Biografie
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| Der Autor ist ein Teilnehmer des Biografie-Projekts "Das ist mein Leben" der GGT. | |||||||||
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Vaters Heimkehr Auszug aus 'Lebensweichen/Mosaik einer Kindheit' Der Krieg war schon lange zu Ende und noch immer hatten sie keine Nachricht vom Vater, hatten keine Ahnung, ob er noch lebte. War er in Gefangenschaft; vielleicht gar zur Zwangsarbeit in Sibirien? Eines Tages, nach mehr als zweieinhalb Jahren Wartezeit kam eine Postkarte ohne Absender, ohne Text! Darauf mit Bleistift das Porträt des Vaters. Es musste ihm wohl ganz gut gehen; sein Gesicht sah voller aus, als sie ihn in Erinnerung hatten. Und wieder warten. Ein paar Monate; dann kam der erste Brief aus der Gefangenschaft mit wenigen wohldosierten und zensierten Informationen über sein Befinden. Er arbeite am Wiederaufbau. Seit kurzem - Gott sei Dank! - in Riga. Die Stadt gefalle ihm sehr. Jetzt atmeten sie auf. Und die Hoffnung wuchs und wuchs! Schließlich kamen jetzt laufend Heimkehrer aus der Gefangenschaft. Doch der Vater war nicht dabei... Ihre Geduld wurde auf eine harte Probe gestellt. Es wurde Sommer 1949. Dann ein Telegramm aus Frankfurt/Oder: "Ankomme gegen 18.00 Uhr in F. Erik". Das war eine Aufregung! Die Knie wurden ihnen weich. Die Mutter zog ihr schönstes Sommerkleid an: leuchtende Blüten auf hellem Crepe de Chine. Sie nahmen das Fahrrad und fuhren die zwei Kilometer Feldweg, wie sie es gewöhnt waren: abwechselnd hundert bis hundertfünfzig Meter, mal die Mutter, mal die Tochter. Dann stellten sie das Rad jeweils für die andere an einen Obstbaum. So waren sie schnell am Bahnhof. Aus dem Zug stieg knapp ein Dutzend Leute. Die meisten gingen sofort durch die Fahrkartensperre. Einer setzte sein Gepäck vorher nochmal kurz ab. Ein eigenartiger Koffer - eine Kiste aus Holz. Und angezogen war der Mann sonderbar. Das war kein Anzug, keine Arbeitskleidung, ...Hemd und Hose aus ein und demselben Stoff, grünlich-grau. Das Hemd oben drüber. Ein dicker "Strick" als Gürtel umgebunden. Das war der Vater! Auf dem Heimweg schoben sie das Rad mit dem Gepäck. Sie machten einen kleinen Abstecher zum "Seeweg", wo die Familie einen Acker hatte, und zur "Großen Wiese". Die Mutter berichtete über die Feldarbeit und die Erträge. Das Mädchen brachte kaum ein paar Worte heraus. Sie musste ununterbrochen der klangvollen Stimme des Mannes und seiner klaren Aussprache lauschen. Wie gezielt er die Worte wählte! Marlen war überwältigt. Ließ man die Schule, die Lehrer einmal außer Acht, dann drückte wohl keiner im Dorf mit so wenig Worten - die haargenau passten - das aus, was gesagt werden sollte. Die Begrüßung mit der Familie war eine Mischung aus Freude und Verlegenheit. Unter anderem war da ein Schulanfänger, den der Vater nur als neugeborenen Säugling kurz hatte beschauen dürfen. Seit sechs Jahren war er nicht mehr zu Hause gewesen und in den drei Jahren davor nur mal ein paar Urlaubstage. Die Heimkehr des Vaters war für die ganze Familie eine Umstellung. Ab sofort und auf Dauer eine erwachsene Person mehr im Haushalt! Es galt sich zu arrangieren. Für Marlen hieß das zunächst einmal ganz konkret: Auszug aus dem elterlichen Schlafzimmer. Ihr Bett war von jetzt an im Wohnzimmer, auf der Couch. Die Jungen waren davon nicht betroffen; sie hatten ihr Kinderzimmer. Die ganze Familienhierarchie war auf den Kopf gestellt! Herrschte bisher das Regime der Alten und Frauen, so war jetzt wieder der Vater- soweit es nicht die GroßeItern betraf, die jetzt ihre private Ruhe genossen und nur noch bei landwirtschaftlichen Saisonaktionen aushalfen - der "Herr im Hause". Marlen entdeckte ihren Vati neu. Im Gegensatz zur Mutter, die ständig an ihr herum meckerte, schimpfte, immer unzufrieden war und auch andere Leute "durchhechelte", schien ihr der Vater sehr ruhig, besonnen und sachlich. Er beleidigte keinen, beschimpfte die Kinder nicht; aber was er verlangte, war Gesetz! Er sagte etwas grundsätzlich nur einmal. Sie kamen gar nicht erst auf die Idee, es anzuzweifeln. Eines Tages hatte ein als Raufbold und gefürchteter Schläger bekannter Bursche Wolfgang, der jedem Zank und körperlicher Auseinandersetzung stets aus dem Wege ging, provoziert und immer wieder attackiert. Die Schulkameraden riefen: "Wolfi, lass dir das nicht gefallen! Zeig's ihm!", was er dann auch tat. Schnell hatte sich das bis nach Hause herumgesprochen. Kurz danach stand der Vater des Schlägers in Eriks Küchentür. "Also, ich wollte nur sagen, dein Sohn hat meinen total zusammengeschlagen. Glaubt nur nicht, dass wir das einfach so hinnehmen!" "Nein, nein, beruhige dich erst mal, Walter. Wenn etwas kaputt gegangen ist oder zurückbleiben sollte, komme ich selbstverständlich für den Schaden auf!" Das war typisch der Vater! Kleinlaut und beschämt trollte sich der andere, nachdem er noch etwas gestottert hatte wie:"...ich wollt ja kein Aufhebens machen...; aber du weißt ja, wie die Weiber sind..." Sein schlägerischer Sohn aber hielt sich in Zukunft merklich zurück. Das dringendste Problem der ersten Zeit für den Vater war: Arbeit finden. Es gab nicht viel in dieser ländlichen Gegend. Zum Glück brauchte die Gemeinde eine Friedhofshalle, wo die Verstorbenen in den drei Tagen bis zur Bestattung aufbewahrt und aufgebahrt werden konnten. Der Bürgermeister dachte sofort an Erik. "Da hast du erst mal was für die nächsten drei Wochen. In der Zeit findet sich was." Was sich gefunden hatte, als die kleine Kapelle fertig war, hatte mit Bergbau zu tun und war zu weit weg vom Heimatort, um täglich nach Hause kommen zu können. So war er nur am Wochenende bei der Familie. Ein halbes Jahr später fand er endlich Arbeit in seinem Beruf als Tischler, ganz in der Nähe. Von da an ging alles wieder seinen geregelten Gang. |
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Mehr DetailsStand: 09.02.12
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