Biografie
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| Der Autor ist ein Teilnehmer des Biografie-Projekts "Das ist mein Leben" der GGT. | |||||||||
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Die Mutter im Bonner Hofgarten (Das Grab in Kassel) Kurz bevor ich nach Kassel fuhr, besuchte ich die alte Dame nochmals im Krankenhaus. Sie wusste, dass es keine Genesung gab, aber sie wollte es nicht wahr haben. Als Widmung hatte sie mir in ihr Buch “Dennoch, Jugend- und Kriegsjahre in Bonn“ geschrieben: “Die Hauptsache im Leben ist leben“. Ich begrüßte sie. Sie war sehr gefasst und freute sich über meinen Besuch. “Ich fahre übermorgen nach Kassel“, sagte ich. “Dann werde ich das Grab Ihrer Mutter und Ihrer Schwester aufsuchen. Wo sind sie in Kassel begraben?“ Sie liegen auf dem Ehrenfriedhof Wilhelmshöhe“, sagte Frau D. “Waren Sie schon mal da?“ wollte ich wissen. “Nein“, entgegnete sie kurz und ich fragte nicht weiter. Dem Namen nach kannte ich Kläre R. von früher, weil sie politisch aktiv war. Kennen gelernt hatte ich sie allerdings erst vor drei Jahren, als sie mir ein Interview über die damalige Zeit gab. Sie hatte sehr viel zu berichten und ich auch. So konnten wir vieles gemeinsam für die Chronik der Stadt Bonn aufschreiben. “Ach“, sagte Frau D, “es liegt jetzt alles so klar vor mir und es kommt mir vor, als wäre es erst gestern gewesen. Das waren doch nur zwölf Jahre und wie schnell sind zwölf Jahre vorbei“. Ich dachte: ‘Zwölf Jahre dauerte das tausendjährige Reich. Und was ist da alles passiert?‘ Frau D konnte mich nicht sehen, weil sie seit drei Jahren erblindet war. Sie schrieb nicht mehr. Dennoch war ihr Lebenswille ungebrochen. Den Psalm 73, Abs. 23 “Dennoch bleibe ich stets an Dir“ hatte sie zum Leitmotiv ihres Lebens und DENNOCH zum Titel ihres Buches, das leider vergriffen ist, gemacht. Trotz der großen Nachfrage wird ihr Buch nicht wieder aufgelegt. Ihre Geschichte kannte ich, aber sie ließ mich nicht los. Sie erzählte mir noch einmal: “Mein Vater verstarb kurz vor dem Krieg. Da ist ihm sehr viel Leid erspart geblieben. Meine beiden Brüder Karl und Wilhelm sind in Russland vermisst und mein Verlobter Karl Kretzer aus Neheim-Hüsten war gefallen. Zum damaligen Zeitpunkt arbeitete meine Schwester Luise in Kassel bei einer Behörde. Mutter, meine Schwester Wilhelmine, genannt Mine, und ich waren noch zu Hause in Bonn in der Rießstraße. Nach dem 18. Oktober 1944, dem schweren Fliegerangriff auf Bonn, haben wir unsere Mutter dazu überredet, zu Luise nach Kassel zu fahren, die in einem abgelegenen Haus wohnte“. Schon wieder schoss mir der Gedanke durch den Kopf, wie unüberlegt es doch war, die Mutter nach Kassel in Sicherheit zu bringen, wo doch Kassel zum damaligen Zeitpunkt verlustreichere Terrorangriffe erlitten hatte als Bonn. Aber was macht man nicht alles, um die Mutter zu retten. Man denkt, es sei richtig. Frau D. fuhr fort :“Aber Mutter wollte nicht in Kassel bleiben. Schon nach zwei Wochen schrieb sie uns, dass sie nach Bonn zurückfahren wolle. Ich verabredete mit ihr, dass wir uns in Neheim-Hüsten treffen sollten. Dort besuchte ich die Eltern meines gefallenen Verlobten. Mutter wollte dann, von Kassel kommend, in Neheim-Hüsten sein. Ich wartete drei Tage und zwei Nächte auf Mutters Kommen. Zwischendurch hörte ich im Radio die Meldung: ‘Schwere Fliegerangriffe auf Kassel‘. Ich bekam es mit der Angst zu tun. Aber Mutter konnte doch nichts zustoßen, weil sie mit meiner Schwester in einem abgelegenen Haus wohnte. Als Mutter am dritten Tag noch immer nicht in Neheim-Hüsten war, fuhr ich alleine nach Bonn. Der Zug wurde nach Beuel umgeleitet. Ich musste den schweren Koffer über die Rheinbrücke tragen und dann durch die verdunkelten Straßen weitergehen. Bonn hatte schwer unter dem Tagesangriff vom 18. Oktober 1944 gelitten. Überall sah ich Ruinen. Ich kam bis zum Hofgarten. Die ganze Zeit dachte ich an meine Mutter und stellte mir vor, dass sie schon zu Hause ist mit Mine, meiner Schwester hinter dem Ofen sitzt. Der Mond schien, aber es herrschte ein eigentümliches Licht. Dicke Wolken bedeckten immer wieder den Mond. Wie ich nun halb die große Wiese im Hofgarten überquert habe, sehe ich unter der großen Linde vor dem Akademischen Kunstmuseum meine Mutter stehen in ihrem schwarzen Mantel mit Persianerkragen und ihrem schwarzen Hut. Ich bin gelaufen und habe gerufen: “Mutter, Mutter, wie gut, dass du da bist!“ Sie weinte, aber plötzlich war sie verschwunden. Sie hatte eben noch da gestanden. Ich habe sie doch ganz genau gesehen. Jetzt war sie nicht mehr da und sie kam auch nicht wieder zum Vorschein. Ich lief nach Hause und schellte Sturm. Schwester Wilhelmine machte die Haustüre auf. Sie hatte schwarze Kleidung an. Da wusste ich Bescheid. Am Vormittag war vom Ortsgruppenleiter aus Kassel ein Telegramm angekommen: “Wilhelmine R. tot. Luise R. vermisst“. Ich habe das Telegramm immer wieder gelesen und konnte es nicht begreifen. Die Buchstaben tanzten vor meinen Augen und vor lauter Tränen konnte ich nicht mehr sehen. Meine Schwester Wilhelmine und ich waren als einzige von unserer großen Familie übriggeblieben. Luise war ohne Kopf auf der Treppe gefunden worden. Die Mutter war schon unten im Luftschutzkeller und ist da ums Leben gekommen. Der Fliegerangriff auf Kassel hatte am Mittag stattgefunden. Es war schon Entwarnung gegeben worden. Luise und die Mutter sind vom Bunker, den sie aufgesucht hatten, wieder nach Hause gegangen. Plötzlich kam wieder akuter Fliegeralarm. Nun konnten sie nicht zum Bunker zurücklaufen, und sie machten sich auf den Weg zum Luftschutzkeller des Hauses. Eine einzige Bombe - in der ganzen Gegend ist nur diese einzelne Bombe gefallen - hatte das Haus in der Elsässer Straße voll getroffen. "Ich werde euch sehr vermissen", hatte Mutter auf einen Zettel geschrieben, bevor sie nach Kassel fuhr. Hatte sie nicht früher öfter gesagt, dass man seinem Schicksal nicht entgehen kann... Mich bewegte diese Erzählung immer wieder. Bevor ich ging, stellte ich die mitgebrachten Rosen in ein Glas, das die Schwester der Station mir gab. Frau D. hatte sie in der Hand gehalten. Ich verabschiedete mich und sagte noch im Weggehen: "Ich werde das Grab in Kassel suchen..." Sie winkte mir nach. Wir sollten uns nicht wiedersehen. In Kassel erkundigte ich mich zuerst nach dem Ehrenfriedhof Wilhelmshöhe und musste erfahren, dass es diesen Friedhof überhaupt nicht gibt. Ich rief beim Kasseler Friedhofsamt an. Dort wurde nachgeforscht und man teilte mir mit, dass die beiden Fliegeropfer aus Bonn auf den Friedhof Welheiden liegen. Einige Tage später suchte ich diesen Friedhof auf und fand nach der Beschreibung, die ich erhalten hatte, den Grabstein in einer Reihe mit anderen Grabmalen der durch Bombenabwürfe getöteten Menschen. ´Wilhelmine R. und Luise R.´ konnte ich lesen. Ich stellte eine Grablicht vor den Gedenkstein, wohl wissend, dass niemand zuvor ein Licht oder eine Blume hergebracht hatte. Das Umfeld war sehr gepflegt und vor den einzelnen Steinen blühten Stiefmütterchen. Als ich am Abend dieses Tages Frau D. in Bonn anrufen wollte, teilte man mir mit, dass sie soeben gestorben war. Ich wollte ihr sagen, dass ich das Grab ihrer Mutter und ihrer Schwester auf dem Kasseler Friedhof Welheiden gefunden hatte. |
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Mehr DetailsStand: 09.02.12
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