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Biografie

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Kindheit
Author:  Kaiser
Biografie vom:  16.07.2002
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Der Autor ist ein Teilnehmer des Biografie-Projekts "Das ist mein Leben" der GGT.
Eine Kindheit im Sauerland

Der Aprilscherz

Es  war  der 1. April 1927  –  in dem kleinen sauerländischen Dorf Meinkenbracht , das heute der entfernteste Ortsteil der Stadt Sundern im Hochsauerlandkreis, dem ‚Land der tausend Berge‘, ist;  das aber damals als selbständige Gemeinde zum
Kreis Arnsberg gehörte. Mein Vater erzählte mir Jahre später einmal, unser Dorf habe 165 Einwohner. „Dann waren es erst 164, bevor ich geboren wurde“, war meine Reaktion  –


Es war der 1. April 1927  –  mitten in den sog. ‚Goldenen Zwanzigern‘ (den ‚Roaring Twenties‘, wie die Angelsachsen sagen). Der I. Weltkrieg und seine Folgen traten im Bewußtsein der Menschen langsam zurück; das Wetterleuchten der ‚Großen Depression‘ von 1929, der Nazi-Diktatur ab 1933 und des II. Weltkrieges war für die meisten Menschen noch nicht sichtbar am Horizont der Erwartungen und Befürchtungen. So machten sie die Erfahrung einer relativ friedlichen Zeit – während es in den Untergründen in Wirklichkeit schon wieder bedrohlich brodelte. Und heute, zu Beginn des folgenden Jahrhunderts, zeigt uns der Blick zurück, daß damals eine nur äußerlich einigermaßen ruhige Phase mitten in einem zweiten Dreißigjährigen Krieg (1914 – 1945) die Menschen in trügerischer Sicherheit wiegte  –


Es war der 1. April 1927  –  das Jahr, in dem der durchschnittliche Stundenlohn eines Arbeiters in Deutschland 89 Pfennig beträgt, der Preis für ein Kilo Brot 46 Pfennig, für ein Liter Bier 77 Pfennig und für ein halbes Pfund Butter 1 Reichsmark; als in Berlin ein Paradies für den ‚Freizeitmenschen‘ eröffnet wird und bei den Frauen der beliebte ‚Bubikopf‘ wieder einem etwas längeren Haarschnitt weichen muß; als in den Vereinigten Staaten erstmals das Fernsehen öffentlich vorgestellt wird; als der deutsche Reichspräsident Paul von Hindenburg 8o Jahre alt wird und der Reichstag in Berlin die Arbeitslosenversicherung beschließt; als der deutsche Physiker Werner Heisenberg die sog. ‚Unbestimmtheitsrelation‘  (oder ‚Unschärferelation‘) für die moderne Quantenphysik formuliert (exakt am 23.3.1927);  und als Charles A. Lindbergh mit seinem Flugzeug  ‚The Spirit of St. Louis‘ zum ersten Male non-stop den Atlantik von New York nach Paris überquert  –


Es war der 1. April 1927  –  ein Freitag  –  als ich morgens gegen ½ 8 Uhr  mit Entschiedenheit die Aufmerksamkeit und alle Kräfte meiner Mutter einforderte, um ans Licht dieser Welt zu gelangen. Sie erzählte später einmal, beim Aufstehen in der Frühe habe sie gemerkt, daß ich dabei war, mich auf mein Erscheinen vorzubereiten. Sie habe dann wohl noch schnell die Schweine gefüttert und die Kälber getränkt, bevor sie sich wieder ins Bett zurückgezogen habe.


Meine Eltern waren Bauern, beide aus uralten sauerländisch-bäuerlichen Geschlechtern. Sie besaßen und bewirtschafteten  zwar den größten Hof des Dorfes mit stattlichen Hofgebäuden; doch sie lebten ganz von ihrer Hände Arbeit, sehr harter, unentwegter Arbeit. Die Hände meines Vaters mit ihren Schründen und Schwielen, mit ihren gerissenen und gesplissenen Fingernägeln, waren ein sichtbares (und für ein Kind auch fühlbares) Zeichen dieses bäuerlichen Arbeitslebens
Allerdings gab es auf Kaisers Hof die Tradition, die ‚überzähligen‘, also nicht für das Hoferbe benötigten, Söhne studieren zu lassen. So waren etwa die drei Brüder meines Vaters Ärzte geworden. Kein Wunder, daß er – mein Vater – selbst Freude daran hatte, zu einem Buch zu greifen und bei der kurzen Kaffeepause auf dem Feld die Zeitung gründlich zu studieren, in die das Brot eingewickelt war. Bei der Arbeit ließ er gelegentlich französische Worte und Wendungen fallen, die er von seinen Brüdern aufgeschnappt hatte; und  bis in seine letzten Lebensjahre lernte er mit Lust Gedichte auswendig und präsentierte uns diese dann bei passender Gelegenheit. –  Heute noch, mehr als 25 Jahre nach seinem Tod, kommt und geht kein Monat September, in dem ich mich nicht an sein letztes Gedicht erinnere, das ‚September‘ hieß:


Nun lassen Knaben Drachen steigen

Es neigt sich schon das reife Jahr

Und leerer wird es in den Zweigen

Wo einst der Blätter Fülle war –


Marienfäden zart wie Seide

Sie schweben durch die klare Luft

In roter Farbe blüht die Heide

Verströmend ihren zarten Duft –



Ich lieg im Heidekraut verborgen

In meinen Haaren spielt der Wind

Ich lebe heut – denk nicht an morgen

Und fühl mich ganz als Gotteskind.


*


Die Nachricht von meiner Geburt stieß im Dorf angeblich auf ungläubiges Erstaunen. Zum einen waren wohl die einigermaßen stattliche Figur meiner Mutter und der Zeitpunkt meiner Geburt am Ende des Winters der Grund, daß kaum jemand ihren Zustand bemerkt hatte. (So sagte eine Nachbarin später zu meiner Mutter: „Bo häest diu dean dann hat?“ – „Wo hast du den denn gehabt?“) Zum anderen ließ das Datum der Nachricht manche Leute im Dorf glauben, hier einem Aprilscherz aufzusitzen.


Diese ‚Aprilscherz-Existenz‘ hat mich dann zeit meines Lebens begleitet: Ob nun Freunde in ein Gelächter ausbrachen oder ihre Witze machten, wenn ich  mein Geburtsdatum nannte (woraufhin ich mich schon in frühen Jahren entschied, nur noch vom 1.4. und nicht mehr vom 1. April zu sprechen!!);  oder ob sich später meine Schüler am Gymnasium wunderten, daß sich dieser Lehrer auch mit viel List nicht ‚in den April schicken‘ ließ, weil er ‚seltsamerweise‘ niemals vergaß, wann der 1. April war;  oder ob  mein Freund Werner S. aus Kiel darauf verwies, er kenne nur zwei Personen, die am 1. April geboren seien: sein Freund Rudolf Kaiser und Bismarck. Dabei betonte er stets, daß diese Reihenfolge nicht umgekehrt werden dürfe!!  —  Und mich bedrängt in meditativen oder melancholischen Augenblicken gelegentlich der Zweifel, ob es sich bei dieser Welt – ich selbst eingeschlossen – um eine handfeste Wirklichkeit handelt, oder ob alles nur ein ‚Aprilscherz‘ ist – ich wiederum eingeschlossen.


Erst vor wenigen Jahren erfuhr ich durch eine Dorfnachbarin von einem Vorgang an diesem 1. April 1927, der mir nun so lebhaft vor Augen steht, daß ich glauben möchte, ihn als Frischgeborener aus dem Fenster des Geburtszimmers selbst  beobachtet zu haben: Die Nachbarin war damals etwa 2o Jahre alt und sollte an eben diesem Tag von ihrem Vater an den Zug gebracht werden, um irgendwo auf einer Haushaltsschule ‚die Küche zu lernen‘ – damals begann ein Schuljahr immer am 1. April. Als nun ihr Vater und sie im Kutschwagen an unserem Hof vorbeigekommen seien, habe mein Vater gewunken, sei zur Straße geeilt, habe ihr Pferd angehalten und stolz in die Kutsche hinein verkündet: „Väi heät ne kläinen Jungen“ (Wir haben einen kleinen Jungen).



*


Als erster Sohn auf dem stattlichen Hof eines alten sauerländischen Bauerngeschlechtes – meine Schwester Maria zählte bei meiner Geburt allerdings schon fast drei Jahre – war ich gewissermaßen der ‚geborene‘ Hoferbe. Ich nehme an, daß meine Ankunft auch aus diesem Grunde besonders willkommen geheißen wurde. (Ob mir diese Tatsache vielleicht eine – zu Zeiten arg benötigte – Extra-Portion Zuversicht ins Leben mit auf den Weg gegeben hat??) Meine Eltern konnten damals ja nicht wissen, daß nach mir noch ein Junge (Alfons *1929) und dann noch ein Mädchen (Elisabeth *1931) kommen würden; und daß sich Alfons als der tüchtigere Bauer erweisen würde.


Nur mein Großvater, der als Witwer nach bäuerlicher Sitte mit meinen Eltern im gleichen Haushalt lebte, scheint schon sehr früh an meiner besonderen Eignung für den Beruf des Bauern gezweifelt zu haben. Er starb, als ich noch nicht ein Jahr alt war. Und obwohl ich ja zu dieser Zeit noch der einzige ‚Kaiserliche Thronanwärter‘ war, hat er doch nach Auskunft meines Vaters  schon einige Zeit vor seinem Tod über mich gesagt: „Düse weet käin Biuer. Hai is te fäin.“ (Dieser wird kein Bauer. Er ist zu fein“ – womit er wohl meinte: nicht robust genug für die Tätigkeit des Bauern.) Er war damit prophetischer als er selbst überhaupt ahnen konnte.


Und da bleibt ein weiteres Geschehnis anzumerken:

War es in der Familie meiner Mutter, daß die Sitte existierte, den ersten Geburtstag eines Kindes zu einer prophetischen Spielerei zu nutzen? Jedenfalls erzählte sie wiederholt, daß sie mir an meinem ersten Geburtstag drei Dinge zur Auswahl vorgesetzt habe: ein Glas, ein Geldstück und ein Buch. Mit Hilfe dieses seltsamen Zeremoniells versuchte man, einen ersten Blick in die Zukunft des Kindes zu tun: Griff es nach dem Glas,  würde es wohl ein Leben am Rande des Alkohols führen, war also in Gefahr zum Säufer zu werden. Griff es nach dem Geldstück, dann bestanden gute Chancen, daß es auf ein wohlhabendes Leben als Geschäftsmann zusteuerte. Griff es nach dem Buch, dann saß hier wohl ein zukünftiger Bücherwurm, mindestens aber ein Freund der Literatur am Kindergeburtstagstisch.


Ich bin sicher, daß meine Mutter diesen Vorgang mehr mit schalkhaftem als mit ernsthaftem Blick betrachtete. Auch für sie war es eher ein Spiel als ein ernsthafter Versuch, auf diese Weise den Schleier über der Zukunft zu lüften. Doch sie versicherte später immer wieder, ich hätte nach dem Buch gegriffen.


Ob wir es hier mit einem frühen Beispiel einer ‚self-fulfilling prophecy‘ (wie es die Psychologen nennen) zu tun haben – einer Prophezeiung, die sich nur deshalb erfüllt, weil sie einmal als Prophezeiung in die Welt gesetzt worden ist? Es wäre ja nicht ausgeschlossen, daß meine ‚Buch-Wahl‘ bei meiner Mutter – trotz all ihrer Skepsis – den Gedanken förderte, daß ich wirklich einmal in die Fußstapfen meiner Onkel treten könnte. Und ihr Bericht von dem Geschehnis könnte in meinen Kopf später den Gedanken gepflanzt haben, daß Bücher vielleicht einmal ‚mein Schicksal‘ sein würden?!



Frühe Erfahrungen


Die Gedanken an die ersten Lebensjahre sind natürlich durch spätere Erzählungen vermittelt: So berichtete meine Mutter einmal, sie habe eines warmen Sommertages vor dem Haus gesessen und Kartoffeln geschält. Dabei habe sie ein Auge auf mich gehalten, der ich in einiger Entfernung von ihr am Rand der Dorfstraße im Sand spielte. Da sei der Geistliche des Nachbarortes die Straße herunterspaziert gekommen und habe mir in einem Anfall un-pädagogischen Übermutes zugerufen: “Komm mal her, Kleiner, ich will dir mal die Ohren abschneiden.“  Schreiend sei ich da auf meine Mutter zugelaufen und hätte bei ihr Schutz gesucht. Offensichtlich war ich damals in dem ‚zarten‘ Alter, in dem man solch makabren Humor eines Gottesmannes noch nicht durchschaut. Auch meine Mutter begleitete später diesen ihren Bericht immer mit deutlich vorwurfsvollem Ton gegenüber dem Geistlichen. –  Wenn mich gelegentlich die Unvernunft reitet, frage ich mich heute schon mal, ob die gewisse Scheu in mir, auf fremde Menschen zuzugehen und den Kontakt mit ihnen zu suchen,  – also eine gewisse Neigung zum Eremiten-Dasein –  in diesem frühen Erlebnis ihren Ursprung haben könnte?? Möglicherweise flüstert mein Unterbewußtsein immer noch warnend: „Vorsicht! Der will dir vielleicht die Ohren abschneiden.“



*


Ein anderer, ernsthafterer Fall später Nachwirkungen eines unbewußten frühen Kindheitserlebnisses könnte sich in folgendem verbergen:  Seit vielen Jahrzehnten leide ich unter gelegentlichen, doch sehr belastenden, nächtlichen Alpträumen. Die geträumte Situation ist fast immer dieselbe: Ich sitze in einem Auto (manchmal stehe ich auch neben ihm) und dieses Auto fährt oder rollt ohne Licht eine dunkle, jedoch von Menschen bevölkerte, Straße hinunter. Das Schreckliche: Ich kann das Auto weder lenken noch bremsen. Es entzieht sich völlig meiner Kontrolle. Natürlich gerate ich in eine ungeheure Not und Panik. Wenn es mir dann gelingt, wach zu werden,  brauche ich oft eine längere Zeit, bis ich mich von meinen Ängsten erholen kann. In ganz schlimmen Fällen spüre ich die Erschöpfung den ganzen folgenden Tag. –  Keine ärztliche oder psychologische Beratung hat bisher helfen können.


Nun hatte ich früher einmal gehört, daß bei einer Sauerlandfahrt unseres Onkels aus Hamburg die Bremsen seines Autos versagt hatten und man nur mit knapper Not einer Katastrophe entgangen war. Ich wußte auch, daß unsere Mutter mit in dem Auto gesessen hatte. Erst jetzt erfuhr ich von meinem Bruder, daß unsere Mutter einmal gesagt habe: „Auch Rudi war dabei!“ Ich selbst kann mich natürlich an nichts erinnern, muß damals auch noch sehr klein gewesen sein. –  –  Ob da das Unterbewußtsein etwas bewahrt hat und gelegentlich nachts ‚nach oben‘ schickt, was im Bewußtsein längst gelöscht ist – oder nie richtig dort angekommen ist???



*



Natürlich hat es in meinem Leben auch immer einmal wieder ganz andere, nämlich beglückende, Träume gegeben. Diese sind dann meistens durch eine leichte, rasche, gleitende Bewegung meinerseits gekennzeichnet.. Selbst große, breite Treppenabsätze gleite ich dann mühelos stehend hinunter, von einer Stufenkante zur nächsten. –


Am beglückendsten sind allerdings die Träume, bei denen ich aus eigener Kraft fliegen kann. Nur der Anfang ist schwierig, wenn ich mit der Anstrengung der Arme vom Boden abhebe. Danach ist es wunderbar, zu gleiten, zu schweben und alles von oben zu beschauen.


Alles? Der Ort meiner nächtlichen Flugübungen ist grundsätzlich der elterliche Bauernhof, von dessen Mitte aus ich mich mit meinen Armen nach oben arbeite und über dem ich dann gleitend kreise und die heimatliche Welt unter mir beobachte. –  Joseph von Eichendorff muß ähnlich empfunden haben, als er schrieb:


„.....und meine Seele spannte

weit ihre Flügel aus.

Flog durch die stillen Lande,

als flöge sie nach Haus.“


*



Doch gab es andere ‚Schock‘-Erfahrungen – wie wahrscheinlich in jedem Kinderleben. In die Zeit meiner frühesten Erinnerung  – vielleicht ist es die erste Erinnerung überhaupt –  gehört ein Dreikönigstag (6. Januar). An diesem Tag gingen/gehen in meinem Heimatdorf immer drei als Könige verkleidete Meßdiener von Haus zu Haus, singen ihr Lied und sammeln Gaben. Einer dieser sog ‚Dreikönige‘  ist immer erschreckend schwarz bemalt, denn er soll ja aus Schwarzafrika kommen.


Ich hatte mit meinen (wahrscheinlich) drei  Jahren solche verkleidete Gestalten noch nie gesehen, war wohl allein im Haus und öffnete arglos die Haustür: Dort standen im Dunkeln drei Gespenster vor mir, die auch noch durch das Licht von Kerzen irrlichternd beleuchtet waren. In absolut reflexartiger Geschwindigkeit riß ich die Tür des nächsten Zimmers auf, stürzte auf die Couch zu und verschwand bäuchlings unter ihr. –  Ich weiß heute nicht mehr, wie lange ich dort gelegen habe und wann meine Eltern mich überzeugen konnten, daß das Haus wieder frei von Gespenstern sei.


Dagegen war ich schon einige Jahre älter,  als mir andere Jungen des Dorfes einen ‚Schock‘ verpaßten. Ich hatte wohl Streit mit einem von ihnen und flugs waren alle hinter mir her. Ich rannte in Panik aus dem Dorf heraus, sehe mich heute noch über unsere Weide auf unser Feld jagen und mich dort keuchend unter den Rüben- und Kartoffelpflanzen verstecken. Es dauerte ziemlich lange, bis ich feststellte, daß mir die anderen Jungen offensichtlich gar nicht mehr gefolgt waren, ich aber in meiner Panik sie immer noch auf meinen Fersen gewähnt hatte und so vor den unsichtbaren Verfolgern immer weiter gerannt war.


Im ersten Schuljahr der einklassigen Dorfschule hatte ich offensichtlich einmal jemandem eine Unwahrheit gesagt, vielleicht sogar dem Lehrer. Das war – fatalerweise – herausgekommen. Ich sehe mich noch sehr beschämt mit gesenktem Kopf in der ersten kleinen und klobigen Schulbank sitzen; und vor mir stehen mit vorwurfsvollen Gesichtern und auf mich gerichteten Zeigefingern viele andere Kinder, vor allem die ‚großen‘ Mädchen aus den höheren Klassen, die mir alle klarzumachen versuchen, was ich da für ein ‚Verbrechen‘ begangen habe. (Was Wunder, wenn der Kleine gelegentlich eine Neigung zu  Resignation und Melancholie entwickelte!)


*


In einem unserer Schlafzimmer – es war sogar unser aller Geburtszimmer – hing eine großformatige Nachbildung der berühmten Sixtinischen Madonna des italienischen Malers Raffael, als Kopie vermutlich keine besonders wertvolle Arbeit. Ich sehe noch die Bildunterschrift vor Augen: ‚Madonna di San Sisto‘


Mein Bruder und ich vertieften uns häufiger in dieses Bild. Dabei kamen uns wohl weniger die künstlerische Ausdrucksgestalt des Bildes oder das sanfte, reife, so sehr schöne und so wissende Gesicht der Madonna zum Bewußtsein. Vielmehr gestalteten wir dieses Bild zu einem Portrait unserer Familie um. Da waren sie alle: Die Mama, der Papa, die ältere Schwester zur Rechten und die kleine Schwester auf Mutters Arm. (Unter dem Aspekt des jeweiligen Lebensalters mußten wir dabei natürlich mehreren Gestalten Gewalt antun.) Unweigerlich jedoch erkannten Alfons und ich uns wieder in den zwei Engeln am unteren Bildrand: der eine verträumt den Kopf auf den fettgepolsterten Baby-Ärmchen ruhen lassend; der andere etwas kühner sein erhobenes Kinn in die Hand schmiegend. Und beide hatten die kindhaften Augen nach oben gerichtet. – Hier sahen wir unsere Familie in unnachahmlicher Schönheit und in göttlichem Lichte vereint. Raffael hatte unsere Seelen berührt.


*


Auch als Heranwachsender habe ich mich selbst nie als ein Rauhbein empfunden, als einen Draufgänger gefühlt. Eher empfand ich mich als vorsichtig, konfliktscheu, zurückhaltend, vielleicht ängstlich. Deshalb überzeugten mich später auch astrologische Feststellungen und Zuordnungen so wenig. Denn als ein ‚Widder‘, der ich ja war, hätte ich mich ganz anders ‚anfühlen‘ müssen, nämlich kühn, draufgängerisch, aggressiv. Doch ich empfand immer: Es gab gewissermaßen einen ‚defensiven‘ Grundzug meines Wesens, den ich noch darin wiederzufinden glaube, daß ich mich bei Fußballspielen immer als Verteidiger, niemals als Angreifer meldete – und mich auch heute noch so melden würde, wenn ich denn danach gefragt würde. Mein ‚angeborenes‘ Anliegen ist offenbar nicht nur das Verlangen, Welt zu gewinnen, sondern vor allem der Drang,  die gewonnene Basis meiner Existenz zu verteidigen, sie nicht preiszugeben.


Dennoch stelle ich in der Rückschau fest, daß auch in diesem Jungen zu gewissen Zeiten eine Portion Aggressivität steckte. So erinnere ich mich, daß mir vor dem Heuboden einmal eine Katze über den Weg lief. Nun waren Katzen in unserem Haus nicht wohl gelitten. Nach dem Willen unserer Eltern hatten wir deshalb keine eigenen Katzen, doch streiften immer wieder fremde Tiere durch unsere Ställe und Scheunen. So versetzte ich denn dieser Katze mit irgendeiner Gerätschaft einen Schlag. Sie wand sich und blieb wohl auch  liegen. –  Das Bild dieser getroffenen Katze ließ mir aber anschließend keine Ruhe. Also schaute ich mit peinigendem Gewissen noch einmal nach: Die Katze war verschwunden.


Ein anderes Mal fühlte ich mich  auf dem Rückweg von der Schule durch meinen Schulfreund Jupp K. provoziert – und schlug irgendwie zu, mit meiner Hand in sein Gesicht. Im Weggehen meinte ich sogar, Blut bei ihm gesehen zu haben. –  Auch dieses Bild ließ mir  keine Ruhe. Ob ich ihm vielleicht gar einen Zahn ausgeschlagen hatte? Und ob er mit seinen Eltern jetzt ankommen würde, um es mir heimzuzahlen? Ich suchte die Nähe meiner Mutter. Unmöglich, den Vorfall und meine Angst und Sorge für mich zu behalten!! Es mußte raus aus mir: “.....und ich glaube, ich habe auch Blut gesehen“.  –  Ich erinnere mich, daß meine Mutter nun keineswegs die gleiche Besorgnis entwickelte, die mich quälte, sondern  sehr ruhig und gelassen blieb, und daß sich diese Haltung auch auf mich übertrug.----Als ich mein ‚Opfer‘ am nächsten Morgen wiedertraf und nun einen Zornesausbruch oder einen Racheakt erwartete, begegnete er mir freundlich und entgegenkommend, ohne das überhaupt zu erwähnen, was mein Gewissen so geplagt hatte.


Bei dem dritten Fall von Aggression meinerseits, an den ich mich lebhaft erinnere, war ich schon Pennäler in Paderborn. Es hatte geschneit; mein Freund Herbert und ich spielten mit Schneebällen herum.  In einer Bahnunterführung für Fußgänger stand in einiger Entfernung ein dicklicher, steifer Junge. Auf ihn richtete sich aus irgendeinem Grunde meine Aggression. Ich warf mit Schneebällen nach ihm und rief, ich wolle ‚den Dicken‘ treffen. Plötzlich kam der so steif erscheinende Junge sehr beweglich und rasch auf mich zu, baute sich vor mir auf und bedrohte mich mit seiner Größe und seinem Zorn. Er jagte mir einen kräftigen Schrecken ein: Ich habe nie wieder Schneebälle auf einen ‚dicklichen Jungen‘ geworfen, ohne provoziert worden zu sein.


In den meisten dieser Fälle ging die Aggression von mir aus, von dem eher braven, eher ängstlichen Jungen. Offensichtlich ist das Bild, das man von sich selbst hat – also das Auto-Stereotyp – recht unvollständig. Eine gewisse Aggressivität ist  anscheinend auch da Teil unserer Natur, wo wir meinen, sie gehöre nicht zu uns. – Andererseits kann Sensibilität offenbar einen Widerpart aggressiver Antriebe bilden: In keinem der genannten drei Fälle empfand ich nach der Tat so etwas wie Befriedigung oder Befreiung, ein Kraftgefühl oder eine innere Bestätigung. Eher das Gegenteil.


*


Auch das Thema ‚Tod‘ drängte sich mir irgendwann auf. An den Tod meines Großvaters erinnere ich mich natürlich nicht. Aber ich habe ein Bild im Gedächtnis, wie bei Nachbarn ein kleines Mädchen bald nach der Geburt gestorben war und wie ich – selbst noch sehr klein, etwa dreieinhalb Jahre alt – mit einem Erwachsenen hinging, um das Kind in seinem Sarg zu sehen. In meiner Erinnerung war das tote Mädchen über und über mit Heiligenbildern bedeckt, so daß ich kaum einen Platz für mein eigenes Bildchen zu finden wußte.


Sicherlich war es etliche Jahre später, als mir die Unausweichlichkeit des Todes ganz plötzlich bewußt wurde. Ich sehe mich noch zwischen Küche und Wohnzimmer innehalten: In diesem Augenblick wurde mir das Sterben-Müssen zur Gewißheit – und ich empfand ein Gefühl absoluter Abwehr und abgrundtiefen existentiellen Schreckens !!!  –  Seit diesem Moment begleitet auch mich diese Gewißheit durchs Leben  –  mal weniger ängstigend,  mal mehr. In Momenten großer Bitterkeit oder Ausweglosigkeit  habe ich – natürlich – den Tod manchmal auch herbeigesehnt.  –


Je näher ich nun im Alter diesem letzten Augenblick komme, um so weniger bedrängend empfinde ich den Schrecken. Er löst sich sogar fast gänzlich auf, wenn in seltenen Momenten eines erweiterten Bewußtseins die Grenzen zwischen Innen- und Außenwelt verschwinden und ich eine Art mystische Einheit von Welt und Ich beglückend erlebe. Dann spüre ich, daß ich Teil eines kosmischen Ganzen (eines göttlichen Ganzen?) bin und es bleiben werde. Denn im Universum bedeutet Zerstörung nicht Vernichtung, sondern Verwandlung. In einem ganzheitlichen, zugleich materiellen wie spirituellen, Universum kann darum nichts verloren gehen – sagt diese kosmische Einheitserfahrung.


Aus der Perspektive des handelnd Lebenden wird es – denke ich – so sein:  Der Überschuß an Lebenskraft, Lebenslust und Lebensmut, mit dem die meisten Menschen geboren werden, verbraucht sich im Laufe eines menschlichen Lebens  mehr oder weniger schnell.  Dann ist der Tod ein logisches und eigentlich auch willkommenes Ende dieser irdischen Existenz. Diejenigen Menschen allerdings, die vorzeitig dem Tod begegnen  und also eine gute Portion Lebenslust mit ins Grab nehmen müssen  –  das sind wohl diejenigen, von denen man sagen kann, daß ihr Leben bricht.


Solche Erfahrungen – wie etwa die erwähnte erste Begegnung mit einem toten Kind – zimmern entscheidend mit am seelischen  Gerüst eines Heranwachsenden. Sonst hätten sie sich ja auch nicht so tief eingegraben in die Erinnerung. Noch erschütternder und prägender – und deshalb auch unvergeßlicher – waren allerdings Erfahrungen der folgenden Jahre in der Schule und im Krieg. Doch so weit bin ich ja jetzt noch nicht herangewachsen.


*


Zu den frühesten eindeutigen Erinnerung meines Lebens gehört die Geburt meiner jüngsten Schwester Else/Elisabeth. Ich war damals vier Jahre alt und habe einige Bilder in meinem Gedächtnis gespeichert, die sich auf dieses Ereignis beziehen:


Auf dem ersten Bild toben mein jüngerer Bruder Alfons und ich unter dem Küchentisch herum. Eine ältere Nachbarin kommt herein und fragt, warum wir so ausgelassen sind. „Wir haben doch ein kleines Schwesterchen bekommen,“ ist unsere Antwort.


Auf dem nächsten Bild stehen wir drei älteren Geschwister der Größe nach am Bett unserer Mutter, die ein kleines Paket in ihrem Arm hält. Wir drei werden aufgefordert, unsere Ärmchen nach vorn auszustrecken. Dann legt uns eine fremde Frau der Reihe nach das Bündel auf die Arme. Es wird in die Geschwisterreihe aufgenommen  (und bleibt das jüngste Mitglied dieser Reihe).


Auf dem dritten Bild stehe ich allein am Bett meiner Mutter. An ihrer Brust liegt und trinkt das, was vorher im Päckchen versteckt war. Ich muß wohl sehr neugierig zugeschaut haben, denn meine Mutter sagt plötzlich zu mir: “Möchtest du auch mal trinken?“ Ich erinnere mich bis heute an meine abwehrende Reaktion: Nein, nein; ich war doch schon ein großer Junge und tat so etwas nicht mehr.


Auf dem nächsten Bild ist das kleine Schwesterchen schon herangewachsen und lernt laufen. Ich stelle einen Stuhl in die Mitte der Küche und Klein-Elschen an diesen Stuhl. Sie hält sich zunächst fest, läßt aber den Stuhl auch gelegentlich los. In diesem Augenblick nehme ich den Stuhl fort;  Elschen sieht sich ohne sichere Stütze und läuft in die Arme, die es so zahlreich um sich herum ausgebreitet sieht. Dann höre ich mich zu meiner Mutter sagen: Siehst du, so mußt du es machen! Dann lernt sie schnell laufen! (Der zukünftige Lehrer meldet sich schon recht früh zu Worte!!)


Diese meine ersten pädagogischen Versuche waren übrigens außerordentlich erfolgreich. Das Schwesterchen lernte so schnell laufen, daß es bald das ganze Dorf eroberte, mit den Hunden Freundschaft schloß und an den Abendtischen der Nachbarn zu Hause war!  Schwester Maria und ich mußten dann jeden Abend ausschwärmen, um unser ‚Titi‘ wieder einzufangen. –  Zu ihrem 70. Geburtstag vor wenigen Monaten mußten diese frühen Erfahrungen natürlich in Versen präsentiert werden:


Als dieses Titi laufen lernte,

es sich sehr schnell fürs Dorf erwärmte.

Ganz Meinkenbracht gehörte ihr.

Sie wackelte von Tür zu Tür.

Straßauf – straßab mit Mensch und Hunden

War sie in Freundschaft eng verbunden.


Doch abends, wenn die Nacht dann graute,

die Mutter aus dem Fenster schaute.

Und sprach: „Wo bleibt das Titi nur?

Ich seh von ihr nicht eine Spur.

Ihr Großen, Mia, Alfons und auch Rudi,

so lauft doch schnell und su-u-ucht sie.

Du, Mia, gehst ins Oberdorf!

Du, Rudi, in das Unterdorf!

Du, Alfons, bist ja selbst noch klein,

du schaust mal bei den Nachbarn rein.

Dann ruft ganz laut und fragt die Leute,

ob sie das Titi sahen heute.



Nun war es also unser ‚turn‘.

Von Tür zu Tür – bei nah und fern.

Man fand sie dann im letzten Haus.

Aß dort ganz friedlich Abendschmaus.

Mitunter saß sie auch beim Spitz,

der vor der Hütte machte Sitz,

weil drinnen nun kein Platz mehr frei:

Besuch von Elschen, ei – ei – ei – .


Unsere Mutter scheint die Belehrungen von ihrem Ältesten nicht übelgenommen zu haben, hatte sie doch erfahren – wie sie später einmal berichtete – daß ich auch meinen zwei Jahre jüngeren Bruder sehr gewissenhaft beaufsichtigt und von der (damals noch gar nicht so gefährlichen) Straße ferngehalten hatte. Bei dem stark entwickelten ‚Über-Ich‘ in meiner Person kann ich mir heute solches fürsorgliches Verhalten gut vorstellen. Andererseits führte ich wahrscheinlich bei Alfons nur fort, was meine Schwester Maria vorher für mich getan hatte.


*


Insgesamt war unser geschwisterliches Miteinander so normal, wie man es sich vorstellen mag: jetzt von Fürsorglichkeit, dann von Streit und Auseinandersetzung geprägt. Wobei wir zwei Älteren, Maria und ich, schon gelegentlich Autorität gegenüber den Kleinen von unseren Eltern zu entleihen versuchten. –


Ebenso war die Zeit meines/unseres Heranwachsens  von familiärer Sicherheit und Geborgenheit bestimmt. Dazu genossen wir die große Freiheit des bäuerlichen Hofes, die Weite der dörflichen Welt. Ich bin sicher, daß die Großzügigkeit des Raumes (und der Aufgaben), in denen man sich bewegen kann, nicht ohne Einfluß auf das Weltgefühl der Heranwachsenden bleibt.


*



In dem antiken Mythos von Philemon und Baucis wird geschildert, wie dieses alte Ehepaar in zwei Bäume, eine Eiche und eine Linde, verwandelt wird; und wie diese zusammenwachsen, ineinanderwachsen, zu einem einzigen Baum werden. Ich denke, eine ähnliche Symbiose gibt es – unter anderen Voraussetzungen – auch wohl zwischen Geschwistern. So selbstverständlich ihre Beziehung zueinander ist und in keiner Weise von ihnen hinterfragt wird, so einmalig ist doch das gemeinsame Aufwachsen und Gewinnen von Welt über viele, und das Leben prägende und entscheidende, Jahre hinweg.


Ich habe das vor wenigen Jahren wieder beim Aufwachsen unserer zwei Enkelkinder N. und F. empfunden. Und es erinnerte mich an Augenblicke in meiner eigenen Kindheit, an denen mir die symbiotische Existenz zwischen uns Geschwistern heute bewußt wird. So erlebte ich es ein- oder zweimal in unserer einklassigen Dorfschule, daß meine Schwester Maria in der Pause betrübt oder auch weinend abseits stand. Ich erinnere mich genau an den eigenartig wehen Schmerz, den ich bei diesem Anblick empfand  –  schlimmer als wenn ich selbst der Ausgegrenzte oder der einsam Trauernde gewesen wäre. Dennoch habe ich mich wohl gescheut, zu ihr hinzugehen und sie zu trösten. –  Einen ähnlichen Schmerz fühlte ich, als  Maria beim Schlittenfahren einmal gestürzt war und dann, bewußtlos auf dem Schlitten liegend, nach Hause gezogen wurde.


Geschwister entwickeln anscheinend gelegentlich so etwas wie ein ‚gemeinsames Empfinden‘, das dann jeden die Freuden und Leiden des anderen unmittelbar mitfühlen läßt. Dazu gehört wohl auch das folgende Geschehen, das Alfons mir einmal erzählte – und damit greife ich der Zeit weit vor:  Am Ende des Zweiten Weltkrieges (April 1945) versank unser Heimatdorf in Trümmern. Alle Bewohner unseres Hauses hielten sich im Keller auf, darunter auch der schwerverwundete Alfons, um den Durchzug der Front abzuwarten. Plötzlich sei im Keller eine Panik ausgebrochen, weil jemand einströmendes Giftgas gerochen haben wollte. Alle seien nach draußen gedrängt, aber niemand habe den schwerverletzten Alfons mitnehmen können; und ein Fremder habe noch gerufen, daß man auf Verwundete jetzt keine Rücksicht nehmen könne. Unsere Schwester Maria – so berichtete Alfons – habe neben ihm gesessen und zu ihm gesagt: „Ich bleibe bei dir, Alfons.“


Heute, im Jahre 2002, sind wir alle in unseren Siebzigern und dankbar, daß wir einander jedes Jahr mehrere Male in friedlicher Vertrautheit und relativer Gesundheit sehen und in lebhaften Gesprächen die gemeinsame Vergangenheit  aus der Erinnerung wieder auferstehen lassen können.



An die Arbeit!

(oder: ‚Bauer, Schäfer und Pastor‘)


Auf unserem Hof gab es immer viel mehr Arbeit als unsere Eltern mit ihren Helfern bewältigen konnten. Im Vergleich zu heute war die Mechanisierung der Landwirtschaft minimal. Kein Bauer hatte damals einen Trecker oder einen Mähdrescher oder....oder...... Unser Vater besaß aber schon – neben einer Mähmaschine für den Grasschnitt und neben anderen Gerätschaften – einen sog. Selbstbinder (für die Ernte des Getreides) und eine in der Scheune eingebaute elektrische Dreschmaschine. Zwei Pferdegespanne mit je zwei schweren Ackergäulen leisteten die Arbeit auf den Feldern.


Die Fülle an Arbeit führte natürlicherweise dazu, daß unsere Eltern uns Kinder sehr früh zur Mitarbeit heranzogen. Schon bevor wir überhaupt zur Schule gingen, mußten wir Brennholz ins Haus holen; die Kühe zur Weide treiben; im Sommer die Garben aufstellen, die der Selbstbinder ausspuckte; und im Herbst bei der Kartoffelernte helfen. Später mußten wir sommertags immer mit in die Wiese, um das Heu zu wenden; oder mit aufs Feld, um die Hackfrüchte vom Unkraut freizuhalten. Wintertags mußten wir die Kühe füttern und beim Dreschen helfen.


Vielleicht haben unsere Eltern uns dabei auch manchmal überfordert, gewissermaßen zu früh ‚ins Geschirr gestellt‘. Ich erinnere mich, daß ich gelegentlich meinem Vater auswich, um nicht schon wieder in die Pflicht genommen zu werden. Meine Mutter tadelte mich einmal,  als ich beim Besuch eines Schulfreundes diese ‚Ausweichmanöver‘ wohl übertrieb und so (in ihren Augen) den Eindruck erweckte, unser Vater fordere allzu rücksichtslos unsere Mitarbeit.


Insgesamt hat dieses frühe ‚Anschirren‘ unserer Arbeitslust aber wohl nicht geschadet. Wir vier Geschwister sind alle zeit unseres Lebens fleißig, regsam, unternehmend geblieben. Mich selbst packt mitunter gar so etwas wie eine Besessenheit, wenn ich mir ein bestimmtes Projekt – wie auch z.B. dieses hier – vorgenommen habe: Ich tauche darin ein und es überflutet mich; nimmt Besitz von meinem Kopf, meiner Phantasie, meiner Vorstellungskraft; rumort und arbeitet unablässig in mir; gibt keine Ruhe, bis.... ja bis es fertig vor mir liegt.


*


Es war bei solcher ‚Kinderarbeit‘, daß das Schicksal in unserer Geschwisterreihe zum ersten Male brutal zuschlug. Ende Januar 1937 wollte unser Vater Korn dreschen und benötigte dazu – wie immer – Kinder, die ihm die Garben angaben. Dieses Mal war Alfons an der Reihe, der noch nicht ganz acht Jahre alt war. Sein Freund, ein Nachbarjunge, half ihm dabei.


Dabei passierte es: Der hölzerne Schutzkasten über der Dreschmaschinen-Trommel hatte sich gelöst und Alfons rutschte mit seinem linken Fuß in den engen Spalt direkt an der jagenden und dröhnenden Trommel!!!


Auf dem Bild, das sich mir danach am stärksten eingeprägt hat, liegt Alfons auf dem Sofa unseres Wohnzimmers und wimmert: ‚Es tut so weh, es tut so weh!‘  Am Fußende des Sofas steht mein Vater, gebeugt. Er hält den blutüberströmten Fuß von Alfons mit seiner Hand  – und er weint!  Es war das erste Mal in meinem Leben, daß ich meinen Vater weinen sah. Wir drei Geschwister – so ist heute mein Gefühl – bewegten uns wie in Trance, irrten völlig verstört und ohne Orientierung durch das Haus. Was unsere Mutter gelitten hat, habe ich erst in den folgenden Wochen, Monaten (und Jahren) mitbekommen: So weiß ich noch, daß sie sich  lange Zeit weigerte, weiterhin zur Kirche zu gehen – in einem religiös geprägten, kleinen, katholischen Dorf damals eine außerordentliche Demonstration! – Und es sollte nicht der einzige Schicksalsschlag in unserer Geschwisterreihe bleiben.


Was diesen Unfall so sehr verschlimmerte, war die Tatsache, daß Alfons beim Heranholen der Garben die Schuhe ausgezogen hatte. So war der Enkelknochen zerschmettert. Im Krankenhaus wurde ihm der linke Fuß abgenommen. Seitdem – also: seitdem er sieben Jahre alt war! –  läuft er mit einer Beinprothese durchs Leben. Die später folgende intensive Mechanisierung der Landwirtschaft hat es ihm wohl sehr erleichtert, trotz dieser körperlichen Behinderung einen großen Bauernhof zu übernehmen und ihn außerordentlich erfolgreich zu bewirtschaften. Aber ich erinnere mich auch, daß unsere Eltern, die zur Zeit des Unfalls wohl schon beschlossen hatten, daß ich studieren und Alfons Bauer werden sollte, Zweifel bekamen, ob diese Entscheidung jetzt noch richtig sei.  Trotzdem haben sie mich noch im gleichen Jahr (1937)  zum Pastor geschickt, damit er mir die Grundlagen der lateinischen Sprache beibringe. Damit war die Entscheidung gefallen, die wir bis heute für richtig halten.


*


An dieser Stelle bietet es sich an, kurz in die Zukunft zu schauen und vorwegzunehmen, was erst in den nächsten Jahren passierte, nämlich zwei weitere Schicksalsschläge in unserer Geschwisterreihe, welche die Gesundheit der Betroffenen für das ganze Leben beeinträchtigen sollten. Zunächst traf es Else/Elisabeth, das Nesthäkchen. Sie war schon als Kind sehr lebenslustig, witzig und schlagfertig, eine Freude der Eltern und des ganzen Dorfes. Doch  im Frühjahr 1940  sagte meine Mutter: Else (sie war acht Jahre alt) liegt im Bett; sie ist krank. Niemand von uns ahnte, welche schlimme und lange Leidensgeschichte da begann.


Wie vorher Alfons so kam auch Else jetzt in die Universitätsklinik nach Münster. Eine Operation folgte der anderen und wieder begannen die sonntäglichen Fahrten der Eltern zum dortigen Hüfferstift. Es hieß, es sei Knochenmarksentzündung. Und als Folge der Operationen und der Gipsverbände versteiften mehrere Gelenke an Hüfte, Ellbogen und Schulter. Wie damals auch unsere Eltern, vor allem unsere Mutter, gelitten hat – nun ein zweites Kind mit schwerer und lebenslanger körperlicher Behinderung zu erleben – zeigen etwa die Bilder von Elses Erstkommunion in der Klinik in Münster, auf denen unsere Eltern an ihrem Bett stehen und unsere Mutter wie eine Tote aussieht.


Später hat ein Arzt gesagt, Else sei zehn Jahre zu früh geboren: Nach dem Krieg gab es bald die Antibiotika, die solch eine Krankheit im Keim heilen konnten. –  Glücklicherweise hat Else ihren Frohsinn und ihre Lebenslust trotz ihrer Behinderung nie verloren. Vielleicht haben diese Gaben der Natur es ihr überhaupt ermöglicht, ihr Leiden zu verkraften und ein erfülltes Leben zu führen. –  Heute ist sie unserer Mutter im Aussehen, in Mimik und Stimme und in ihrer Weise zu reagieren so ähnlich wie kein anderes von uns Geschwistern.


Und noch einmal schlug das Schicksal zu – und wieder traf es Alfons. Am Ende des Krieges, im April 1945, rollte die Front durch Meinkenbracht und kam dort sogar etwa zwei Tage lang zum Stehen. Ausgerechnet in diesem kleinen und so abgelegenen sauerländischen Dorf spielte sich eine heftige und brutale Szene des Untergangsdramas von Nazi-Deutschland ab. Deutsche und amerikanische Truppen kämpften verbissen um diesen einsamen Flecken. Dabei kamen nicht nur zahlreiche deutsche Soldaten ums Leben; es brannte auch etwa die Hälfte des Dorfes nieder, alle anderen Häuser wurden schwer beschädigt.


Alfons, beinamputiert und gerade 16 Jahre alt, half dennoch beim Löschen eines Hauses. Ein Granatüberfall; einer der Granatsplitter zerfetzt Alfons den Rücken und wandert später gar noch unter seiner Wirbelsäule hindurch; Transport des Schwerverletzten durch das brennende Dorf in unseren Keller; sehnsüchtiges Warten auf ein Ende der Kämpfe und auf die Ankunft der Amerikaner; dann Transport ins Lazarett – und niemand in der Familie weiß, wohin die Amerikaner ihn bringen; wiederholte Operationen; lange Wochen zwischen Leben und Tod  (und keine  funktionierende Röntgenanlage in der Klinik, weil in den unvorstellbaren Wirren des Kriegsendes monatelang der Strom ausfällt!!).  Trotzdem wird der Splitter schließlich gefunden und herausoperiert.  Seine starke Natur, sein enormer Lebenswille helfen Alfons, sich auch davon zu erholen. Sein Rücken allerdings bleibt eine einzige große Narbe.


*


Doch nun zurück zu unserer ‚Kinderarbeit‘ auf dem elterlichen Bauernhof  vor dem Krieg!  –  Zu den Tieren auf unserem Hof gehörte auch eine Herde von etwa 150 Schafen. Unser Vater hatte immer wieder Probleme, geeignete Schäfer dafür zu finden. So verließ auch im Sommer 1938 der damalige Schäfer von heute auf morgen ‚seine Herde‘ und unser Vater hatte unerwartet nicht nur die Ernte zu besorgen, sondern auch noch eine große Schafherde ‚am Halse‘. Glücklicherweise (für unsre Eltern!!) hatten gerade die Sommerferien in der Schule begonnen. So kamen sie auf die Idee, Alfons (der mit seiner Prothese wieder einigermaßen gehen konnte) und mich als Schäfer ‚anzuheuern‘ – ich gerade 11 Jahre alt, Alfons  9.


Die Eltern behandelten uns in diesem Falle aber nicht als ‚kostengünstige Mitarbeiter des Betriebes‘: Unsere Mutter war vielmehr so großzügig mit Schokolade, wie wir es nie erlebt hatten. Wenn wir uns morgens nach dem Frühstück auf den Weg zu unseren Schafen machten, erhielten wir zu der Tagesverpflegung an Butterbroten auch immer ein oder zwei Tafeln Schokolade zugesteckt. Ich erinnere mich, daß wir einmal noch mit ihr handelten und dann so viel Schokolade mit auf den Weg bekamen, daß wir  sie schließlich nicht mehr mochten und gegen Abend begannen, mit den letzten Stücken herumzuspielen.


Das ist mir wohl in meinem ganzen Leben nicht wieder passiert, der ich auch heute noch auf Schokolade ‚stehe‘. Offensichtlich erkannten wir Kinder aber auch nicht, daß die Großzügigkeit unserer Eltern vor allem Ausdruck ihrer Notlage war: Was sollte passieren wenn wir zwei plötzlich die Lust an der Arbeit verloren und uns weigerten, unsere Ferien weiterhin als Schäfer zu verbringen? Schokolade, um Kinder bei Laune zu halten: Da waren wir zwei kleinen Brüder aber wohl nicht der erste Fall in der Menschheitsgeschichte!!!


So zogen wir zwei ‚Jungs‘ mit einer stattlichen Schafherde und zwei wenig erzogenen Hunden wochenlang in der Meinkenbrachter Flur umher, um die Tiere satt zu bekommen: von einer Schafweide zur anderen, von einem Stoppelfeld zum nächsten, von einer Fichtenschonung zum benachbarten Laubwald. Dort hielten wir die Schafe  eine oder zwei Stunden ‚in den Ungern‘, um ihnen (und uns!) eine Ruhezeit in der Mittagshitze zu gönnen.


Der Umgang mit den Tieren und miteinander; der Blick auf den grünen Kranz der Berge, die sich so eindrucksvoll um die sanfte Mulde herum gruppieren, in der sich das Dorf ‚niedergelassen‘ hat; oftmals vergebliche Versuche, aus dem Zweig eines bestimmten Holzes eine Flöte zu schnitzen; das totale Ausgesetztsein gegenüber jeder Gunst und jeder Laune des Wetters; gelegentlicher Ärger über die ‚Unvernunft‘ der Schafe (und manchmal auch der Hunde); kleine physikalische Versuche; seltene Gespräche mit zufällig vorbeikommenden Wanderern: Diese Eindrücke, Erlebnisse und Erfahrungen bestimmten unsere Tage. –  Der Berufswunsch, den ich als Kind immer geäußert haben soll, war schon zu einem Teil Wirklichkeit geworden: Er lautete: ‚Bauer, Schäfer und Pastor‘.


Gerade die Tücken des Wetters sind mir lebhaft im Gedächtnis geblieben, vor allem ein sehr heftiges Gewitter, das uns auf offenem Feld überraschte. Kusine I. aus Hamburg war gerade bei uns. Wir duckten uns gemeinsam unter den alten Schäfermantel, steckten unsere Köpfe zusammen und stießen bei jedem Donnerkrachen lauter und heftiger unsere Stoßgebete hervor. Ich war tatsächlich voller Angst und hatte das Gefühl, den anderen gehe es ebenso. – Am nächsten Tag erfuhr ich, daß Kusine I., die älter war als wir, sich ein wenig belustigt geäußert habe über meine angstvollen Stoßgebete. Das versetzte mir einen kleinen Stich und führte zu dem Entschluß, meine Emotionen in Zukunft mehr unter Kontrolle zu halten.


Unseren Vater sahen wir meistens erst am Abend eines solchen langen Schäfertages wieder, wenn er uns half, die Schafe in den ‚Pirk‘, in ihr umzäuntes Nachtlager auf offenem Feld, zu bringen.


*


Der älteste Bruder unseres Vaters, Arzt in Hamburg, hing sehr an seiner sauerländischen Heimat. So verbrachte er die Sommerferien  mit seiner Frau, den vier Kindern und einem Kindermädchen sehr häufig auf unserem Hof. Für uns Geschwister war es immer ein ganz großes Erlebnis, wenn ‚die Hamburger‘ kamen, brachten sie doch den ‚Duft der großen weiten Welt‘ in unser kleines Dorf. Andererseits tauchten ‚die Hamburger‘ schnell und gern in unsere bäuerliche Welt ein, in die Welt der Tiere, der Erntearbeit, der Abhängigkeit von den Launen des Wetters, der engen nachbarschaftlichen Kontakte. Die Frau meines Onkels brachte es einmal auf diese Formel: „Hier im Dorf ist immer was los. Im Vergleich dazu ist in Hamburg nichts los.“


Auch im Jahre unseres Schafehütens (1938) hatten sich ‚die Hamburger‘ wieder für ihren Sommerurlaub angesagt. Unsere kindliche Erwartung war – wie jedesmal – aufs äußerste gespannt. Alfons und ich, unterwegs mit unseren Schafen, sprachen den ganzen Tag von nichts anderem. Als wir am Spätnachmittag mit unserer Herde dann langsam auf das Dorf zu zogen, um die Schafe in ihr Nachtquartier zu bringen, bremste plötzlich das große Auto mit dem Hamburger Kennzeichen hinter uns.


Ich war unsicher: Sollten wir ans Auto treten und sie begrüßen? oder war es wichtiger, auf Hunde und Schafe zu achten?  Hier waren sie wieder, die zwei Welten: Vorn eine große Schafherde mit zwei sehr jugendlichen Schäfern, die nach Tieren rochen, deren Haut von der Sonne gebräunt war und deren Wettermäntel vom Schmutz vieler Wochen in der freien Natur gegerbt und steif geworden waren  –  dort das chromblitzende Kabriolet  mit geöffnetem Dach und den glänzend-weißen Windkappen auf jedem der sieben Köpfe. Und die Kinder beider Seiten beäugten die jeweils anderen mit Staunen  –  und beiderseits wohl auch mit einer Portion Neid.........  Doch im gemeinsamen Gestalten der Ferien wurde bei uns (nun nicht weniger als acht) Kindern aus den zwei Welten ganz schnell eine einzige große Kinderwelt. –  Welche Leistungen dabei unsere Eltern, vor allem unsere Mutter, vollbrachte, blieb uns Kindern allerdings verborgen.


*


Irgendwann entdeckten Alfons und ich beim Hüten der Schafe, daß zwei Mädchen, die wir nicht kannten, in einiger Entfernung von uns im Gelände herumstreiften. Sie tauchten immer mal wieder auf, schienen uns wohl auch zu beobachten, kamen uns aber nie sehr nahe. Wir fanden diese ‚Erscheinung‘ zwar einigermaßen interessant, kümmerten uns aber zunächst nicht sehr darum.


Erste Liebe

Ich bilde mir ein, daß ich schon sehr früh in mir eine ausgeprägte Sensibilität für den spezifischen Zauber des anderen  Geschlechts vorgefunden habe. (Dem widerspricht keineswegs, daß es später (am 23.5.1943) in meinem Tagebuch heißt. „Ich war Frauen, oder besser Mädchen gegenüber etwas zurückhaltend, vielleicht schüchtern.“) Allerdings hat es bei uns zu Hause eigentlich keine sexuelle Aufklärung für uns Kinder gegeben. Der alltägliche Umgang mit Tieren, die Beobachtung ihres Verhaltens, machten das wohl überflüssig. Ich hatte stets das Gefühl, daß ich in dieser Beziehung dasjenige wie selbstverständlich wußte, was ich wissen wollte; daß ich beantworten konnte, was jeweils im Fragehorizont auftauchte.


(Eines Tages, allerdings, als ich vor dem Übergang zum Gymnasium und damit vor dem Abschied von daheim stand, fragte mich meine Mutter, ob ich wüßte, was das Wort ‚schwanger‘ bedeute. Ich gab ihr zu verstehen, daß der Begriff für mich kein Problem darstelle. Daraufhin erläuterte sie den Hintergrund ihrer Frage: Einer ihrer Brüder hatte Jahrzehnte vorher ein Gymnasium besucht; und er hatte den Biologielehrer in der betreffenden Unterrichtsstunde gefragt, was denn das vom Lehrer gebrauchte Wort ‚schwanger‘ bedeute. Daraufhin war die ganze Klasse in schallendes Gelächter ausgebrochen. –  Solch eine Beschämung, wie ihr Bruder sie erlebt hatte, wollte meine Mutter ihrem Sohn ersparen.)


Zweifellos bedarf Sensibilität für die Faszination, die vom anderen Geschlecht ausgeht, keiner Aufklärung. Sie ist einfach eines Tages da – oder sie ist nicht da. Ich erinnere mich, daß ich schon mit acht, neun oder zehn Jahren in der einklassigen Dorfschule meinen Blick gelegentlich zur Seite der Mädchen hinübergleiten ließ und mir überlegte, welche Mädchen meinem Bild von weiblicher Schönheit mehr entsprachen, welche weniger. So ergab sich geradezu eine Art Reihenfolge.


Heute würde ich sagen: Der Boden war schon früh bereitet. Es fehlte nur noch der Blitz vom Himmel, der das Feuer entzündete und die Saat zum Leben erweckte.


*



Dieser Blitz tauchte im Sommer 1938, also während unseres Schäfer-Daseins, in der heimatlichen Landschaft auf, und zwar in Gestalt eines eher zierlichen jungen Mädchens  mit frischem Blick und langen schwarzen Zöpfen. Sie war es, die zusammen mit ihrer Kusine durch die Fluren zog und sich so dem Blick dieser zwei jungen Schäfer zugleich zeigte wie auch entzog. Sie war mit dem neuen Pfarrvikar und dessen Haushalt ins Dorf gekommen.


Zum Blitz gehört der Donner. Bald war ich „wie von ihm gerührt“:  Nichts war mehr so wie vorher. Trotz meiner nur 11 Lebensjahre glitt meine Phantasie mir zunehmend aus der Hand und beschäftigte sich nur noch mit ‚ihr‘; ‚sie‘ besetzte  meine Tagträume; meine Vorstellungskraft erhielt einen enormen Schub. Die Worte, die Goethe dem Gretchen in den Mund legt, paßten bald auch auf meine Befindlichkeit:


Mein Ruh‘ ist hin,

Mein Herz ist schwer;

Ich finde sie nimmer

Und nimmermehr.


Nach ihm/ihr nur schau ich

Zum Fenster hinaus,

Nach ihm/ihr nur geh‘ ich

Aus dem Haus.


Ohne dieses Gedicht Goethes zu kennen, verhielt ich mich exakt so, wie Gretchen es in der zweiten Strophe beschreibt – so daß es auch meiner Mutter auffiel. Sie sagte daraufhin einmal zu mir: “Ich glaube, du siehst immer nur hinter der R. her“ –  und hatte mich dadurch zutiefst beleidigt!! Wohl mehr als einen halben Tag habe ich mich unversöhnlich  gegeben und meiner Mutter bittere Vorwürfe gemacht. Ich sehe mich noch an der Ecke zwischen Küche und Wohnzimmer stehen und demonstrativ in das dortige Handtuch hineinheulen.


Meine Mutter war von meiner unerwartet heftigen Reaktion wohl irritiert und entschuldigte sich so halb für ihre Bemerkung. Ich denke aber, daß sie in ihrem Inneren auch gewußt hat, was mich so übersensibel reagieren ließ: nämlich die Tatsache, daß sie mit ihrer Bemerkung genau ins Schwarze getroffen hatte!! Doch damals konnte (und wollte) ich meine Empfindungen  mit keinem Menschen teilen! Auch nicht mit meiner Mutter. Ohnehin nicht mit dem Mädchen, dem sie galten.


Diese meine ‚frühe Reife‘ ist umso erstaunlicher, als ich mir in anderen Beziehungen, nämlich mit der Entwicklung eines kritischen Bewußtseins, offenbar Zeit ließ. Zwar verlief die Aufklärung über das, was sich hinter ‚Christkind‘ und ‚Osterhase‘  verbarg, wie selbstverständlich und ohne Probleme. Doch als Bruder Alfons mit seinen sieben und acht Jahren den monatelangen Aufenthalt in Kliniken erlebte, wurde er von seinen Mitpatienten durch wichtige Stationen der ‚Aufklärung‘ im Eiltempo hindurchgeschleust.


Und als er dann nach Hause zurückkam, war er uns anderen Geschwistern natürlich im Wissen voraus, „wie die Dinge der Welt so laufen“. So klärte er  nun seinerseits uns, seine älteren Geschwister, auf. Unsere Mutter erzählte später, ich hätte auf einige Beispiele seiner ‚Glaubenskritik‘ und seiner ‚Entzauberung der Welt‘ so entrüstet reagiert, daß ich ihm zugerufen hätte: „Du glaubst wohl auch nicht mehr an Gott!“ –  So viel zur Entwicklung eines kritischen Bewußtseins in frühen Jahren.


Doch in puncto Erotik liefen die Dinge bei mir offensichtlich eher in Richtung ‚frühreif‘. Zwei ‚Züge‘ trafen hier in mir wohl in kuriosester Weise aufeinander: ein gläubig-bewahrender und ein vorausahnend-verstehender/ einfühlend-nachspürender. Meine Schwester Maria kleidete diesen Gegensatz kürzlich in die zwar überzogene  aber doch etwas Richtiges treffende Formulierung: „Du glaubtest noch an den Osterhasen – und warst gleichzeitig schon richtig verliebt.“


Obwohl ich zu Beginn meiner ‚ersten Liebe‘ noch ganz Heranwachsender war, der die Pubertät noch vor sich hatte, hat mein intensives Gefühl für dieses Mädchen mehrere Jahre angehalten und die spätere Pubertät weitgehend begleitet.  Ich war wohl schon 14 oder 15 Jahre alt, als ich merkte, daß ein Schulfreund auch eine Zuneigung zu diesem Mädchen gefaßt hatte – und er ihr vielleicht auch nicht gänzlich gleichgültig war. Und ich stellte mit Überraschung fest: Diese Erkenntnis ließ mich kalt!! Da wußte ich, daß ich aus meiner ersten Liebe herausgewachsen war.


Ich habe später nie auf meine erste Begegnung mit diesen Gefühlen mildlächelnd hinabgeschaut, habe sie nie als ‚Kinderkram‘ abtun können. Sie waren und bleiben für mich ein tiefes, ein ernsthaftes, ein prägendes und viele Jahre meiner Jugend tragendes Erlebnis.


Und heute wie damals erscheint mir die Dualität der Geschlechter sowie die damit einhergehenden Phänomene von Eros, Sexus, Liebe – aber auch von Sehnsucht und Entfremdung – als eine unglaublich geniale Erfindung der Evolution, als eines der Wunder der Natur:


*


DU BIST EIN GEBIRGE

Von weithin sichtbar und verlockend,

Doch zugleich erhaben und abweisend.


Unverrückbar und erdgebunden

Behauptest du deinen Platz

Und berührst zugleich mit dem Scheitel

Die Sterne.


Ich verliere mich in deinen Weiten

Und von der erklommenen Höhe

Tauchen stets neue Gipfel

In der Ferne auf.


Du nimmst kein Ende.

Du reichst an den Himmel.


Du bist ein Gebirge.


*

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