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Biografie

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Kriegserlebnisse
Author:  Margot Pohl
Biografie vom:  24.09.2001
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Der Autor ist ein Teilnehmer des Biografie-Projekts "Das ist mein Leben" der GGT.
Erinnerungen

Kriegstrauung 1944, das hiess für mich, am Freitagabend wußte ich nicht, dass Dienstag unsere Hochzeit sein sollte. Die Kompanie meines Bräutigams wurde vom Osten in den Westen verlegt. Auf dem Wege dorthin bekam er 5 Tage Heiratsurlaub. Sein plötzliches Erscheinen brachte Aufregung ins Haus. Bei der Mutter: "wie bringe ich die Leute alle satt und wo unter?"  Im Dorf war Einquatierung, wir hatten auch einen Soldaten. Die älteste Tochter mit 2 kleinen  Kindern, war meistens von Siegen kommend im Haus, der Schwiegersohn war in Stalingrad vermisst. Ja, und ich war auch noch im Haus. Man hatte mich vor einem Jahr aufgenommen. Wir, das war meine Mutter und ich, hatten in Essen bei einem Luftangriff alles verloren. Was ich noch hatte, passte in eine Tasche. Meine Mutter war mit der Firma nach Bad Godesberg evakuiert worden, ich kam in das kleine Dörfchen ins Siegerland zu den Eltern meines "Mannes".- Und nun sollte Hochzeit sein. Meine Mutter fiel aus allen Wolken bei dem Telefonanruf, sie wußte nicht, ob überhaupt noch Züge nach Siegen fahren würden. Ich war gerade 21 Jahre alt geworden - Hochzeit, meine Güte, ich hatte ja garnichts anzuziehen. Da kam Hilfe: von der ältesten Schwester bekam ich den Schleier und das Kränzchen, die Frau vom ältesten Bruder, meine zukünftige Schwägerin, gab mir ihr langes weisses Brautkleid. Es war Oktober, im Garten blühten weisse kleine Dahlien, die wurden zu meinem Brautstrauss. So wurde ich am 24. Okt. 1944 für meinen Mann zu einer Überraschung. Meine Mutter war doch noch gekommen. Die Einquatierungs-Soldaten standen Spalier bis zu der kleinen Kirche, die in unserer Nähe war. Der Chor sang: "So nimm denn meine Hände". Das Essen war wunderbar - der Streusselkuchen!!! und dann kam, zur grossen Freude aller, der jüngste Bruder meines Mannes für 2 Tage nach Haus. Er war vom Arbeitsdienst direkt zur Wehrmacht übernommen worden und mußte Richtung Osten. Die Schwiegermutter hatte wenigstens ihre beiden jüngsten Söhne für eine kurze Weile nochmal zu Hause.

Das war Kriegstrauung. Am nächsten Tag war Abschied. Da standen wir Drei auf dem Siegener Bahnhof. Mein Mann gen Westen, der kleine Bruder nach Osten - und ich? Wir konnten garnicht viel reden, uns fehlten die Worte, wir hielten uns nur an den Händen fest, so lange es ging.
Sollte das alles gewesen sein ? Wenn ich abends von Siegen vom Büro kam, der erste Blick zum Schrank - wieder keine Post. Das ging so Wochen, Monate. Wir haben gelitten, meine Schwiegermutter und ich. Woher nahm sie die Kraft?  Der Schwiegersohn in Stalingrad vermisst, der älteste Sohn in russischer Gefangenschaft, und nun die beiden Jüngsten, wo waren sie? Vier Söhne, wie konnte ich da jammern!

Endlich nach 3 Monaten kam eine Nachricht von einer Schwester Columbana aus dem Krankenhaus Frankfurt-Höchst. Dort lag schwer ver-wundet mein Mann. Sie schrieb, er rufe immer wieder nach seiner jungen Ehefrau. Inzwischen wurde aus Siegen bei einem Bombenangriff ein Trümrnerfeld. Die Oberstadt brannte - Siegen verbrannte!  Die Erinnerung kam, ich sah mich wieder in Essen vor unserem ausgebrannten Haus stehen, die noch rauchenden Trümmer - alles, was mein so junges Leben ausgemacht hatte, lag da jetzt in der Asche. Die Hilflosigkeit, die damals in mir war und die mich so laut wimmern lies, die war wieder in mir. Was sollte ich jetzt tun?

Es war im Februar, ich hatte mich entschlossen. An einem frühen Morgen machte ich mich auf den Weg und fuhr mit dem Fahrrad nach Frankfurt. Es ging kein Zug mehr. Die Amerikaner waren in Remagen über den Rhein und standen schon bei Mainz. Ich schob mein Rad hoch auf die "Schränke",  fuhr über den Westerwald, kam in einen  Schneesturm, aber heil bis Limburg. Dort wurde ich von einem Tieffliegerangriff überrascht, konnte mich in Sicherheit bringen, aber mein Fahrrad wurde beschädigt.  Stundenlang saß ich dann im Bahnhofsbunker, der voller Soldaten war. Mit vereinten Kräften baute man das Vorderrad aus, um es zu flicken. Dabei war auch ein Lokführer,  ich erfuhr, dass er auf einen Zug wartete, der die Soldaten an die Front bringen und von Limburg über Frankfurt fahren sollte. Dem Lokführer erzählte ich meine Geschichte, er nahm mich und das 2-teilige Rad mit. In stockfinsterer Nacht fuhr der Zug los. Die JABOS liessen keine Ruhe und beschossen auch den Zug, das hieß: Zug halt, und entweder links oder rechts heraus und in Deckung gehen. Um Mitternacht waren wir in Höchst. Vor dem Bahnhof hielt der Zug kurz an - aussteigen, das Rad hinterher, ich war in Höchst !

Da stand ich nun auf dem Schotter und trug das Rad auf den Schienen bis zum Bahnhof, fand dort einen verwunderten, aber gutmütigen Bahnbeamten. Er hatte Mitleid mit mir, brachte mein Rad in die Gepäckaufbewahrung, telefonierte mit einer Frau, die im Krankenhaus beschäftigt war, gab mir die Adresse. Die Familie nahm mich auf, ich konnte endlich dort schlafen.

Am nächsten Morgen ging ich ins Krankenhaus. Erst zur Schwester Columbana. Mein Mann hatte einen Lungenschuss, vereitert, hohes Fieber,  man hatte schon eine Rippenresektion gemacht. So fand ich meinen jungen Ehemann, gerade 24 Jahre alt wieder, aber er lebte - noch !  Atmen - Essen - reden, all das waren Schwierigkeiten. Schmerzen - Schmerzen, man gab ihm Spritzen, Tabletten so viel man konnte und hatte. Als ich am nächsten Tag ins Krankenhaus kam, hatte man ihn in den Bunker verlegt. Dort lagen 1o - 12 Schwerstkranke, die nicht aufstehen konnten. Die Schwester gab mir einen weissen Kittel  und so war ich eine gute Woche von morgens bis abends bei meinem Mann im Bunker. Die Ärzte duldeten es stillschweigend, aber wenn der Chefarzt zur Visite kam, mußte ich so lange verschwinden. Für meinen Mann konnte ich nicht viel tun, er war immer nur kurz ansprechbar, aber Arbeit gab es genug bei den anderen Kranken: füttern - die Pfanne unterschieben - zuhören - trösten. Eigentlich war man froh, jemanden immer unten im Bunker zu wissen. Mir wurde nichts zu viel, ich war zufrieden, dass ich bei meinem Mann sein durfte. Neben ihm lag ein junger Feldwebel mit einem Oberschenkelschuss - brandig - das Bein sollte amputiert werden. Der Chefarzt wollte das Bein retten und kam ausserplanmässig in den Bunker - und entdeckte mich. Er regte sich fürchterlich auf. Von meinem Mann durfte ich mich noch verabschieden und mußte den Bunker sofort verlassen. Der Chefarzt erklärte mir später, mein Mann sei Soldat; schon morgen müsse er alle Soldaten aus dem Krankenhaus entfernen, sie kämen im Taunus in ein Lazarett, meinem Mann könne er leider nicht mehr helfen. Im übrigen würde der Ami schon vor Frankfurt kämpfen und ich solle mich schnellstens davon machen, damit er mich nicht überrollt und ich noch nach Hause käme. Da stand ich nun - so allein - und da war sie wieder, die Hilflosigkeit !

Die Familie, bei der ich nachts geschlafen hatte, stand mir bei. Bis in die Nacht hinein flickten sie an meinem Fahrrad. Der Schlauch war schnell dicht, aber vom Mantel fehlte ein Stückchen. Man suchte und versuchte bis das Rad in etwa stabil war, bei jeder Umdrehung machte es einen Hölperer. Mit diesem Holperrad fuhr ich am frühen Morgen Richtung Siegen. Schnell fahren war nicht drin. Mein Kopf war zu, meine Augen sahen Soldaten - Strassensperren - Soldaten, sie wußten nicht wohin - war auch in ihnen diese Hilflosigkeit?  Irgendwann überholte mich ein kleiner Lastwagen, er hielt an und nahm mich mit. Es war kalt da oben und zugig. Wir rückten alle vorne zusammen, wo der Ofen in einer Ecke stand, denn unser Lastwagen war ein Hölzvergaser. Der Ofen wurde mit Holz und Spänen gefüttert, verbrannt und das Auto fuhr. So kam ich schneller als ich gedacht hatte, bis zu dem Weg, der in unser Dorf führte. Man half mir vom Wagen und ich war sehr dankbar, stand nun wieder oben auf der Schränke, blickte ins Tal. Dort wartete die Schwiegermutter sicherlich schon jeden Tag auf mich. Was sollte ich ihr sagen ? - dass ihr Sohn sterben wird, wenn kein Wunder geschieht. Man lief mir schon entgegen als man mich sah, ich brauchte nicht viel zu reden,  ich war so dreckig von dem Holzvergaser, so verheult und so hungrig. Meine Schwägerin machte mir von einem Ei, Wasser und Mehl einen Pfannkuchen, er war noch nicht fertig, da gab es direkt Vollalarm, sie packte ihre zwei Kinder in einen uralten Kinderwagen, liess alles stehn und liegen und rannte in den Stollen. Mir schmeckte der Pfannkuchen, und erst, als wir die Bomber über uns hörten gingen, wir in den Keller. Dort war unter der Betontreppe mit dicken Holzbalken eine Ecke abgestützt. Wir hockten uns auf die kleine Bank und ich erzählte, aber ich kam nicht weit.
Bisher war unser Dorf von Bomben verschont geblieben, aber jetzt fielen sie, nicht direkt in unserer Nähe. Aber ich hörte das Rauschen und Klirren von Phosphor-Brandbomben, das Geräusch kannte ich von Essen her. Raus, raus, dachte ich nur, vielleicht kann man noch löschen. Vor der Haustür auf den Steinen lag eine, die konnte ich mit Sand und Erde unschädlich machen, aber gegenüber auf der anderen Strassenseite waren etliche Bomben auf Knipps Fachwerkhaus gefallen. Das Dach brannte schon lichterloh. Meine Schwiegermutter lief zu dem brennenden Haus und rief immer wieder: "Unsere Schinken!"  Wir hatten ein Schwein geschlachtet, und in der Räucherkammer hingen unsere Schinken - und verbrannten.

Im Dorf rauchte und qualmte es an vielen Stellen. Wir haben gelöscht, ausgeräumt und gerettet, was zu retten war, und unseren Seelenschmerz verdrängt.
Die nächsten Tage waren chaotisch. Amerikanische Panzer standen oben auf der "Schränke" und schossen ins Dorf. Unsere Soldaten hatten sich verschanzt, Panzersperren gebaut und im Dorf verteilt. Die schweren Panzer walzten sich in unser Tal, es gab ein fürchterliches Gemetzel. Zu viele starben in diesem kleinen Dörfchen unnütz auf beiden Seiten. 2 mal mußten wir das Haus räumen, es wurde von den Amis besetzt. Wir lagen halt günstig, mitten im Ort an der Strasse. Nachbarn nahmen uns auf. Auch das ging vorüber. Es wurde merklich ruhiger, kein Fliegeralarm, keine Tiefflieger. Die Amis zogen weiter, aber nun kamen englische Truppen, die unser Land besetzten. Ab 19 Uhr mußten die Strassen verlassen sein. In 3 Zonen war unser Land ein-geteilt. Siegen - Betzdorf englisch, bis zur Neukirch auf dem Westerwald waren die Franzosen, ab da Richtung Frankfurt die Amis. Drei-Länder-Zone nannte man das. Von einem Ort zum anderen brauchte man einen Passierschein.

Der Frühling kam, es wurde warm. Wir brachten unsere zerfahrenen und zerstampften Felder wieder in Ordnung. Meine Schwiegermutter betete jeden Abend für vier Söhne. Eines Tages kam Martha, eine Verwandte von mir. Sie wohnte in Frankfurt Offenbach. Ihr Mann war noch zum Volkssturm eingezogen worden, und sie kam mit ihrem Kind zu ihren Eltern in unser Dorf. Martha war so unruhig wie ich, sie wollte wissen, wo ihr Mann geblieben war, und ob ihre Wohnung noch stand. Nur, wie kommen wir nach Frankfurt?  Wir versuchten Passierscheine zu bekommen - abgelehnt. Unsere Unruhe war grösser! In einem Sommerkleid, eine Strickjacke im Gepäcknetz, fuhren wir mit den Rädern über den Westerwald, Richtung Frankfurt. Vor jeder Ortschaft fragten wir nach den Kontrollstellen, damit wir sie umfahren konnten. Trotz allerlei Umwege und Aufregungen kamen wir bis in die amerikanische Zone. In Oberursel wimmelte es von Soldaten, aber es war unser Tagesziel. Martha kannte hier einen Obstbauern, bei dem sie gehamstert hatte, und wir wollten versuchen bei ihm zu übernachten. Das klappte auch, im Oberstock gab er uns ein unbezogenes Bett,  vom Fenster aus konnten wir in der Ferne die Türme von Frankfurt sehen und unter uns im Wohnzimmer spielte das Radio. In den Abendachrichten hörten wir zum letzten Mal das Deutschlandlied. Deutschland hatte kapituliert, Generalfeldmarschall Keitel hatte unterschrieben, es war der 8. Mai 1945.

Was würde der nächste Tag bringen? Auf jeden Fall Sonnenschein!  Mitten in Oberursel trafen wir eine Gruppe mit Fahrrädern, die alle ins Krankenhaus wollten, um ihren Angehörigen Essen zu bringen. Die Verpflegung war knapp. Die Amis hatten die russischen Gefangenenlager geöffnet, sie wurden zu einer Plage, Fahrräder waren da begehrt. Wir schlossen uns dieser Gruppe an, kamen so ins Krankenhaus. Martha brachte die Räder in Sicherheit und hielt Wache. Ich war so nervös, nahm nicht den normalen Kiesweg, sondern lief quer über die Wiese. Vom Rondell in der Mitte stand von einer Bank ein Mensch auf, mager, etwas schief, mit Bart, in Krankenhauskleidung, in Latschen, kam er langsam mir entgegen, während ich nur fassungslos da stand, sagte dieser Mensch: "Immer wieder sitze ich hier und schaue zum Eingang, ich wußte, dass Du kommst!"  - Es war mein Mann!

Der Chefarzt hatte meinen Mann damals, als er die Soldaten ins Lazarett ver legte, ganz einfach zu einem Frankfurter Bürger gemacht und im Krankenhaus gelassen. Die Soldaten hatten Stiefel, Uniform, alles was mein Mann so hatte unter sich verteilt. Als am nächsten Tag die Amerikaner ins Krankenhaus kamen, brachten sie eine neue Arznei, das Penicillin mit, nahmen meinen Mann als Versuchs-Patient, und beim 2. Versuch schlug die Medizin an.

So wurde mein Mann ganz langsam, an jedem Tag ein bischen mehr, wieder gesund.

Die 3 Seiten sind voll, aber meine Geschichte ist nicht zu Ende. Mein Mann war jetzt Frankfurter Bürger in der Amerikanischen Zone. Wenn er nach Hause wollte, war da der Engländer, und er ein nicht entlassener Soldat. Wie wir das geschafft haben, das gäbe eine neue Geschichte.

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