Biografie
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| Der Autor ist ein Teilnehmer des Biografie-Projekts "Das ist mein Leben" der GGT. | |||||||||
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Vierzig Jahre danach Erinnerungen an Mauer, Stacheldraht und Grenze Am 13. August waren es 40 Jahre, dass die Mauer mitten durch Berlin gebaut wurde. Ebenfalls werden es im Oktober 40 Jahre, dass die 2. Zwangsaussiedlung mit dem zynischen Namen „Ungeziefer“ im damaligen Grenzgebiet stattfand. Und im nächsten Jahr werden es bereits 50 Jahre, als im Sommer 1952, die erste Zwangsaussiedlung mit dem harmlosen Namen „Kornblume“ von den damaligen Machthabern rigoros durchgeführt wurde. Alles Zwangsmaßnahmen zur Einschüchterung gegen die eigene Beverölkrung. Da ich beide Zwangsaussiedlungen hautnah miterlebt habe, überläuft es mich heute immer noch eiskalt, mit welch unmenschlicher Rücksichtslosigkeit, diese Maßnahmen durchgeführt wurden. Unter ihnen waren Verwandte, Nachbarn, Freunde und Bekannte, es waren Menschen wie du und ich. Sie wurden gegen ihren Willen, weithin ins Innere der DDR deportiert. In ihren neuen zugewiesenen Zwangswohnorten, wurden sie als Staatsfeinde oder Kriminelle angekündigt. Man hatte daher von vornherein Misstrauen in der dortigen Bevölkerung gesät. Es dauerte schon einige Zeit, bis die einheimische Bevölkerung feststellte, dass es ehrliche, fleißige und verträgliche Mitbürger sind. Unbestritten waren diese Zwangsaussiedlugen ein schweres Verbrechen der DDR Regierung und der Staatsorgane. Junge Leute – die damals noch gar nicht geboren waren – fragen heute: „Warum habt ihr euch das gefallen lassen? Warum seid ihr nicht auf die Barrikaden gegangen?“ Ja, sie betrachten die Dinge aus heutiger Sicht, wo Freiheit und Demokratie im Grundgesetz verankert sind. Heute, nach einigen Jahrzehnten, sieht im nachhinein alles viel harmloser aus. Auch ich war zur DDR-Zeit fast 30 Jahre Gemeindevertreter und Ortsvorsitzender einer - wie man heute sagt – „Blockflötenpartei“ (DBD). Gleichgesinnte Freunde und ich waren der Meinung: Es ist besser, wir bringen uns als Blockpartei zum Wohle unserer Mitmenschen in die Kommunalpolitik mit ein. So haben wir auch in jener etwas mitbewegt, geleitet, gesteuert und vielleicht manchmal etwas gebremst, wessen man sich heute nicht zu schämen braucht. Gemeinschaftsarbeit zum Wohle der ganzen Dorfbevölkerung hatte zumindest in unserem Ort Lengenfeld unterm Stein einen sehr hohen Stellenwert. Schwimmbad, Kanalisations- und Straßenbau wurde zum größten Teil in freiwilliger Gemeinschaftsarbeit durchgeführt. Wir wussten, wenn wir nicht mit anpacken, dann wird kein Schuh daraus. So kann ich mich entsinnen, bei unserem Schwimmbadbau waren zum Wochenende oft mehr als hundert Menschen im freiwilligen Einsatz. Ich bezweifle, dass man im heutigen marktwirtschaftlichen Zeitalter so viele freiwillige Helfer auf die Beine bekäme. Das waren die schönen Erinnerungen unseres dörflichen Lebens. Doch zum speziellen Thema Zwangsaussiedlungen habe ich ein persönliches bitteres Erlebnis, welches die Methoden über die Vorbereitung von solchen Zwangssiedlungen dokumentiert. Mitte der 60er Jahre wurde ich an einem mit zwei anderen Gemeindevertretern in der Mittagszeit zum Rat der Gemeinde gebeten. Dort erwarteten uns der Bürgermeister, einige uns unbekannte Personen. Heute weiß ich, dies waren hauptamtliche Mitarbeiter der Stasi. Wir wurden einzeln zum Gespräch zu diesen Herrn gebeten. Man eröffnete mir - und später den anderen zwei Gemeindevertretern – dass zwei Angehörige der Grenztruppen die DDR verraten, indem sie diese durch Flucht illegal verließen. Ihren Wohnort hatten beide mit ihren Familien in Lengenfeld unterm Stein. Ihre Frauen und 11 Kinder hatten beide zurückgelassen. An uns drei Gemeindevertreter stellten die fremden Herren des Ansinnen (jeder in Einzelkonsultation) wir sollten im Namen der Bevölkerung den Rat des Kreises auffordern, die beiden Mütter mit ihren 11 Kindern ins Innere der DDR umzusiedeln. Die Bezeichnung Zwangsaussiedlung gab es natürlich im Sprachschatz der DDR nicht. Die beiden Grenzer hätten die DDR an den „Klassenfeind“ verraten. Ihre zurückgelassenen Familien müssten nun mit Repressalien durch den imperialistischen Klassenfeind rechnen, und seien daher besonders gefährdet. Man wolle sie vor feindlichen Anschlägen schützen und sie ins Inland der DDR umsiedelnd. Für uns hieß dies im Klartext: Zwangsaussiedlung. Wir hatten jedoch die Zwangsaussiedlung von 1952 und 1961 miterlebt und erfahren, wie viel Schmerz und Leid für die betroffenen Familien entstand. Meine beiden Kollegen und auch ich glaubten jedoch nicht an Repressalien von westdeutscher Seite gegenüber Familien. Man konnte uns daher auch nicht zur Unterschriftsleistung für eine beabsichtige Umsiedlung der Familien bewegen. Doch man gab nicht auf. Einige Stunden hat man uns immer und immer wieder jeden einzelnen mit neuen Argumenten und versteckten Drohungen umzustimmen versucht. Ein vorgefertigtes Dokument brauchten wir nur mit unserer Unterschrift zu versehen und schon hätten wir die ungewisse Zukunft der Familien gefällt. Noch heute - und das mehr denn je – danken wir unserem Schöpfer, dass wir alle drei standhaft blieben und unsere Unterschrift verweigerten. Nach der stundelangen Überzeugungsaktion waren wir alle drei erschöpft und wie in Schweiß gebadet. Als ich am Abend kreidebleich und sehr erregt nach Hause kam, bemerkte meine Frau meinen desolaten Gemütszustand. Ihr habe ich alles unter dem Siegel der Verschwiegenheit erzählt. Ansonsten war Schweigen angesagt. Darüber zu plaudern, hätte uns selbst in große Schwierigkeiten bringen können. Mit meinen Ausführungen wollte ich darstellen, wie schnell man in dieser Zeit ungewollt zum Informanten der Stasi werden konnte. Heute ist es daher oft recht einfach, mit fingern auf Leute zu zeigen, die dem Druck und der Übermacht an Falschinformationen nicht standgehalten haben. Oft muss man daher auch feststellen, dass Leute Kritik üben und verurteilen, die Jahrzehnte im sicheren und demokratischen Teil Deutschlands lebten und dies in guten und angenehmen Positionen. Vom tatsächlichen Leben an der „sogenannten Staatsgrenze“ im Gebiet der 5 km-Zone, den Schwierigkeiten, Beeinträchtigungen und Repressalien, hatten - und konnten – sie keine Ahnung haben. Meine Erinnerungen sollten dazu beitragen, ein reales Geschichtsbild über das Leben im Grenzgebiet der DDR zu vermitteln. Unsere jugendlichen Enkel könne sich schon heute fast kein wahres Bild unserer jüngsten Vergangenheit machen. |
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Mehr DetailsStand: 09.02.12
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