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Biografie

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Kindheit
Author:  Schnieder
Biografie vom:  28.09.2001
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Der Autor ist ein Teilnehmer des Biografie-Projekts "Das ist mein Leben" der GGT.
Die resolute Oma heilt mit Schnee

Um die Weihnachts- und Neujahrszeit war unser Münsterland in den 20er Jahren fast immer schneebedeckt. Frost kam hinzu, so dass man als Schuljunge stets draußen vollbeschäftigt war: Schneemänner bauen, Schlitten fahren, Schlittschuh laufen. Klar, dass bei diesem fröhlichen Treiben Schneeballschlachten beiläufig dazugehörten.

Was weniger gefallen konnte, war die Knappheit kurz nach dem 1. Weltkrieg mit der nachfolgenden Inflation. Knapp war der Inhalt von Vaters Lohntüte, knapp war es in allen Lebensbereichen. Knappheit und Enge machten sich morgens beim Ankleiden bemerkbar, wenn man sich als wachsender Junge in die viel zu engen kurzen Hosen zwängen mußte oder in die oftmals zu schmalen Holzschuhe. Lederschuhe durften nur an Feiertagen getragen werden. Holzschuhe wurden an sich bei Schnee und Eis als wärmend empfunden, jedoch nicht bei Jungen, die draußen bei Schnee und Eis sich austoben. Schnee kam an den offenen Stellen seitwärts in die hölzernen Dinger, taute auf und gefror dann in dem Schuhwerk alsbald bei 5 bis 10° minus. Das hätte Fritz bei seiner Aktivität in der weißen Pracht nicht weiter gestört, wenn ihm nicht eines Tages der Frost an den Füßen Beulen beschert hätte, die schmerzten und juckten, besonders abends in der warmen Stube und im Bett! Es heißt wohl "Wo es juckt, da kratzt man sich! Falsch bei Frostbeulen! Kratzt man sie auf, ist der Heilungsprozeß noch schwieriger und schmerzlicher. Zum Arzt? Apotheker? - Nein, kostete Geld, das nicht vorhanden war. Also wurden von Nahestehenden Hausmittel empfohlen: Verbände mit eigenem Urin, Efeublätterbad, Galleninhalt vom Schwein und und...

"Nix da!" sprach die resolute Oma, zog den barfuß dasitzenden Fritz vom Stuhl, nahm ihn an der Hand, Tür auf - und, eh der Fritz begriff, was werden würde, befand er sich neben seiner Oma barfüßig vor der Haustüre mitten im Schnee. Dann setzte sich Omi, den Jungen an der Hand, langsam, dann immer schneller werdend, in Trab. Die Großmutter war nicht mehr die Jüngste, rundlich und drall, mit etwas entenhafter Gangart. Schallendes Gelächter der zusehenden Hausgenossen tönte hinter ihnen her beim Anblick dieses unerwarteten Schauspiels. Der Bub machte ohne Widerstand geduldig mit. Wußte er doch, was die Omi macht, ist immar richtig!

Beide hatten hin und zurück des Wegs etwa 30 Meter im Schnee hinter sich gebracht; Oma schnaubte nicht schlecht und war oben gerötet und warm. Der Fritz natürlich nur unten. Seine Füße wurden sacht mit einem Tuch abgetupft, und der junge "Kerl" wurde ins Bett befördert. Wie er hernach behauptete, hätte er nach diesem nie für möglich gehaltenen Schneelauf geschlafen wie ein "Ratz".

Nach Wiederholung dieser radikalen Omas-Anti-Frost-Kur am folgenden Abend war Fritz wieder frostfrei!

Opa fährt mit den Enkelkindern in den Zoo

Opa will seinen Enkelkindern eine besondere Freude machen und gibt ihnen bekannt, dass er bei der nächsten passenden Gelegenheit mit ihnen zum Zoo fahren wird. Nun mal mit der Eisenbahn, denn Autofahren ist ihnen bekannt, weniger mit der Eisenbahn, die Jüngsten waren überhaupt noch nicht in einem Zuge.

Endlich ist es soweit: Opa sitzt mit vier Enkeln im Zug Richtung Münster. Da mußte er viele Fragen beantworten: Was hat der Schaffner mit dem Ding in der Hand an dem Fahrschein gemacht?Warum heißt der Mann "Schaffner"? Hat der Zugführer auch einen Führerschein?  Gibts hier auch ein Klo? Und...und...so fort! Inzwischen ist man kurz vor Kinderhaus und der Schaffner gibt laut bekannt "Kinderhaus"! Da fragt der kleine Wilfried: "Müssen hier die Kinder raus?"  Opa gibt die nötige beruhigende Antwort, weil der Kleine sich wohl verhört hat, dass der Schaffner den Haltebahnhof "Kinderhaus" und nicht "Kinder-raus" ausgerufen hat. Münster Hbf. Kindliche Unruhe. Des Bahnhofs Ausgang ist erreicht. "Sooo viele Leute - Autos groß und kleine,  viiiele Schaufenster ..." klingt es in Opas Ohren. Augen und Mund der Kinder sind weit offen; kein Wunder wenn man aus den ruhigen, einfachen ländlichen Gefilden kommt und plötzlich soviel Neues auf das kindliche Gemüt einstürmt!

Nun sind sie am Ziel. Spannung zeichnet die Kindergesichter und sie treten erwartungsvoll von einem Bein auf's andere, als Opa am Eingang die Kassenformalitäten erledigt. Endlich drinnen! Es hebt ein nicht enden wollendes Fragen, Staunen und Wundern an: "Guck mal... hier...! Gucke mal da.!" "Der eine Affe hat immer zu mir geschaut, was er wohl wollte?" "Ist der Elefant groß!" "Hat der Löwe große krumme Zähne!" Schauen - Fragen über Fragen hat der Opa zu beantworten. Und er tut es gerne. Zum Schluß gibt es für jeden lieben Kindermund ein leckeres Eis.

Opa ist bei allem Wohlwollen letztendlich doch froh, mit der Rasselbande' wieder daheim zu sein. Und als Oma fragt, ob es schön war...hört man lautes "Jaaaa!  Wir danken dir, lieber Opa!" "Welches Tier hat dir am besten gefallen?" will Oma von Claudia wissen. "Das Walroß" kommt es prompt zurück. "Das Gesicht ist fast so, wie Opas! Lange, dichte Barthaare, funkelnde dunkle Augen, und die Nase ... so..." Weiter kam sie nicht, denn sie sah Opas und Omas entsetztes Gesicht und die abwehrenden Hände der beiden. Nun wußte der Opa Bescheid und konnte sich hinterher ein Lächeln nicht verkneifen. Oh - diese Kinder! Aber lieb sind sie doch!

Mein Erlebnis als Eisenbahner: Die Honig-Marmeladen-Kolonne

Winter 1945. Der Deutsche Reichsbahn-Umladebahnhof war noch betriebsfähig. Hier wurden die verschiedensten Güter aus den Waggons entladen oder auch umgeladen und in alle Himmelsrichtungen transportiert - soweit das im Bombenhagel noch möglich war.

Das Ladepersonal setzte sich aus mehreren Kolonnen zusammen, je zu viert mit einem Kolonnenführer. Eine solche Ladekolonne bestand aus russischen Kriegsgefangenen mit einem deutschen Kolonnenführer. Die Gefangenen, gebeugt und schlapp dahergehend, waren vom Lager aus zu dieser Tätigkeit abkommandiert.

Ein Stückgut-Waggon war zum Entladen an der Rampe bereitgestellt worden. Der Kolonnenführer kam mit seinen ihm zugeteilten Russen dorthin, öffnete die verplombte Schiebetür, während die Gefangenen mit je einer Karre zum Entladen bereitstanden. Säcke, Kisten, Kartons, Körbe, Eimer, Fässer wurden nach und nach aus dem Wagen herausgekarrt, was den ausgehungerten Gefangenen wegen körperlicher Schwäche sichtbar schwer fiel.

Doch was war denn das? Da lagen mehrere Blecheimer umgekippt und zerbeult, etwa durch Druck, Stoß oder Schlag, mit aufgeplatzten Deckeln auf dem Wagenboden - Ursache unbekannt. Die Gefangenen waren nicht die Verursacher! Der Inhalt der beschädigten Eimer, flüssiger Honig und rotglänzende Marmelade, war teilweise ausgelaufen und hatte sich auf dem Wagenboden zu einem buntschillernden Brei vereinigt. Plötzlich ging ein dumpfes Raunen durch das Wageninnere, Entladekarren fielen krachend zu Boden, mit einem Aufschrei stürzten die armen Kerle auf die breiige Masse am Boden. Knieend langten sie mit beiden Händen immer wieder zum süßen Brei, stopften ihren Mund damit, leckten und schluckten, was hineinging. Dabei nicht achtend der Schmutzteilchen in dieser klebrigen Havarie vom Wagenboden. Hunger! Hunger! Hinein!  Hinein!

Der Versuch des Kolonnenführers, die Ärmsten von dem verschmutzten Brei fernzuhalten, schlug völlig fehl. Es gab einfach kein Halten mehr! Unfähig noch etwas zu tun, verließ er kopfschüttelnd den Wagen.

Durch das laute Getue war der Lademeister aufmerksam geworden. Er eilte in den Wagen, um nach dem Rechten zu sehen. Bei dem sich bietenden Bild stutzte er jäh, machte plötzlich kehrt und verließ langsamen Schritts mit ernstem Gesicht die Stätte, an der hungergepeinigte Menschen auf primitivste Weise sich zu sättigen versuchten. Er, älteren Jahrgangs, ging in sein Büro und grübelte. Doch eine Meldung an das Lager der Gefangenen unterblieb.

Nach geraumer Zeit kehrte der Kolonnenführer mit einem Eimer Sand, mit Besen und Schaufel zurück, um die letzten Spuren des Mischmaschs zu beseitigen. Aber da gab es nur noch einen großen feucht-klebrigen Fleck zu entfernen; die Bedauernswerten hatten auf ihre Art und Weise "ganze Arbeit" geleistet. Oder besser gesagt: Dreck  geschluckt vor lauter Hunger!

Der Kolonnenführer richtete die umgestürzten beschädigten Eimer wieder auf, um den darin verbliebenen Rest noch zu erhalten. Auf einem Meldezettel zum Frachtbrief vermerkte er: "Drei Blecheimer eingedrückt und verbeult, Inhalt teilweise auf den Wagenboden ausgetreten. Die ausgetretene Masse war verschmutzt und für die menschliche Ernährung unbrauchbar. Die schmutzige Masse wurde vernichtet."

Die Ärmsten der Armen hatten sich auch nur mit der Schmutzmasse zufrieden gegeben; der Inhalt der Eimer wurde respektvoll nicht angetastet. Wie es schien, waren die arg Hungernden nun auch vorläufig satt. Sie leckten noch ihre nicht gerade sauberen Finger einzeln ab, und ebenso reinigten sie ihre Mundpartien.

Die Ausladearbeiten gingen weiter. "Rabotti! Rabotti!" rief bedrückt der Kolonnenführer. Doch wie er sah, dass ihre Fiinger fortwährend an den Handgriffen der Karre klebten, holte er einen Eimer Wasser, und die Gesättigten wuschen ihre Hände darin - blitzsauber ohne Seife. Weiter rollten die Räder. Doch nach einer gewissen Zeit setzte bei der "Honig-Marmeladen-Kolonne" ein hastiges, zielstrebiges Laufen zur Toilette ein. Der süße Brei fing teuflisch an zu wirken! -

Ein Tag später war die "Honig-Marmeladen-Kolonne" aufgelöst. Die Bedauernswerten wurden vom Lager krankgemeldet und kehrten niemals zu ihrem Arbeitsplatz zurück. Was ist aus ihnen geworden? Keiner wußte auf dem Umladebahnhof eine Antwort. Jedoch die vielen russischen Soldatengräber sprechen eine sehr deutliche Sprache!

Der Älte mit der Mundharmonika
- eine seltsame Geschichte -

Heinrich traute seinen Augen nicht, als er in seiner Heimatzeitung las: "Musikanten zum 1. Straßenmusikantenfestival gesucht. Ob Drehorgel, Flöte, Geige, Trompete, Akkordion; jedes Instrument und jede Musikrichtung sind willkommen." Neben einer angemessenen Gage sei es jedem Musiker freigestellt, für sich zu sammeln. So die Werbung in der Zeitung.

Heinrich hatte doch eine gutklingende Mundharmonika, mit deren Weisen er auf Seniorenfahrten und -treffs soviel Anklang gefunden hatte. Er spielte sich in die Herzen von alt und jung bei Nachbarfesten oder Geburtstagsfeiern. Zur wahren Freude wurde mitgesungen und geschunkelt. Ob das mit dazu beigetragen hatte, dass Heinrich sich mit 84 Jahren noch jung fühlte? Von Jugend an hatte er sich beim Kühehüten in seiner Freizeit mit dem Mundharmonikaspiel vertraut gemacht. Und selbst in miesen Stunden hatte er im Kriege sich und seine Kameraden aufgemuntert.

Es gab kein Vertun, der "Jung-Alte" beschloß, sich unverzüglich als Straßenmusikant zu bewerben. Als er seiner Frau seinen Entschluß mitteilte, meinte sie: "Bist du noch zu retten -  mit deinen fast 85 Jahren - auf dem Markt in aller Öffentlichkeit?! Als jedoch Heinrich seiner Anna unterbreitete, ein Umhängeschild mit der Aufschrift: "Hier wird für Krebskranke musiziert und gespendet; Krebskranke danken - auch für kleine Gaben! Gage und Gewinn gehen zur Krebshilfe hin! Alle Spenden in guten Händen!" zu tragen, da gefiel das auch Anna und sie war nun für sein Vorhaben.
Heinrich holte nun sofort seine geliebte Mundharmonika und blies sie so stark und laut, dass seine Anni, wie er sie zärtlich nannte, sich die Ohren zuhalten mußte. Heinrich: "Ja, ist Fortissimo. Aber Mezzoforte tut's auch" und blies "Puppchen, du bist mein Augenstern ..." innig und sauber zu Anna gewandt. Anna lachte und dachte: Hoffentlich klapp alles! Nun hatte er den Beweis, dass er noch kräftig und kenntnisreich seine Mundharmonika beherrschte.

Seine Bewerbung als "Junge mit der Mundharmonika" wurde akzeptiert und der "Alte" durfte beim 1. Straßenmusikantenfestival auftreten. Als pflichtbewußter, pflichtgebundener Musikus nunmehr, wollte er in aller Öffentlichkeit demnächst zeigen, dass er sich als Ältester nicht verstecken brauchte - auch nicht mit dem Tascheninstrument Mundharmonika. Er übte einige Tage seinen bunten Liederschatz.

Frau Anni - wie er sie schmeichelnd nannte - und Heini - wie sie ihn lächelnd ansprach - waren damit zufrieden und guter Hoffnung. Der Tag des Debütanten Heinrich, "Der Junge mit der Mundharmonika"" konnte also kommen.

Endlich war es soweit. Anni fuhr ihren Heini zum Platz des Auftritts. Dem Debütanten wurde es hier doch ziemlich kribbelig im Bauch, was man auch wohl "steigende Adrenalausschüttung" oder kurz "Lampenfieber" nennt. Jedoch nach Heinrichs Devise "Frisch gewagt ist halb gewonnen" und "dem Tüchtigen gehört die Welt" saß er alsbald an einem Straßenplatz, neben sich das Werbeschild für die Krebshilfe und eine Mütze als Münzbehälter. Es war immerhin schon Spätherbst mit recht kalten Winden. Doch der Straßenmusikant hatte sich vorsorglich eine dicke warme Hose angezogen und hoffte, darin gut blasen und perfekte Musik machen zu können. Zudem hatte er sich in einen molligen Lodenmantel gehüllt. Es war Markttag und viel Volk aller Schattierungen zog an Geschäften, Kiosken und Ständen vorbei - auch an Musikmacher Heinrich.

Munter spielte er "Horch, was kommt von draußen rein..."  Sodann blies er ein Lied nach dem andern aus seinem reichhaltigen Repertoire. Neugierige Blicke trafen ihn und manche  Marktbesucher wunderten sich, dass ein solch kleines Ding am Mund so viel klangvolle Weisen hergab. Besonders Kinder hatten ihren Spaß daran und kamen ganz nah an den Straßenmusikanten heran - mit großen Augen und offenem Mund. Das war für sie ja auch mal eine ganz andere, neue Vorführung als die mit Fernsehen, Radio, Recorder und großen Musikinstrumenten. Dies blinkende Etwas vor dem Mund mit lieblichen Klängen! Wie bewegend, kleine Händchen so innig Beifall klatschend zu sehen! Die Augen des Alten wurden dabei - kopf-nickend dankend - ein wenig feucht. Mamas und Papas drückten alsdann in's Kinderhändchen "Talers" und schwupp lagen in der Mütze wieder Münzen.
Der alte "Mundharmonikaner" sah auch viele bekannte Gesichter, die ihm lachend zuwinkten, ihm schulterklopfend mehr oder weniger Bares zukommen ließen. Urplötzlich standen einige seiner Enkelkinder hinter ihrem Opa und kraulten seinen Nacken. Dann legten sie schüchtern und lachend ein paar "Silberlinge" in Opas Mütze. Mit "Hänschen klein..." verabschiedete er seine Lieben. Auch Opas Frau, Oma Anni, kam an mit Verwandten und Bekannten im Schlepptau und alle freuten sich, den "alten Heini"  in hingebungsvollem Spielen ablichten zu können. So hatte der Alte mit der Mundharmonika auch seine Freude! Der liebe Besuch wurde mit "Sah ein Knab ein Knab' ein Röslein stehn..." verabschiedet, dabei bezog Anna, rückerinnert, manches auf sich mit ihrem Heinrich. Der Spielmann hatte sich von 14 - 18.00 Uhr dem Festival verpflichtet und war derart in seinem Element, dass er erst gegen 17.00 Uhr sich einen warmen Drink genehmigen konnte, was ihm und seinem Mundwerk recht guttat. Um 18.00 Uhr hatte der Mundharmonikajunge vereinbarungsgemäß sein Soll erfüllt und machte Feierabend, so wie die Geschäftsleute, Kioskbesitzer und Handwerker. Die Marktbesucher zogen heimwärts. Heinrich sehnte sich jetzt nach Ruhe - mehr noch seine strapazierten Lippen. Doch er konnte es nicht unterlassen, zum Abschied (vielleicht für immer - im 85. Lebensjahr!) "Muß ich denn zum Städtele hinaus" und "Guten Abend, gute Nacht" herzhaft und ein wenig wehmütig über den Markt zu blasen. Unter lebhaftem Abschiedswinken begaben sich Heinrich und Anna nach Hause. Der Resonanz nach zu urteilen, hat es allen Beteiligten und Interessierten gut gefallen. Gefallen konnte es auch Anna und Heinrich, als sie daheim die hübsche Einnahme von 250,- DM verbuchen und der Krebshilfe zur Verügung stellen konnten!

Hier an dieser Stelle sei allen Spendern -auch im Namen der Krebshilfe - einschließlich Heinrich und Anna ein herzliches D a n k e s c h ö n gesagt.

So verlief mein Leben

Ein Jahr vor Ausbruch des 1. Weltkrieges wurde ich geboren - und nicht etwa "auf Rosen gebettet". Not und Entbehrungen waren mein ständiger Lebensbegleiter. Meine Eltern hielten sich mit Müh und Not "über Wasser".

Mit 15 Jahren war ich Fabrikarbeiter, nachdem mein Vater ein Jahr zu vor an den Folgen der im Kriege zugezogenen Krankheit gestorben war. Meine Mutter, mit geringer Witwenrente und zwei kleinen Kindern, stand nun an der Armutsgrenze und ich als ältester Junge in der Famlie war nun plötzlich Haupternährer unseres Familienlebens geworden.

In den 20er und 30er Jahren war das menschliche Dasein hart und scheinbar ohne Zukunft. Weltkrieg, Inflation,  Arbeitslosigkeit (6 - 7 Mio) zogen böse Spuren. Meine Fabrikarbeit als junger Bursch brachte auch nicht genügend ein, obschon ich wöchentlich im Spinnereibetrieb 50 - 60 Überstunden arbeitete. Meine Mutter, voller Tatendrang, trug auch als Waschfrau und Aushilfe bei Geburten und Krankheitsfällen in anderen Haushalten zur Aufbesserung unseres Einkommens bei. Meine knapp bemessene Freizeit (meistens sonntags) füllte ich mit Selbst- und Privatunterricht aus. Mit 21 Jahren wurde ich auf meiner Arbeitsstelle Disponent im Angestelltenverhältnis. Nicht lange währte das Glück. Kurz vor Ausbruch des Krieges 1939 wurde ich eingezogen und kämpfte an der West- und Ostfront. In Rußland wurde ich verwundet und verlor ein Auge und teilweise mein Gehör. Kaum genesen kam ich in ein Büro der Eisenbahn in Wittenberge/Elbe. Nachdem meine Dienststelle zerbombt war und die russische Soldateska grausame Eroberungen bis zur Elbe gemacht hatte  - ich war inzwischen Familienvater geworden -  setzte ich mich auf Schleichwegen in den Westen ab. Nach einiger Zeit im ländlichen Raum an der Elbe kehrte ich in die heimatlichen Gefilde des Münsterlandes zurück.

Nach geduldigem Ausharren einiger Monate kam ich hier zur Eisenbahn zurück, wurde Beamter und nach einigen Jahren aufgrund meiner Verwundung frühzeitig pensioniert.

Ich habe von Jugend an bis ins hohe Alter (88 Jahre) stets gerne und mit Hingabe geschrieben. Der so genannte "Ruhestand" war für mich keiner, ich fand Zeit und Muße zu vermehrtem Schreiben nach Belieben.

Ich war in all den Jahren ehrenamtlich tätig im Verband der Kriegsbeschädigten, in der Behinderten-Sportgemeinschaft, im Kirchenchor, ich huldigte der Musik in einem Mandolinenclub, der viel gemeinsame Wanderungen im Gefolge hatte. Altersbedingte Fingerversteifungen lähmten mein Gitarrenspiel, ich kam zurück zum Musizieren auf meiner ständig in Bereitschaft liegenden Mundharmonika, die mir und anderen noch mit 88 Jahren liebliche Klänge bei Kinderspielen, Geburtstagseiern, Nachbarschaftsfesten, Seniorentreffs verschafft. Ich frönte dem Brieftaubensport, betrieb eifrig Naturkunde und die Jagd.

Weiterhin besuchte ich Kurse und Seminare. In Münster stationiert, absolvierte ich drei Semester Verwaltungsakademie als Gasthörer. Es hat sich nun im Laufe der Jahre so viel an Erlebnissen, Erzählungen, Versen in Poesie und Prosa -  auch Plattdeutsch ist dabei -  angesammelt, das nach fachlicher Beurteilung zum Wegwerfen zu schade ist. "Dieser Mix hat eine Buchform verdient" - so die Meinung eines aufmerksamen Lesers.

Abschließend wünsche ich allen Leserinnen und Lesern viel Freude und gute Unterhaltung beim Lesen meines Buches. Vielleicht fällt dabei auch etwas ab zur stillen Besinnung und Erbauung in dieser unruhigen und hektischen Zeit!
Auch sei noch erwähnt, dass ich Vater von fünf Söhnen und drei Töchtern in guter Position bin. Sie schenkten mir vierzehn gesunde Enkelkinder! Großer Gott, wir loben Dich! Dir sei Dank und Preis.

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Stand: 09.02.12


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