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Biografie

Biografie
Kindheit
Author:  Kühr
Biografie vom:  19.12.2001
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Der Autor ist ein Teilnehmer des Biografie-Projekts "Das ist mein Leben" der GGT.
Teuflischer Spuk

Der Winter war vorüber. In der Natur hatte der Frühling das Regime übernommen. Jetzt war es April, und er war wirklich viel angenehmer als sein Ruf, speziell die zweite Hälfte des Monats. Morgens war es meist noch sehr kalt. Aber mit dem Ansteigen der Sonne stiegen die Temperaturen in Luft und Boden, überall erwachte das Leben und die Menschen, besonders die Kinder hielten sich gern draußen auf. Der Junge beschäftigte sich mit den Katzen. Da er sehr grob war, liefen ihm diese aber immer davon und er mit mehr oder minder großem Erfolg hinterher. Das Mädchen hatte ihre große Babypuppe nach draußen gebracht. Sie sollte auch etwas von der Sonne haben. Marlen packte sie in den rosa und grau gestrichenen hölzernen Puppensportwagen, der im letzten Dezember ihr Geburtstags- und Weihnachtsgeschenk gewesen war. Onkel Willem hatte ihn selbst gebaut.

Da drangen von der Straße eigenartige Geräusche in den Hof herüber, Getrampel, als wenn eine Herde die Straße herauf getrieben wird. Aber doch auch wieder anders, nicht so springend, mehr schlürfend. Und weder tierische noch menschliche Laute waren zu hören Das Mädchen horchte auf. Dann stand es auf und blickte zu dem breiten aus Latten bestehenden Hoftor, das die Fortsetzung des Vorgartenzaunes bildete. Das Tor war kein Hindernis für den Blick. Man konnte genau beobachten, was auf der Straße vor sich ging. Die Oma kam aus der Waschküche und schaute um die Hausecke. Auch sie hatte das seltsame Trampeln vernommen. Ein langer Zug von Männern in gestreiften Jacken und Hosen bewegte sich die Straße entlang; vorn, in der Mitte und hinten von ein paar bewaffneten Soldaten begleitet. Noch nie hatte Marlen solche Anziehsachen gesehen, höchstens auf Bildern an einem Clown, geschweige denn so viele Leute, die einheitlich so gekleidet waren. "Was sind das für Leute, Oma? Warum haben die so gestreifte Sachen an?" "Das sind wahrscheinlich Häftlinge, Gefangene."
"Und wohin gehen die?"  "Sicher in ein anderes Gefängnis." "Und woher kommen sie?"  "Das kann ich dir auch nicht sagen."
Der Häftlingsmarsch war vorüber, jeder wandte sich wieder seiner Beschäftigung zu.

Doch wenige Tage später kam die gleiche Erscheinung aus eben der Richtung, in die sie beim erstenmal verschwunden war, die Straße herunter und bewegte sich in die entgegengesetzte
Richtung, aus der sie vor Tagen gekommen war. Nur schien der Zug heute etwas kürzer und dünner.
Seltsamer Spuk! Er blieb ihnen ein Rätsel.

In der letzten Zeit hatten Voralarm - Fliegeralarm - Entwarnung - neuer Alarm einander in hektischer Folge abgelöst. Jetzt gab es überhaupt keinen Alarm mehr. Dafür waren täglich Flugzeuge am Himmel: Jagdbomber, Tiefflieger. Eines Tages - Marlen hatte gerade Strümpfe für die Familie gewaschen und ging mit der Emailleschüssel über den Hof, um das Waschgut hinten auf die Leine zu hängen - knallte es genau über ihr. Erschrocken blickte sie hoch und sah einen Ball aus Feuer und Rauch, aus dem ein brennendes Flugzeug trudelnd zur Erde trieb. Angstvoll wich sie zurück. Ihr schien, es stürze genau in ihren Hühnerhof. Zwanzig Minuten später wussten sie Bescheid. Beim Angriff auf die Eisenbahnlinie war es von deutscher Flak, die in der Umgebung stationiert war, erwischt worden und auf die Felder gestürzt. Die Bahnstrecke Gotha- Eisenach führte nördlich am Dorf vorbei. Immer häufiger waren hier in den letzten Jahren außer dem normalen Güter- und Personenverkehr auch so genannte Verwundetenzüge von Ost nach West gerollt. Sie waren durch große "Rote Kreuze" auf dem Dach gekennzeichnet und wurden bisher nicht bombardiert. Doch jetzt gab es keine reinen "Rot-Kreuz-Züge" mehr. Alles war durcheinander: Reisende, Verwundete, Flüchtlinge, Soldaten. Sogar Kriegsgerät wurde zwischen den Reisewagen transportiert. Und kein Zug war mehr vor Beschuss und Bomben sicher. Bei Luftangriff versuchten die Lokführer nur noch, an eine Stelle zu kommen, an der wenigstens eine geringe Deckung durch das Gelände gegeben war. Die Menschen pressten sich in den Waggons auf den Boden, krochen unter die Wagen. Andere suchten außerhalb Schutz, im Gebüsch. Und jeder neue Angriff war noch teuflischer als der vorangegangene. Die Flugzeugstaffel kam von Westen im Tiefflug, und die Salven prasselten in Dächer und Wände der Waggons in der ganzen Länge des Zuges. Am Zugende wendete die Staffel und nahm sich das Objekt in entgegengesetzter Richtung vor. Es folgten die nördliche und die südliche Breitseite. Nach "gründlicher Arbeit" zogen die Jagdbomber in westlicher Richtung ab. Von ihrem Haus aus in nördlicher Richtung sahen sie den roten Schein. Entlang der Bahnlinie brannte die Böschung: Gräser, Sträucher, Bäume. "Dürfen wir mal zum Dorfrand?" - "Ihr bleibt hier. Es rührt sich keiner vom Hof!" Tags darauf hatte sich das ganze Ausmaß der Vernichtung herumgesprochen: Tote über Tote, massenhaft Verletzte. Alle Schwerverletzten, die nicht weiterfahren konnten, wurden in die Krankenhäuser der nahegelegenen Kleinstadt und der Kurorte gebracht.

Eines der großelterlichen Felder befand sich unweit dieser Eisenbahnstrecke. Die entsprechend der Vegetationszeit notwendigen Arbeiten mussten erledigt werden; sonst hätten sie im Winter nichts zu beißen. "Am Seeweg" war schwerer, fester Boden. Die Runkeln mussten unbedingt gehackt werden. Also ging es, wenn der Himmel ruhig schien, hinaus aufs Feld. Die Geschwister hatten zu Ostern jedes eine eigene Feldhacke bekommen, die Zugfläche etwas schmaler als die der Erwachsenen. Jedes Kind - immer einzeln zwischen den Frauen und Männern - hatte eine Reihe Runkeln zu hacken, während die Großen sich jeweils zwei Reihen vornahmen. Aber in Tempo und Qualität wurden keine Abstriche gemacht; die waren einzuhalten. Heute waren Großmutter, Mutter und Tochter allein in den Runkeln. Der Großvater wollte die Ställe ausmisten und Frieder sollte ihm dabei helfen, während der zweijährige Wolfi ungestört aber nicht unbeaufsichtigt auf dem Hof spielen konnte.

Die Frauen hatten bereits einmal feldaufwärts gehackt und waren jetzt feldabwärts kurz vor dem Wegrand. Da lag ein leises Summen in der Luft, das immer lauter wurde und immer näher kam. "Tiefflieger!" Drei Stück tauchten am Horizont auf, kamen auf sie zu. Was tun? Weit und breit kein Gehöft, keine Scheune. Bäume und Sträucher absolut außer Reichweite. Weglaufen konnten sie nicht. Vielleicht wollten die Flugzeuge ja nur die Bahnlinie inspizieren. Die Frauen versuchten, sie zu ignorieren, beugten sich wieder über ihre Hacken. Doch an der Eisenbahn war alles ruhig und leer. Weit und breit kein Zug. Da gabs nichts anzugreifen. In diesem Augenblick toste es über sie hinweg. Marlen hatte das Gefühl, an Schultern und Haaren gepackt und nach vorn gestoßen zu werden. Ohne ihr Zutun fiel sie zu Boden. Auch Oma und Mutti ließen sich fallen. Gleichzeitig peitschten Schüsse in die angrenzende Wiese. Die Flieger wendeten, hielten wieder auf sie zu. Sie waren so tief, als wollten sie sie überrollen. Ohne den Kopf zu bewegen, starrte Marlen ihnen entgegen. Das Mädchen wagte nicht, die Augenlider zu schließen. Starr blickte sie dem Piloten ins Gesicht. Diesmal fielen keine Schüsse. Die Flugzeuge drehten ab, verschwanden.

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