Biografie
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| Der Autor ist ein Teilnehmer des Biografie-Projekts "Das ist mein Leben" der GGT. | |||||||||
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Bahnen und Gleise Auszug aus 'Lebensweichen/Mosaik einer Kindheit' Seit dem vergangenen Jahr bestand Deutschland aus zwei Staaten, hervorgegangen aus den bisherigen Besatzungszonen. Die drei westlichen - die amerikanische, britische und französische Zone hatten sich zur "Bundesrepublik Deutschland" zusammengeschlossen - vom Osten gehässig als "BRD" bezeichnet. Die östliche, ehemals sowjetische Besatzungszone war zur "Deutschen Demokratischen Republik" ausgerufen worden, von der anderen Seite geringschätzig "DDR" genannt. Der "Kalte Krieg" - ein Begriff, auf den das Mädchen erst viel später stieß und der einen mehr als vierzig Jahre dauernden Zustand bezeichnen sollte - hatte begonnen. Einzig in Berlin konnte man noch ohne amtliche Genehmigung und Passkontrollen zwischen Ost und West pendeln. Für Pfingsten war in Berlin(Ost) ein riesiges Jugendtreffen geplant, das "Deutschlandtreffen". Der Optimismus, die Zuversicht der Jugend Deutschlands in eine demokratische und friedliche Zukunft und besonders ihr fester Friedenswille sollte zum. Ausdruck gebracht werden. Aus dem kleinen Dorf waren etwa ein Dutzend Jugendliche im Alter von dreizehn bis 19 Jahren angemeldet. Unter ihnen auch Marlen. Obwohl sie noch keine blaue Bluse besaß - jenes weithin leuchtende Kleidungsstück der neuen, fortschrittlichen Jugend, das das Himmelsblau symbolisieren sollte - war sie doch wie alle hier voll fröhlicher Erregtheit, voll gespannter Erwartung. Das Emblem mit der goldenen Sonne, das sie in der Dorfgruppe erhalten hatte, nähte sie einfach auf ihre kurzärmelige blau-weiß-gestreifte Spenzerbluse. Das mehrtägige Abenteuer konnte beginnen! In Gotha trafen sie sich mit weiteren Gruppen aus den umliegenden Dörfern. An Gepäck hatte jeder nur soviel, wie er selbst am Mann tragen konnte: das war ein Rucksack, ein kleines Kopfkissen für die Fahrt und eine Decke. Jetzt waren sie in Erfurt und stiegen ein letztes Mal um, in ihren "Sonderzug' Thüringen. Es handelte sich dabei um einen langen Bummelzug, der sich gleich einer Riesenschlange durch die Landschaft zog, zusammengesetzt aus alten, normalerweise ausrangierten Wagen und notdürftig mit Holzbänken nachgerüsteten Güterwaggons. An seinem Kopf und am Schwanz spie dieses Ungeheuer glühenden, schwarzqualmenden Funkenregen, der in die Nase biss, hier und da winzige Brennflecken in Haare und Kleidung sengte und der nach ein - zwei Stunden alles, aber auch alles, was man berührte - Fenster, Türen, Bänke - mit einer schwarzen Schicht überzogen hatte. Aus dem Schnaufen und Zischen dieses Ungetüms, untermauert vom Rollen der Räder, eingetaktet in das rhytmische Schlagen der Schienenstöße erhob sich eine Symfonie aus Gesängen, Lachen und Fanfaren, die der Wind in die Weite trug. Zwischenzeitlich musste das Reptil getränkt werden - Wasser tanken. Das war dann auch eine willkommene Rast für die Passagiere. Ihnen wurden heiße und kalte Getränke, Obst, Eis und allerlei Imbiss vom Bahnsteig direkt in die Waggons gereicht. Man konnte sich die Füße vertreten und etwas zu lesen holen. Und wenn die Schlange auch nur langsam vorankam - sie konnte nur dann und dort vorwärts kriechen, wenn und wo die Strecke frei war - so war es doch für die Insassen eine kurzweilige, spannende Fahrt. Schon durchfuhren sie das Land Brandenburg, das Vorfeld ihes Ziels. Nördlich erstreckte sich, zum Greifen nah, die Silhouette von Berlin. Bahnstrecken aus verschiedenen Richtungen führten hier zueinander, verschmolzen miteinander und strebten offensichtlich alle dem einen großen Ziel zu, das sie ständig tangierten, das sich aber immer wieder zu entfernen schien. Plötzlich lag Berlin östlich von ihnen! Immer mehr Schienenstränge führten heran, immer breiter wurden die Bahnanlagen. Sich überschneidende, zusammen und auseinander laufende Gleise! Weichen von anonymer Hand gestellt lenkten auch ihren Zug in die vorgesehene Richtung. Und auf einmal tönte es aus Bahnhofslautsprechern: "Berlin-Lichtenberg, Berlin.Lichtenberg. Bitte alle aussteigen! Der soeben aus Richtung Erfurt eingefahrene Sonderzug endet hier." Auf die Jugend aus Thüringen wartete der Bezirk Prenzlauer Berg. Marlens Lieblingstante - die Frau ihres Patenonkels Curd - war eine gebürtige Berlinerin. Voll Freude und Stolz hatte das Mädchen, das einen großen Teil des Familienbriefwechsels bestritt, ihr mitgeteilt, dass sie demnächst in Berlin sein werde. Daraufhin hatte ihr die Tante eine Telefonnummer geschickt mit der Weisung, unbedingt gleich anzurufen, wenn sie angekommen sei, was Marlen sehr gern tat. Sie freute sich auf das Wiedersehen. So kam es, dass sie am zweiten Tag ihres Berlinaufenthalts vor der Schule, in der sie untergebracht war, von ihrem Onkel in Empfang genommen wurde. Kribbelig vor gespannter Erwartung und begierig, soviel wie möglich in sich aufzunehmen von dem, was um sie herum vor sich ging, musste sie einerseits ihr Tempo den Schritten des Onkels anpassen - er war wirklich ein sehr großer stattlicher Mann -andererseits auf seine Fragen nach der Reise, nach ihrer Unterbringung und wie es den Eltern, Großeltern und Brüdern gehe, antworten. Sie fuhren mit der S-Bahn bis zur Friedrichstraße. Das Bild der Bahnhöfe und in den Zügen wurde dominiert von jungen Leuten in Blauhemden, von Transparenten mit Aufschriften wie "Berlin heißt die Jugend Deutschlands willkommen!" oder "Deutsche Jugend für Frieden!" und Fahnen, vor allem blauen mit einer goldenen Sonne. In dem leichten Gedränge musste man beim Ein- und Aussteigen aufpassen: die Türen öffneten und schlossen - wie sie gestern schon erstaunt festgestellt hatte - automatisch. Sie blickte durchs Fenster. Auf den breiten Straßen und Plätzen im Zentrum der Stadt formierten sich riesige blaue Marschblöcke, mit jeweils einem Fahnenblock an der Spitze. Davor und dazwischen immer wieder Fanfarenzüge. Marlen wusste, irgendwo unterwegs zur großen Kundgebung waren jetzt auch die Jugendlichen aus ihrem Dorf, während sie selbst in die entgegengesetzte Richtung fuhr. Ein eigenartiges Gefühl beschlich sie, das sie nicht hätte beschreiben können. Sie wusste nur, ihre Entscheidung lief der gesellschaftlichen Erwartung und der politischen Richtung ihres Landes zuwider. Jetzt stiegen sie um, von der S-Bahn in die U-Bahn. Zum ersten Mal in ihrem Leben betrat sie einen U-Bahnhof, erstmals setzte sie den Fuß auf eine Rolltreppe und fuhr in die Tiefe. Eine ihr unbekannte, aber nicht unangenehme Atmosphäre umfing sie. Sie empfand eine Art Ruhe, Ausgeglichensein. Auf dem Bahnsteig weniger Menschen als vordem, darunter kaum noch blaue Tupfen. Im Wagen ausreichend freie Sitzplätze. Ihr Blick aus dem Fenster erfasste mit dankbarem Erstaunen die große schwarze Schrift auf der weiß gefliesten Wand: FRIEDRICHSTRASSE - FRIEDRICHSTRASSE... Sie wusste, während der Zug im Dunkel verschwand, ihr würde nichts passieren, sie würde sich immer zurechtfinden... Die Begrüßung mit Tante Lisell war überwältigend. Sie umarmten sich, und die Tante sagte ein ums andere Mal: "Ist das schön, dich mal wiederzusehn. Ist das schön. So eine Freude!" Dann gingen sie zusammen in die Markthallen, wo "Ömi" - Lisells Mutter - einen Lebensmittelstand hatte. Marlen staunte. Der sogenannte "Stand" übertraf in Größe, Warensortiment und Gesamteindruck ihren Lauchaer Konsum um ein Vielfaches. In den nächsten Stunden wurde sie verwöhnt mit allem, was ihr Herz begehrte. Kurz vor dem Zapfenstreich - wer noch keine sechzehn war, hatte bis spätestens 22.00 Uhr im Gebäude zu sein - war sie nebst einer riesigen mit Naschereien, Südfrüchten, Kaffee und Kakao gefüllten Einkaufstüte von Tante und Onkel wohlbehalten an "ihrer" Schule abgeliefert worden. Der nächste Tag brachte Unterhaltung pur: Überall liefen bunte Programme. Chöre, Solisten, Tanz- und Theatergruppen wetteiferten miteinander und boten für jeden Geschmack etwas. Den krönenden Abschluss bildete das gewaltige nächtliche Höhenfeuerwerk. Für Marlen war es das größte Lichtspektakel, das sie je gesehen hatte. Noch am anderen Tag, auf der Rückfahrt, grübelte sie darüber nach. Feuerwerkskörper abzuschießen, die hoch oben zu "Christbäumen" zerplatzten, war die eine Sache. Wie aber kriegte man Schrift, ganze Bilder und Sätze an den Himmel? Jetzt kreuzte der Zug wieder das aus den Vortagen bekannte Schienenmeer. Wo war die Garantie, dass er die richtigen Gleise befuhr? Dafür gab es Stellwerke. Von ihnen aus wurden die Signale auf "Halt" oder auf "Freie Fahrt" und die Weichen in die eine oder andere Richtung gestellt. Und entsprechend wird die Lokomotive Kraft zulegen oder wegnehmen, nach rechts oder links einbiegen. Wie würde das Leben wohl ihre Weichen stellen? Marlen legte ihr kleines Kissen in den Nacken und lehnte den Kopf in die Ecke an der Fensterwand. Die Aktivitäten der letzten Tage forderten ihren Tribut; die Grenze zwischen Denken und Träumen zerrann... |
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Mehr DetailsStand: 09.02.12
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