Biografie
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| Der Autor ist ein Teilnehmer des Biografie-Projekts "Das ist mein Leben" der GGT. | |||||||||
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Lebensweichen Abschlussgeschichte des Erzählbandes 'Lebensweichen/Mosaik einer Kindheit' Für den Februar hatte die Schule mit einigen nahmhaften Thüringer Betrieben Besichtigungen vereinbart, damit die Schüler der achten Klassen sich ein genaueres Bild von interessanten Arbeitsmöglichkeiten in ihrer Heimat machen könnten. Das konnte für ihre Berufswahl wichtig sein. Man sagte ihnen, sie sollten für Essen und Trinken außerhalb der Schule ein paar Groschen mitnehmen, für alle Unkosten vielleicht eine bis eine Mark fünfzig. Oje, der Gedanke, dass die Tochter im Internat auch mal Geld brauchen könnte, kam den Eltern anscheinend nicht. Also setzte Marlen sich hin und schrieb einen Brief. Darin hieß es nach einer kurzen allgemeinen Berichterstattung: "Habt Ihr vielleicht mal wieder eine Mark übrig? Nächste Woche ist Tag der offenen Betriebstür. Da fahren wir zu Zeiß/Jena. Das kostet Geld. .." Und da sie schon beim Schreiben war, musste sie an anderer Stelle gleich noch etwas loswerden: "Habt Ihr schon Schuhe für mich?" Diese Frage brannte auf ihrer Seele. Vor ihr lag der erste wichtige Feiertag ihres Lebens. Sollte sie den mit Halbstiefeln aus Kunstleder, mit "Igelit-"oder Stoffschuhen begehn oder gar in fremden getragenen Schuhen? Ihr war zum Weinen, wenn sie sich das vorstellte. Der Winter näherte sich ganz allmählich seinen letzten Wochen. Ostern war in absehbare Nähe gerückt. Marlen hatte in der letzten Zeit mehrere Lieder aus dem evangelischen Gesangbuch gelernt, die sie in ihrer Freizeit immer mal wieder vor sich hin summte. "Ein' feste Burg ist unser Gott, ein' gute Wehr und Waffen." Jetzt war sie mit Hingabe dabei, die "Zehn Gebote" des Katechismus und deren Erläuterung zu lernen. Die Legenden der biblischen Geschichte konnte man glauben oder es sein lassen. Auf Dauer einprägenswert aber schienen Marlen wichtige Grundsätze, die sie hier fand: - Du sollst nicht töten... - Du sollst nicht stehlen... - Du sollst nicht falsch Zeugnis reden... - Vergib uns unsere Schuld , wie auch wir vergeben... Der Gemeindepfarrer in Laucha hatte sein Einverständnis gegeben, dass sie während ihrer Abwesenheit vom Heimatort die Christenlehre in dem kleinen Dörfchen nahe ihrer Internatsschule besuchte und anschließend - er hatte ihr ein paar Notizen mitgegeben - im Selbststudium vertiefen sollte. Palmsonntag war in der Dorfkirche ihres Heimatortes "Religionsprüfung", die sie mit Bravour bestand. Unter den kritischen Augen der Kirchgemeinde konnte sie zeigen, dass sie die christlichen Gebote richtig verstand, dass sie sie zum Leitfaden ihres HandeIns machen wollte. Wie eine junge Blütenknospe leuchtete sie in dem Kleid aus roter Seide, welches sie von ihrer Patentante Greta, Mutters Schwester, für den Prüfungsgottesdienst geschenkt bekommen hatte. Am Karfreitag nahm sie ihr erstes "Abendmahl" entgegen und Ostern folgte die Konfirmation. Großartig stand ihr das nachtblaue Samtkleid mit weißem Spitzenkragen! Der Samt und passend dazu Ballerinenschuhe mit Schleife(!) aus Lack- und Velourleder waren das Geschenk ihres Patenonkels Curd, Vaters Bruder, der nach dem Krieg im "Westen" geblieben war. Weitere schenkende Paten gab es leider nicht! Sozusagen in letzter Minute hatten die Großeltern noch einen gut erhaltenen, getragenen Mädchenmantel aufgetrieben. So wurde sie in die Gemeinschaft der Erwachsenen aufgenommen! Unter den spärlichen Aufmerksamkeiten auf dem Rauchtischchen in der Stube, die die Konfirmandin zu ihrem Ehrentag bekommen hatte, fiel ihr eine kleine unscheinbare Schachtel ins Auge. Neugierig geworden, öffnete sie das Kästchen. Vor ihr lag die kleine goldene Taschenuhr ihrer Großmutter, die diese einst als junge Frau getragen hatte! Von jetzt an würde sie die Enkelin begleiten und diese immer an ihre Konfirmation und die Oma erinnern. Das Foto der Konfirmanden wurde zum Dokument - auch der Tatsache, dass sie, Marlen, noch immer die Zweitkleinste war unter den Alterskameradinnen. Es folgten herrlich sonnige Frühlingstage. Mit ihnen rückte das Ende des Schuljahres, das Ende der Grundschulzeit in absehbare Nähe. In allen Fächern wurde der behandelte Unterrichtsstoff gründlich wiederholt. Die Lehrer simulierten mit ihren Schützlingen Prüfungssituationen, damit diese ihre Angst verlören. Auf dem großen Wiesenstück hinter dem Pavillon neben der Kastanienallee standen die Obstbäume in voller Blüte. Die Sonne strahlte vom blauen Himmel. Die Natur lud zum Träumen ein. Die Gedanken verschwammen, verflüchtigten sich. Es tat gut, im Blütenduft zu treiben. Nur mal zehn Minuten Pause... Dann vertiefte sich Marlen wieder in ihr Buch. BIOLOGIE - ABSTAMMUNGSLEHRE; Entstehung und stammesgeschichtliche Entwicklung der Lebewesen. Gemeinsam mit ihrer Freundin Janni hatte sie es sich auf der Streuobstwiese bequem gemacht, um für die Abschlussprüfung zu lernen. Auch in der Nähe des sich anschließenden Mischwaldes sah man vereinzelt Schüler mit Büchern und Heften. Während ein großer Teil der Achtklässler die freie Woche vor den Prüfungen zu Hause verbrachte, hatten sie sich entschlossen, stattdessen hier ungestört und völlig entspannt für ihren großen Auftritt zu lernen. Was Marlen betraf, war das auf jeden Fall richtig. In Laucha hätte sie niemals die Ruhe und freie Zeiteinteilung gefunden wie hier. Und der Erfolg gab ihr Recht! Kaum ein Fach - auch nicht die für sie absolut neuen naturwissenschaftlichen Fächer, wie Chemie - das sie nicht mit sehr gut abschloss! Strahlend kam sie aus der letzten mündlichen Prüfung - Biologie. Sie wusste bereits vor der offiziellen Verkündung, dass die Kommission mit ihrer Leistung voll zufrieden war! Verwundert strahlte heute die Sonne auf ein wuselndes, lachendes und schnatterndes Völkchen auf diesem Schulhof, in weißen Blusen und weißen Hemden - leuchtend blaue Halstücher umgebunden. Die Freundinnen tauschten ihre Zeugnisse aus und studierten jeweils die Ergebnisse der anderen. Laut las Janni die Beurteilung vor: Marlen hat ein bescheidenes, feines Wesen. Sie ist allseitig mehr als gut begabt, strebsam und gewissenhaft. In ihrer Arbeitsweise ist sie äußerst gründlich und überlegt. Sie ist eine in jeder Hinsicht vorbildliche Schülerin. Was sie beruflich einmal machen würde? Sie hatte sich noch nicht endgültig festlegen können, hatte immer wieder geschwankt. Lehrerin? Sekretärin? Schneiderin? Oder vielleicht Säuglingsschwester? Als sie einmal mit dem Vater über ihre Unsicherheit in dieser Frage gesprochen hatte, hatte er entgegnet, dass er ihr diese Entscheidung leider nicht abnehmen könne. Aber wenn sie sich das Allerliebste als Steckenpferd bewahre, hätte sie immer etwas, worauf sie sich freuen könne, und letztendlich sei es weniger wichtig, was man mache, als wie man es mache und dass man sowieso immer wieder neu hinzulernen müsse! "Bedenke, das Leben kann dir alles nehmen, was du hast. Doch was du weißt, das kann dir keiner nehmen!" Diese Worte des Vaters würde sie niemals vergessen. Was einmal ihr Beruf werden sollte, konnte sie immer noch entscheiden. Ihr nächstes Ziel, ganz klar, hieß auf jeden Fall: lernen! Die Weichen ins Leben waren gestellt - der Weg zur Oberschule war frei. Sie, Marlen, hatte sich das Tor in die Zukunft aufgeschlossen, hatte begonnen, ihr Leben selbst mitzugestalten. Sie war glücklich. Sie hätte jubeln können! |
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Mehr DetailsStand: 09.02.12
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