Biografie
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| Der Autor ist ein Teilnehmer des Biografie-Projekts "Das ist mein Leben" der GGT. | |||||||||
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Alltäglich Auszug aus 'Lebensweichen/Mosaik einer Kindheit' Das Landschulheim Grumpeda musste wohl mal ein Herrschaftssitz, ein Gut gewesen sein. Gegen die Dorfstraße war es durch eine Natursteinmauer abgegrenzt. Ein Portal - zwei starke Säulen durch einen Bogen miteinander verbunden - bildete den Zugang zu dem großen, fast quadratischen gepflasterten Innenhof und gab den Blick frei auf ein ansprechendes kleines Schloss in barockem Stil, zu dessen Eingang eine Freitreppe führte. An der rechten Seite wurde die Mauer von einem breiten, schmiedeeisernen Tor abgelöst, das selbst größten Fahrzeugen bequem Durchlass bot, links schloss sich unmittelbar an die Mauer im rechten Winkel ein langgestrecktes, schlichtes zweigeschossiges Haus an. Dahinter, etwas versetzt, ein weiteres, ebenfalls zweigeschossig, aber mit gerundetem Grundriss und spielerischen Details, wie zwei schlanken Säulen vor dem Eingang. Zwischen diesem Pavillon und dem Haupthaus begann eine Kastanienallee, die an satten, teils mit Obstbäumen bestandenen Wiesen vorbei in die freie Natur führte. Betrat man das "Schloss" über die Freitreppe, so gelangte man in das erste Obergeschoss, das von einem großen prunkvollen Saal mit einer hohen Fensterfront, einer Bühne und mit wunderschönen Deckengemälden eingenommen wurde. Der Raum war Speisesaal und Aula in einem. Hier fanden die gemeinschaftlichen Schulveranstaltungen statt. Anweisungen und Informationen, die für alle Kinder von Bedeutung waren, wurden gewöhnlich während der Mittagszeit im Speisesaal mitgeteilt. Gegenüber einer normalen Schule bot Grumpeda einen großen Vorteil: Die Kinder brauchten ihre Schultaschen und Bücher nicht hin und her zu schleppen. Sie konnten alles in ihrem Klassenzimmer lassen. Wenn die Mittagsruhe vorüber war, begaben sie sich wieder in den Unterrichtsraum, um ihre Hausaufgaben zu erledigen. Und die Lehrer hier waren einfach prima! Sie schienen wirklich alles zu wissen. Es gab keine Frage, die sie einem nicht ausführlich und geduldig erklärt hätten. Besonderer Wert wurde jedoch auf Ordnung und Sauberkeit gelegt. In dieser Hinsicht herrschte hier ein strenges Regime. Es galt die Maxime: nur in einem gesunden Körper kann sich der Geist gesund entfalten. Und nur auf der Basis von Disziplin, Ordnung und Sauberkeit lässt sich ein reibungsloses Gemeinschaftsleben aufbauen. Der Tag begann um sechs Uhr dreißig mit dem allgemeinen Wecken und Zähneputzen. Dann, während die Zimmer und Betten gründlich lüfteten, hieß es, alle Mann hinunter in den Hof zur gemeinsamen zehnminütigen Morgengymnastik: Grundstellung - Arme anheben -Rumpf beugen -Arme ausbreiten - mit den Händen bei gestreckten Knien die Fußspitzen berühren... Anfangs zog es mächtig, in den Kniekehlen und an allen möglichen Stellen des Körpers, aber nach ein bis zwei Wochen hatte das Mädchen keine Schwierigkeiten mehr, und es machte richtig Spaß, den Körper so bewusst und gezielt zu bewegen. "So, das war's. Sport frei!" Jetzt wieder hinauf in den Waschraum, der zu jedem Wohnschlafraum gehörte. Jedes Kind hatte seinen eigenen Waschplatz. Anfangs war Marlen in einem Sechserraum, inzwischen in einem Viererzimmer untergebracht. Es gab also in dem hell gefliesten Raum auch vier Waschbecken. Der Fußboden war mit ockerfarbenen Steinplatten belegt. Sie hatten sich immer gründlich von Kopf bis Fuß zu waschen, morgens kalt, abends warm. Bevor sie zum Frühstück gingen, ordneten sie ihre Schlafstätten. Kissen und Federbetten hatten sie von Zuhause mitgebracht. Das "Unterbett", auf Holzbrettern, war ein Strohsack, den sie an ihrem ersten Tag im Internat selbst gefüllt hatten. In dem Bett rechts von Marlen, schlief "Janni". Sie hatten sich gleich in den ersten Tagen miteinander angefreundet. Marianne - wie sie eigentlich hieß - kam auch aus einem kleinen Dorf, noch hinter Eisenach. So hatten sie dieselbe Strecke auf der Heimfahrt und bei der Anreise, und es wurde nicht langweilig und keine fühlte sich einsam. Abends im Bett - das Licht wurde immer kurz nach neun gelöscht - flüsterten sie noch eine ganze Weile miteinander. Sie hatten sich doch so viel zu erzählen! Bei der Gelegenheit stießen sie auf die Kosenamen aus frühen Kindertagen, die sie so schön fanden: "Marli" - wie der Vater das Kleinkind einst genannt hatte, und "Janni"- wie die Oma liebevoll zur Enkelin sagte. Von da an riefen sie sich nur noch so. Etwa jeden zweiten Tag war Ordnungskontrolle. Die Wäsche in den Schränken war akkurat ausgerichtet. Papier und Abfälle durften nicht herumliegen. Staubwischen war eine Selbstverständlichkeit. Der Unterricht begann um acht Uhr. Nach der dritten Stunde verteilte der Ordnungsdienst für jeden Schüler ein schmales, dunkles, dünn mit Butter bestrichenes Brötchen. Es klingelte: Ende der sechsten Stunde - Unterrichtsschluss! Die Schüler verließen die Klassenzimmer; erledigten ein paar persönliche Dinge, wuschen sich die Hände. Dann gingen sie ins "Schloss" und stellten sich vor dem Speisesaal einzeln auf. An der Flügeltür standen der Schulleiter und die Heimleiterin oder im Wechsel der eine oder andere Lehrer . Heute hieß es: "Zeigt her eure Fingerchen!" Obwohl Marlen selbstverständlich ihre Hände mit Seife und Handbürste gewaschen hatte, überkam sie doch eine leichte Unsicherheit, als zwei Mann vor ihr ein Junge aus der siebenten mit den Worten: "Schämst du dich nicht, solche Spaten mit Trauerrändern zum Essen mitzubringen? Marsch, ab! " zurück in den Waschraum geschickt wurde. Das nächstemal wurden Haare oder Schuhe inspiziert oder sie hatten ihre Taschentücher vorzuzeigen. Man wusste nie, was auf einen wartete. Das Essen war reichlich, kalorienhaltig und dank Apfel, Zitrone und Rohkost auch vitaminhaltig, aber ohne Abwechslung. In regelmäßigen Abständen - etwa dreimal wöchentlich - gab es Graupen in allen Varianten: - in Wasser gekocht als Beilage, als Milchbrei und als Graupensuppe. Die Graupenmenge dieses einen Jahres reichte ihr fürs ganze Leben. Verglich man Fotos ihrer Zeit in Grumpeda mit solchen aus den Vorjahren, so war der Nutzen dieser Graupenkur unübersehbar. Ausführlich hatte Marlen in den ersten Ferien zu Hause beim Abendbrot über Besonderheiten und manche Details ihrer neuen Schule berichtet. Erina, ihre Schulfreundin aus Laucha, mit der zusammen sie hier angekommen war, hatte bereits nach sechs Wochen aufgegeben und war nach den Herbstferien nicht wieder mitgefahren. Sie hatte die ganze Zeit Heimweh gehabt und ständig geweint. Marlen war nicht so wehleidig. Im Gegenteil, sie fühlte sich richtig wohl hier. Sogar ihr schreckliches Ekzem war wie weggeblasen. Zu keiner Zeit und von niemand war sie jemals verwöhnt worden. Sie hatte sich daran gewöhnt, mit ihren Problemen allein fertig zu werden. Der Einzige, den ihre Seele je interessiert hatte, war der Vater. Und der war all die Jahre ihrer Kindheit, ihres Heranwachsens im Krieg und in der Gefangenschaft gewesen. Jetzt blieben noch zwei Wochen bis Weihnachten. Etwa in der Mitte des Saales, an der Innenwand stand der hohe von Schülern in der Freizeit geschmückte Weihnachtsbaum. Der diensthabende Lehrer betrat die kleine Bühne, die sich linker Hand von der breiten Eingangstür befand. So konnten ihn alle sehen und gut verstehen. "Liebe Schüler, irn Namen der Schulleitung und eurer Lehrer darf ich euch mitteilen, dass ihr in den zurückliegenden Monaten gut gelernt und euch die bevorstehenden Weihnachtsferien redlich verdient habt. Der erste Ferientag und somit Heimreise ist am Sonnabend, also ausreichend Zeit, eure Familien über eure Ankunft zu informieren." "Hurra!" Sonnabend ist ihr vierzehnter Geburtstag! Sie gab gleich den Eltern Bescheid. Sie würde gegen 15.00 Uhr zu Hause sein. Dann könnten sie gemeinsam Kaffee trinken, frischgebackenen Kuchen essen! In der Vase vielleicht geschmückte Tannenzweige oder ein paar Winterastern aus dem Garten; noch hatte es in diesem Jahr keinen strengen Frost gegeben. Oder ein Alpenveilchen aus der Gärtnerei, das wäre auch schön und gar nicht teuer. Sie war voll gespannter Erwartung. Schließlich bekäme sie jetzt einen Personalausweis, würde zu den Erwachsenen zählen. Das war ein Grund zum Feiern! Sie freute sich darauf. Zum Glück hatte der Zug keine Verspätung. Leichtfüßig bewältigte sie auch noch das letzte Stückchen vom Bahnhof bis zum Dorf, durchquerte die Flur zwischen Feldern und Wiesen. Die Eltern waren auf dem Hof, unterhielten sich. Der Vater stand in der Kuhstalltür, die Mutter davor. "Guten Tag. Da bin ich." Marlen gab beiden die Hand. "Tag" , sagte die Mutter. "Willkommen daheim. Wie war die Fahrt?" fragte der Vater. "Gut - keine Verspätungen, keine Wartezeiten." "Das ist schön - . Jaa, dann lass dir erst mal ganz herzlich zum Geburtstag gratulieren. Vor allem bleib gesund. Und alles Gute für die Zukunft, wo du ja jetzt erwachsen wirst," - "Danke schön." "Ach ja, du hast ja Geburtstag. Herzlichen Glückwunsch." - "Danke." Damit war dieses Kapitel abgehakt. Blumen, Kuchen, Tannenzweige existierten nur in Marlens Fantasie. Hatte sie sich doch tatsächlich eingebildet, vierzehn zu werden, wäre etwas Besonderes! Zwei Tage später, am Montag, begab sie sich mit ihrer Geburtsurkunde und der Sozialversicherungskarte nach Waltershausen zur Polizeistation, beantragte ihren Personalausweis. "Wie war der Vorname?" "Marlen. Mit einem -e-" "M ar l e n" , buchstabierte der Polizist ."Ein schöner Name. Da will ich der jungen Dame mal in die Augen sehn... Blaugrau", notierte er. "So und nun bitte mal hier an die Messlatte stellen..." |
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Mehr DetailsStand: 09.02.12
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