles war zu. Ich hämmerte an die Tür, man machte mir auf, denn nun kam die 2. Welle. Man hatte uns dort schon vermißt, weil wir ja jeden Abend dort waren. Als ich drin war, war es mit meiner Kraft vorbei, ich fiel um. Wieder zu mir gekommen, sagte ich, dass mein Mann noch kommen würde. Er kam dann noch später, nur der Krawatte wegen. Nicht zu fassen, für mich jedenfalls!

Als der Angriff vorüber war, gingen wir nach Hause, aber auf dem Wege dahin fielen vor uns plötzlich Brandbomben auf das Haus neben uns. Es brannte völlig aus. Unsere Großa ging mit den anderen Mietern in den Luftschutzkeller, wo inzwischen ein Herd stand, und meine Großmutter für das ganze Haus kochte. -

Nach dieser Nacht beschlossen wir, dass ich mit den Kindern nach Schlesien gehe. Familie Gruschwitz in Weißstein bei Waldenburg hatten schon zwei Telegramme geschickt und angefragt, wo wir denn blieben. Wir sollten doch endlich kommen, dort wäre es ruhig.

Am nächsten Abend fuhren wir ab. Über Nacht war es besser mit den Kindern zu fahren, sie konnten schlafen. Es gab "Mutter-und-Kind-Abteile", so hatten wir genügend Platz. Als wir schon ein paar Stunden unterwegs waren, kamen drei gut gekleidete Herren durch unser Abteil, kehrten um und fotographierten die schlafenden Kinder, sprachen gebrochen deutsch und sangen Zarah Leanders Lied "Es wird einmal ein Wunder geschehn"! Sie fingen an und wollten uns ausfragen (es saß noch eine Mutter mit ihren Kindern im Abteil). Sie wollten wissen, wo was kaputt sei und was noch in Ordnung war. Natürlich bissen die Herren bei uns auf Granit. Hinter uns saßen andere Mütter mit Kindern und gaben bereitwillig Auskunft. Ich suchte den Zugbegleiter in seinem Abteil auf und habe ihn auf diese "Herren" aufmerksam gemacht! Als wir in Hirschberg ankamen, waren die Ausgänge blockiert, auf dem Bahnsteig stand Polizei und die drei Herren wurden abgeführt. Es waren 05-Agenten!

Dort hatten wir drei Stunden Aufenthalt bis zur Weiterfahrt nach Waldenburg, die wir im überfüllten Wartesaal verbrachten. Es war morgens ca. 5 Uhr. Mütter und Kinder waren natürlich übermüdet, aber wir Mütter waren es ja schon gewohnt. Durch die Nachtangriffe in Berlin kamen wir nie dazu, mal eine Nacht durchzuschlafen, die Aufregung hielt uns wach. -

Dann ging es weiter, nochmal zwei Stunden bis Waldenburg. Am Bahnhof empfing uns Herr Cruschwietz und Hannchen, wir fuhren nach Weißstein, ca. 20 Minuten, wo Frau Cruschwitz schon auf uns wartete. Einen Imbiß hatte sie für uns vorbereitet, dann hieß es erstmal "schlafen!"

Herr Cruschwitz war "Bergverwalter" in einem Bergwerk. Hier würde man Direktor sagen. Sie bewohnten eine Dienst-Villa und stellten uns zwei Zimmer zur Verfügung. Eins für die Kinder und eins, in dem ich schlief. Es war wie im Paradies, jede Nacht ohne Angst schlafen zu können.

Frau Cruschwitz war eine feine Frau, sehr selbstbewußt, und sie regierte in ihrem Haus. Aber sehr gastfreundlich. Ich kannte sie vom ersten Besuch in Weißstein. Hannchen war eine Nichte von Herrn Cruschwitz. Sie hatten selbst keine Kinder und holten sie ihre Nichte aus Planitz/Sachsen (Herrn Cruschwitz' Heimatstadt) zu sich, sie sollte bis zur Verheiratung dort bleiben. Natürlich steuerten sie Hannchen standesgemäß aus, wie es bei ihnen üblich war. Sie war ein fröhliches Mädchen, sie nahm es mit der "Etikette" nicht so genau, sie war ganz natürlich! -

Frau Cruschwitz schimpfte oft mit ihr, sie hätte keine Disziplin. Ich verstand mich gut mit ihr und redete ihr zu, dass sie der Tante doch den Gefallen tun und sich anpassen sollte! Es kamen oft abends Gäste, fast alles studierte Leute, Hannchen sollte dann nicht sächseln, aber sie kannte es aus ihrer Heimat nicht anders. Frau Cruschwitz sagte dann natürlich, nachdem der Besuch gegangen war: "Hast du Frau Schlegel mal "berlinern" gehört? Paß dich doch an, so bekommst du nie einen Mann."

Ich hatte dort mein Tun. Burkhard war knapp ein Jahr, Monika drei Jahre alt. Frau Cruschwitz war eine sehr ordentliche penible Frau. Es war bei ihr alles 100 %ig. Wenn wir vom Spazierengehen kamen, bin ich gleich mit Handfeger und Scheuertuch nach unten gegangen, dass ja kein Schmutz von uns zurückblieb. Wir wohnten in der 1. Etage. Was ich überhaupt nicht kannte war, dass der Keller jede Woche geputzt werden mußte. -

Weißstein lag sehr schön. Der Ort hatte eine Durchgangsstraße nach Bad Salzbrunn. Wir wohnten in einer Seitenstraße, der Hochwaldstraße, die direkt zum Bergwerk führte, und zehn Meter weiter begann der Hochwald – wunderschön! Mit der Straßenbahn, die von Waldenburg nach Bad Salzbrunn führte, sind wir sonntags oft dorthin gefahren. Liebichau war auch nicht weit entfernt, dort waren große Gärtnereien, die des öfteren Blumenschauen veranstalteten. -

Zu der Zeit besuchte mein Mann uns alle 14 Tage und erzählte mir, dass unser ehemaliges Pflichtjahrmädchen (was ich als die Zwillinge geboren wurden bekam; ich galt als "kinderreich"!) gern zu uns nach Schlesien kommen würde. Denn das Jahr war ja noch nicht für sie beendet. "Pflichtjahr", das gab es damals für schulentlassene Mädchen. Sie mußten das eine Jahr in einem fremden Haushalt mit Kindern absolvieren, das bestimmte der damalige Staat. Wir kannten die Eltern, sie wohnten in unserem Haus, und so kam Ludwiga zu uns. Ich besprach das mit Fam. Cruschwitz, Platz war genug und sie konnte ihre Reise antreten. Ihre Eltern waren froh, dass sie aus Berlin raus kam. Nun hatte ich tatkräftige Unterstützung und wir hatten eine schöne Zeit. Sie half auch Hannchen und wir verstanden uns alle gut. -

Der Winter kam und war dort besonders schön. Die schneebedeckten Tannen am Hochwald, einmalig zu sehen. Wir fuhren auf Schlitten mit den Kindern und hatten viel Spaß dabei. Abends saßen wir alle gemütlich beisammen, vom Krieg merkten wir bis auf die Nachrichten nicht viel. Nur Frau Cruschwitz hatte immer ein komisches Gefühl und sagte: "Das bleibt nicht so, wenn die Russen kommen, erleben wir die Hölle!" Sie mußte schon einmal alles 'stehen und liegen lassen', sie wohnten in Oberschlesien und der Pole trieb sie davon!

Eines Tages bekam ich ein Schreiben von der Stadtverwaltung, da ich für meine Kinder ein Mädchen hätte, wäre ich abkömmlich! "Für halbe Tage sollte ich als Hilfslehrerin fungieren, für die Aufbauklassen". Durch Cruschwitz' kannte ich den Rektor der Schule. Ich meldete mich bei ihm und sagte, dass ich ja keine Ahnung hätte, keine Ausbildung dafür. Er meinte, dass könnte ich allemal, es geht nach Plan! Lehrer wären Mangelware, die wären alle im Krieg. Ich mußte, ob ich wollte oder nicht! Es ging auch soweit gut, ich kam gut zu Rande, mit den 6-jährigen, und es wäre wohl auch so geblieben, hätte mein Kreislauf nicht versagt. Ich war von jeher sehr labil, litt an zu niedrigem Blutdruck und hatte durch die Höhe wohl damit zu tun. Ich wurde zur Generaluntersuchung ins Waldenburger Krankenhaus zitiert, zuerst fuhr ich mit der Straßenbahn, dann mußte ich noch einen langen Weg gehen in der Kälte. Da sehe ich ein Auto kommen, im Krieg eine Seltenheit, es hält! Ich frage, ob er mich mitnimmt. Ein Mercedes mit Anhänger, worauf ich gar nicht achtete! Es war ein Leichenauto! Als ich im Auto sitze, fängt der Fahrer an zu erzählen und ich merke am Dialekt, dass es ein Ausländer ist. Ich fragte, woher er käme. Es war ein Tscheche. Innerlich war mir noch flauer geworden als vorher, denn die hatten mit uns nichts im Sinn, weil Hitler ja die Tschechei besetzt hatte. Es erwies sich aber als ungefährlich! Er war sehr nett und brachte mich wohlbehalten ins Krankenhaus, wo er auch hinfahren mußte. Er war dienstverpflichtet worden. Dort habe ich Stunden zugebracht, bis alle Untersuchungen gemacht waren. Dann ging ich den Weg zurück zur Straßenbahn. Nach einer Woche bekam ich Bescheid, dass ich wegen meiner Kreislaufschwäche viel frische Luft brauche und freigestellt werde.

Dafür zogen sie Ludwiga in eine Kriegsproduktions-Firma ein, um leichte Arbeiten zu verrichten. Sie war aber froh, dass sie bei uns bleiben konnte. -

Es kam Weihnachten, mein Mann war bei uns. Sylvester waren wir alle beisammen, aber die Zeiten waren viel zu ernst, um zu feiern! Es wurde trotzdem sehr gemütlich, Ludwiga, als geborene Bayerin, fing an, Schuhplattler zu tanzen und riß uns alle mit! -

Durch die vielen Stromsperren war es uns manchmal kaum möglich, zu Mittag zu kochen. So beschloß Frau Cruschwitz, dass wir im Hochwald Hotel und Restaurant von nun an essen gehen sollten. Ludwiga bekam in der Firma mittags Essen.

Das Restaurant hatte nebenbei eine kleine Landwirtschaft. Natürlich hatten sie Hühner, Enten und Gänse, Schweine sowieso. Das kam uns zugute. Wir bekamen mehr zu essen an Fleisch als was wir auf unsere Lebensmittelkarten hätten jemals kaufen können. Wir behielten sogar noch so viel an Marken über, dass wir Wurst vom Fleischer kaufen konnten. Sonntags ging Ludwiga natürlich mit zum Essen.

Eines Tages beim Essen war eine Gruppe Männer dort. Wir erfuhren, dass es Weißrussen sind, auf unserer Seite waren. Sie sind angeheuert worden, um das Gelände einzunebeln, es unsichtbar zu machen! Der Versuch wurde unternommen zwischen Hotel, dem Bergwerk und unseren Häusern. Sie waren sehr zuvorkommend und freundlich!

Der Krieg wurde immer härter, die Verluste in Rußland unbeschreiblich hoch (Stalingrad). Mein Mann wollte am Wochenende zu uns kommen! Als wir mittags zum Essen gingen, kam ein Weißrusse auf uns zu und sagte: "Du, Frau aus Berlin gehe sofort mit den Kindern von hier weg!" Wenn der Russe kommt, wird es fürchterlich! -

Hannchen hatte man inzwischen zur Bahn dienstverpflichtet, sie arbeitete am Schalter. Sie erzählte, dass die Züge ganz unregelmäßig fuhren, sogar Soldaten zurückfuhren. Uns wurde langsam mulmig zumute. Hannchen war inzwischen verlobt mit einem U-Boot-Offizier, er sollte Urlaub bekommen, um zu heiraten – daraus wurde erst viel später etwas!

Wir warteten nun auf meinem Mann, der um 19:00 Uhr eintreffen sollte. Alle waren wir in großer Aufregung. Es wurde Mitternacht als mein Mann endlich kam. Er sagte: "Sofort das Nötigste zusammenpacken und los!" Ich hatte am Tag vorher Schuhe von den Kindern zum Schuhmacher gebracht!

Wir packten den Kinderwagen voll und nahmen mit, was wir tragen konnten. Mein Mann nahm die kleine blechbeschlagene Truhe, wo das Silber drin war. Er sagte: "Es ist nur zur Sicherheit, falls die Russen schneller da sind, als vermutet!" Frau Cruschwitz sollte natürlich mit uns kommen (ihr Mann durfte das Bergwerk nicht verlassen). Sie lehnte ab, sie wollte ihren Mann nicht allein dem Schicksal überlassen!

Also fuhren wir gegen Morgen zum Bahnhof. Dort angekommen sagte ein Beamter: "Wollen Sie noch mit, das ist der letzte Zug, ist schon voll von zurückflutenden Soldaten." Er brachte uns über die Gleise, natürlich ohne Kinderwagen, wo vieles für die Kinder drin war. Die Soldaten nahmen die Kinder in Empfang, Fenster waren keine mehr drin, alles kaputt!, wurden weitergereicht, ich hinterher ins Mutter-Kind-Abteil, das gab es noch. Mein Mann band sich mit einem Gurt die Truhe um den Leib, stand, wie viele Soldaten, auf dem Trittbrett, die Soldaten, die im Zug waren, hielten ihn fest. Die Fahrt ging bis Hirschberg, dort sollte der Zug ausgetauscht werden. Dort angekommen, standen Massen von Menschen, die alle mitfahren wollten. Wir konnten kaum aussteigen, wir mußten Angst haben, runtergeschubst zu werden. Jeder wollte mit dem neuen Zug, der eingesetzt wurde, mit, nur weg, hieß es! Frauen mit Kindern konnten zuerst einsteigen, zuletzt die Soldaten und mein Mann, alle auf dem Trittbrett, so ging es bis Berlin.

In Berlin angekommen, hieß es "Fliegeralarm"! Wir stiegen aus, die Menschen drängten sich um einen Mann, der umgekippt war, daneben lag unsere Truhe, es war mein Mann. Samt Truhe wurde er von den Helfern in den Luftschutzkeller gebracht, wir hinterher! Er erholte sich schnell, alle bekamen etwas zu trinken und trockene Brötchen zu essen, denn wir hatten ja lange nichts gegessen. Dann ging's nach Hause! -
Meine Großa und die übrigen im Haus, vier Wohnungen waren es, lebten fast nur noch im Keller. Wir hatten jedes Jahr viel Kartoffeln eingekellert, zum Glück! Großa kochte, Herd war im Keller, so ging es gut, jeder trug sein Schärflein dazu bei, und alle waren froh, dass es was zu essen gab. Ich brachte die Kinder wieder in den Bunker, wie gehabt!!!

Wir bekamen neue Lebensmittelkarten und ich stand an, weil eine neue Lebensmittelzuteilung angekommen war. Da traf ich eine gute Bekannte (wir gingen des öfteren mit den Kindern im Park spazieren). Es war Frau Zietemann, sie wohnten uns gegenüber. Sie war in zweiter Ehe (Witwe) mit dem Direktor der Berliner BVG verheiratet. Er war bedeutend älter als sie und war schon im Ruhestand. Sie war ehrenamtlich in der NSV beschäftigt und sagte zu mir: "Sie können doch nicht hierbleiben mit den Kindern! Übermorgen geht ein Transport nach Dannenberg/Elbe, wenn Sie gehen, fahre ich mit meinem Mann mit." Allein wollte sie nicht gehen. Ich wußte gar nicht, wo Dannenberg liegt und sagte, ich werde darüber nachdenken. Abends kam mein Mann nach Hause und sagte: "Die ganze Dienststelle wird nach Österreich verlegt, ihr könnt nicht hierbleiben, wenn der Russe kommt!" Also entschloß ich mich, dem Transport zuzustimmen! -

Es war Januar 1945, ich packte wieder, was uns noch geblieben war, zusammen. Großa sagte: "Nun schleppe man den Rest weg und verliere das auch noch!" -Also ging es auf nach Dannenberg, mit Familie Zietemann, wieder abends. Mein Mann begleitete uns, denn er wollte wissen, wohin wir kamen, dass wir uns wiederfinden nach dem Krieg, denn allzu lange konnte es ja nicht mehr dauern! Der Zug war abgedunkelt wegen Fliegeralarm. Als der Zug nach Dannenberg einfahren wollte, fielen dort die ersten Bomben, denn bisher war es dort ruhig! Nun hieß es zurück, Richtung Lüchow. In Lüchow angekommen, wurden wir auf Lastwagen verladen und ins Rathaus gebracht, ein sehr schönes Gebäude. In einem Saal wurde ein Imbiß gereicht, denn wir hatten ja lange nichts zu essen bekommen. Wir saßen an großen runden Tischen, jeder Tisch kam woanders hin, in die Umgebung. Lüchow, eine nette kleine Stadt, gefiel uns sehr. Der erste Eindruck war gut und ich wäre gern dort geblieben. Ich brachte zum Ausdruck, dass Burkhard sehr anfällig war, weil er ein Zwilling ist, darauf bekam ich zur Antwort: "Sie kommen nach Gartow, dort gibt es Arzt und Apotheke, es ist ein Flecken!"

Wir fuhren mit Zietemanns mit dem Lkw nur durch Wald, hin und wieder ein Dorf und hatten das Gefühl: Hier sind wir am Ende der Welt, da findet uns kein Feind. Was wollten die in einer so einsamen Gegend! -

Burkhard hatte etwas Fieber, immer wenn wir unterwegs waren, bekam er es. Ist üblich bei Zwillingsjungen, die sind empfindlicher als Mädchen! -

In Gartow angekommen, ein netter freundlicher Ort, hielten wir in der Mitte der Hauptstraße, vor Krügers Gaststätte! -

Mehrere junge Mädchen empfingen uns. Ich sagte als sie Burkhard in Empfang nahmen, dass er Fieber hat, also der Sicherheit halber, gleich zum Arzt, der in der Nähe wohnte. Mein Mann ging natürlich mit, denn ich mußte mich ja registrieren lassen. Wir wurden ins Gasthaus geführt. Dort saßen Einwohner, die Adressen verteilten, wo jeder hinkam. Am Eingang war ein Büffet aufgebaut, mit allem was man sich denken kann, wie im tiefsten Frieden!

Die Flüchtlinge, die wir ja waren, fielen darüber her, kaum zu glauben! Ich stand etwas abseits mit Monika und wartete auf meinen Mann mit Burkhard. Da kam ein Einwohner auf uns zu und frage: "Haben Sie denn schon eine Unterkunft und haben Sie unser Frühstück gegessen?" Ich sagte: "Nein, ich warte auf meinen Mann, der mich aber nur begleitet hat, er ist mit meinem Sohn beim Arzt." Außerdem war mir gar nicht nach Essen zu Mute. Er sagte: "Schade, ich kann nur eine Frau mit einem Kind aufnehmen. Wir haben nur ein Kinderbett." Das hörte ein anderer Mann und sagte: "Willi, darauf soll es nicht ankommen, ein Kinderbett kannst Du von uns haben!" "Na, das ist gut" sagte er, "dann kommen sie man zu uns. Herzlich willkommen, mein Name ist Willi Appelt, wohne gleich nebenan. Schuhgeschäft mit Werkstatt und kleiner Landwirtschaft!" In dem Moment kam auch mein Mann mit Burkhard und stellte ich ihn vor. Wir wurden registriert und gingen zu Appelts. Es war wohl Sympathie auf beiden Seiten! "Der erste Eindruck!" Als wir dort ins Haus kamen, erschrak Frau Appelt erstmal, denn sie hatte nicht mit einer ganzen Familie gerechnet. Das klärten wir sofort auf, dass mein Mann noch heute nach Berlin zurück mußte. Der Familie vorgestellt, zeigte Herr Appelt den Kindern den Hof mit sämtlichem Getier. Dort waren Hund und Katze, Hühner und der Schweinestall und Kühe. Sie bekamen gerade Futter. Das war etwas für die Kinder, denn das kannten sie nicht. Dann wurde uns unser Zimmer gezeigt, wohin wir unser Gepäck brachten. Es lag zur Straße, hatte zwei Fenster, wunderschön! Mittlerweile war Mittagszeit und wir wurden zum Essen eingeladen. Es war eine richtige Tafel. Die Lehrlinge aßen mit am Tisch, Opa und die Töchter Ilse und Lisa und wir. Soviel Menschenfreundlichkeit hatten wir nicht erwartet, so aufgenommen zu werden, ich konnte es kaum fassen!

Nun zum Essen! "Wie im Frieden!!!" Suppe, Hauptgericht, Gemüse und Nachtisch! Als Nachtisch gab es Karamel-Pudding, natürlich mit vielen Eiern hergestellt. Fantastisch! Frau Appelt wollte Monika Pudding auftun, worauf sie ganz erschrocken sagte: "Nein, 'Schweinepudding' esse ich nicht!" Alles lachte, aber sie blieb dabei, denn was die Schweine zu fressen bekamen, sah genauso aus, meinte sie. Das war mir natürlich sehr peinlich! Herr Appelt zeigte meinem Mann, wohin wir in den Wald gehen würden, wenn der Feind anrückte. Aber es kam ganz anders, er kam von der anderen Seite! Zietemanns hatten ihr Quartier nur ein paar Häuser weiter von uns entfernt, aber die Wirtsleute waren nicht so nett! Sie kamen des öfteren abends zu uns, wo wir alle beisammensaßen, bei einer Petroleumlampe. Der Strom war immer öfter abgeschaltet worden. Jeder erzählte von seinen Erlebnissen, für die "Gartower" ja interessant, denn bisher war ja dort nicht viel passiert! Es kamen noch mehr Flüchtlinge! Frau Zietemann übernahm die Verteilung der Zimmer, was ihr Spaß machte, nicht unnützlich zu sein, und wurde bald ganz beliebt in Gartow, weil sie den Bürgern die Arbeit abnahm. Sie sorgte für alle, bloß nicht für sich selbst. Mit ihren Wirtsleuten hatte sie sich arrangiert! - Es kamen viele Soldaten durch Gartow, die von dort aus über die Elbe wollten. Das Gasthaus Krüger hatte einen großen Saal, dort übernachteten sie, um bei Tagesanbruch weiterzuziehen. Eines abends stand ich vor der Tür, als wieder eine Gruppe ankam. Plötzlich rief einer, er war der 1. Offizier, Irmchen, wie kommst du denn hierher?! Es war ein Freund meines Mannes Hostmar Brunn. Seine Frau, unsere anderen Freunde Mohr und Walter Starke, haben jedes Jahr Sylvester zusammen gefeiert, meistens bei uns. Die Kinder wurden mitgebracht. Natürlich war ich genauso erstaunt wie er! Sie mußten am nächsten Morgen über die Elbe! So ein Wahnsinn, dem Russen entgegen! -

Eines Abends hatte Hitler im Radio einen Aufruf erlassen: "Gartow ist der letzte Ort vor der Elbe, der um jeden Preis gehalten werden müßte!" Der Amerikaner dachte, wer weiß, was in Gartow los war, und kam erstmal nicht! Im Schützenhaus, das etwas außerhalb am Wald lag, hatte eine Hamburger Spirituosenfirma ihre Waren ausgelagert. Eines Tages hieß es, die Leute sollen sich die Spirituosen holen, dass sie nicht dem Amerikaner in die Hände fielen. Viele fuhren mit kleinen Wagen, die damals fast jeder hatte, und holten sich soviel wie möglich. Als Herr Appelt kam, sagte er, ich solle auch losfahren. Ich wollte erst gar nicht, was ich damit soll? Zum "Tauschen" sagte er! Also fuhr ich los. Die besten Sachen, wie Cherry, waren schon weg, es gab nur noch "Genever", war egal, ich wollte ihn ja nicht trinken!

Abends probierten wir Appelts Cherry und eine Mitbewohnerin hatte auch Cherry. Frau Törber, sie bewohnte mit ihren vier Kindern das Obergeschoß. Wir kamen alle ein bißchen in Stimmung, was uns mal ganz gut tat. Das "gute Naß" wurde im Garten vergraben, denn es sollte ja niemand finden. Die Situation spitzte sich immer mehr zu. Ich hatte blau-weiß karierten Stoff von Berlin mitgebracht und nähte daraus einen Rucksack. Ein Lehrling von Appelts machte mir Gurte daran. Wir wußten, dass es eines Tages soweit war, Gartow zu verlassen. Der Rucksack war gepackt mit allem, was die Kinder brauchten. Wir hatten Kekse gebacken, alles kam hinein. Mein Abendkleid, blauer Taft, mit Spitzenjäckchen, war auch drin, welches ich aber wieder raus nahm! Die Molkerei arbeitete schon nicht mehr, wo die Bauern ihre Milch ablieferten, wofür sie Geld und Butter und Buttermilch bekamen. Die Zeit verging, bis zum 15.4.1945. Es war ein Sonntag! Die Kinder spielten im Garten mit Lisa und Ilse, die Töchter von Appelts. Ich war gerade dabei, mir Strümpfe anzuziehen, die ich vorher gestopft hatte, als Alarm gegeben wurde.

Im Garten hatten Anwohner auf dem Nebengrundstück einen Unterstand gebaut, für eventuellen Beschuß. Im Nebenhaus wohnte die Familie Ponanzki, der seinen "Schnaps" gerne selbst trank. Der wäre uns beinahe zum Verhängnis geworden. Er randalierte als er den Panzerwagen sah. Am Ende des Gartens verlief eine Chaussee, wo die Amerikaner entlangfuhren. Ilse und Lisa hatten die Kinder in den Unterstand gebracht. Frau Appelt und ich mußten über den Zaun klettern, ich mit einem Strumpf, den anderen in der Hand. Damals gab es noch keine Strumpfhosen. Wir hatten unsere liebe Not, dass der angesäuselte Ponanzki in dem Unterstand blieb. Die Amis fuhren um den Ort auf die Hauptstraße. Fräulein Delius, Tochter eines Eisenwarengeschäftes, war neugierig, guckte von der 1. Etage raus, uns gegenüber und wurde erschossen! Das erste Opfer! Die Amis gaben nur eine Stipp-Visite, um zu erkunden, was sie in Gartow erwartet.

Als sie weg waren, kam der Ausrufer, Herr Mahnke, per Rad mit einer Klingel (Bekanntmachung) und forderte sämtliche Mütter mit Kindern auf, unverzüglich den Ort zu verlassen und in den Wald zu gehen. Die Männer, Herr Appelt und andere, waren zum Volkssturm eingezogen und waren zur Zeit nicht anwesend. Frau Appelt wußte wohin wir gehen sollten. Ich hatte keinen Kinderwagen (der stand in Waldenburg). Burkhard lief schlecht, da borgte mir Frau Törber, deren Kinder größer waren, ihren, der hatte aber keine Gummis mehr um die Räder, das war was! Ich blieb im Sand oft stecken, aber wir schafften es dann schließlich. Es waren viele Mütter mit Kindern. Ilse, 20 Jahre alt, hatte einen Spaten mitgenommen. Wir waren mitten im Wald, wo wir uns niederließen. Alle in einem Gebiet.

Ilse fing an, uns eine Unterkunft zu schaufeln. Sie machte es sehr gut. Eine Bank zauberte sie aus der Erde, dass wir sitzen konnten. Als wir eine Weile dort saßen, Lisa, 17-jährig, weinte, wir saßen dicht gedrängt, die Kinder auf dem Schoß, fing Lisa plötzlich an zu lachen. Wir bekamen einen Schrecken, denn nun dachten wir, was hat sie bloß. Da zieht sie die Hand aus der Tasche, vollkommen mit Butter beschmiert. Sie hatte, ehe wir zu Hause fortgingen, ein Stück Butter liegen sehen und es in die Tasche gesteckt. Als sie im Bunker (so nannten wir unseren Unterstand) ihr Taschentuch aus der Tasche ziehen wollte, war die Butter von der Wärme, wir saßen ja dicht beieinander, aufgeweicht. Natürlich lachten wir alle, trotz unserer Misere. -

Inzwischen war Herr Appelt, der uns ganz woanders suchte, mit Onkel Christoph eingetroffen. Sie hatten den "Volkssturm", wozu sie als ältere Männer eingezogen wurden, aufgelöst. Onkel Christoph war der Schwager von Herrn Appelt. Da der Ami von der ganz anderen Seite kam, suchten sie uns. Die Männer schaufelten einen großen Bunker, wo wir alle Platz hatten... Frau Törber mit ihren Kindern und ich mit meinen Kindern. Über den Bunker legten wir Tannenzweige, dass wir vor Regen etwas geschützt waren, dazwischen taten wir Moos und Sand um abzudecken. Der "große Bunker" erwies sich aber auch nicht als das "Gelbe vom Ei", und so bauten sie den ersten kleinen Bunker für uns aus. Da lag ich in der Mitte, rechts und links je ein Kind. Ganz eng war es. Aber es war so besser, wir hatten nachts mehr Ruhe. Vormittags gingen Frau Appelt und ich in den Ort, um Dosen und Weckgläser zu holen, dass wir was zu essen hatten. Lisa und Ilse blieben bei den Kindern. Durch die Schweinehalterei hatten Appelts den Vorrat. Ohne sie wären wir verhungert!

Am Eingang des Ortes standen zwei deutsche Soldaten, davor hatten wir mehr Angst, sie hatten Gewehr im Anschlag, als vor dem Feind! Als wir zu Hause ankamen, erfuhren wir von anderen, dass der Kaufmann Zucker abgab, ohne Marken! Wir hin! Wir mußten uns anstellen. Plötzlich: Tack, tack, tack, fielen Schüsse von Tieffliegern. Wir in den nächsten Toreingang. Als wir den Zucker hatten, schnell nach Hause, da kamen erneut Tiefflieger. Frau Appelt war in der Küche, ich in der Waschküche, wohin wir den Zucker brachten. Als sie verschwunden waren, traten wir den Weg in den Wald an. Zum Teil von Tieffliegern überrascht, legten wir uns flach in den Graben. Dann schnell in den Wald. Dort angekommen, wurde auf Spiritus Mittag gekocht. Wenn die Tiefflieger kamen, die mittlerweile mitgekriegt hatten, dass sich Menschen dort aufhielten, mußten wir das Feuer ausmachen, denn man konnte von oben den Rauch sehen.

Die Männer mußten oft von der Feuerwehr in den Ort, weil Flieger die Häuser in Brand geschossen hatten.
Eines Tages gingen Frau Appelt und ich zu einem Bauernhof (Taege hieß der Bauer). Er hatte uns gesagt, dass wir uns aus dem Keller Kartoffeln und Wasser holen könnten. Sein Hof war der letzte vom Ort, direkt am Wald. Wir hatten jeder einen Eimer Wasser und trugen gemeinsam einen Korb voll Kartoffeln. Als wir auf den Weg traten, hörten wir ein Geräusch! Ein Panzerspähwagen stand an der Hauptstraße. Ich sagte: "Frau Appelt, bitte nicht umfallen!" Denn als ich mir beim Holzhacken beinahe den Finger abgehackt hatte, fiel sie fast in Ohnmacht. Sie konnte kein Blut sehen und die Aufregung war's! Wir blieben stehen, das war das Beste, was wir tun konnten. Frau Appelt war ganz blaß geworden! Es waren zwei Mann. Langsam rollte er heran. Wir hoben die Hände! Einer stieg aus. Ich suchte meine "Englisch-Brocken", die von der Schule übrig waren, zusammen und erzählte, dass wir den Ort wegen Beschuß mit den Kindern verlassen hatten und im Wald leben. Vom Bauernhof hatten wir, was sie ja sahen, Wasser und Kartoffeln geholt. Sie fragten, ob im Wald Soldaten waren – ich sagte nein, nur Mütter mit Kindern und ältere Männer. Mir war dabei nicht ganz wohl zu Mute, denn hin und wieder kamen Soldaten, die sich von der Truppe abgesetzt hatten, vorbei. Wir gingen voran, sie fuhren langsam, im gewissen Abstand hinter uns her. Es war ein Weg, ca. eine Viertelstunde. Als wir angekommen waren, ging ich zuerst zu meinem Bunker, sagte, sie sollten rauskommen. Die anderen Mütter sahen die Amis. Nun gingen sie mit mir in jeden Bunker, bestaunten, was wir da gezaubert hatten und sahen, dass kein Soldat da war. Dann zogen sie aus ihren Taschen Schokolade, Kaugummi und Kekse und verteilten sie und zogen von dannen. Ich war froh!

Wir waren acht Tage im Wald, immer angezogen, wir konnten uns nicht ausziehen. Mantel und Stiefel, es war teilweise sehr frisch. Von weitem hörten wir das Schießen. Es wurde immer schlimmer und kam näher. Keiner konnte mehr schlafen. Herr Appelt und Onkel Christoph standen draußen und sagten: "Wenn wir diese Nacht lebend überstehen, haben wir Glück gehabt!" -Ich ging raus, sie waren erstaunt, dass ich das gehört hatte. Sie sagten, ich sollte zurück in den Bunker. Die Russen schossen von der Elbe rüber zu uns, die Amis von unserer Seite. Es war "Trommelfeuer", ganz schrecklich! In unserem Waldstück wurde eine Mutter verletzt! Gegen Morgen wurde es ruhig.
Plötzlich stand der amerikanische Kommandant mit seiner Crew vor uns und konnte es kaum fassen, dass wir noch dort waren. Alle anderen Waldstücke, in denen Mütter waren, hatte man in Orte gebracht, die vom Amerikaner eingenommen waren; uns hatte man vergessen! Er wollte Lastwagen schicken, die uns abtransportieren sollten. Herr Appelt aber war schneller! Er besorgte uns einen Wagen und wir fuhren alle nach Nemitz. Dort wimmelte es von USA-Soldaten, viele Schwarze.
Herr Appelt kannte den Bürgermeister und er kam mit seiner Familie in der Scheune unter, die auch schon voll war mit Flüchtlingen. Wir anderen wurden auf Häuser verteilt. Ich kam zu einer Familie Wilkens. Es war kaum zu fassen, wir drei hatten ein Bett! Wenn es zu "dritt" auch eng war, aber es war ein Bett! Die Familie Wilkens bestand aus Oma und Opa, Tochter und zwei Kindern. Sie waren im Umgang ganz nett, aber ich mußte uns selbst beköstigen. Woher nehmen?! Es waren keine Bauern. Es gab, wie üblich beim Bauern einen großen Herd, sie kochten für sich, wenn ich nicht da war. Ich mußte Reisig suchen und selbst Feuer machen, denn sie ließen den Ofen ausgehen. Dort waren wir 14 Tage, denn nach Gartow konnten wir noch nicht, das wurde noch umkämpft. Da ich den Schmuck meiner Mutter bei mir hatte, suchte ich mir einen großen "Bauern" und tauschte einen wertvollen Ring für Lebensmittel ein. Ehe die Amis kamen, legte ein Schiff, was Mondamine geladen hatte, in Gorleben/Elbe an und die umliegenden Dörfer profitierten davon. Die Bäuerin gab mehrere Pakete Mondamine, Speck, Wurst und Fleisch, Nährmittel und ein paar Eier. Als ich bei Wilkens damit erschien, staunten sie nicht schlecht und sagten: "Wo ist ihr schöner Ring, dafür hätten wir ihnen auch etwas zu essen gegeben."

Am nächsten Tag riefen die Amis auf, wir könnten uns im nächsten Dorf Brot holen. Der Bäcker dort hatte die Genehmigung zum Backen. Frau Törber mit ihren vier Kindern und ich mit meinen zweien durften, wie die anderen auch, den Ort verlassen. Das war sonst nicht gestattet, niemand durfte ohne Genehmigung weggehen, denn am Anfang und Ende des Dorfes standen amerikanische Soldaten. Zwei "Riesen" von Amis standen dort, als wir ankamen. Sie fragten mich, ob das alles meine Kinder wären, lachten aber dabei, ich sagte, zwei davon sind meine, sie ließen uns gehen. -

Als wir zurückkamen, waren sie sehr freundlich. Wir waren sehr reserviert, denn man hörte so einiges, z. B. in der Scheune, wo Appelts waren, kamen des Nachts Amerikaner und wollten die jungen Mädchen und Frauen vergewaltigen. Herr Appelt hat sie in die Flucht geschlagen und gesagt, er würde es dem Kommandanten melden, was er auch am nächsten Tag getan hat. Es kam nie wieder vor.

Das Haus, in dem wir wohnten, war das letzte, direkt am Wald, und so ging ich mit Monika, Burkhard ließ ich bei den Kindern im Haus, um Reisig zu suchen. Das sahen die Amis, denn sie hielten Wache an der Straße. Da kam der "baumlange Kerl" auf uns zu und fragte sehr freundlich, was wir da suchten. Ich erzählte ihm, dass ich Essen kochen muß und dazu das Reisig brauche. Da fragte er, woher wir kommen und ich sagte ihm: aus Berlin. Er nahm mir den Korb aus der Hand und sagte: "Das ist keine Arbeit für eine Berlinerin!" Ich wunderte mich, dass er den Ausdruck kannte. Trotzdem ich mir wie eine "Vandalin" vorkam nach unserem "Waldabenteuer". Ich wollte mit dem vollen Korb losziehen, aber er brachte ihn bis zum Haus. Das wollte ich vermeiden, weil ich Angst hatte, dass er wußte, wo ich wohnte und womöglich abends kam. Am nächsten Tag dasselbe in "Grün", wie der Berliner sagt. Da sprach er einige Sätze in deutsch und erzählte mir, dass er eine deutsche Mutter hat. Seine Frau hatte schwer Asthma und ist bei einem Anfall gestorben. Seine Eltern haben eine "große Kaffeeplantage" mit vielen Bediensteten. Seine Frau brauchte nichts tun! Sie haben zwei Kinder im Alter wie meine. Das Personal war hauptsächlich "schwarz"! Er sagte, dass er am Abend käme und Bilder mitbringe. Ich brauchte keine Angst zu haben, er legt keinen Wert, den Abend mit seinen Soldaten zu verbringen. Ihn interessiert unser Leben.

Ich erzählte Familie Wilkens davon und bat sie, am Tisch sitzen zu bleiben, bis er ging. Der Abend kam und es wurde sehr interessant! Er brachte einen Kameraden mit und beide hatten erstmal für die Kinder Schokolade und Kaugummi, aber auch für Familie Wilkens und für mich Kaffee und Tee. Der Opa bot ihnen sogar ein Glas Wein und Mineralwasser an, ich war ganz erstaunt. Er zeigte seine Bilder, wir waren sehr beeindruckt. Seine verstorbene Frau war ein zartes Persönchen, auch seine Mutter war gertenschlank. Er gab mir seine Adresse in Amerika, ich sollte mich bei ihm melden, wenn der Krieg zu Ende ist, denn seine Mutter hatte ihm gesagt, er solle sich eine deutsche Frau suchen und ich wäre ihm beim ersten Treffen aufgefallen und ihm sehr sympathisch! Ich sagte, dass ich verheiratet bin und auf meinen Mann warte, welcher kein Soldat ist, sondern mit seiner Dienststelle in Österreich als Zivilist. Er meinte, wenn er wiederkommt! Das denke ich schon, war meine Meinung. Jedenfalls war es ein netter Abend in unserem "trüben Dasein"!
Am nächsten Tag kam neue Besatzung, er mußte weiterziehen.

Burkhard bekam Ausschlag am Körper und es juckte sehr. Ich ging zur Gemeindeschwester, Arzt gab es nicht, sie wußte aber nichts damit anzufangen und riet mir, zum Kommandanten zu gehen. Sie hätten vielleicht einen Arzt in ihrer Truppe. Er hatte das nicht verkraftet, eine Woche nicht ausgezogen zu sein! Also ging ich zum Kommandanten mit Burkhard und begann in Englisch zu sprechen, er sagte: "Sie können ruhig deutsch mit mir reden. Ich bin in Berlin geboren und aufgewachsen und habe in Charlottenburg eine Arztpraxis gehabt, da ich Jude bin, habe ich mich beizeiten abgesetzt nach Amerika." Er guckte sich das an und sagte, dass es evtl. an der Ernährung läge, er sollte viel Eier essen. Ich sagte, die wären für seine Soldaten da. Die Amis aßen nämlich gerne Eier! Ich ging zu der Bäuerin, die meinen Ring bekommen hatte, sie sagte mir, dass ich nochmal einiges abholen könnte, auch Eier.

Herrn Appelts Mutter war auch mit uns, erst im Wald, dann in Nemitz in der Scheune, dort wurde sie krank und starb. Herr Appelt konnte sie nicht in Gartow begraben, weil es "Niemandsland" war. Einen Sarg gab es auch nicht, so wurde provisorisch etwas gezimmert, und sie wurde in Trebel begraben. Später ist sie dann nach Gartow überführt worden. -

Außer den Ringen, die ich trug, hatte ich den wertvollen Schmuck meiner Mutter und auch von mir eingenäht in meinen Strumpfhalter-Gürtel, damit man ihn nicht findet. Es gab ja noch keine Strumpfhosen. Ehe wir in den Wald gingen, hatte ein Lehrling die Idee, dass ich mein Silber (kl. Truhe), womit sich mein Mann abgeschleppt hatte, in Handtücher eingewickelt ins Sofa stecken sollte. Wir dachten es war sicher. Einiges haben die Amis gefunden, aber ein Teil war gerettet.

Wehrmacht! Eines Tages hieß es: "Gartow ist von den Amerikanern eingenommen" und wir sollten zurückkommen. Herr Appelt arrangierte Pferd und Wagen und alle gingen zurück. Als wir dort ankamen, gab es so manche Überraschung. Mein Zimmer, was zur Straße raus lag, war der "Store" von den Amerikanern! Sie mußten wohl ganz überraschend abkommandiert worden sein, denn auf meinem Tisch lag ein fertig gebratener Braten, viele Gläser und Getränke und anderes. Mehrere Stühle, die dort nicht hingehörten, und anderes, auch eine Musik-Box. Gegenüber meiner Eingangstür war der Schuhladen. Auf dem Ladentisch lag alles Mögliche und mein schönes blaues Abendkleid, es hatte einen ganz weiten Rock, der aufgeschlitzt worden war. Die Betten standen noch im Zimmer, aber meine schönen "Daunendecken", die ich aus Berlin mitgebracht hatte, waren weg.
Es kam ein Aufruf vom Bürgermeisteramt, dass das, was einem nicht gehörte, abgegeben werden sollte. Jeder dachte, dass man die abhanden gekommenen Sachen evtl. wiederbekam. Dem war aber nicht so, denn während unserer Abwesenheit wurde im Ort geplündert. – Frau Appelt war so nett und gab uns Betten. Sie hatten ihr Schlafzimmer nach hinten zum Hof, dort kam nicht soviel weg. Im Nebenhaus war früher ein Krankenhaus, die Räume wurden natürlich auch belegt von größeren Familien. Unter anderem richtete man dort eine Küche ein. Eine Einwohnerin kochte für die Flüchtlinge und wir konnten mittags das Essen holen. Es war sehr human gedacht, aber das "Wahre" war es nicht! Als Frau Appelt sah, was es gab, sagte sie: "Schluß damit." Im Hof gab es mehrere kleine Räume als Abstellkammern, so bekam ich einen als Küche. Provisorisch richtete Herr Appelt eine Kochstelle ein. So konnte ich selbst kochen. Dadurch, dass Appelts Kühe hatten, bekam ich täglich Milch und konnte sie immer aufstellen für Quark. Es gab viel Quark-Speise, gesund für alle!

Am 8.5.45 wurde bekanntgegeben: "Der Krieg ist aus!" Alles atmete auf. Wir hatten amerikanische Besatzung, die waren im Gartower Schloß untergebracht. 3 km von Gartow ist Nienwalde, dann kam Niemandsland, ca. 5 km. Bömenzien hieß das nächst Dorf, dort war der Russe. Das war unsere große Angst! Eines Sonntags kamen sie! Drei Häuser von uns entfernt war ein Optiker und ein Geschenkartikel-Laden. Dort holten sie aus dem 1. Stock das Klavier auf die Straße, spielten und tanzten "Krakowiak!" Das Spektakel dauerte Gott sei Dank nicht lange, man hatte den amerikanischen Kommandanten benachrichtigt, und sie rückten ab, mit der Auflage "nie wieder so einen Spuk zu veranstalten"! Es lief alles seinen Gang. Burkhard hatte noch mit dem Ausschlag zu tun. Dr. Herbst, der inzwischen von Berlin in seinen Heimatort gekommen war, praktizierte wieder. Er konnte Burkhard auch nicht helfen. Eine Bekannte riet mir, zu einer Frau zu gehen, der man besondere Kräfte nachsagte. Eine Sitzung und der Ausschlag verschwand! Ich hatte es in den Beinen, konnte kaum gehen – Folgen von unserem "Zigeunerleben"! Aber Radfahren konnte ich. Eines Nachts klopfte es an mein Fenster. Es war ein ehemaliger Kommunist! Er war jetzt ein Mann, der etwas zu sagen hatte. Er rief: "Machen sie mal auf Frau Schlegel, ich will Willy Appelt holen." Ich schlich mich nach hinten, um Herrn Appelt zu warnen. Er wollte aber nicht verschwinden, hatte sich ja nichts zu Schulden kommen lassen. Ich bin noch zu den Lehrlingen, wollte, dass sie ihrem Meister beistehen. Der eine sagte: "Nö, ick nich!" Der andere: "nee loh'n se unß doch to hus, unse Modder hat nur einen Sohn, dat bin ick! Nehm'se doch n'annern, de häm mehr Kinner!" Herr Appelt ging mit dem Mann mit und saß eine Nacht im Keller vom Schloß. Man konnte ihm nichts anhaben, wollte ihm schaden!

In Gorleben hatten die Amis ein Gefangenen-Lager von deutschen Soldaten eingerichtet. Man konnte hinfahren. Es war eine Liste ausgelegt mit Namen. Eine Bekannte kam und erzählte, sie hätte einen "Wolf Schlegel" gelesen. Ilse Appelt begleitete mich. Wir fuhren mit Rädern dorthin, natürlich mit "Freßsachen"! Wolf Schlegel wurde aufgerufen, aber es war ein ganz anderer. Er bekam vom "Mitgebrachten" etwas ab. Es war ein Riesenlager im Freien. Plötzlich ruft einer: "Irmchen, was machst du denn hier?" Es war ein Spielgefährte, als wir Kinder waren, aus Berlin. Paul Leßmann, unverkennbar. Er bekam den Rest vom Mitgebrachten.

Als wir nach Hause kamen, sagte Herr Appelt: "Wo bleibt ihr denn, da wartet einer, der ihren Mann gesprochen hat." Ich ging nach hinten, es war mein Mann! Er war "zu Fuß" von Österreich nach Gartow gekommen. Weil er kein Soldat war, sich sehr gut englisch verständigen konnte, bekam er von den Amerikanern Bescheinigungen und konnte überall ungehindert seinen Weg fortsetzen. Die Überraschung war gelungen, die Freude groß!

Es sprach sich schnell herum, dass Wolfgang sehr gut englisch sprach. So holte ihn der Bürgermeister, um mit den Besatzern zu verhandeln. Die Amerikaner wurden von den Engländern abgelöst, denn wir wurden "englische Zone"! Bei Verhandlungen holte ihn der Bürgermeister, so lernte er viele Engländer kennen, zu denen wir auch privat Kontakt hatten! -

Herr Appelt hatte uns ein kleines Stück Garten gegeben, wo wir Tomaten und einiges an Gemüse anpflanzen konnten, das bereicherte unseren Speiseplan. Auch die Engländer freuten sich, mal etwas "Frisches" zu bekommen. Wir bekamen von ihnen ja auch vieles, was wir nicht hatten, wenn sie bei uns zu Gast waren. So entstanden Freundschaften, mit denen wir noch einige Zeit Verbindung hatten! - Jede Woche einmal kam eine tolle Band aus England. "Truppenbetreuung" nannte man das. Es wurden dann Tanzabende veranstaltet, wozu viele Gartower Geschäftsleute und auch wir eingeladen waren, natürlich auch die Jugend. Mein Mann, "tanzfaul" wie er war, tanzte mit mir den "ersten" und letzten Tanz, dazwischen tanzte ich mit Engländern "English Walce", toll! Es gab ein "Tanzturnier" und Bert, mit dem ich oft tanzte, fragte meinen Mann, ob er gestattet, dass ich mit ihm das Turnier tanzen darf. Er gab seinen Segen! Wir machten den "ersten Platz"! Es lohnte sich! -

Herr Appelt hatte viele Beziehungen und schaffte es, dass mein Mann eine Stelle als Milchkontrolleur bekam. Das kam uns sehr zugute, denn es gab, nebenbei, von den Bauern "Naturalien"! Abends gab Wolfgang Englischunterricht für die Lehrlinge und auch die Familienmitglieder machten mit. Sonnabends war "Skatabend" bei Appelts mit Königs und Herrn und Frau Müller und deren Eltern. Die alte Frau Müller saß immer bei den Männern und wollte mitreden. Er sagte dann: "Anna, hol' din Sappel! denne war sie ruhig! Wir Frauen hatten auch unseren Spaß. So verging die Zeit, es gab keine Post, wir wußten nichts von Berlin. Als der erste Transport, von den Engländern arrangiert, nach Berlin ging, meldete sich mein Mann. Wir blieben in Gartow, bis wir wußten, ob es unsere Wohnung noch gab und ob Großa und meine Schwiegereltern den Krieg überlebt hatten. Aber "Gott sei Dank" waren alle wohlauf. Meine Großmutter hatte Glück. In unserer Wohnung war ein "russischer Kommandant", sein Bursche machte alle Arbeit. Großa kochte für ihn und dadurch ging es ihr auch gut. Die Deutschen aber, als die Russen abzogen, plünderten. Es kam amerikanische Besatzung nach Berlin. Ich kam auf die Idee einen Zettelkasten anzubringen: "Tausche Schuhe Gr. 2 gegen Unterrock!" oder ähnliches. 1 Woche kostete 1,- RM. Somit verdiente ich etwas, man war ja so bescheiden geworden. Es florierte, Herr Appelt hatte mir dazu verholfen, neben der Haustür den Kasten anzubringen. Sogar die Engländer kamen. Der Kommandant ließ fragen, ob der Shoemaker auch anfertigen kann. Er brachte hellbraunes, feines Leder, und er fertigte für die Frau des Kommandanten Schuhe an. Herr Appelt machte tolle Pumps daraus. Es war aber soviel Leder, dass für Ilse, Lisa und mich (ich hatte weißes Leinen in meinem Rucksack) damit kombiniert, für jeden ein Paar Pumps abfielen! Decken konnten wir uns vom Amerikaner holen, die wurden eingefärbt und in Schnackenburg gab es eine Mantelnäherin, so hatte ich einen schönen braunen Wintermantel. Außerdem konnten wir Fallschirmseide bekommen. Die wurde auch gefärbt und es gab ganz schicke Röcke. Ich nähte sie.

Monika war sechs Jahre alt und wurde eingeschult. Neben uns, früher Krankenhaus, war die Schule. Die Schule war aus, der Lehrer klopfte an mein Fenster und sagte: "Ihre Tochter kommt mal durchs Leben!" Sie sollte etwas an die Tafel schreiben, sah sich die Kreide an und sagte: "Herr Herrmann, mit der Kreide nicht, die ist mir zu rund!" Nach und nach kam die Post wieder in Gang und mein Mann teilte mir mit, dass wir, wenn wieder ein Transport geht, nach Hause kommen können. Ilse Appelt hatte sich mit Werner Sehl angefreundet, er hatte sich nach Gartow entlassen, weil er dort Verwandte hatte. Seine Mutter lebte in Potsdam, da konnte er nicht hin, weil dort der Russe war. Abends saßen wir alle beieinander, oft auch Zietemanns, und gab es immer etwas Neues. So langsam normalisierte sich das Leben, die Engländer zogen ab. Jeder Ort hatte seine eigene Verwaltung. Ein zweiter Transport wurde angeboten für die Flüchtlinge, zwecks Rückführung nach Berlin. Wer wollte, konnte bleiben! Ich zog es vor, nach Berlin zurück zu gehen, denn unsere Wohnung gab es ja noch und mein Mann und meine Großa waren dort. Die Alliierten hatten die Rückführung in die Wege geleitet und mußten wir durch die "russische Zone!"
Wir waren mehrere Tage unterwegs, übernachteten in Lagern, mit den Kindern nicht leicht. Wir wurden "entlaust", obwohl wir keine Läuse hatten. Es wurde niemand ausgeschlossen. Die Angst vor den Russen lag uns im Nacken! In Scheunen übernachteten wir. Da fragte mich ein ehemaliger Soldat, der das aber nicht angab, ob wir nicht als Familie auftreten wollten, das wäre für beide Teile vorteilhafter, ich wäre nicht ohne Schutz. Das war mein Glück, denn die Russen suchten sich alleinstehende Frauen, für die Nacht! So kamen wir wohlbehalten bis Berlin, und der Mann brachte uns sogar nach Hause! -

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Wer heutzutage nach bestimmten Dingen sucht, die nicht unbedingt im nächsten Geschäft erhältlich sind, bekommt häufig die Antwort: „Dann schau doch mal bei ebay nach.“ Was sich dahinter verbirgt und wie das Verkaufen im Netz funktioniert, erläutert das neue SOL-Merkblatt „Verkaufen bei ebay“.

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Chatter

18.00 Uhr

Im Chat kann man auch vernünftige Gespräche führen! Glauben Sie nicht?

Dann überzeugen Sie sich doch selbst!

Jeden Abend ab 18.00 Uhr können Sie engagierte Chatterinnen und Chatter in der SOL-Plauderecke treffen.

Also! Wir "sehen" uns im Chat__!!

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