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Biografie

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Kriegserlebnisse
Author:  Bossmann
Biografie vom:  22.09.2001
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Der Autor ist ein Teilnehmer des Biografie-Projekts "Das ist mein Leben" der GGT.
Runding, ein modernes Märchen 1946

Als ich wieder zu mir kam, d.h. als ich endlich einmal Ruhe um mich hatte, fand ich mich in diesem schmalen Haus in einem winzigen Zimmer von 12qm wieder,  in dessen einer Ecke ein kleines Bett stand, in dem mein Sohn lag; 2 Feldbetten, in der Mitte ein Tisch, in der anderen Ecke ein gußeisener Kochofen, ein Regal, ein Schrank.

Das Haus war nur an ein anderes angeklebt, als suche es ständig Halt und Hilfe; und die Bewohner waren auch so. Wasser gab es in dem ganzen Haus nicht, dafür einen "Röhrles"-Brunnen, der mitten im Dorf stand, aus dem auch die Kühe tranken und dessen Wasserrohr nur einen dünnen Strahl von dem köstlichen Naß hergab und deshalb das halbe Dorf davor versammelte. Wir waren alle gleich arm, die Bewohner wie die Flüchtlinge. Das Dorf lag auf einem Berg, 4 km bis zur Bahnstation im Tal, 2 mal am Tag ein Züglein, bei Schnee im Winter mit großer Verspätung. Aber eigentlich brauchte man kaum wegzufahren, man hatte hier oben alles: einen Bäcker, einen Schreiner, ein kleines Kolonnialwarengeschäft; Wurst und Fleich - das wenige, was man auf Marken bekam -, in der Brauerei, die auch schlachtete! Man lebte, man konnte leben! Das Holz holte man sich aus dem Wald, im Sommer auch Beeren. Eine Kirche mit  Friedhof bildete neben dem Brunnen den Mittelpunkt des Dorfes.
Es war Friede um mich; von den vielen Toten im Krieg, in Dresden, auf der Flucht, war ich durch das dünne Netz gefallen, wie vom Himmel, hier auf dieses kleine Stück Land und hatte einen Sohn! - Mein Mann war in München und mußte sein Staatsexamen nachmachen, da das Notexamen, das alle Studenten des letzten Semesters bekamen, nicht mehr galt. Er saß in der Speisekammer von Tante Lottchen,einer Freundin meiner Mutter und lernte, und ich hier in Runding mit meinem Sohn. --  Es hätte ja ganz gemütlich sein können - der bayrische Wald, heute eine Touristenatrakktion - wenn man nicht den Kampf ums tägliche Überleben führen müßte.  Das bißchen Geld, das ich mir vorher im Krankenhaus in  Cham verdient hatte, mit meinen  Steno- und Schreibmaschinenkünsten, war bald aufgebraucht. Die Miete für das winzige Zimmerlein kostete 100 Mark, und die Lebensmittel, die wenigen, sollten auch gekauft werden. Ich hatte eigentlich keine Zeit traurig zu sein; ich war jetzt auf einem anderen Stern; entweder hatte ich früher geträumt oder träumte jetzt;  und da mich Dieter immer wieder ganz real forderte, war es klar, daß das "früher" ein Traum war, der mir nur die ständige Kraft gab, den unbändigen Willen zu haben, wenigstens meinen Kindern eine ähnli-che Jugend und Ausbildung zu geben, wie ich sie hatte. Aber wie anfangen?  Ärzte gab es wie Sand am Meer, und Flüchtlinge auch.

Eines Tages konnte ich eine alte, klapprige Nähmaschine erwerben, schob den Tisch mehr an die Betten und stellte sie in die Mitte des Zimmers. - Was damit anfangen?

Im Sommer konnte ich manchmal so ein bißchen Stolz auf mein winziges Zimmerchen sein!  Die Feldbetten waren mit grauen Decken (jeder Flüchtling bekam 2 davon) eingedeckt und ein paar bunte Sofakissen, ein Geschenk meiner Mutter,standen darauf. Im Frühjahr strich ich  das Zimmer immer frisch an,  mit bunten Wickelmustern, eine Tapete hinzaubernd, und kleine Gardinchen hatte ich auch. Dieters Bett und der Schrank (ein ehemaliger Soldatenspind) waren weiß und die einfachen Fenster ebenso. Nur im Winter hätte man ebensogut die Mauern weglassen können, der böhmische Ostwind fand genug Ritzen und früh glitzerten meine kunstvoll gestrichenen Wände wie bei der Schneekönigen im Märchen. Und so war ich auch, ich war hier, wie eine Schneekönigin, die auf ihren Prinzen wartet, die von den armen Leuten mit "Frau Doktor" angeredet wurde, die ab und zu von der Wirtin, die die Milch-verteilungsstelle hatte, eine "gestöckelte" aufs Fensterbrett gestellt bekam  und die noch im-mer einen Hauch von einer reichen Vergangenheit ausstrahlte: weiße Bettwäsche, Silber, ein paar schöne Kleider; wer hatte das sonst noch im Dorf?  -  Aber ich hatte auch meine Ju-gend, meine Zähigkeit, meine gute Gesundheit und vor allem meinen Willen, hier wieder heraus zu kommen. -

Und da stand sie nun, die alte, quietschige Nähmaschine, die auf einen Einfall wartete. -  Ich hatte sie für 20 Mark gekauft, eben so, weil sie gerade zu haben war; vielleicht, weil man kaum auf ihr nähen konnte, und ich sicherlich auch nicht,  wenn nicht früher im Gästezimmer eine eben so alte, mit Längsschiffchen usw. von meiner Großmutter übrig geblieben wäre. -

Ich nahm meinen kleinen Sohn in die Arme und legte mich auf mein Feldbett mit dem Blick auf die Nähmaschine. 'Es war so zu sagen mein erster Luxusgegenstand; nein, mein erster war mein Sohn. Ich "leistete" ihn mir zu einer Zeit, in der ich eigentlich ganz andere Dinge hätte haben müssen, aber er war warm und weich, und wenn ich auch fast nichts mehr hatte, so hatte ich  seine weichen, kleinen Ärmchen, seine ständige Aufmerksamkeit fordern-de Gegenwart, und so meine Verpflichtung für ihn da zu sein und jetzt und hier zu leben. In diesen 2 1/2 Jahren Runding gab es für mich keine Vergangenheit, ich schrieb an niemanden,  ich suchte niemanden, die Klagen meiner Mutter kamen wie aus einer anderen Welt. War ich je dort gewesen?

Ich wollte leben, hier jetzt, mit diesem Kind. Irgendwann würde es wieder besser werden und dann konnte ich ja über alles nachdenken. - Die Zeit, jetzt hier so zu liegen und die Nähmaschine anzustarren, war schon vergeudet. Ich hatte keine Zeit zum vergeuden, 1 1/2 Jahre wohnte ich schon hier. -

Dieter war in meinen Armen eingeschlafen, da, wo er sich geborgen fühlte, aber ich wußte,  daß eine einzige kleine Bewegung von mir ihn sofort hellwach mache würde  und er schrie dann aus Leibeskräften. Niemals konnte ich ohne ihn das Zimmer verlassen, auch wenn er in seinem Bettchen lag und schlief. Ein kleiner Quietscher der Tür oder des Bodens machten ihn hellwach. Ich versuchte es gar nicht mehr, ich schleppte ihn einfach immer mit. In einer Hand den Wassereimer, auf dem Arm Dieter, so ging ich zum Brunnen, Holz und Kartoffeln aus dem Schuppen holen, und sogar aufs Klo, ein Plumpsklo, im Hof, mußte er mit. Das Brett war breit genug so setzte ich ihn einfach daneben. Er war mit allem zufrieden, wenn er nur bei mir war. Seine großen, immer etwas traurig blickenden Augen, sahen mich dann glücklich an. Oft war er krank, einmal Keuchhusten; Tag und Nacht mußte ich ihn übers Töpfchen halten, mal nach oben, mal nach unten. Da er schon mit 1/2 Jahr 5 Vokabeln konnte, dirigierte er mich den ganzen Tag "Mama" , "haben", "noch","denn" (das war schmut-zig) und "Fille", das war eine Fliege, von denen es im Sommer massenhaft gab, und die er überhaupt nicht leiden konnte. Ich rannte und klatschte, wenn er "Fille" schrie, auch die letzte mußte weg, sonst gab er keine Ruhe.-

Neben der Tür stand der Wassereimer mit dem Trinkwasser, darüber hing eine Kelle, und jeder Besucher, dem ich dieTür aufmachte, im Sommer gleich mit einem Schwall Fliegen, nahm den Schöpflöffel vom Haken und tauchte ihn in den Eimer,und trank bedächtig aus dem Löffel und hing ihn wieder  hin. Es war der Begrüßungstrunk, etwas anderes gab es so-wieso nicht. Als dann der Besucher auf einem meiner 2 Hocker Platz genommen hatte, klatschte ich erst mal die Fliegen tot. Es kamen öfters  Besucher, die Wirtin und die Tocher Milli und dann die Ärzte, die hier Patienten hatten. Meine Eltern, die jetzt auch in Cham wohnten, und meine Schwiegereltern. Ich hatte für alle Platz, auf den Feldbetten konnte man bequem sitzen und auf meinen beiden Hockern, die ich gegen Zigaretten eingetauscht hatte, alle um den weißgescheuerten Küchentisch. Selten wurde er, nur an Festtagen, mit einer Tischdecke bedeckt, ich hatte nur 2 Stück.Oft gab es etwas zu essen, meistens aus den 13 Zentnern Kartoffeln, die im  Keller lagen, die uns ein mitleidiger Bauer verkauft hatte, weil mein Mann dessen  Lieblingsente den gebrochenen Fuß geschient hatte. Den Sack Weizen dagegen konnten wir uns leider nicht verdienen, den uns eine Bäuerin angeboten hatte, wenn mein Mann ihr etwas geben würde, damit ihr Kind, von einem Ami, wieder abgeht, "etwas Scharfes möcht' schon sein", sagte sie, aber wir hatten nichts Scharfes. -

Ich dachte an das erste Weihnachten hier oben. Tiefer Schnee, durch den mein Mann ein paar Kilometer  weit zu einem Kranken gebeten wurde  und dann mit einer halben Gans freudestrahlend zurückkam. In meine winzige Bratröhre paßte sie gerade hinein, ein Weihnachtsbaum stand, ich weiß nicht wo, auf der Erde,  und ich deckte den Tisch mit meinem so mühsam geretteten Silber und meiner weißen Decke, und dann mein so köstlicher Braten. Dieter lag im Körbchen, strampelte und freute sich über die Kerzen. Als die Wirtin kam und uns ein frohes Fest wünschen wollte, blieb sie an der Tür stehen, und wußte nicht mehr, was sie sagen wollte. "Ja, ja, die Flüchtlinge"  sagte sie nur. Sie ging, ich wußte, es war nicht bö-se gemeint - nur arm waren wir nach ihrer Meinung nicht. Auch beim  Tanz an den Hochzei-ten und an der Kirmes, wenn ich meine schönen, geretteten Kleider an hatte, fiel ich auf. Das ganze Dorf war dann eingeladen, eine "Musi" spielte auf, und ich war gerne mit allen zusammen,  tanzte mit den Burschen zum Ärger meines Mannes "99er" und am liebsten mit einem,  der eine lange Feder am Hut trug; er war später Milli's Bräutigam. Sie alle wollten nur fröhlich ein, nach ihrer schweren Arbeit  im Steinbruch, die einzige Verdienstmöglichkeit weit und breit.  Den großen Saal über der Brauerei konnte man nicht heizen, Bänke und Tische gab es auch nicht, sonst wäre die Tanzfläche zu klein geworden. An einer Wand etlang reih-ten sich die Männer auf, an der anderen die Frauen,  an der Stirnseite die Musi - meistens Blasinstrumente - und jetzt mal los; es bogen sich dann im wahrsten Sinne des Wortes die Balken vom Stampfen und Drehen,  aber warm wurde einem und Spaß machte es auch.  -

Nur nicht denken, dachte ich jetzt, und sah die Nähmaschine an. - Wie anders,  wie märchenhaft, in einer märchenhaft- gruseligen Atmosphäre ist alles gekommen, als ich es mir einmal vorgestellt hatte. Ein Zettelchen erreichte mich in Plan, daß mein Verlobter in Cham im Krankenhaus arbeitet, dann die Fahrt dorthin, in einer amerikanischen Uniform,  über die Grenze, das Wohnen bei meinen Schwiegereltern in einem winzigen Zimmerchen unter dessen Dachschräge gerade die 4 Luftschutzbetten Platz hatten, die Hochzeit, ohne meine Eltern, die noch in Plan im Lager festgehalten wurden, ein geborgtes Brautkleid mit 4 Meter langer Schleppe und Papierrosen in der Hand,  Dieter im 5. Monat in meinem Bauch; er hatte alles mitgemacht, meine Ängste, meine Hofnungen, meine Enttäuschung, meine Einsamkeit ohne meine Eltern, und dann die Geburt hier in dem kleinen Zimmerchen. In ihm mußten diese ganzen Gefühle schlummern, die Angst allein gelassen zu werden,  aber auch den Willen zur Kreativität, an dessen Anfang vielleicht diese Nähmaschine stand, die ich nur zum Leben erwecken mußte. -

Und so war es auch. Durch Zufall ging ich in den nächsten Tagen in das Haus, an des-sen Breitseite unseres angebacken war. Eine alte Frau wohnte darinnnen, die sich gerade eine geflochtene Strohsohle auf einen alten Schuh nähte. Das war es,  warum alter Schuh, neuer Schuh mit Strohsohle! Von dem alten Schuster besorgte ich mir Leisten, klebte mit dem letzten Mehl den Oberstoff und das Futter zusammen, nähte es unter über dem Leisten zusammen, und dann die geflochtene Strohsohle darauf.  Der erste Stohschuh war fertig! Es funktionierte. Jetzt mußte die Nähmaschine her, der Oberstoff  wurde dekorativ zusammengenäht, mit Baspeln, Bänder oder Schleifchen versehen,gesteppt, gebürtelt,  mit Noppen oder abgestepptem Rand versehen, es gab ganz viele Möglichkeiten. Meine Mutter nahm die Einzelstücke mit nach Cham, ein Spielwarengeschäft stellte sie aus, und schon bekam ich die ersten Aufträge!  -

Der Oberstoff mußte geliefert werden; und nachdem ich mir vom Schreiner noch Keile für Keilabsätze machen ließ, konnte ich meine Arbeit nicht mehr allein bewältigen. Ich stellte andere Flüchtlinge an, die mir das Stoh zu Zöpfen flochten, es dann auch zusammennähten. Das war die härteste Arbeit. Ich machte nur die Oberteile, je nach gewünschter Größe auf den alten Leisten des Schusters, die er vorerst doch nicht brauchte. Je nach Art des Stoffes wurde das Oberteil zugeschnitten. Es entstanden offene und ge-schlossene Schuhe, Sandalen, Schnürschuhe, Tanzschuhe mit Schleifchen und Keilabsätzen und Pantoffeln. Fast jeder hatte noch so ein Fetzchen Stoff, und Schuhe brauchten alle. Ich hatte wieder Geld, nicht viel,  denn so viel konnte ich gar nicht machen, aber ich konnte meiner Mutter das Fahrgeld schenken, von Cham nach Runding, wenn sie jede Woche einmal zu mir kam und ich konnte mir eine Reise nach München leisten, um meinen Mann zu besuchen. Die Nähmaschine ratterte fröhlich, fast jeden Nachmittag, da es noch genügend Nähgarn in dem kleinen Kolonialwarengeschäft gab.

Es gab ja eigentlich nichts zu nähen!

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