Biografie
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| Der Autor ist ein Teilnehmer des Biografie-Projekts "Das ist mein Leben" der GGT. | |||||||||
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Erloschene Lichter von Fortuna Als sich diese Geschichte zutrug, ging es viel bedächtiger zu als heute. Damals, in meiner Kindheit, als es nur wenige Autos und kein Fernsehen gab. Da erfreuten wir Kleinen uns noch an den einfachen Dingen. Zu jener Zeit hatte mein Bruder Karl-Josef, auch Bubi genannt, mit seinem Freund Willi etwas Außergewöhnliches angestellt. Davon möchte ich nun erzählen: Wir wohnten in der Braunkohlensiedlung Fortuna, die wegen der Kohlenvorhaben gänzlich weggebaggert ist, in einem Haus, das sich von den anderen rußgeschwärzten Häusern durch seine besondere Bauart hervorhob. Dieses schöne Haus sollte keine 50 Jahre stehen. Das ist fürwahr ein sehr kurzes Leben für ein Haus. Bubi und Willi, die beiden Unzertrennlichen, waren gerade in die Schule gekommen. Ihrer dummen, wenn auch meist recht harmlosen Streiche wegen, kannte man sie im ganzen Ort. Wo sie auftauchten, fragte man sich sogleich, was sie nun wieder ausgeheckt hätten. Verständlicherweise schöpfte darum auch der Küster gleich Verdacht, als er die Stelzen der Jungen am Kirchenportal sah. Bevor ich jedoch weiter davon berichte, muss ich ein wenig „zurückblicken“. Das Stelzenlaufen war damals ein beliebtes Kinderspiel. Überall stolzierten die Kleinen auf den hölzernen Stangen umher. Karl-Josef und Willi aber hatten keine Stelzen. Pfiffig überlegten sie deshalb, wie sie sich welche beschaffen könnten. Meinem Bruder kam schließlich der rettende Einfall: Er ging mit seinem Freund geradewegs zum Direktor der Braunkohlengrube und fragte keck, ob die Direktion ihnen eine paar Stelzen anfertigen lassen könnte. So unglaublich das klingt: Der Vorstoß hatte Erfolg. Wahrscheinlich war der Zechenherr so verblüfft, dass er einfach nicht „nein“ sagen konnte. Einen Sommer und einen Herbst hindurch stolzierten Karl-Josef und Willi auf verlängerten Beinen durch die Siedlung. Dann kann jener graue und stürmische Tag, an dem die inzwischen auch schon kohlenschwarz gewordenen zwei Paar Stelzen einträchtig am Kirchenportal lehnten. Dort sah sie der Küster. Er wusste, wem die Dinger gehörten. Eine Ahnung stieg in ihm hoch, und schnurstracks betrat er das Gotteshaus. Seine Vermutung, die Jungen dort zu finden, traf zu. Außerdem sah er noch etwas, das er ganz sicher nicht erwartet hätte. Feierliche Helligkeit strahlte ihm entgegen, denn die Kirche war wie bei einem Festgottesdienst erleuchtet. Alle Kerzen brannten. Sie strahlten am Hauptaltar und an den Nebenaltären, vor der Mutter-Gottes-Statue, vor dem segnenden Heiland, vor der heiligen Barbara neben dem Eingangsportal und sie flackerten hinter den Beichtstühlen. Der Küster rieb sich die Augen und schüttelte verstört den Kopf. Kein Spuk narrte ihn. Die Kerzen brannten wirklich. Und unten in der Kirche, in der allerletzten Reihe knieten andächtig im Gebet versunken, mucksmäuschenstill, wie es sonst nicht ihre Art war, Bubi und Willi. Das war zuviel für den armen Küster. Es verschlug ihm die Sprache. Stumm verließ er das Gotteshaus und tat, was Küster in außergewöhnlichen Situationen und auch sonst zu tun pflegen: Er ging zum Pfarrer. Der Geistliche folgte ihm in die Kirche und empfing den gleichen Eindruck wie vordem der Kirchdiener. Auch er sagte nichts. Doch man sah ihm an, dass es ihm insgeheim freute, was er natürlich nicht zu verstehen gab. Nach kurzem Staunen eilte er in das neue Haus neben der Schule und holte den Lehrer, den das festliche Bild – brennende Kerzen und betende Kinder – sichtlich erschüttert. Jetzt aber wandelte sich die Szene, denn der Lehrer war unser Vater. Als er sich von dem ersten Schock erholt hatte, packte er seinen Sohn beim Kragen und beförderte ihn aus der Kirche. Freund Willi schlich ganz traurig und bedrückt hinterher. Zu Hause gab es ein Donnerwetter und Tränen. Später, als sich die Gemüter etwas beruhigt hatten, ging unsere Mutter leise an Bubis Bett und fragte: „Warum habt ihr die Kerzen angesteckt?“ „Ach“, antwortete Karl-Josef und weinte leise. „Willis Oma ist doch gestorben, und da wollten wir für sie beten. Weil aber eine Kerze vor der Mutter Gottes brannte, habe ich gesagt: „Wir machen jetzt die anderen Kerzen auch an. Dann hat der liebe Heiland eine Freude.“ Lächelnd strich meine Mutter ihm über das Haar. Draußen heulte der Wind. Die verrußten Fensterläden schlugen gegen das Haus. Dies ist eine Erinnerung an meinen Geburtsort Fortuna, den es nicht mehr gibt. |
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