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Biografie

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Familie
Author:  Bender
Biografie vom:  22.02.2002
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Der Autor ist ein Teilnehmer des Biografie-Projekts "Das ist mein Leben" der GGT.
Wieso war alles so anders als heute,

oder kommt es nur darauf an, was man aus seiner Zeit macht ...

Von der Familie meines Vaters gibt es noch ein Familienbild von der Silber-Hochzeit und dem 50. Geburtstag meiner Großmutter. Es zeigt in der oberen Reihe (von links) Tante Elisabeth, Tante Maria, Onkel Anton und Tante Anna. Sitzend (von links) mein Vater Joseph, Oma Christine und Uroma Barbara, Großvater Jakob und meine Tante Katharina. Es ist erstaunlich festzustellen, wie alt man damals mit 50 Jahren schon aussah. Meine Tanten in der oberen Reihe hatten ihre Haare zu einen  Dutt zusammen gesteckt. Das hatte eine besondere Bewandtnis: alle drei hatten ganz kurze Negerlocken. Den Dutt hat man sich gesteckt um längere Haare vorzutäuschen. Diese kurzen krausen Haare sind nur noch bei Tante Maria wieder aufgetreten. Hier allerdings noch in einer weiteren Generation.

Mein Vater

Nikolaus Bender, geb. am 18. 10. 1884
Meine Großeltern sind nach ihrer Heirat am 22. 05. 1876 nach Roßbrücken – Kreis Forbach/Lothringen – gezogen. Hier hatten sie ein kleines Haus, in dem alle Kinder der Familie geboren wurden.
Mein Vater wurde als fünftes Kind der Eheleute Jakob Bender (geboren am 13. 11. 1848 in Blieskastel) und seiner Ehefrau Christine Bender (geborene Bauer, am 23. 05. 1851 in Blickweiler) in Roßbrücken geboren. Er hat bis Ostern 1898 die Volksschule besucht und bekam an seinem Geburtstag am 18. 10. 1898 eine Hilfsarbeit in der Dachziegelfabrik Leon Constantin Forbach/Lothringen.
Bis zum 11. 08. 1899 blieb Vater bei der Firma Leon Constantin in Forbach. Am 18. 08. 1899 wurde er Kohlenreiniger auf der Schachtanlage St. Wendel in Klein-Rosseln. Seine Freizeit verbrachte er viel in Forbach/Lothringen, wo er auch meine Mutter kennen lernte.

Meine Mutter Maria Clara Schaffrath, geb. am 08. 05. 1888

Sie wurde in Jüchen – Kreis Grevenbroich - als viertes Kind der Eheleute Ferdinand Schaffrath (geb. am 26. 06. 1862) und seiner Ehefrau Caroline Hubertine Schaffrath (geb. Schüller, geb. am 04. 10. 1858) geboren. Schon mit neun Jahren verlor sie ihren Vater durch einen Unfall, mit zehn Jahren ihre Mutter durch Krebs. Nun begann das Tauziehen um die Unterbringung der Kinder. Der Großvater meiner Mutter Peter Johann Schaffrath wurde vom Jugendamt beauftragt, für die Unterbringung der Kinder zu sorgen. Er hatte als Schornsteinfegermeister ein großes Anwesen in Wickrath und hätte alle unterbringen können. Er nahm aber nur die Älteste der Kinder, Tante Josepha, unter verteilte die anderen auf andere Verwandte. So kam Tante Gertrud, genannt Tante Trautchen, zu einer Familie Hirt nach Neuenhoven, eine Verwandtschaft von Großmutters Seite.
Onkel Josef gab er an seinen Bruder Jakob, einen Korbflechter. Meine Mutter blieb also übrig und sollte in einem Waisenhaus untergebracht werden.
Nun meldete sich noch ein weitläufiger Verwandter von Großmutters Seite, der für seine zwei kleinen Kinder noch ein Kindermädchen brauchte. Es war die Familie Phillipin aus Forbach in Lothringen. So wurde meine Mutter, selbst erst zehn Jahre alt, zum Kindermädchen. Sie brauchte aber nicht in ein Waisenhaus. In Forbach/Lothringen musste sie dann noch vier Jahre in die Schule, wo sie dann noch viele Bekannte und weitläufige Verwandte kennen lernte, unter anderen auch Tante Maria, zu der sie eine lebenslange Freundschaft unterhielt. Sie blieb also bis zu ihrer Hochzeit bei der Familie Phillipin im Dienst.
Hier in Forbach/Lothringen lernte meine Mutter auch ihren späteren Mann Josef Bender aus Klein-Rosseln kennen und lieben.

Diese beiden entschlossen sich am 6.10.1910 zu heiraten. Das war der Beginn der Familie Josef und Maria Clara Bender.

Beide bekamen ein Zimmer im Hause der Großeltern Bender, wo auch schon am 16.05.1911 mein ältester Bruder Jakob geboren wurde. Er kam schon krank auf die Welt und ist am 31.08.1911 gestorben. Am 2.08.1912 wurde meine älteste Schwester Maria auch im Hause meiner Großeltern in Großrosseln geboren.

Erst Anfang 1913 bekamen meine Eltern eine Bergmannswohnung in Unter St. Karl in Klein-Rosseln.

Am 04.08.1914 begann der erste Weltkrieg, der nicht nur meinen Eltern viel leid und Elend brachte.

Am 14.11.1914 wurde mein Bruder Hubert geboren. Die Familie beginnt zu wachsen.
Am 02.12.1915 kam mein Vater zur Schachtanlage St. Karl als Hauer unter. Hier wurde er auch in den Betriebsrat gewählt. Am 13.06.1918 wurde mein Bruder Anton geboren.

Dieses Bild zeigt die Familie Bender mit Großvater Jakob und Hund. Meine Schwester Maria ist noch keine drei Jahre und mein Bruder noch kein Jahr alt. Im September 1914 war der erste Weltkrieg zu Ende. Für meine Familie brachte das große Schwierigkeiten und sehr große Veränderungen. Mein Vater musste vor den Franzosen fliehen. Bevor die Franzosen die Schachtanlage St. Karl übernehmen konnten, hatte Vater noch das Lebensmittellager der Kantine und die Kleiderkammer für die Bevölkerung von Klein Rosseln geöffnet. Hierfür musste er vor den Franzosen fliehen. Er schloss sich in Saarbrücken einem Sammeltransport von Bergleuten in das Ruhrgebiet an. Er landete im Oktober 1918 im Ledigenheim der Schachtanlagen Emil-Emscher in der Wildstraße in Essen – Berge – Boebeck.

Nach dem Einleben im Ledigenheim benachrichtigt Vater die Mutter, die dann ihrerseits einen Antrag auf Familienzusammenführung betrieb. Die Franzosen haben daraufhin meine Mutter aus Lothringen ausgewiesen. Sie wurde mit den drei Kindern in einem Militärfahrzeug nach Forbach gebracht, wo sie dann in einem Flüchtlingstransport-Zug nach Straßburg gesetzt wurde. In Straßburg bekamen die Flüchtlinge ihre Ausweisungspapiere und wurden dann von den Franzosen auf die andere Rheinseite nach Kehl am Rhein gebracht. Hier wurden sie vom Deutschen Roten Kreuz übernommen, die von Kehl am Rhein aus Flüchtlingsfahrzeuge in alle Richtungen Deutschlands zusammen stellten. Mutter kam in einen Zug, der in Richtung Ruhrgebiet fuhr. Das alles war für Mutter eine fast unzumutbare Prozedur mit ihrem Reisegepäck und ihren drei Kindern. Man bedenke, Schwester Maria war erst sechs Jahre alt, Bruder Hubert noch keine vier Jahre und Bruder Anton gerade drei Monate alt. Der Flüchtlingszug benötigte ganze drei Tage bis er in Essen-Hauptbahnhof ankam. Insgesamt war Mutter eine ganze Woche mit den Kindern unterwegs. Vom Hauptbahnhof Essen wurde Mutter mit einem Lastwagen von der Schachtanlage Emil-Escher abgeholt. Im Ledigenheim in der Wildstraße gab es dann ein Wiedersehen mit Ehemann Joseph und die Kinder mit ihrem Vater.

Am 13.01. 1919 bekam mein Vater eine Anstellung auf der Schachtanlage Escher, als Hauer. Mit dieser Einstellung hatte er nun auch Anspruch auf eine Wohnung in der Wildstraße. Von den Häusern ist gerade das erste von insgesamt zehn Häusern fertig geworden.
Wir bekamen eine Wohnung in der Nummer 104, in der ersten Etage.

Das Haus war für sechs Familien gebaut und hatte von den Stirnseiten je zwei Eingänge und von der Hofseite nochmals zwei Eingänge. Die Eingänge von der Stirnseite konnten nur über eine fünftreppige Stiege erreicht werden. So hoch ragte der Keller aus der Erde. Die Kellertreppe lag genau hinter der Haustür. Der Keller lag also zehn Treppen nach unten. Jeder Einwohner hatte zwei Keller. Einen Kohlenkeller zur Straßenseite und einen Kartoffelkeller zur Hofseite. Die Waschküche war für die Bewohner der Parterre und der ersten Etage gemeinsam. Hier gab es schon einen beheizbaren Waschkessel und zwei polierte Waschbecken aus Beton, in denen auch das Baden für die Erwachsenen stattfand.

Die kleineren Kinder wurden in einer Zinkbadewanne in der Wohnung gebadet.
Von der Haustür aus in die Wohnung in der ersten Etage ging es zwei Treppen hoch, auf einen Korridor. Nach rechts ging es an einem Abstellraum vorbei, dann an der Toilette vorbei zur Küchentüre.

Die Küche war eine große Wohnküche und hatte zur Hofseite rechts eine Kochnische. Von der Küche zur Straßenseite ging es in das Elternschlafzimmer. Das Elternschlafzimmer hatte eine Verbindungstür zum daneben liegenden Schlafzimmer. Dieses konnte auch vom Korridor aus begangen werden. In diesem Zimmer war meine älteste Schwester Maria untergebracht – nicht mit dem Hintergedanken, dass man ihr die neugeborenen Kinder dazu stellen wird.
Vom Korridor aus ging an der Stirnseite noch eine Treppe auf den Dachboden. Hier gab es noch ein normales Schlafzimmer, in dem meine Brüder Hubert und Anton untergebracht waren.
Alles in allem muss man sagen, dass die Wohnung für die Zeit eine recht gute Wohnung war. Wir haben auf jeden Fall nie wieder eine so schöne Wohnung bezogen. Auf der Hofseite gab es ein Stallgebäude. Jeder Einwohner hatte einen eigenen Stall, und einen eigenen Garten.

Mein Vater war der erste, der seinen Stall sofort ausnutzte. Er begann gleich mit der Schweinezüchtung, da er vom Ledigenheim die Küchenabfälle erhielt und somit schon mal für das Fressen gesorgt war. Das hörte auf, als man sich im Ledigenheim selbst Schweine zulegte. Nun versuchte mein Vater es mit Hühnern und Kaninchen, aber auch das war nicht die Lösung. Erst als er eine kleine Ziege bekam, begann der Umbruch – er wurde Ziegenzüchter.

Die Bergmannskuh

Es war der Neubeginn einer neuen Beschäftigung für meinen Vater. Der Stall wurde ganz umgestaltet, er ging nun regelmäßig zum Gras schneiden – er war voll und ganz auf die Ziege eingestellt. Davon aber nachher noch mehr.
Es darf nämlich nicht vergessen werden, dass man eine große Wohnung einrichten musste und, und das war mit dem Geld, das Vater verdiente, nicht zu bewerkstelligen. Vom Ledigenhaus bekamen wir drei Betten, einen Kleiderschrank, zwei Spinde für meine Brüder. Für die Küche gab es einen Ofen zum Heizen und zum Kochen, einen Küchenschrank, eine Holzbank, vier Stühle und einen Tisch. Alles abgestellte Sachen aus dem Ledigenheim. Von dem bereits gegründeten Verein der Vertriebenen Elsass-Lothringen in Essen bekamen wir das Elternschlafzimmer und in der Hauptsache Kleider zum Anziehen.
Von der Stadt Essen wurden wir von der Caritas versorgt. Die Caritas sollte für uns noch ein Dauerzustand werden.
Ostern 1919 wurde Maria schon in die Katholische Volksschule Vogelheim I eingeschult. Ostern 1921 folgte Hubert mit der Einschulung. Es begann wieder ein großer Einschnitt in unserem Familienleben.

Die kath. Volksschule war eine Doppelschule, die in der Mitte streng getrennt war. Die linke Seite war die Jungenschule und die rechte Seite die Mädchenschule. Beide Seiten hatten acht Klassen. Auch der ersten Etage gab es eine Zwischentür, die immer verschlossen war.

Auch auf dem Hof wurden Mädchen und Jungens mit einen Zaun getrennt. Das Toilettenhaus stand auf dem Schulhof.
An beiden Seiten war noch ein Anbau, der als Wohnungen für das Lehrpersonal genutzt wurde. Im linken Anbau war die Wohnung für Rektor Küper und im rechten Anbau wohnten Oberlehrer Obervossbeck. Der Hausmeister hatte eine Wohnung im Zwischentrakt des Hauses. Die Kellerräume wurden auch als Werks- und Bastelräume benutzt. Hinter dem Schulgebäude war für alle ein großer Garten, in dem auch schon mal eine Abordnung von Schülern sich betätigen konnte. Es sollte für eine Belohnung sein.

Die Einschulung von Hubert brachte nun das erste Auftreten von Vater Bender in der Volksschule Vogelheim I. Der Klassenlehrer von Hubert war Lehrer Nießen. Es war erst einige Wochen vergangen, als Hubert weinend nach Hause kam um sich über Lehrer Nießen zu beschweren. Der Lehrer hatte den Hubert so mit einem Stock geschlagen, dass dieser richtige Striemen über Rücken und Beine hatte. Er soll sich von der Quäckerspeise zweimal genommen haben. Als Hubert dies geleugnet hatte, wurde er von Lehrer Nießen geschlagen.
Als Vater die Striemen auf Huberts Beinen sah, hat er sich sofort auf den Weg zur Schule gemacht. Das Tempo was er dabei entwickelte, lies auf nichts Gutes ahnen. Genau damit muss auch Lehrer Nießen gerechnet haben, denn der hatte sich schon im Klassenzimmer eingeschlossen, als Vater die Schule erreichte. Vater hat nun mit Rektor Küper gesprochen, und ihm gesagt, dass er dafür sorgen soll, dass Lehrer Nießen sich bei ihm entschuldigt und Nießen das nicht noch einmal versuchen solle, eines seiner Kinder auch nur anzufassen.
Man soll es nicht glauben, aber Lehrer Nießen hat sich bei Vater entschuldigt und, was noch berichtenswert ist, er hat niemals eines unserer Geschwister auch nur angefasst, obwohl wir alle aus der Familie mit Lehrer Nießen zu tun hatten. Und keiner von den Benderkindern wurde von ihm benachteiligt. Alle Kinder der Familie Bender gingen auf die Volksschule Vogelheim in Essen-Berge-Borbeck.

Die „Bergmannskuh“ entwickelte sich prächtig unter der Pflege von Vater und er entschloss sich, sie zum Decken zum Ziegenbock zu bringen. Der Halter des Ziegenbocks war auch gleichzeitig der Vorsitzende des Ziegenzuchtvereins und machte meinen Vater nun darauf aufmerksam, was er da wohl für eine prachtvolle Ziege habe und dass er mit ihr zur Ausstellung kommen solle. Und als Vater dann auf der Ausstellung auch noch einen Preis holte, da war es mit unserem Vater passiert. Er wähnte sich schon als der größte Ziegenzüchter aller Zeiten. Es gab wohl niemanden, den Vater so verwöhnt hatte, wie seine Ziege. Der Nachwuchs von unserem Prachtstück war natürlich auch wieder Superklasse, und auch damit war er immer unter den Preisträgern auf den Ziegenzucht-Ausstellungen. Und die Preise wurden immer häufiger.
Selbstverständlich war auch die Milch, die unsere Ziegen gaben, vom Besten. So konnte man nun sagen, dass das Jahr 1922 zu den fruchtbarsten zählte, was es nach all den Nachkriegsjahren gab.

Das Jahr 1922

Unsere Ziege war preisgekrönt, die Katze wartete auf einen neuen Wurf und meine Mutter schleppte sich mit mir herum.
Am 11.02.1922 wurde ich als fünftes Kind der Eheleute Joseph und Klara Bender in der Wildstraße 104 geboren. Unsere Katze schaffte es am gleichen Tag, ihre Jungen zu bekommen und so blieb es nicht aus, dass eines dieser jungen Katzen für mich bestimmt war. Diese Katze hat mich elf Jahre lang begleitet.
Ich war also das erste Kind, dass in der neuen Heimat geboren wurde. Ein prächtiger Kerl, leider war der Kopf voller Milchschorf. Ob meine Mutter zu viel preisgekrönte Milch von unserer preisgekrönten Ziege getrunken hatte, oder woher hatte ich diesen Milchschorf, der so schlimm war, dass ich schon als Säugling ins Krankenhaus musste.
Hier im Krankenhaus nahm das Drama seinen Lauf.

Es war das Krankenhaus in Essen-Borbeck. Es war gute vierzehn Kilometer von der Wildstraße entfernt und es war tiefer Winter. Ich muss wohl ein ganz schwieriger Patient gewesen sein. Den Kopfverband, den man mir angelegt hatte, habe ich wohl sofort wieder entfernt und mir den Kopf blutig gekratzt, sodass man sich verzweifelt entschloss, meine beiden Hände an das Bett zu fesseln.

Das hätte man besser nicht getan, denn nun habe ich wohl damit angefangen, meine Stimme zu prüfen. Mein Geschrei muss so laut gewesen sein, dass es weit über das Krankenhaus gehört wurde. Es war wohl die Entwicklung meiner lauten Stimme, unter der ich heute noch zu leiden habe.
Dieses laute schreien ist auch einer Nachbarin meiner Mutter, die auch einen Kranken im Krankenhaus hatte, aufgefallen. Die Nachbarin hat dies meiner Mutter erzählt, die ihrerseits einen Kinderwagen besorgte, um mich aus dem Krankenhaus zu holen. Meine Mutter marschierte nun bei Eis und Schnee nach Borbeck ins Krankenhaus. Packte mich in den Kinderwagen und ging nun den gleichen Weg zurück in die Wildstraße. Meine Mutter schwor, mich nicht wieder aus dem Haus zu geben. Ab dieser Zeit gab es einen neuen Hautarzt in unserer Familie – es war Dr. Lohmann. Dieser Arzt hat selbst meine Kinder noch behandelt.

Dr. Lohmann hatte soviel kleine Kinder, dass er sogar eine eigene Weihnachtsfeier mit ihnen veranstaltete. Und was wichtig ist, viele von diesen Kindern hatten Milchschorf. Und viele von diesen Kindern hatten zu Hause eine „Bergmannskuh“. Dr. Lohmann schaffte es nicht, den Milchschorf ganz zu heilen. Vielleicht hatte er uns Milchschorf-Patienten einfach zu sehr ins Herz geschlossen, oder sollte er Angst gehabt haben, uns als Kunden zu verlieren?

Meine Geburt war auch für meine Schwester Maria eine große Veränderung. Ich wurde in ihr Zimmer einquartiert und sie hatte mich nun in steter Wartung übernommen. Wenn ich aber zu viel geschrien habe in der Nacht, hat Mutter mich zu sich ins Bett genommen, da Maria ja morgens früh aufstehen und in die Schule musste.
Eine spätere Überlieferung sagt, dass meine Mutter auch schon mal wegen der Geburtenkontrolle die kleinen Kinder zu sich ins Bett nahm. Da ich in einer sehr schlechten Zeit auf die Welt gekommen bin, „Inflation und Armut“ war meine Hauptnahrung die Muttermilch. Da meine Mutter aber nach wie vor von der preisgekrönten Ziegenmilch zu sich nahm , habe auch ich über ihren Busen von ihrer preisgekrönten Milch mitbekommen und somit war auch unser Hautarzt wieder im Rennen.
Meine Mutter erzählte mir viel später einmal, dass ich so verrückt nach ihren Busen war, dass sie allerhand Tricks anwenden musste, um mich davon zu entfernen. Sie soll sich die Brustwarzen sogar mit Senf eingeschmiert haben, um mich zu entwöhnen, das hat über neun Monate gedauert. Vielleicht gab es aber auch sonst nichts zu Essen. Solange ich nicht laufen konnte, hatte meine Schwester Maria die Hauptlast meiner Erziehung mit mir. Ich habe ihr viel Freizeit genommen.

Ich war schon fast ein Jahr alt, als ich mit dem Laufen begann. Aber auch als ich es konnte, wurde es für Maria nicht leichter, denn ab jetzt bin ich bei jeder Gelegenheit auf und davon. Also alles in allem hatte Maria ein schweres Kreuz mit mir und sie war froh, dass mein Vater sich ab dem zweiten Lebensjahr schon mal um mich kümmerte.

Vater nahm mich nun schon mal mit, wenn er mit seiner Ziege zum Gras mähen ging. Seine prämierte Ziege fraß nur gemähten Rasen. Und so zog Vater nun mit der Sense auf der Schulter und mich im Schlepptau, seine Ziege natürlich und auch meine Katze aus. Das muss ein tolles Bild abgegeben haben. Meine Katze hatte sich schon an die Wildstraße und ihre Umgebung gewöhnt und vor allem wo ich war, war auch meine Katze, wir waren ein unzertrennliches Paar.
Ostern 1924 wurde mein Bruder Anton in Vogelheim I eingeschult. Hiermit hatte sich die Zahlt der Kinder in Vogelheim I auf drei erhöht.

Am 18.08. 1925 wurde meine Schwester Katharina, als zweites Kind in der neuen Heimat in der Wildstraße 104 geboren.
Und wiederum gab es Zuwachs im Zimmer meiner Schwester Maria, denn auch Katharina kam zu ihr ins Zimmer.
Auch meine beiden älteren Brüder Hubert und Anton wurden nun mehr von meinem Vater eingesetzt.

Mein Vater hatte zu unserem Garten noch zusätzlichen Acker urbar gemacht. Hier pflanzte er in der Hauptsache Kartoffeln und Gemüse an, da er ja mittlerweile sieben Mäuler zu stopfen hatte und das Geld, das er auf der Zeche verdiente, nicht ausreichte, um alles, was man brauchte, zu kaufen. Selbst das Bett für Schwester Katharina bekam er vom Ledigenheim geschenkt. Es war eine trostlose Zeit in die wir dort hineingeboren wurden.

Maria hatte nun auf zwei Kinder aufzupassen. Dadurch dass Maria sich nun mehr um Katharina kümmern musste, wurde meine unbeaufsichtigte Freiheit immer größer und ich habe angefangen, dies auch auszunutzen. Ich bin nun viel in der Nachbarschaft herumgeschlichen und habe so neue Entdeckungen gemacht. Meine ständige Begleitung war meine Katze. Wir beiden wurden so etwas wie ein Wahrzeichen der neuen Wildstraße, nicht zuletzt auch durch den Unfug, den meine Katze anstellte.

Eines Tages kam sie mit einem jungen Kaninchen im Maul anspaziert, so, als ob sie ein eigenes Kind spazieren führte. Wir wussten Gott sei Dank, wem das Kaninchen gehörte und konnten es wohlbehalten seinem Eigentümer zurück erstatten. Von dem Zeitpunkt an liefen keine jungen Kaninchen mehr frei in den Gärten herum.

Ab jetzt begann ein neues Leben meiner Katze. Sie legte sich mehr und mehr mit Hunden an und das in der Hauptsache mit Schäferhunden. Es begann mit dem Schäferhund des Nachtwächters vom Ledigenheim uns schräg gegenüber. Der Hund war außen an der Tür des Hausmeisters an einer Kette festgemacht und meine Katze wusste wohl genau wie lang die Kette war. So kam es dann, dass meine Mieze genau einen Meter vor Ende der Kette vor diesen Schäferhund sich aufstellte.

Der Hund kam mit so einem Tempo auf meine Katze zugerannt, dass man Angst haben musste, eines Tages reißt er sich den Hals ab. Den zweiten Schäferhund gab es bei Dr. Koch in der Wiehegenstraße. Dr. Koch hatte den Hund mal auf meine Katze gehetzt. Vater hat Dr. Koch dann aufgesucht und ihm gesagt, dass er das unterlassen soll, da er für die Folgen nicht aufkommen würde. Das hatte zur Folge, dass der Doktor seinen Hund nicht mehr frei im Garten herum laufen lies und ihm in einem Zwinger einsperrte. Aber gerade das war für meine Katze viel schöner, um den Hund zu ärgern. Man sollte eben keinen Hund auf Katzen hetzen. Der dritte Schäferhund gehörte unserem Milchbauer. Das heißt wir brauchten keine Milch von ihm. Ob es deswegen war, dass er seinen Schäferhund auf meine Katze hetzte, weiß ich nicht.
Vater und ich waren mal wieder zum Rasen mähen unterwegs und natürlich auch unsere Ziege und meine Katze. Der Milchbauer war mit seinem Hund auf dem Heimweg in der Föderstraße. Der Schäferhund war vor einem Leiterwagen gespannt auf dem bis zu drei Milchkannen standen, die der Hund ziehen musste. Warum der Milchbauer seinen Hund aus den Wagen ausspannte und ihn auf meine Katze hetzte, weiß ich nicht.

Vater und ich sahen nur noch, wie der Hund kurz vor meiner Katze zum stehen kam und diese mit einem Satz auf dem Rücken des Hundes gesprungen ist und wie ein Jockey auf den Hund einschlug. Wir sahen nur noch einen davon jagenden Hund und reichlich Fell in der Luft. Den Wagen konnte der Milchbauer von nun an selber ziehen, wenn er nicht in Kauf nehmen wollte, im Galopp über die Förderstraße zu rasen. Ich muss sagen, meine Katze lebte sehr gefährlich. Der Streit zwischen den Menschen konnte beigelegt werden, aber nicht zwischen Katze und Hund.
Mieze war immer noch auf dem Weg, den Schäferhund des Nachtwächters vom Ledigenheim zu ärgern. Nun nahm das Schicksal seinen Lauf. Der Nachtwächter hatte eines Tages seinen Hund nicht angekettet, sodass dieser mit vollem lauf auf meine Mieze stürzen konnte. Mieze hatte aber Glück, noch in letzter Not einen Baum zu erreichen. Der Schäferhund war aber deswegen so wütend und beleidigt, dass er einfach auf die andere Straßenseite lief, auf der ich spielte und biss mich in den Hintern.
Der Biss war so schlimm, dass er von einem Arzt behandelt werden musste. Der Arzt, Dr. Dezius, machte eine Anzeige, es kam dann zu einer Verhandlung bei einem Schiedsmann. Es kam zu einem Vergleich. Der Nachtwächter konnte seinen Hund behalten, durfte ihn aber nicht mehr vor dem Haus anbinden, sondern musste ihn nur im Haus oder in einem Zwinger halten.
Die Sache mit den Schäferhunden war eigentlich erledigt, bis man in der Föderstrasse mit dem Siedlungsbauten Snatkang, Stackenhold und Vogelheimerstraße begann. Hier gab es wieder Nachtwächter, und Nachtwächter mussten wohl immer Schäferhunde haben.
Was aber viel schlimmer war, dass diese Nachtwächter der Meinung waren, dass ein Schäferhund auch Katzen hassen muss.

Komisch war nur, dass sich meine Mieze mit allen anderen Hunden in unserer Straße sehr gut verstanden hat, und es auch nie Schwierigkeiten gab.
Das Jahr 1926 sollte nicht nur für unseren Vater ein schweres Jahr werden. Wir hatten immer weniger zu Essen und das Geld wurde immer weniger. Zu allem kam hinzu, dass Vater im August dieses Jahres krank wurde. Seine Staublunge machte ihm so zu schaffen, dass er fast fünf Monate krank war. Das hieß, er musste erst sechs Tage lang ohne Geld leben, das waren die sogenannten Karenztage, dann bekam er nur einen bestimmten Satz an Krankengeld.
Als er nun am 15.12.1926 gesund geschrieben wurde und seine Arbeit wieder aufnehmen wollte, da hat man ihm kurzerhand gekündigt. Mein Vater hatte mit Erfolg gegen diese Kündigung geklagt und er wurde wieder eingestellt. Es bestand schon damals ein Kündigungsschutz für Betriebsratsmitglieder. Am 2.01.1927 ging er wieder arbeiten. Im Laufe des Jahres 1927 hat sich die Schachtanlage Emil-Emscher einen neuen Namen zugelegt. Sie nannten sich ab Mitte des Jahres Köln-Neußer Bergwerksverein. Der Betriebsrat dieses Betriebes musste neu gewählt werden, da er nicht übernommen wurde. Die Betriebsratswahl fand erst Ende des Jahres statt und Vater gehörte ihm nicht mehr an.

Zu Ostern 1927 habe ich noch einen Platz im Kindergarten in der Wiehagenstrasse bekommen. Meinen kahl geschorener Kopf war mittlerweile mein Markenzeichen geworden und sollte es für lange Zeit bleiben. Trotzdem brachte das Jahr 1927 noch einige Überraschungen. Es machte mich auf eine ganz unvorhergesehene Art zum Schwimmer. Die Wildstraße war nicht weit vom Rhein-Herne-Kanal entfernt und meine älteren Geschwister sowie die Schwimmer gingen dorthin zum Schwimmen. Nur meine Schwester Maria konnte nicht mitgehen, da sie ja auf mich und Katharina aufpassen musste. Sie bekam nur die Erlaubnis, mit mir ins Strandbad Dellwig zu gehen. Das war aber ein verdammt langer Weg.
Während die älteren guten Schwimmer vom Kanal bis nach Dellwig mit einem Kanalschiff gefahren sind, musste Maria und die Nichtschwimmer mit den kleineren Kindern über eine Stunde zu Fuß nach Dellwig laufen. Nach dem Besuch des Strandbades habe ich bei meinen älteren Brüdern immer angegeben, dass ich schon schwimmen könnte und auch schon vom Einmeter-Brett springen würde. Ich konnte ja nicht ahnen, dass mein Bruder Anton mit seinen Freunden im Strandbad aufkreuzten. Mein Bruder nahm mich kurz entschlossen an die Hand, ging mit mir auf Einmeter-Brett und sagte nur: „Na, dann mal los. Zeig mal, was du kannst!“
Für mich gab es nun nichts anderes mehr, als hinein zu springen, in der Hoffnung, einer wird mich schon rausholen. Ich bin ziemlich nahe an den Rand gesprungen und habe nach dem Auftauchen so sehr gestrampelt, dass ich ohne fremde Hilfe die Haltestange erreicht habe. Man war der Ansicht, dass ich schon ein komischer Schwimmer sei und dass man an meinem Schwimmstil wohl noch allerhand ausbessern müsste.

Von der Zeit an hatte ich nun Jungens, die sich darum freuten, mir einen guten Schwimmstil beizubringen. Und was noch wichtiger war, ich durfte nun mit zum Rheim-Herne-Kanal zum Schwimmen.

Das Jahr 1928

Es war das Jahr des großen Umbruchs.
Ostern 1928 wurde Maria aus der Schule entlassen. Aber es gab keine Arbeit. Man nachte meinem Vater vom Arbeitsamt ein Angebot, Maria für ein Jahr zur Landverschickung zu einem Bauern zu schicken, dann soll ihr ein Arbeitsplatz zustehen. Hubert sollte zur gleichen Zeit im Rahmen der Kinderlandverschickung mit Maria zusammen in einem Ort für ein Jahr geschickt werden, wo er dann noch ein Jahr zur Schule gehen sollte. Beide kamen nach Döbbeln in Sachsen unter.
Maria kam zu einer Witwe mit ihrer Tochter in eine Gärtnerei, Hubert zu einem Bauer mit einer Tochter unter.
Im August wurde Vater wieder krank. Er litt an einer Steinstaublunge. Die Krankheit machte ihm sehr zu schaffen und brachte die Familie in noch größere Schwierigkeiten, als sie schon hatte.
Nach jeder Krankschreibung gab es erst sechs Karenztage, an denen es überhaupt kein Geld gab, und dann das Krankengeld, das nach jedem Krankfeiern noch weniger wurde. Auf jeden Fall lag Vater mit seinen Bezügen auf der Stufe der Sozialbezüge, zu dem er noch für jedes Kind einen Zuschlag von 20 Mark bekam.

Am 6.05. 1928 wurde unsere Schwester Klara geboren. Sie konnte das Loch nicht schließen, dass Maria und Hubert hinterlassen hatten. Katharina war nun mit Klara allein in dem Kinderzimmer, da ich zu Anton auf dem Dachbodenzimmer musste. Und ich kam zu Ostern 1928 in die kath. Volksschule Vogelheim I.

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