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Biografie

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Kindheit
Author:  Modest
Biografie vom:  12.10.2001
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Der Autor ist ein Teilnehmer des Biografie-Projekts "Das ist mein Leben" der GGT.
Erinnerungen an meine Großmutter

Wir waren ein Dreimäderlhaus, das heißt, zu unserem kleinen Haushalt gehörten: meine Großmutter, meine Mutter und ich. Als ich zwei Jahre alt war, starb mein Vater. Wir schreiben das Jahr 1925.

Wir wohnten in Breslau in einer kleinen Mietwohnung, bestehend aus 2 ½ Zimmern mit Küche und „Entree“, wie wir es damals nannten. Die Toilette war einen halben Stock höher und die mussten wir mit einer neben uns wohnenden Familie teilen. Außer uns wohnten noch zwölf Familien in friedlichem Miteinander und guter Nachbarschaft zusammen.

Es gab da noch ein Hinterhaus und dort war ein Stückchen Wiese. Der Hausmeister erlaubte uns Kindern manchmal (wir waren so ca. acht an der Zahl), auf der Wiese zu spielen. Wir holten dann unsere sämtlichen Puppen und Puppenwagen heraus und spielten unser Lieblingsspiel „Mutter und Kind“. Sollte zufällig ein Junge fragen, ob er mitspielen dürfe, dann wurde er von uns als „Vater“ zur Arbeit geschickt und durfte nicht so schnell wiederkommen. In der Zwischenzeit kochten wir in kleinen Töpfchen unser „Mittagessen“.

Es machte uns viel Spaß und ich denke noch gerne an all die Spiele zurück, die wir im Hinterhof spielten.

Auch auf der Straße, auf dem sogenannten Trottoir, ließen wir unsere Springer (Kreisel) tanzen oder trieben mit kleinen Stöcken unsere bunten Holzreifen die Straße entlang. Zwar schimpften manchmal die Leute, aber das störte uns nicht. Mit einem Säckchen voller Schippelkugeln versuchten wir, die schönen, bunten Glaskugeln zu gewinnen. Mit schwarzen Fingern kam ich dann nach Hause und meine Oma schrubbte mir mit einer harten Bürste meinen Zeigefinger sauber.

Ja, meine Großmutter führte in unserem kleinen Haushalt ein strenges Regiment. Ich sehe noch heute meine liebe Mutter täglich von früh bis spät an der Nähmaschine sitzen; als gelernte Schneiderin nähte sie Mäntel und Kostüme für eine große Firma.

Meine Großmutter kümmerte sich um den Haushalt, sie kochte mit Vorliebe Rouladen, Schweinebraten, Eintöpfe und Saucen aus allem, was es so gab, von Dill über die Petersilie, Senf usw. Es schmeckte immer alles wunderbar.

Als Kind hatte ich auch Aufgaben, die erfüllt werden mussten, sonst gab es Ärger. Abtrocknen und Geschirr wegstellen gehörte u.a. dazu.

Es gab Zeiten, die sich tief in mein Gedächtnis gegraben haben. Die Dunkelstunde, wie sie meine Großmutter nannte, werde ich nicht vergessen. Die Zeit zwischen Spätnachmittag und Abend, die nannte Oma die „Dunkelstunde“. Oft setzte sie sich dann in ihren Sessel (der war aus rotem Plüsch und schon ein bissel abgeschabt) und ich kuschelte mich zu ihren Füßen auf meine Ritsche (so nennen wir Schlesier eine Fußbank) und lauschte den Geschichten, die sich meine Oma immer ausdachte.

Nicht Hänsel und Gretel, nicht der Froschkönig, nein, sie erzählte vom Bären, vom Wolf und vom Löwen und vielen anderen Tieren, die auf einmal alle sprechen konnten und sich unterhielten. Vor meinem geistigen Auge sah ich sie alle in der Runde sitzen und glaubte, sie brummen, bellen und heulen zu hören. Es war schaurig schön. Aber auf einmal sagte Oma: So, jetzt machen wir Licht. Hatten wir noch eine Petroleumlampe oder schon Gaslicht? Ich kann mich nicht mehr so genau erinnern, aber an die Lampe mit den grünen und weißen Perlenstäbchen aus Glas, an die erinnere ich mich sehr gut.

Meine Großmutter hatte zwei Schwestern, also meine Großtanten. Die gingen wir oft besuchen und, was am schönsten war, meine Tante Fanny hatte einen Schrebergarten. Der war für meine Cousine Lottel und für mich ein kleines Paradies. Wir durften zwar nicht darin herumtollen, aber vor der Laube war ein kleines Plätzchen, darauf durften wir spielen. Kam dann die Zeit der Ernte, halfen wir, die Johannisbeeren abzupflücken. Das taten wir ja ganz gerne, aber dann die Stachelbeeren!
Aber das schönste vom Schrebergarten war das Kinderfest. Darauf freuten wir uns. Mit Blumengirlanden wurde ein kleiner Leiterwagen (Handwagen) geschmückt und wir zwei, meine Cousine und ich, durften uns auf die im Wagen angebrachten Brettchen setzen und man zog uns durch das ganze Gelände. Uns machte das viel Spaß und die Wege in der Schrebergarten-Anlage waren voll von Leiterwägelchen mit frohen Kindern darauf. Waren wir dann wieder im heimischen Garten angekommen, gab es Streuselkuchen, von Tante Fanny selbst gebacken. Die Erwachsenen tranken Kaffee und wir bekamen Brause. Unsere weißen Kleidchen waren bald nicht mehr ganz so weiß, aber niemand schimpfte mit uns. Ich erinnere mich, auf der Kaffeekanne saß ein wunderschöner bunter Schmetterling aus Porzellan als Tropfenfänger. Ich hätte ihn gerne mal angefasst, aber das traute ich mich nicht.
Diese Schrebergarten-Zeit war für mich immer etwas ganz Besonderes. Oftmals spazierten meine Oma und ich Hand in Hand und wollten unsere Tante im Garten besuchen. Dabei kam es manchmal auch vor, dass das Vorhängeschloss an der Gartentür zu war und wir nicht rein konnten. Aber da machten wir einen Rundgang im Gelände und guckten uns die anderen Gärten an. Ja, die Spaziergänge mit Oma waren etwas Besonderes. Ich fragte immer viel, wollte dies und das wissen, und sie war nie müde, mir vieles zu erklären.

Einmal wollten wir eine Straße überqueren und von links kam ein Auto, das Oma nicht sah. Aber ich hielt sie zurück und es passierte nichts. Der Autofahrer war auch erschrocken, er stieg aus und erkundigte sich, ob etwas passiert sei. Meine Oma sagte dann, wie immer, ich wäre ihr Schutzengel gewesen. Darauf war ich sehr stolz.

So näherte sich der Tag, an dem ich eingeschult wurde. Meine Oma ließ es sich nicht nehmen, mich täglich in die Schule zu bringen und mich auch wieder abzuholen. Ich weiß nicht mehr, wie lange sie das durchgehalten hat, aber es bestimmt eine ziemliche Zeit. Wahrscheinlich habe ich ihr dann eines Tages klar gemacht, dass ich doch schon groß wäre und alleine laufen könnte.

Die ersten Schuljahre waren wir in Gräbschen in Baracken untergebracht und ich kann mich heute, nach 74 Jahren, noch an mein erstes Klassenzimmer erinnern. Unbeschwert und fröhlich verlebten wir unsere Kindheit, die Probleme der Erwachsenen gab es für uns nicht.

Stolz waren wir, wenn wir, bewaffnet mit Einkaufskorb (mit gesticktem Deckchen darüber), Einkaufszettel und abgezähltem Geld, einkaufen durften. Damals wurde ja jeden Tag eingekauft. Kühlschrank gab es nicht, wir hatten jedenfalls keinen, dafür aber ein weißes Blumenbrettel am Küchenfenster. Dort wurde schon mal das eine oder andere frisch gehalten. Wir durften auch nicht vergessen, die Rabattmarken mitzubringen. Die wurden in ein Büchlein geklebt und oft kam dann in der Weihnachtszeit so viel zusammen, dass wir unseren Weihnachtseinkauf damit begleichen konnten. Das achtel Pfund Bohnenkaffee in der braunen Tüte war Omas besondere Freude.

Ach, und das Weihnachtsfest zu Hause in Breslau. Ich mache die Augen zu und spüre und rieche den Duft, der durch unsere Wohnung zog. Oma kochte dann ihre berühmte braune Soße mit Pfefferkuchen, Mandeln und Rosinen. Dazu gab es weiße und braune Bratwürstchen, die aber nicht gebraten, sondern nur heiß gemacht wurden, Salzkartoffeln und Sauerkraut. Wenn ich das heute meinen Kindern und Enkelkindern erzähle, verziehen sie den Mund, aber die können es sich ja gar nicht vorstellen, wie gut das schmeckte.
Ja, und dann am ersten Feiertag bekamen wir oft Besuch. Das achtel Pfund Bohnenkaffee musste dran glauben. Oma klemmte sich die Kaffeemühle zwischen ihre Knie und schon zog der Kaffeeduft durch die Wohnung. Als Kind konnte ich nicht verstehen, was die Erwachsenen so gut an dem Bohnenkaffee fanden. Der Streuselkuchen, ohne den eine schlesische Kaffeetafel nicht denkbar war, wurde aufgeschnitten. Und der selbstgebackene Pfefferkuchen. Manchmal wurde er gar nicht weich. Ich kann mich erinnern, dass Oma einmal in einer Blechdose zu Ostern Pfefferkuchen wieder fand, die wunderbar schmeckten.

So vergingen die Jahre. Die politische Wende im Januar 1933 hat uns wenig oder gar nicht interessiert und auch nicht unsere Leben verändert oder beeinflusst.

Wir verließen die Volksschule und kamen dann in die sogenannte Mittelschule und waren nun in dem Alter, wo uns von politischer Seite angetragen wurde, in den Bund Deutscher Mädchen einzutreten. Unsere Lehrerin war davon nicht begeistert, denn sie befürchtete, dass wir dann unseren Aufgaben in der Schule nicht mehr gerecht werden könnten. Begeistert waren auch meine Oma und meine Mutter nicht, dass ich dem BDM beitreten wollte. Aber alle meine Freundinnen und Klassenkameradinnen waren dabei und wir lernten Kameradschaft von einer anderen Seite kennen, politisch geprägt, aber wir hielten zusammen wie Pech und Schwefel. Fahrten, Zeltlager, Basteln für die Kleinen, das waren Dinge, die uns Freude machten. Die Politik marschierte am Rande mit, hatten wir doch genug damit zu tun, unsere Gemeinschaft, unsere Kameradschaft zu pflegen und gegenseitig zur Seite zu stehen. Wir, die Breslauer Jugend, waren aktiv mit dabei, als das Sänger- und das Turnfest in unserer Heimatstadt stattfanden.

Der Ausbruch des Krieges am 01. September 1939 war zugleich das Ende unserer Kinder- und Jugendzeit.
Wir traten ins Berufsleben ein, heirateten und ich bekam unser erstes Kind.

Und dann kam der Tag, an dem wir unser geliebtes Breslau für immer verlassen mussten, meine Großmutter, meine Mutter, meine eindreiviertel Jahre alte Tochter Dagmar und ich.

Am 25. Januar 1945 begann unsere Flucht aus Schlesien. Das Thermometer zeigte 2o° unter Null.

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