Biografie
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| Der Autor ist ein Teilnehmer des Biografie-Projekts "Das ist mein Leben" der GGT. | |||||||||
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Mein Weg zurück Schon öfter wurde mir der Vorschlag gemacht, ein Buch zu schreiben. Sei es, weil es gute Ideen gab oder weil sich mein Geschriebenes so gut liest. Ich erinnere mich an meine Pflegemutter in Österreich. Seit dem 18. Juli 1992 nicht mehr auf dieser Erde, die sich immer sehr freute und im nachhinein viel zu wenig Briefe von mir bekam, gern mehr davon gehabt hätte und ich jetzt traurig bin, nicht mehr geschrieben zu haben. Jetzt wieder zurück zur Idee. – Also, wie und wo fange ich an – oder war das schon der Anfang? – Ja, die Zeit in Österreich; als sechsjährige 1940 mit der Kinderlandverschickung aus dem Krisengebiet Bremen verschickt. In Nötsch, einem kleinen Ort in Kärnten, war für mich und vier weitere Bremer Kinder Endstation. Vom Bahnhof abgeholt, mit einem Leiterwagen, ging es mit einer Pferdestärke ca. drei km ins Dorf. Feistritz, unser zukünftiges Zuhause. Verteilt auf verschiedene Höfe. Für mich der erste Eindruck: ich musste im Märchen Hänsel und Gretel gelandet sein. Ganz laut beschwerte ich mich – und überhaupt, ich wollte sofort wieder nach Hause. Hier bleib ich nicht, denn mit der „Hexe“, die mir freundlich entgegen kam, wollte ich überhaupt nichts zu tun haben. Als ich dann den Ofen sah, in dem Brot gebacken wurde, stand es für mich fest: ich musste hier weg. Aber wohin? Meine Pflegemutter, Tante Laura, konnte mich kaum beruhigen. Mir blieb auch keine Wahl, ich musste dort wohnen, aber immer voller Misstrauen. Diese alte Frau mit dunklem Kopftuch und langem Kleid, von mir benannte „Hexe“, Mutter von Tante Laura, war ein sehr wertvoller ,sehr lieber und sehr gläubiger Mensch. Auf diesem Bauernhof war ich das einzige Kind. Tante Laura sollte im Laufe der nächsten Jahre der Mittelpunkt und Leitfaden meines Lebens werden. Niemals wieder gab es so viel Wärme und Geborgenheit, aber auch Strenge. Meine Pflegemutter war einem Mann versprochen, der noch im Krieg war. Wir lebten und arbeiteten auf dem Hof mit vier Personen. Die „Hexe“ mit ihrem Mann, Tante Laura und ich. Ich wurde bei allem mit einbezogen. Verrichtete Arbeiten, die für mich Pflichten brachten. Zum Beispiel, vor der Schule unsere Kühe mit den gesamten Kühen des Dorfes auf die Mooswiesn zu bringen, eine grenzenlose Weide. Dies geschah folgendermaßen: Am oberen Teil des Dorfes blies ein Mann in ein Horn, das Zeichen für alle Kühe zum Aufbruch. Der erste Bauer öffnete den Stall und jeder weitere in kurzen Abständen, sodass es immer mehr und am Ende nichts anderes auf dem Dorfweg zu sehen gab, als Kühe. Am Abend dann, standen sie alle wieder am Gatter und warteten auf den Heimweg. Nach getaner Arbeit auf dem Feld, wurde das Heu auf die Tenne gebracht, wo wir Kinder mit viel Gelächter und ganzer Kraft stampften. Das Heu musste so fest getreten werden, um so viel, wie möglich zu lagern. Es staubte mächtig, aber mehr Spaß am Arbeiten konnte niemand haben. War alles eingebracht, gab es für alle eine „Jausen“. Ein toller Tag war zu Ende. Ich erinnere mich an stimmungsvolle Abende im Herbst, als der Mais geerntet war. Einige Frauen des Dorfes kamen zu uns, um mit uns gemeinsam den Mais auf der Tenne zu entblättern. Er wurde zum Trocknen an langen Drähten aufgereiht. Bei dieser Arbeit wurde erzählt, gelacht und gesungen. Es konnte bis spät in die Abendstunden dauern, bis alles geschafft war, wir Kinder mittendrin. Niemandem wurde es langweilig oder zu viel. Eine wunderschöne und niemals verlöschende Erinnerung. Wenn ich hier sitze und schreibe, habe ich eine große Sehnsucht nach diesen Jahren. Vieles ist noch ganz nah. Jahre verbrachte ich weit ab vom Weltgeschehen in einer heilen Umgebung, bis eines Tages der Himmel voller Aluminiumstreifen war. Es war soweit! Der Krieg streckte seine gierigen Finger auch nach Österreich aus. Vor Angst schreiend rannte ich vom Feld nach Hause. In der Schule vor diesem Ereignis gewarnt, sollten wir Kinder sie auf keinen Fall anfassen. Uns wurde gesagt, dass diese Streifen vergiftet wurden. ( Sie sollten wohl den Funkverkehr stören.). Das war der Anfang vom Ende der Zeit in diesem Land für mich! Tante Laura machte sich große Sorgen, die Verantwortung für mich konnte und wollte sie nicht mehr übernehmen. Vor allem, als plötzlich eine Menge SS – Soldaten in unserem Garten kampierten. Sie waren wohl freundlich, wie ich mich erinnere, nur Erwachsene hatten sicherlich Probleme damit, wie es weitergehen würde. Also wurde meine Flucht vorbereitet. „Flucht“ deshalb, weil niemand das Dorf verlassen durfte. Meine Mutter kam, um mich zu holen. Es geschah heimlich und ganz schnell. Das letzte, was ich durch das Zugfenster sah, war ein kleiner Hund und Tante Laura. In München angekommen, brannten Lokomotiven und der Bahnhof hatte kein Dach mehr. Wir saßen in einer Ecke des Gebäudes, warteten auf einen Zug nach Bremen und froren. Es war September 1944. In Bremen angekommen – für mich eine ganz andere Welt - , wohnten wir noch 14 Tage in unserer Wohnung. Ein Luftangriff ließ uns in einen Bunker flüchten. Mutter, Schwester (geboren April 1942) und ich saßen , wie lang weiß ich nicht, in einem schwankendem Bunker. Als die Türen geöffnet wurden, hatten wir kein Zuhause mehr. Ein Feuersturm hatte alles vernichtet. – Heimatlos – Ich weiß nicht mehr warum und woher sie es wusste, meine Tante Grete, aber sie nahm uns drei mit in ihre Mansardenwohnung. Mein Vater kam dazu. Acht Personen auf kleinstem Raum, drei in einem Bett, dazu die Versorgung. Nächst Station: Evakuierung nach Holzhausen. Mit der Eisenbahn nach Düngstrup . Dort wurden wir von Bauern abgeholt, die uns eigentlich gar nicht haben wollten. Es gab eine Verordnung, nach der jeder Hof eine Familie aufnehmen musste. In zwei Räumen spielte sich unser Leben ab. Räumlich beengt, aber sonst grenzenlose Freiheit. Felder, Wald, Wiesen und Tiere ringsherum. Kapitulation! Besetzung von Engländern. Sie gruben sich große Löcher in die Erde und wohnten darin. Eingerichtet mit Bett und Ofen. Im Wald und an den Wegen sah man diese Löcher, abgedeckt mit Sperrholzplatten. Sie gingen von Hof zu Hof, um nach unseren Soldaten zu suchen, und erzeugten dadurch sehr gemischte Gefühle bei den Einheimischen. Mein Vater war nicht sehr mutig. Als die Engländer in unsere Räume Kamen, war die Angst, mitgenommen zu werden wohl zu groß und er versteckte sich hinter einer großen Standuhr. An die Türen schrieben sie die Anzahl der dort lebenden Kinder. „Two Children“ stand an unserer. Meine Schwester, vier Jahre alt, hellblonde Zöpfe, wurde der Liebling der Besatzungsmacht. Sie trugen sie herum und beschenkten sie mit Schokolade, beschlagnahmte Ware aus der nächstgrößeren Stadt. Meine Mutter bekam Nylonstrümpfe, das Namensschild des Geschäftes war noch vorhanden. „Leffers“. Es war ihr sehr peinlich und unangenehm, weil sie befürchtete, die Dorfbewohner könnten denken, sie wäre ein Tommyliebchen. Wie sahen Panzer auf dem Weg, die aus dem Wald die letzten deutschen Soldaten geholt hatten, die noch gar nicht wussten, dass der Krieg zu Ende war. Irgendwann zogen sie ab, unsere Feinde und wir Kinder erkundeten ihre Erdbehausungen. Um in Bremen wieder eine Wohnung zu bekommen, mussten wir erst in Bremen wohnen. Und so zogen wir wieder zu einer Tante. Das Leben gestaltete sich auch hier schwierig. Acht Personen in einer zwar geräumigen aber nur für vier Personen gedachten Wohnung. Aufgrund dieses Zustandes oder vielleicht über verschlungene Wege, bekamen wir eine eigene Wohnung. Sehr klein, doch für uns alleine. Nach meiner Konfirmation, 1947 , trennten sich meine Eltern und ich war mit meinem Vater allein. Nach der Trennung brachte ich Mutter und Schwester mit ein paar Sachen zum Bahnhof. Es folgte keine schöne Zeit. Ich sollte jetzt den Haushalt führen. Nur hatte ich keine Ahnung vom Haushalt. Weder das Säubern der Wohnung noch das Wäsche waschen hatte ich gelernt. Ich bekam pro Tag drei DM Haushaltsgeld. Der Einkauf sah dann so aus, dass im Lebensmittelgeschäft ein viertel Pfund Graupen oder andere Nährmittel für ein paar Pfennige zu haben waren. Nun hatte ich eingekauft, wusste aber immer noch nicht, wie ich was zusammenbringen konnte, damit es nach irgendetwas schmeckt. Ich hatte halt von nichts eine Ahnung. Und so kam es, dass Nachbarn mir Ratschläge gaben, was und wie ich es machen sollte. Die Anderen aber durften nichts davon wissen. Also machte ich es so, aber immer war es anders, aber nie richtig. Zum Beispiel: Saubermachen und anschließend den Ofen reinigen, so dass die Asche des Kohleofens die vorherige Arbeit wieder zunichte machte. Wenn mein Vater Besuch hatte, machte er sich den Spaß ihm zu erzählen und zu zeigen, wo überall Staub und Ruß zu finden waren. Es war wohl sehr lustig für ihn. Es wurde Zeit, sich um eine Berufsausbildung zu kümmern. Eigentlich war es für mich immer der größte Wunsch zu singen. Der Zufall wollte es, dass mich eines Tages ein Bekannter meines Vaters singen hörte. Er gab mir den Rat, unbedingt zu einer mit ihm befreundeten Gesangslehrerin zu gehen. Sehr aufgeregt und ängstlich stellte ich mich ihr vor. Sie riet mir, sofort mit der Ausbildung der ersten Sopranstimme anzufangen. Fünf DM pro Stunde. Es gab nicht viel zu rechnen. 20 DM verdiente ich, also vier Stunden im Monat. Nicht viel aber vom Vater bekam ich sicher keine Unterstützung. Als ich ihm gegenüber meinen Wunsch äußerte, reagierte er so, wie ich es mir schon gedacht hatte. Es hätte ihn Geld gekostet und das wollte und konnte er nicht. Also musste ich diesen großen Wunsch wohl begraben. Seine Vorschläge: Friseurin, Blumenbinderin oder in einer Bekleidungsfabrik am Band. Das sollte er doch gefälligst selber machen und so ging ich in den Haushalt seiner Chefin. Bei ihr arbeitete ich als Kindermädchen und Haushaltshilfe für 20 DM im Monat. Fünf DM waren mein Taschengeld. Davon bezahlte ich meine Schulden des Vormonats beim Bäcker. Ich hatte immer Hunger auf Süßes. Das billigste war Pfefferminzbruch. Es war sehr süß und stillte den Heißhunger. Nur das Geld reichte nie und somit hatte ich immer Schulden. Der Rest des Verdienstes wurde von meinem Vater gespart, so dass für mich am Ende des Jahres Kleidung gekauft werden konnte. Bei jedem Wetter und jeder Jahreszeit fuhr ich mit dem Fahrrad zur Arbeit. Für die Straßenbahn hatte ich kein Geld. Und auch nicht für Regenzeug und Schuhe. Und so fuhr ich mit Sandalen bei Schnee und Regen den sechs km langen Weg. Mit Frost in den Füßen und Stichen beim Atmen. Eines Tages brach ich beim Polieren der Messingstangen des Treppenteppichs zusammen. Meine Chefin brachte schnell ihre Kinder in Sicherheit und fuhr mit mir zum Arzt. Der stellte eine Rippenfellentzündung mit Verdacht auf Lungenentzündung fest. Sofort ins Krankenhaus! Vier Wochen lag ich dort und es ging mir gut. Ich wurde umsorgt und ganz wichtig – es gab zu essen. Und ich aß. Die Ärzte bei der Visite waren skeptisch aufgrund der enormen Gewichtszunahme, doch die Schwestern klärten sie schmunzelnd auf. Mein Vater brachte mir jetzt viel Obst mit und war besorgt um mich. Doch ich denke, er wollte nur, dass ich schnell nach Hause kam. Es ging mir schon sehr gut, so dass ich bald entlassen werden sollte. Ich testete meine Kräfte und lief drei Stockwerke hinauf und wieder herunter. Abends kam das Fieber. Ich wollte es verheimlichen und schüttelte die Quecksilbersäule meines Fieberthermometers herunter. Doch meine Bettnachbarin, beobachtete die und meldete es den Schwestern. Am nächsten Morgen wurde dann eine Punktion gemacht. Mit einer dicken Nadel wurde das gesammelte Wasser aus dem Rippenfell gezogen. Ein scheußliches Gefühl! Als ich aus dem Krankenhaus entlassen wurde, folgte kurze Zeit später eine Erholungskur in Huntlosen. Eine schöne Zeit voller Lachen und Freude. Ich lernte dort einen zehn Jahre älteren Mann kennen. Gebürtiger Este, hatte für Deutschland gekämpft und war im Krieg krank geworden. Nur einen Lungenflügel und sehr anfällig, hatte er wohl nur noch kurze Zeit zu leben. Ich hab´ ihn sehr gemocht, wäre auch gern mit ihm zusammengeblieben, doch er lehnte ab. Nach der Kur war ich noch zu einem Besuch bei ihm, ein Besuch von ihm bei uns zu Hause, dann verlor sich die Spur. Oft an ihn gedacht, nie wieder etwas gehört. Von der Kur wieder zu Hause, war ich etwas schlauer geworden. Wäsche durfte ich laut Arzt nicht mehr waschen, wegen der Dünste in der Waschküche. Butter sollte ich essen, was vorher nicht nötig war und körperliche Anstrengungen durften es auch nicht mehr sein. Mein Vater musste sich zumindest nach einer Waschfrau umsehen. Meine Tante hatte dann dieses Amt übernommen. Sie bekam dafür jedes Mal 20 DM und Schokolade, damals etwas Besonderes und für mich nie da gewesen. Später, viel später, sah ich erst durch Zufall, das sonst verschlossene Fach vom Wohnzimmerschrank offen stehen. Es stapelten sich Geld und Süßigkeiten darin. Süßes bekamen nur Besucher (meistens Frauen). Wenn diese Frauen länger blieben, durfte ich, trotz Stubenarrest, auch bis 22:00 Uhr wegbleiben. Ich wartete dann irgendwo auf der Straße, bis es spät genug war, endlich nach Hause gehen zu dürfen. Oft war es kalt und nass. Eines Tages lernte ich vor unserem Haus einen jungen Mann kennen. Günter. Weil ich ihm erzählte, dass ich noch nicht hineingehen könnte, bat er mich mit in seine Wohnung zu kommen, um mich aufzuwärmen. Ich ging mit ihm und lernte seine Mutter und seinen Bruder kennen. Die Umstände brachten es mit sich, dass ich öfter in seinem Elternhaus war. Mein Vater hatte nichts dagegen. Im Gegenteil, er war sehr froh darüber. Es wurde zur Gewohnheit, dass ich bei ihm oder er bei uns war, auch wenn mein Vater nicht im Haus war. So hieß es eines Tages: „Leg dich schon mal aufs Sofa, ich komme gleich“. Mein erstes „Liebeserlebnis“. Tag für Tag verging und alles musste wohl so sein, wie es war. Ich machte das, was er wollte. Wehrte ich mich, kam das große Schweigen. Es konnte Tage dauern, bis er wieder mit mir sprach. Ich konnte damit gar nicht umgehen, wollte mich auch öfter trennen, doch seine Mutter kam, um mir zu sagen, dass eine Frau das ertragen und immer nachgeben müsste. Es ging drei Jahre so. In der Zwischenzeit suchte ich mir eine neue Arbeit. Auf eine Anzeige hin sollte ich mich vorstellen. Als ich dann vor dem schönen Portal stand, traute ich mich nicht hinein. Voller Minderwertigkeitskomplexen drehte ich wieder um. Noch einmal versuchte ich es und nun klappte es. Ich war sehr froh und freute mich über diese ganz andere Arbeit in einer Kaffeerösterei. Mein Verdienst sollte pro Woche 32,30 DM betragen. Das war viel Geld! Was konnte ich damit alles machen?! Ich war sehr glücklich. In dieser Firma verpackten wir nicht nur Kaffee, sondern auch Trinkschokolade, Schokolade und Zigarren. Alles war damals im Aufbau, 1952, so auch dieses Geschäft. Es macht Spaß, dabei zu sein. Im Saisonbetrieb zu Weihnachten und Ostern, gab es viel zu tun und wir alle waren stolz auf unsere Leistung. Wenn auch die Finger vom Kleben der Pakete wund waren, war das nicht so wichtig, als dass die Post 2000 Pakete pro Tag abholen konnte. Ich erinnere mich: Zum Weihnachtsgeschäft mussten wir von 6:00 Uhr – 23:00 Uhr arbeiten. Jede Überstunde wurde bezahlt. Mir gefiel das! – Nur meinem Vater nicht! Ich stellte mir den Wecker, weil ich von selbst nicht wach geworden wäre, doch morgens war er ausgestellt. Ich verschlief natürlich, traute mich kaum in die Firma. Natürlich wurde ich zur Rede gestellt. Wenn man sich nicht auf mich verlassen könnte, müsste ich wohl gehen. Es wiederholte sich noch zwei aufeinanderfolgende Tage. Nach einer erneuten Rüge meines Vorgesetzten, erklärte ich ihm den Grund meines Verschlafens. Trotz der vielen Arbeit gab er mir acht Tage Urlaub. Er riet mir, in dieser Zeit ein Zimmer zu suchen. Am letzten Tag meiner Suche fand ich ein möbliertes Zimmer für 15 DM pro Woche. Ein Raum, der nicht geheizt werden konnte. Die Tür durfte auch nicht abgeschlossen werden, weil eine Wäschetruhe der Vermieterin darin stand. Zu der Zeit wurde die Scheidung meiner Eltern ausgesprochen und ich durfte aufgrund des Urteils ein Federbett aus der Wohnung meines Vaters holen. Das war ein Glücksfall für mich, denn das, was ich in Gebrauch hatte, war feucht. Günter und ich „gingen“ zusammen und dreimal fragte er mich, ob ich ihn heiraten wolle. Ich konnte es mir nicht vorstellen. Als ich dann schwanger war, musste ich heiraten. Es wurde uns eine schöne Hochzeit ausgerichtet. Wir feierten bei Tante und Onkel, bei denen ich zuletzt gewohnt hatte. Die Kirche, in der wir getraut wurden, war voller Menschen. Als wir vor dem Altar standen, sag ein Männerchor, in dem mein Onkel Mitglied war. Eine wunderschöne Überraschung. Bei der Hochzeitsfeier gab es viel zu lachen und es war ein sehr schönes Fest ohne Missklang. Weil wir im Haus seiner Mutter nicht wohnen konnten, zogen wir in ein kleines Gartenhaus im Parzellengebiet. Zuerst ohne Strom und Wasser aus der Pumpe. Gekocht wurde auf einem zweiflammigen Propangasherd. Es gab keine offizielle Erlaubnis, dort zu wohnen. Und so waren wir bei meiner Schwiegermutter polizeilich gemeldet. Wir hatten uns eingerichtet. Das heißt, viel Einrichtung brauchten wir nicht. Es gab keinen Schrank außer einer Abstellmöglichkeit für Geschirr. Ansonsten stand im “Wohnzimmer“ mein Bett, das am Tage mit einer Patchworkdecke abgedeckt war. Drei Stühle, Tisch, einen Ofen und ein paar Kokosmatten auf dem Boden. Günter schlief in einem angebauten Raum, der so klein war, dass gerade das Bett hineinpasste. Später wurde an der Längsseite der ursprünglichen Gartenlaube eine Durchgangsküche angebaut. Wir beantragten einen Strommast. Somit wurde einiges leichter. Licht statt Petroleumlampe war ein echter Fortschritt. Die Wasserpumpe blieb uns erhalten, nur, dass sie jetzt in der Küche installiert war und nicht mehr so schnell einfror. Nun war es soweit, mein erstes Kind sollte geboren werden. Am 19. März 1956, morgens um 6:00 Uhr, wurde ich unruhig. Niemand sagte mir, was passieren würde. Ich wusch mich in einer Schale Wasser, zog mich an und ging den langen Weg zum Haus meiner Schwiegermutter in Begleitung meines Mannes. Zusammen mit einer Schwägerin tranken wir Kaffee und hatten scheinbar viel Zeit. Irgendwann, um die Mittagszeit, bestellte man den Krankenwagen für mich. Stunden musste ich noch warten, bis wir es endlich geschafft hatten. Ein Mädchen mit langen schwarzen Haaren war geboren. Die Schwestern mussten einiges mit ihr anstellen, um sie zum Trinken wach zu bekommen. Acht Tage konnten wir uns erholen. Zuhause gab es dann viel Arbeit. Jeden Tag baden, wiegen, essen und wieder wiegen. Zwei Stunden dauerte es immer, bis ich damit fertig war. Warm eingepackt und zugedeckt, stand das Baby bei jedem Wetter draußen. Nach wie vor musste ich sie zum Essen wecken. Sie blieb ein ruhiges Kind und ich hatte keine Schwierigkeiten mit ihr. Meine Arbeit wurde zur Gewohnheit. Babyfutter kochen war im Sommer einfach. Aus dem Garten Wurzeln und Kartoffeln aufkochen, in den Mixer, etwas Butter, etwas Zucker und schon war es fertig. Drei Jahre vergingen, bis sich ein zweites Kind ankündigte. Ich hatte mich rechtzeitig im Krankenhaus angemeldet, damit ein Bett für mich bereit stand. Als es dann soweit war, stand mein Mann mit einer Stalllaterne am Weg, um dem Krankenwagen den Weg zu weisen. Sie luden mich ein und brachten mich in die Klinik. Dort angekommen, gab es eine böse Überraschung. Es war kein Bett frei und überhaupt sollte ich doch erst einmal untersucht werden. Die Fahrer ließen sich nicht darauf ein, nahmen mich wieder mit und fuhren mit Blaulicht zum städtischen Krankenhaus. Es wurde höchste Zeit! Um 23:00 Uhr abgeholt, um 1:30 Uhr die Geburt eines Sohnes. Alles ging gut, nun wusste ich ja schon damit umzugehen. Nur ein Problem gab es: Wie wickelt man einen Jungen? Nie zuvor hatte ich einen Mann gesehen! Ich dachte: „Vielleicht bekomm ich das nicht alles in die Windel!“ Etwas muss ich noch erzählen: Während ich am Ende der ersten Schwangerschaft besser auf zwei Stühlen sitzen konnte, hatte ich nach der Geburt des zweiten Kindes meine ursprüngliche Figur wieder. Ich war sehr stolz darauf. Mit meiner Ehe stand es derzeit nicht mehr so gut. Ich hatte inzwischen die Erfahrung gemacht, dass ich einen ganz “alten“ Mann geheiratet hatte. Mein Spielen mit den Kindern war dann beendet, wenn er von seiner Arbeit kam. Sein Spruch war: „Wie kann man bloß so albern sein!“ Ich musste ein Haushaltsbuch führen, in dem auch die kleinste Kleinigkeit verzeichnet wurde. Wenn das wöchentliche Geld nicht reichte, musste ich mit ihm schlafen, oder richtiger gesagt: er mit mir. Dann gab es fünf DM extra. Später habe ich mir Geld von Nachbarn geliehen, um das nicht tun zu müssen. Ich verdiente mir ein paar Mark und kaufte mir davon ein Kleid, das ich auf einem Lampionfest tragen wollte. Ich hatte es nicht lange; er riss es mir vom Leib. Ich weiß nicht wieso und wodurch sich alles so entwickelte. Es gab keinen Grund, dachte ich. Einmal ging er Sonntags in ein Gartenlokal, um Karten zu spielen. Natürlich trank er auch Alkohol. Mittags wartete ich lange mit dem Essen. Eines Tages kam statt meines Mannes zwei Männer, die unseren Musikschrank mit allen Schallplatten abholten. Er hatte wohl beim Kartenspielen verloren. Für mich ganz furchtbar, weil die Musik sehr wichtig war. Immer, wenn ich dachte, ich kann das alles nicht mehr ertragen, habe ich gesungen und es hat mir geholfen. Wir gingen eines Tages zusammen in dieses Lokal und blieben ein paar Stunden. Später, auf dem Heimweg, begleitete uns ein Nachbar. Als ich mich von ihm verabschiedete, war mein Mann schon im Haus. Beim Hineingehen wunderte ich mich, warum es im Haus noch dunkel war. Ich öffnete die Haustür, als plötzlich Schläge auf meinen Kopf hagelten. Acht Tage konnte ich mich nicht kämmen. Ich weiß heute noch nicht warum aber seit dem Moment war in mir etwas zerbrochen, als wenn ein Gefäß zerspringt. Von dem Augenblick an war alles anders, viel schlimmer als alles, was vorher gewesen war. Und so kam es wie es kommen sollte. Das Gartenlokal wurde von neuen Pächtern übernommen. Ein älteres Ehepaar mit zwei Kindern. Im Sommer kehrten viele Spaziergänger ein. Und im Winter waren dort Parzellisten Gäste. Es war immer etwas los. Musik und Tanz. Wir waren auch oft dort. Ich tanzte gern, mein Mann nicht. So forderte mich meistens der Pächter auf. Irgendwann machte er mir ein Kompliment: „Wenn du durch die Tür kommst, bringst du die Sonne mit!“ Er behandelte mich als Frau, nie vorher hatte ich so etwas erlebt. Wie ein Schwamm sog ich es auf. Es tat mir gut und ich fühlte mich gut. Oft ging Günter allein hin, um Karten zu spielen. Einmal kam er sehr spät heim. Es war dunkel im Haus. Er schloss die Tür auf, machte aber kein Licht. Ich sah nur seine Silhouette, da hinter ihm durchs Fenster Mondlicht einfiel. Vor Angst, was jetzt passieren würde, lag ich ganz still und mochte kaum atmen. Er kam an mein Bett, beugte sich über mich und ich sah, wie er etwas in der Hand hielt und aufholte. Ich rührte mich immer noch nicht. Doch dann erhob er sich und ging ins Bett. Ich hatte überlebt! An einem anderen Abend ging ich aus dem Haus, bevor er kam. Nur aus Angst vor dem, was noch kommen könnte. Ich schlich so lange draußen herum, bis er das Licht gelöscht hatte. Doch ich täuschte mich. Es war zwar kein Licht, doch ein Fenster wurde geöffnet. Ich traute mich nicht hinein. Ich lief, so wie ich war, mit Schürze und Arbeitszeug durch das Pazellengebiet in eine Straße, nahm mir ein Taxi und fuhr zu meiner Mutter. Weil ich wusste, den Kindern passiert nichts, blieb ich bei ihr. Am nächsten Morgen entschuldigte sie sich bei ihrem Arbeitgeber und wir fuhren mit Fahrrädern zu unserem Haus. Dort sahen wir mein zertrampeltes Bett, au dem der abgebaute Pumpenschwengel lag. Meine Mutter fragte ihn, was da eigentlich passiert sei. Er antwortete, er wollte mich erschlagen. Er hatte am Abend mit einem Gewehr am Fenster auf mich gewartet. Für mich war alles zu Ende. In der Zeit danach sammelte ich alle Tablettenproben und bei nächster Gelegenheit sollte Schluss sein. Die Möglichkeit dafür gab es an einem Silvesterabend. Wir gingen zusammen in unser Lokal, um mit anderen Gästen zu feiern und das neue Jahr zu begrüßen. Mein Mann wollte fotografieren, hatte aber etwas vergessen. Ich bot mich an, es zu holen. Zu Hause angekommen, packte ich alle Tabletten aus und stellte das Gas an. Ich beugte mich direkt über die Brenner und wartete. Plötzlich ging die Tür auf und Günter stand erstaunt vor mir. „Was machst du da?“ Mein Vorhaben war gescheitert, oder es war nicht so geplant, dass zu diesem Zeitpunkt mein Weg zu Ende war. Und das Leben ging weiter. Ich hatte ja jemanden, mit dem ich über alles reden konnte und der mir ein guter Freund war. Der schon erwähnte Pächter des Lokals: Hans. Wir sahen uns öfter und irgendwann trafen wir uns. Wir suchten uns einen ruhigen Ort, setzten uns ins Gras und erzählten uns unsere Geschichten. Es war wie ein Zwang. Wir trafen uns immer häufiger. Nach drei Monaten heimlichen Zusammenseins, kam es zu mehr. Trotz des großen Altersunterschiedes – er war 25 Jahre älter – hatte ich nach längerer Zeit dieses Versteckens gehofft, er würde sich von seiner Familie trennen. Nachdem, was er mir erzählte, wollte er schon lange nicht mehr mit seiner Frau leben, die so gar nichts Feines an sich hatte, schlampig und ungepflegt war. Für ihn war das unerträglich. Unser Zusammensein war für uns beide immer eine Erholung. Mit meinem Mann hatte ich kaum noch Intimitäten. So wurde dieses Verhältnis sehr gespannt. Ich hörte ein Gespräch zwischen Günter und seinem Bruder Karl, indem er ihm den Rat gab, mich zu schlagen, dann würde ich schon tun, was er wolle. Oft kam er betrunken nach Hause und legte sich oben ins Etagenbett. Da er im diesem zustand keinerlei Kontrolle über seine Blase hatte, floss sein Urin dann auf das untere Bett, indem unsere Tochter lag. Oder er übergab sich auf die Matte vor dem Bett oder es lief die Wand hinunter. Wenn ich dann den Dreck beseitigte, war es für ihn eine Genugtuung. Nach all diesen Ereignissen war für mich und sicher auch für die Kinder ein normales Leben nicht mehr möglich. All die Jahre hatte für mich das Wasser eine besondere Anziehungskraft. Weil wir direkt am Fluss wohnten, war ich oft dort, um über alles nachzudenken und inneren Frieden zu finden. Es konnte Stunden dauern, bis ich wieder nach Hause ging. Ein neues Problem war aufgetaucht. Eine dritte Schwangerschaft. Ich war mir fast sicher, dass es nicht von Günter war. Dann bekam ich unheimlich Angst vor dem, was passieren würde. Ich befand mich in einem ganz schlimmen Zustand. Angst und Verzweiflung – was wird sein in den kommenden Monaten. Günter hatte es sicher von Anfang an gewusst, dass es nicht sein Kind sein konnte, doch gesprochen wurde darüber nicht. Die folgende Zeit kam ich nicht zur Ruhe. Als ich meinem Freund von der Schwangerschaft erzählte, war er nicht sonderlich begeistert. Verständlicherweise. Unser Verhältnis war natürlich sehr verhalten. Seiner Ansicht nach konnte er nicht der Vater sein. Jedenfalls war ich allein mit meinen Sorgen und wohl auch schuld an dieser Situation. Damals ging man (oder nur ich) nur zweimal zum Frauenarzt. Erst zum Feststellen der Schwangerschaft und dann zum Ende. Als ich meinen Geburtstermin schon überschritten hatte, fuhr ich mit dem Fahrrad noch einmal zum Arzt. Er teilte mir mit, dass ich mich wohl um vier Wochen verrechnet hätte. (Ich!?) Abends dann, war er doch sehr überrascht, mich im Krankenhaus zu sehen. Er sprach leise mir dem untersuchenden Arzt, ohne dass ich etwas verstand. Nachher wusste ich warum: Es sollte keine leichte Geburt werden. Im Kreißsaal hatte ich eine große Uhr vor mir. In den stillen Minuten musste ich daran denken, dass gerade jetzt meine Tante ihren Geburtstag feierte und ich hier liegen musste. Es war 20:20 Uhr, als endlich diese schwierige Arbeit für alle Beteiligten beendet war. Ein gesunder Junge, 4 000 g schwer, als Steißlage auf die Welt gekommen. Kommentar der Hebamme: „Wer auf diese Art geboren wird, ist etwas Besonderes!“, was sich später bewahrheiten sollte. Nach einer Woche konnten wir nach Hause. Wie würde es jetzt weitergehen, was würde mich erwarten – nichts geschah. Ein Tag wie der andere. Bis das Wasser kam. Hochwasser! Einige Tage vorher stürmte und regnete es schon und trieb den Fluss stromaufwärts. An einem Freitag, meinem Einkaufstag, musste ich mit dem Fahrrad über eine Fußgängerbrücke (Weserwehr). Auf dem Rückweg war diese Brücke gesperrt. Polizisten verweigerten mir aufgrund der gefährlichen Wettersituation das Betreten. Ich erklärte ihnen, dass auf der anderen Seite meine Kinder auf mich warteten und so war ich der letzte und einzige Mensch, der über diese Brücke ging. Die Turbinen des Wasserwerkes, an denen ich vorbeiging, waren einer Zerreißprobe ausgesetzt. Donnernd und heulend drohte das ganze Gebäude zu bersten. Dachziegel flogen durch die Luft. An diesem Gebäude vorbei, musste noch eine Steigung der Brücke bewältigt werden. Der Sturm hatte dort noch eine stärkere Wirkung, da keine Mauer seiner Geschwindigkeit im Wege stand. 20, 30 Meter noch – dann hatte ich wieder festen Boden unter den Füßen. Es war geschafft. Ein Kilometer noch und ich war zu Hause. Durch den starken Sturm hörte ich manchmal Stimmen, nicht wissend, dass auf der gegenüberliegenden Seite des Flusses schon Alarm gegeben war und die dort lebenden Menschen evakuiert wurden. Es war Zeit ins Bett zu gehen. Die Kinder schliefen bereits. Eine innere Unruhe konnte ich nicht unterdrücken. Die Luft war voller Stimmen, bis dann auf dem Weg Leute laut riefen: „Das Wasser steigt!“ Alles Aufstehen, ein paar Sachen packen, Papiere lagen immer griffbereit – und dann raus! Es war Februar kalt und sehr kalt. Als das Wasser in unsere Gärten floss, gab es merkwürdige Geräusche, gurgelnd und schlürfend. Es dauerte eine Weile, bis wir herausfanden, woher sie kamen. Mäuselocher liefen voll. Bei aller Tragik hatte es doch auch etwas Amüsantes, dieses Wasser. Acht Tage stand es in den Häusern. Unsere Männer bewachten in dieser Zeit das Gebiet. Frauen und Kinder waren untergebacht bei Freunden und Verwandten. Jeden Tag brachten wir Frauen Essen und Trinken in diese Wasserwüste. Mit Booten fuhren die Eigentümer der überfluteten Häuser durch die Fenster. Als sich die Weser nach Acht Tagen wieder in ihr Bett zurückzog, stand zwar das Mobiliar noch genau wie vorher, doch versuchte man die Tür zu öffnen, fiel alles in sich zusammen. Unser Häuschen war davon verschont geblieben, weil es auf einer kleinen Anhöhe stand. Nun mussten wir aufräumen. Wege vom Schlamm befreien, umgestürztes aufrichten und reparieren. Bald war alles getan und die Tage flossen wieder normal. Am 27. März 1962 bahnte sich eine ganz persönliche Katastrophe an. Ich glaube es war ein Samstag, das Eingekauft lag ausgepackt auf den Schränken, als Günter heim und uns befahl, das Haus zu verlassen, sofort! Ich nahm meine Kinder und ging. Nur, wohin? Zum Vereinsheim, um zu telefonieren. Nur dort gab es die Möglichkeit. Ich rief meine Mutter an, um sie zu informieren. „Ich kann nicht mehr und ich will auch nicht mehr!“, waren meine Worte, dann legte ich auf. Mit meinen Kindern ging ich zur Brücke. Wir warteten – auf was? Auf Hilfe, die dann auch kam. Meine Eltern hatten sich sofort auf den Weg gemacht. Sie fragten mich, was passiert sei und fuhren dann direkt zu unserem Haus. Später erzählten sie mir, dass Günter sich nicht beruhigen lassen wollte und ihnen den Zutritt verweigerte. Mein Vater hatte den Ausdruck, den er auf Günters Gesicht sah, schon mal gesehen. Als Soldat im russischen Krieg, sah er viele verrückt gewordene Menschen, denen die Augen aus den Köpfen traten. Es hatte also keinen Zweck zurückzugehen. Wir stiegen in das Auto. Während der Fahr gab mein Vater mir den Rat, den Vorfall der Polizei zu melden. Mir fiel es schwer, das zu tun, weil es dann keine Familienangelegenheit mehr sein würde. Wir sind dann doch zur Wache gefahren und auch dort konnte ich mich erst nicht überwinden. Als der Polizist ärgerlich eine Entscheidung forderte, erzählte ich es ihm. Die Beamten beruhigten mich und so zeigten wir ihnen den Weg. Sie gingen durch den Garten zum Haus und sprachen Günter an. Sie bemerkte starken Alkoholgeruch und baten ihn mit auf die Wache zu kommen. Als er sich noch eine Zigarette anzünden wollte, erlaubten sie es ihm nicht. Außerdem nahmen sie Benzingeruch war, der aus dem Haus kam. Es lag wohl eine Wolldecke auf dem Sofa, die mit Benzin getränkt war. Ich denke, er hat seinen Feuertod gewählt. Dies war nun verhindert worden. Meine Eltern nahmen uns mit in ihre Wohnung. Abends fuhr ich mit meinem Vater zu unserem Haus, um unsere Betten und Kleidung herauszuholen. Weil es inzwischen dunkel war, hatte ich große Angst, Günter könnte hinter jedem Baum stehen und jeden Augenblick sich auf mich stürzen. Ich versuchte, den Abstand zwischen meinem Vater und mir nicht zu groß werden zu lassen. Und war froh, als alles gepackt war. Meine Eltern lebten in einer Souterrainwohnung, für zwei Personen gerade ausreichend. Nun waren es noch vier mehr. Keiner hatte im Augenblick darüber nachgedacht, dass das eigentlich ein unhaltbarer Zustand sein musste, aber wir waren erst mal sicher. Am Sonntag Mittag, wir waren mit dem Essen fertig, klingelte es an der Haustür. Zwei Polizisten baten mich, mitzukommen. Auf mein Fragen, warum und wohin, hieß es nur, sie hätten den Auftrag und wüssten sonst nichts. Wir fuhren zu unserem Haus. Es war Sonntag Mittag und ich wunderte mich über die vielen Menschen vor unserem Garten. Ich weigerte mich auszusteigen, doch die Beamten nahmen mich zwischen sich und versicherten mir, dass nichts passieren und ich auch nichts sehen würde. Ich saß im Haus, viele Männer liefen herum. Durch ein Fenster konnte ich sehen, dass sie auf die Erde sahen. Dort musste er liegen. Man erzählte mir, er hätte sich erhängt. Sein Bruder fand ihn im Schuppen. Von der Polizei am Vorabend mitgenommen, konnte man ihn dort nicht länger als 24 Stunden in der Ausnüchterungszelle festhalten. So ist er dann zu Fuß nach Haus, sah das Chaos und muss dann gleich in den Schuppen gegangen sein. Was wäre passiert, wenn wir noch da gewesen wären??? Mit einem Mannschaftswagen der Polizei fuhr ich zwecks Protokoll zum Polizeihaus. In Begleitung des Fahrers fuhren wir mit dem Paternoster in das dritte Stockwerk. Ich redete mit ihm über alltägliches, als wenn es sich um eine Besichtigung des Hauses handele. Sicher war das Geschehene von meinem Bewusstsein noch nicht aufgenommen. Im Amtszimmer wurde mir nahegelegt, doch jetzt keine Dummheit zu begehen, schließlich wären drei Kinder zu versorgen. Was dann bei der Beerdigung geschah weiß ich nicht. Als der Rauch aus dem Schornstein des Krematoriums stieg, lief ich davon. Mehr Erinnerung ist mir nicht geblieben. Als amtlicherseits alles geregelt war, ging ich auf die Suche nach einer Wohnung für uns vier, was sehr schwierig war. Ich wusste nicht, was mich finanziell erwartete. Nach Günters Tod blieben mir 60,- Mark und bis die Rente bearbeitet war, vergingen drei Monate. Zur Überbrückung bekam ich vom Sozialamt ungefähr 260,- Mark. Wir wohnten immer noch bei meinen Eltern, bis dann von deren Wohnungseigentümern eine Kündigung ausgesprochen wurde, falls wir nicht schnellstmöglichst die Wohnung verlassen würden. Es war auch ein unhaltbarer Zustand. Mein jüngster Sohn schlief im Kinderwagen, der in der Küche stand. Die Wände waren dort voller Schimmelpilze. Inzwischen wurde meine Tochter eingeschult. Ich war immer unterwegs auf Wohnungssuche. Ich hatte mich auch schriftlich an die Frau des Bürgermeisters gewandt aber keine Antwort bekommen. Nach Tagen fand ich eine. Mit Bretterverschlägen im Keller, ohne Licht und sehr klein. Weinend ging ich und erzählte es meiner Mutter. Sie war der Meinung, dass das nicht die Lösung wäre. Ja, uns blieb nichts anderes – wir mussten wieder zurück. Tagelang empfand ich tiefe Traurigkeit und weinte sehr viel. Nachbarn trösteten mich. Nach der Flutkatastrophe wurde darauf geachtet, dass alle bisher dort wohnenden Menschen eine Ersatzwohnung bekamen. Vielleicht wussten die zuständigen Behörden nichts von uns und so waren wir die einzige Familie, die wieder zurück musste, weil wir sonst nirgends bleiben konnten. Die Mitarbeiter des zuständigen Ortsamtes verweigerten mir aber eine polizeiliche Anmeldung, da dort nicht mehr gewohnt werden sollte. Ich wollte den Raum schon verlassen, mit den Worten: „Dann müssen wir uns wohl auflösen!“, wurde die Anmeldung doch genehmigt. Auch das war geschafft. Meine Tochter musste nun auch die Schule wechseln. Sie hatte einen sehr langen Weg. Um sie zur Schule zu bringen, hätte ich die anderen Kinder allein lassen müssen. Wenn ich sie auf dem Heimweg von Weitem sah, holte ich sie mit dem Fahrrad ab. Kein Kind hatte damals so einen langen Schulweg. Es tat mir alles sehr leid. Es ging uns nicht gut. Ob es die Kinder gemerkt hatten? Ich weiß es nicht. Rund ums Haus gab es einen Garten. Gemüse und Obst war vorhanden, doch für alles andere hatte ich kein Geld. Jeden Monat fuhr ich mit dem Fahrrad zum Sozialamt. Dort musste ich zwei Stunden warten, um den Scheck zu bekommen. In dieser Zwischenzeit Sozialhilfe – Rente gab es eine Zeit, in der es sehr hart wurde. Ich konnte meinen Kindern nichts mehr zu essen geben. Es fehlte an allem. Noch einmal einkaufen mit den letzten drei Mark. Auf dem Weg traf ich eine mir bekannte junge Frau und ich erzählte ihr von uns. Am nächsten Morgen kam diese Frau durch unseren Garten und brachte mir 50 Mark. Bis heute hat sie dieses Geld – unsere Rettung – nicht wieder. Es ist ganz traurig aber ich weiß heute nicht mehr, wie sie hieß. Aber etwas weiß ich. Es hatte für mich bis dahin soviel schlimme Dinge gegeben und immer gab es wieder ein Licht. Es kann nicht anders sein, es muss jemanden geben, der auf mich aufpasst und mich beschützt. Dafür bin ich sehr dankbar. Jetzt bekam ich Rente und es wurde leichter. – Juni 1962, meine Eltern nahmen uns mit nach Österreich. Das erste Mal nach Haus. Mit einer Borgward Isabella. Viel Platz für Vater, Mutter, Schwester und uns. Ein merkwürdiges Gefühl – was würde sein nach einer so langen Zeit? Angekommen, ging ich durch die Haustür – sie war immer noch offen, wie damals – durch den Flur in den Hof. Tante Laura drehte sich um, sah mich und für mich war es ein nach Hause kommen. Nichts fremdes war zwischen uns. Inzwischen hatte sie vier Kinder bekommen. Es war schön wieder in den Bergen zu sein. Zurück in Bremen. Wir wohnten immer noch in unserem Haus. Gartenarbeit war jetzt angesagt. Gemüse und Obst mussten geerntet und verarbeitet, ca. 20 Meter Hecke geschnitten werden. Genug Arbeit, um nicht viel nachzudenken, wie es weitergehen sollte. Dieser Parzellist, von dem ich schon erzählte, kam eines Tages mit der Nachricht: „Es werden Häuser gebaut für Flutgeschädigte! Sie müssen sich kümmern! Oder meinen sie, die kommen und fragen, ob sie ein Haus haben wollen?“ Ich überlegte, ich und ein Haus, wie sollte das wohl gehen mit drei Kindern und ohne Geld. Ich ging aber doch zum Amt für Wohnung und Siedlung, um mich zu informieren. Sehr ungeschickt beantwortete ich die Fragen über meine Familie, sodass der Eindruck entstehen musste, ich hätte jedes Kind von einem anderen Mann. Und so wurde ich dann auch behandelt, arrogant und belächelt. Tage später bekam ich ein Schreiben mit der Ankündigung einer Schätzung meines Grundstückes inkl. Haus. Eine großzügige Schätzung, denke ich. Um ein neues Haus zu bekommen, musste 6.000 Mark haben. Sicher war dieser Betrag auch vorhanden, nur hatte meine Schwiegermutter ein Anrecht auf einen Teil dieses Geldes. Beim Amt nahm man an, dass sie wohl darauf verzichten würde, wegen der Kinder. Mir gegenüber bestätigte sie das auch, doch schriftlich erfuhr ich dann etwas anderes. Nun hätte ich Einspruch einlegen können. Ich verzichtete darauf, weil ich für den Rest des Geldes ein Haus bekam. Ich sollte tatsächlich Hauseigentümer werden! Gebaut wurden die Häuser für Flutgeschädigte Anfang 1963. Aber erst stand uns noch der Winter bevor. Es wurde eine schlimme Zeit. Schnee und Kälte, das hieß für mich, eingefrorene Wasserpumpe, immer mal ein Zentner Kohlen auf dem Fahrrad zu holen und Wäsche aus dem gefrorenen Wasser zu wringen. Falls es mir nicht gelang die Pumpe aufzutauen, musste Schnee geschmolzen werden, damit wir uns waschen konnten. Oft mussten die Kinder so lange im Bett bleiben, bis der Ofen nicht mehr qualmte und der Schornstein von der Feuchtigkeit befreit war. Es hieß aber auch, im Garten einen Schneeberg zu bauen, richtig hoch, zum rodeln geeignet. Ich weiß nicht, ob ich es erwähnte: Unsere Toilette war am Haus angebaut in einem kleinen Schuppen. Wir mussten von der Küche nach draußen an einem Kohlenkasten vorbei. Eines Abends ging ich, bevor es dunkel wurde noch dorthin. Als ich zurückkam, fiel mir ein, dass ich noch Kohlen brauchte. Ich ging hinaus und sah Fußspuren im Schnee. Zwischen Toilettengang und Kohlen holen, musste jemand dort gewesen sein. Ich ging den Spuren nach. Sie führten ums ganze Haus. Nun begann eine Zeit der Angst aber auch der Neugier. Wer hatte ein Interesse und was wollte dieser jemand? Vor unserem Garten, ca. 20 Meter, stand eine Straßenlaterne. Ich stand oft in der dunklen Küche und beobachtete den Hauptweg. Es war ja Winter und es verirrte sich selten jemand in dieses Gebiet. Nur einmal sah ich einen Menschen. Er stand an unserem Zählerkasten am Weg und schaute zu unserem Haus. Ich nahm mein Fahrrad und verfolgte den Flüchtenden. Ich konnte ihn gut sehen auf dem Schnee. Doch plötzlich war er verschwunden. Am nächsten Morgen meldete ich dieses Ereignis der zuständigen Polizeistation. Nach einem Verdacht gefragt, äußerte ich die Vermutung, es könnte sich um ein Familienmitglied meines verstorbenen Mannes handeln. Einige Tage bekam ich Polizeischutz mit einem Hund. Aber nichts verdächtiges passierte. Schade, ich hätte es gern gewusst. An ein Ereignis erinnere ich mich noch. Mein jüngstes Kind war sehr lebhaft und schrie auch oft ohne Grund. So stellte ich es im Kinderwagen liegend in die Küche. Weil es aber an einem Abend dort zu kalt war, es zu viel kalte Luft eingeatmet hätte, holte ich es in den Wohnraum. Ich hatte die zwischen Wohnzimmer und Küche eingebaute Schiebetür noch nicht ganz geschlossen, als ein Pflasterstein mit großer Wucht durchs Küchenfenster bis an die Längsseite der Stube in den Innenraum flog. Hätte das Kind noch in der Küche gestanden, mit Sicherheit wäre es von umherfliegenden Glassplittern fürs Leben gekennzeichnet gewesen. Wieder ein Beweis für den Schutz, der uns umgibt. Endlich wurde es Frühling! Viele Leute befuhren wieder die Wege zu ihren Parzellen, andere benutzten sie als Arbeitsweg. Unter den Menschen gab es einen jungen Mann, der immer winkte und grüßte. Er fiel mir erst gar nicht besonders auf. Ich sah ihn öfter im Vereinsheim, wo es wieder einen neuen Pächter gab, eine Frau. Ich half öfter beim Servieren, wenn Sommergäste Rast machten. Es machte mir Spaß. Manchen Abend saßen und tanzten wir im gemütlichen Kreis. An einem Abend war es spät geworden, es waren nur noch zwei Gäste da. Wir räumten auf, wuschen Gläser, als ich sah, wie die Wirtin einen jungen Mann küsste. Darauf sagte ich: „Und wer küsst mich?“ Die Antwort kam von dem jungen Mann, der immer so freundlich gegrüßt hatte. Damit fing eine wunderschöne neue Liebesgeschichte an. Er war 18 Jahre alt, ich 26. Aber es spielte keine Rolle. Über alle Dinge konnte ich mit ihm reden. Nächte haben wir verbracht mit guten Gesprächen. Ich fühlte mich so sicher und geborgen. An das “Später“ haben wir nicht gedacht. Es war alles gut, wie es war. Er war auch der erste Mensch, mit dem ich eine Bar besuchte. “Badewanne“. Als wir zu viert die Treppen in den Keller stiegen, es war schon früh am Morgen, sah ich zuerst die schon sehr mitgenommenen Gesichter an der schummrigen Theke. Für mich ein sehr ungewöhnlicher Anblick. Noch nie hatte ich so verrottete Gestalten gesehen. Die Häuser, die für Flutgeschädigte gebaut wurden, waren bald fertig. Der Termin unseres Umzuges kam näher. Eine große Traurigkeit überkam mich. Wird die Entfernung etwas verändern? November 1963 war es soweit. Ich konnte in mein Haus, um es zu reinigen. Es kam mir riesig vor, als ich ganz allein den Fußboden einer 80 m² Fläche, Fliese für Fliese von der Klebemasse befreite. Die Liebe war ein bisschen in den Hintergrund getreten. Zumal dieser Mann für eine lange Zeit auf Montage war. Am 22.12.1963 konnten wir das Haus beziehen. Was wir mitbrachten, passte in einen Raum. Zum Glück gab es eine Einbauküche und eine halbautomatische Bottichwaschmaschine. Für die drei Kinder fiel Weihnachten sehr mager aus. Silvester 1963/64 gab es eine Feier mit einigen Bekannten und Verwandten. Eine große Freude für mich. Ich sah ihn wieder. Er war wieder im Bremen und bei mir. Und er blieb. Wie lange, wusste ich nicht. Dann plötzlich war er weg. Immer hatte ich Angst, er würde irgendwann nicht wiederkommen. Einen naiven Trost hatte ich: Solange seine Zahnbürste noch da war, würde er nicht gehen. Naja, irgendwann ist er dann doch gegangen. Eine lange Zeit verging. Ich arbeitete früh morgens als Putzfrau bei einer Zeitung, musste um 3:00 Uhr aufstehen. Mit dem Fahrrad fuhr ich in die Innenstadt, um von 4:00 bis 7:00 Uhr zusätzlich zur Rente Geld zu verdienen. An einem Abend, ich lag schon im Bett, klingelte es an der Haustür. Ich öffnete und große Freude, meine große Liebe stand vor mir. Natürlich meldete ich mich bei der Arbeit ab. Stundenlang erzählten wir uns das Erlebte. An unserem Verhältnis zueinander hatte sich nichts geändert. Er arbeitete immer noch außerhalb, doch jedes Mal, wenn er Urlaub hatte, ließ er sich von seinem Chef zu mir fahren, bevor er zu seinen Eltern ging. Er hatte eine Erklärung für sein Weggehen: Er hatte das Gefühl, einige Bekannte wollten uns verkuppeln. Und er fühlte sich zu jung um sich zu binden. Später hörte ich, er hätte geheiratet, drei Kinder bekommen. Scheidung und dann Alkohol. Manchmal kam er volltrunken in mein Haus. Nicht sehr angenehm. Als er ganz unten war, ihm Freunde sagten, er würde schon bald am Bahnhof landen, schaffte er den Absprung. Er besuchte eine Akademie und bestand als 50jähriger mühelos die Führerscheinprüfung. All die Jahr danach begegneten wir uns des öfteren zufällig, ich als Busfahrerin und er als Steinsetzer auf verschiedenen Baustellen der Stadt, immer ein freudiges Wiedersehen. Als ich ihn zuletzt sah, hatte er eine Operation hinter sich. Die Lymphdrüsen wurden ihm entfernt. Ich konnte es nicht glauben, dass dieser Mensch, der nie in seinem Leben den Sport vernachlässigt hatte, sich im Judo den schwarzen Gürtel erkämpft hatte, plötzlich verstümmelt war. 1996 hatte er noch einmal geheiratet und am 05.04.2002 erfuhr ich von seinem Tod. Er starb im Mai 1998. Ich hatte 1966 wieder geheiratet und bekam noch zwei Kinder. Nachdem ich Jahre mit reinigen von Büroräumen etwas Geld dazuverdiente, begann ich 1973 eine Ausbildung als Busfahrerin. Meine Ehe war schon nach einem Jahr vorbei. Ein ewiger Krieg, viel Angst, aber auch Verachtung waren das Ende. Ich hatte nicht gewusst, was damals in mein Haus kam. Ich habe auch nicht gewusst, dass es Menschen gibt, die zwei Gesichter haben und das eine so gut verstecken können, dass niemand merkt, dass sich hinter diesem freundlichen und hilfsbereiten Menschen eine Bestie verbirgt. Vielleicht gewusst, dass es solche Wesen gibt, nur dass mir so etwas begegnen würde..... Einzelheiten kann ich kaum erzählen. Verbrechen wie seelische Grausamkeit, Vergewaltigung, einsperren in dunkle Räume. Diebstahl, der dem Sohn angelastet wurde, obwohl vom Vater begangen. In Gegenwart des Sohnes, der damals ca. sechs Jahre alt war, hat er mit mehreren Frauen in seiner Parzelle Sex gehabt. Ich war zu der Zeit nicht mehr auf diesem Stück Land. Später, als mein Sohn des Diebstahls beschuldigt wurde, hörte ich von Polizisten, dass dort oft ein Streifenwagen unterwegs war. Wie ich schon sagte, niemand sah das andere Gesicht. Nur die Familie merkte es irgendwann, aber da war es schon zu spät. Der Schaden war zu groß und nicht wieder gut zu machen. Bis ich merkte, mit wem ich zusammenlebte, waren die Kinder schon längst gebranntmarkt. Viel zu spät verließ er das Haus. Niemals in meinem Leben habe ich einen Menschen so gehasst und verachtet für das, was er den Kindern angetan hat. Jahre nach unserer Scheidung ist er bei einem Besuch einfach vom Stuhl gefallen und war tot. Das habe ich ihm nicht gegönnt!! Alle fünf Kinder haben sehr darunter gelitten, was er mit ihnen gemacht hat, ohne dass ich das Ausmaß je erfahren werde. Manchmal, wenn ich mit den beiden Jüngsten rede, kommen Dinge zu Tage, die ich nie geglaubt hätte. Die große Schuld, diese Katastrophe nicht gesehen und verhindert zu haben, und nicht eher, viel eher beendet zu haben, ist meine große Last. Zwei der Älteren Kinder haben sich von mir distanziert. Für sie bin ich schuldig an ihrem jetzigen Leben und ich muss ihnen Recht geben. Aber ändern kann niemand nichts. 1976 verließ dieser Mensch das Haus, viel zu spät. 1979 wurde die Scheidung ausgesprochen und wir konnten ein neues Leben beginnen. Nun musste ich zwar mehr arbeiten, aber eine große Last war von uns genommen. Die Kinder waren oft allein. Ganz schlimm wurde es für mich, aber auch für die kleinen Kinder, wenn sie krank waren und ich zur Arbeit musste. Ich erinnere mich, dass meine kleine Tochter in der Schule verunglückte. Über Funk erfuhr ich von diesem Unfall, man löste mich ab und ich konnte sie an der Haltestelle abfangen, um mit ihr zur Unfallstation zu gehen. Nur stieg sie nicht aus und ich fragte eine Frau, die aus der Unfallstation kam, ob sie mit mir der Straßenbahn folgen könnte. Es klappte auch. An der dritten Haltestelle konnte ich sie aus der Bahn holen. Das waren Ereignisse, die ich als sehr schlimm empfand. Allerdings konnten wir uns jetzt auch Urlaub leisten, sodass ich die Zeit mit meinen Kindern auch intensiv nutzen konnte und sich mein schlechtes Gewissen auf diese Art etwas beruhigte. Wir mieteten uns ein Auto, um einmal im Jahr auszureis(ß)en. Österreich, Italien, Schweiz, überall sahen wir mal rein. Es war schön unterwegs zu sein. Ich war sehr froh darüber, jedes Jahr einmal nach Kärnten fahren zu können. 1983 reicht ich eine Kur ein. Vier Wochen Bad Wildungen. Mit dem Bus von Bremen, der schon in Bremerhaven Fahrgäste aufgenommen hatte, fuhren wir nach Bad Wildungen. Die Kuranstalt lag hoch über dem Ort und so hatten wir eine wunderschöne Aussicht. Die Koffer in die Eingangshalle geschleppt, mussten wir noch warten, bis die Verteilung stattfand. Jeder packte seine Sachen in den Fahrstuhl und ab ging es in den zweiten Stock. Auf der Fahrt machte ich mich mit einem Mann bekannt. Wir gingen auf unsere Zimmer und mussten später feststellen, dass unsere Unterkünfte nur vier Türen voneinander entfernt lagen. Ich hatte ein wunderschönes Zimmer mit Blick auf das Dorf. Oft sah ich abends hinunter auf die beleuchteten Straßen. Morgens schien hier oben schon die Sonne, während unten noch alles mit einer Wolke zugedeckt war. Nach Arztbesuchen und Anwendungen hatte ich Zeit, Menschen kennen zu lernen. In den Aufenthaltsräumen war immer etwas los. Spielen und Lachen – das war Pflichtprogramm. Am ersten Abend traf ich dann auch gleich meine erste Bekanntschaft aus dem Fahrstuhl. 53 Jahre alt, schüchtern und humorvoll. Wir verstanden uns auf Anhieb. Am nächsten Morgen gingen zwei spazieren. Ich hatte ihn einfach gefragt und so stapften wir durch den Schnee. Bei einer wunderbar klaren und sauberen Luft. Zu Mittag waren wir wieder im Haus, mit nassen Schuhen und Füßen. Viel Abwechslung war geboten und wir haben es genutzt. Kilometerlange Märsche durch den Wald, Tischtennis, Abends Tanz und Sonntagskonzerte im Kurhaus. Wir waren inzwischen immer zusammen und ein besonderes Gefühl entstand. Nichts ging mehr ohne den Anderen. Kurschatten ist wohl das Wort dafür. Damals wussten wir noch nicht, wohin das führen sollte. Er war verheiratet und hätte ein „Verhältnis“ nicht angefangen. Die Zeit verging viel zu schnell. Nach vier Wochen reiste er ab und der Abschied war sehr traurig, denn ich blieb noch eine Woche länger. Wieder zu Hause, mit sehr schönen Erinnerungen, begann der Alltag. Aber immer, wenn ich in der Stadt unterwegs war, suchte ich diese Augen. Irgendwann verblasste der Wunsch, ihn zu sehen. Anfang September 1986, ich wollte gerade das Haus verlassen, klingelte das Telefon. Ich nahm den Hörer ab und beim ersten Wort des Anrufers klopfte mein Herz so laut, dass ich kaum etwas sagen konnte. Er gab mir eine Woche Zeit, in der ich mich entscheiden konnte, ob ich ihn sehen wollte oder nicht. Ich brauchte diese Zeit auch, um mir klar zu werden, was geschehen würde, wenn ich mich darauf einließe. Ich entschloss mich, ihn anzurufen und kurze Zeit darauf stand er vor meiner Tür. Er hatte sich in dieser Zeit sehr verändert, alt geworden und sein Gesicht gezeichnet von Kummer. Nach der Rückkehr aus Bad Wildungen wurde seine Frau sehr krank – Brustkrebs! Ihr Leidensweg dauerte drei lange Jahre und im Mai 1986 ist sie neben ihm eingeschlafen. Es war also kein Wunder, dass dieser Mann sich so verändert hatte. Trotzdem hatten wir eine sehr glückliche Zeit miteinander. Zwar wohnte er immer noch in Bremerhaven und ich in Bremen aber es gab, zumindest in den folgenden Jahren, kein Problem trotz meines Berufes. Er war Frührentner und hatte somit mehr Zeit, deshalb war er auch öfter ein paar Tage bei mir. In dieser Zeit unserer Verbindung von September 1986 bis März 1993 hatten wir sehr viele gemeinsame Reisen und Erlebnisse. Nachdem ich seinem Vorschlag, das Haus zu verkaufen, und zu ihm zu ziehen, nicht nachkam, beendete er die Beziehung. Was mir geblieben ist, sind die Erinnerungen und Fotos an Österreich, Ägypten, Norwegen und und und ... Dieser Weg zurück in meine Vergangenheit war oft sehr steinig. Doch es war mein Weg. |
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