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Biografie

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Kriegserlebnisse
Author:  P.Hoffmann
Biografie vom:  11.12.2001
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Der Autor ist ein Teilnehmer des Biografie-Projekts "Das ist mein Leben" der GGT.
In einem Jahr meines Lebens

Ein kleines Zeilendorf  im Süden Schlesiens unweit der Stelle, wo die Neisse bei dem Wallfahrtsort Wartha durch die Gebirgskette des Reichensteiner Gebirges aus dem Glatzer Kessel nach Norden durchbricht, ist mein Geburtsort.

April, Mai 1945

Drei Soldaten waren bei uns seit Wochen einquartiert. Zwei schliefen nachts im grossen Zimmer in den feinen Betten, in denen sonst nur, wenn es denn mal geschah, gute Gäste schlafen durften. Ansonsten herrschte immer wahre Feiertagsstimmung, wenn wir uns mal mit den Eltern dort aufhalten durften. Das Zimmer war sehr geräumig. Neben den meist unbenutzten Betten standen dort die Schränke mit dem guten Porzellan, dem feinen Silberbesteck, der Festtagstischwäsche u.s.w.
Ich hatte mitbekommen, wie einer der Soldaten zu meiner Mutter sagte : „Lasst uns da schlafen, es geht sowieso alles vor die Hunde!“
Am Tage waren die Soldaten immer unterwegs. Es wurden, mit den anderen im Ort stationierten Truppen, Panzersperren aus dicken Baumstämmen gebaut, Schützenlöcher ausgehoben und allerlei Material hin und her transportiert. Auf dem Hof standen wohl ein paar hundert Ölfässer. Einige Soldaten schraubten die Verschlüsse auf, rochen in das Fass und sagten entweder „Otto“ oder „Diesel“, dann wurde jeweils das Wort mit Kreide auf das Fass geschrieben. Unheimlich spannend war das für einen neunjährigen Jungen wie mich.

Auf der Dorfstrasse, den Wegen und Plätzen standen oder bewegten sich ständig getarnte Militärfahrzeuge. Sie wurden be- und entladen oder es wurde daran instandgesetzt und experimentiert. Viele der fahrtüchtigen LKW hatten einen anderen im Schlepp, der nicht ansprang oder sonst einen Defekt hatte. Der Höhepunkt war ja, wenn man sich als Junge bei einem Fahrer eingeschlichen hatte und neben ihm auf dem Sitz mitfahren konnte. Was wurde da mit der Kupplung und den Gängen herumhantiert, geflucht und geschimpft, wenn sich die Gänge nicht schalten liessen oder der Motor erst gar nicht ansprang.
Spannend war auch, wenn ein Wagen mit Holzgas zum Betrieb vorbereitet wurde. Ein paar Säcke voll Holzklötzchen wurden in den rostigen Eisenkessel von oben eingefüllt und der Deckel wieder fest zugeschraubt. Von einer Öffnung an der Seite des Kessels wurde dann mit Hilfe von Holzwolle der Inhalt entzündet. Eine Zeit lang war nur ein hohes Summen zu hören, dann wurde versucht, den Motor zu starten. Wenn das dann nach einigen Versuchen gelang, sah man erleichtertes Aufatmen.

Eines morgens war plötzlich sehr viel Hektik bei den Truppen im Ort. Alles war anders als gewöhnlich. Es hieß, die Russen seien durchgebrochen. Unsere Soldaten nahmen ihre gesamte feldmarschmäßige Ausrüstung mit sich. Auf der Dorfstrasse bildete sich allmählich eine lange Kolonne von Fahrzeugen, so wie sie mit Holzgasantrieb oder durch Anschleppen flottgemacht werden konnten. Ansonsten hingen viele Laster im Schlepp hinter den fahrtüchtigen LKW.
Ein grosser Laster, der seit Wochen gut getarnt hinter der Scheune gestanden hatte, war beim Anschleppen mit seinen Aufbauten in die Dachtraufe geraten, und man war fieberhaft bemüht, ihn über das zerfurchte, schlammige Hintergelände frei zu schleppen.
Gegen mittag war schließlich alles so weit bereit, so dass der Aufbruch ziemlich rasch in Richtung Reichenstein und wohl weiter über das Gebirge ins Sudetenland erfolgte.
Plötzlich war eine beängstigende Ruhe im ganzen Ort. Selbst die Luft hielt ihre Bewegung an und keine Menschenseele war draussen zu sehen. Ein noch entferntes Kanonengrollen war deutlich näher als an den Vortagen vernehmbar.Wie Blei lag die Angst über jedem; Was werden die Russen mit uns machen? Werden sie die Männer und Frauen erschießen, verschleppen und uns Kindern die Ohren abschneiden, oder sonst wie quälen?

So vergingen lange bange Minuten. Als unsere Mutter sich etwas aus dem Gemüsegarten holen wollte, sprengte plötzlich auf rassigem Pferd ein russischer Offizier in schneidiger Uniform, die MP im Anschlag, auf den Hof und rief der Mutter in deutsch zu: „ Hier deutsche Soldaten?“ Erschrocken erwiderte sie: „Nein, alle weg, schon zwei Stunden.“ Da sagte der Offizier:“ Frau geh ins Haus, gleich die deutschen Soldaten aus den Bergen schießen.“ Er wendete das Pferd auf der Hinterhand und verschwand wie er gekommen war.
Das war meine erste Begegnung mit einem Russen, ich hatte es hautnah durch einen Spalt der Haustür erlebt. Trotz vielen weiteren Begegnungen mit russischen Soldaten ist der erste Eindruck in meinem Leben bis heute lebendig. Beiderseits der Dorfstrasse preschten die berittenen Spähposten auf die Höfe und um die Häuser.
Kaum waren sie verschwunden, erschien auf der Strasse die Spitze eines Gespanntrosses der Russen. Kleinrassige, schweissnasse Pferde zogen mit hängenden Köpfen gummibereifte niedrige Wagen, beladen mit Futtersäcken, Kisten und Waffen. Sichtbar ermüdete Soldaten lagen oder saßen darauf. Hier und da wurde auch hinter den Wagen ein Geschütz mitgezogen. Eskortierende Reiter sprengten mal vor, mal zurück und trieben zur Eile an. Wie ein hechelnder Hund strebte die ganze Truppe vorwärts, scheinbar ohne von Rechts und Links Notiz zu nehmen. Vielleicht einen Kilometer lang war wohl der Tross, und plötzlich herrschte wieder die unheimliche Ruhe.
War`s das? War die Front so über uns weg gegangen?
Vorsichtig kamen die ersten Leute aus den Häusern, Nachbarn nahmen Kontakt auf.
Jemand hatte wohl im Radio gehört: Deutschland hat kapituliert.
- Der Krieg ist aus, es ist Friede-

- Es war der 8. Mai 1945 -

Die Tage und Nächte der folgenden Wochen waren mit Angst und Bangen erfüllt. Es geschah vieles, was ich noch nicht verstand oder teilweise als Junge auch spannend fand. Zum Beispiel, warum sich Mutter immer fluchtartig verstecken musste, wenn russische Soldaten immer wieder einfielen und alles für sie Brauchbare mitgehen ließen oder sich ein paar Hühner schossen oder ein Schwein abschlachteten.

Eines Tages erschienen zwei Milizionäre und ein junger polnischer Mann auf dem Hof, gingen durch alle Räume und bedeuteten schließlich, dass er, der Pole, jetzt der Besitzer sei und oben im grossen Zimmer wohnen würde. Das war eine ganz neue Situation. Als Mutter sich besann, wollte sie noch etwas aus dem Zimmer holen, aber es hieß nur „Nie“.
Nach ein paar Tagen waren die Kellertüren mit Vorhängeschlössern versehen und „Ladek“, wie der Pole hieß, erklärte dazu: „Wenn Du was brauchen, mich fragen!“.
Das Joch war erbarmungslos und die Gerüchteküche blühte unter der Angst für Leib und Leben und vor Verschleppung nach Russland.
Es war Anfang April 1946. Vor dem Dorf, auf der Landstrasse nach Kamenz mussten sich sämtliche Bewohner des kleinen Ortes Wolmsdorf sammeln. Durch ein paar Plakate war vorher bekannt gemacht worden, dass sich in drei Tagen die Bevölkerung zwecks Aussiedlung vor dem Ort einzufinden hatte. Tragbare Gegenstände durften mitgenommen werden.
Miliz hoch zu Pferd ritt auf der Strasse an der langen Schlange eingeschüchterter Menschen auf und ab, das Gewehr über, mit der Peitsche knallend. Hier und da scheuchten sie die Leute noch weiter an den Strassenrand.
Als ein Milizionär so furchterregend an uns vorbei ritt, krallte sich meine dreijährige Schwester in die Kleider unserer Mutter, mit der Bitte: „Komm Mama, wir gehen wieder Heim!“ Innerlich halb belustigt über die kindliche Naivität der Kleinen sah ich ein paar grosse Tränen über die Wangen unserer Mutter rollen. Da ging selbst mir auf, wie bitter ernst unsere Lage war.
Ein langer Güterzug mit Viehwaggons nahm uns auf. Dreissig bis vierzig Menschen mussten in jeden Waggon, in Mannshöhe ein paar Lüftungsschlitze, in der Seitenwand eine breite Schiebetür. An der Spitze des Zuges schickte eine Dampflok schwarzen Qualm in den Himmel. Keiner durfte nach draussen. Die Türen flogen zu, in der Abenddämmerung rollte der Zug in die Nacht. Aber wohin geht die Reise? Der Gedanke „Sibirien“ lag unausgesprochen in allen Köpfen.
Ein grosses Abenteuer für mich als Jungen, aber die sorgenvollen Reden der Eltern und der Anderen  und die sorgenvollen Gesichter liessen jedes Fernweh im Mark erfrieren.
Die Schiebetür eine handbreit geöffnet wurde gerätselt, in welche Richtung der Zug rollt. Konnte man eine Bahnstation lesen? - Nein, alles lag im Dunkeln. Einer kannte etwas den Sternenhimmel. „Es geht nach Norden.“ ,dann: „Wir fahren nach Osten.“ Keiner spricht ein Wort - einige beten still.
Am anderen Morgen steht der Zug auf einem grossen Rangierbahnhof. Zu beiden Seiten nur Gleise und Güterwagen. Schüsse krachen im Morgengrauen, keiner wagt auch nur den Kopf durch einen Türspalt zu stecken.
Tagsüber steht der Zug auf Abstellgleisen im Niemandsland. Keiner weiß, wo wir sind. Die folgenden Tage und Nächte eine ähnliche Situation.

Eines Tages auf der Horrorreise hielt der Zug auf freier Strecke.
Von irgendwoher wurde verkündet: „Ihr seid jetzt in Deutschland!“ Von Mund zu Mund ging es ungläubig: „Wir sind jetzt in Deutschland?“
Fragwürdig, was soll das heissen, wir sind jetzt im Deutschland? Sind wir das nicht schon immer?
Ein Jahr lang im völlig informativen Dunkel zu leben, ohne Zeitung, ohne Radio, ohne Briefkontakte bei eingeschränkter Bewegungsfreiheit, das ist wie ein Leben in einem Raum ohne Fenster und Licht. Keiner von uns wusste etwas von vier Besatzungszonen geschweige denn von einer Oder – Neisse - Linie.
Aber wie auch immer, ein inneres Aufatmen war hier jedem anzumerken. Waren wir, Gott sei dank, nicht in Russland und Sibirien gelandet!
An den Bahnböschungen lagen, wo man nur schauen konnte, wohl tausende der weissen Armbinden mit dem grossen schwarzen N, (Niemiec). Jene Binden, die jeder Deutsche, ob Kind oder Erwachsener, unter Strafandrohung tragen musste, wenn er aus dem Haus ging. Das „N“ kennzeichnete den Träger als Deutschen, der sich völlig rechtlos zu fügen hatte.
Ich weiß noch, wir nahmen eine der besagten Armbinden mit in die neue Heimat im Westen als praktische Dokumentation, falls man uns nicht glauben wollte. Und die Reaktion der Menschen, bei denen wir später eine Bleibe fanden, war auch in den Worten „Wie schrecklich“ oder „wie entwürdigend“.
Aber dies bezügliche Empfindungen der Vertriebenen in dem Jahr unter russischer und polnischer Herrschaft war nicht so dominierend, als vielmehr die alles überlagernde stete Angst vor Misshandlung, Verschleppung und Trennung von Angehörigen.

Nach einigen Wochen Irrfahrt, keiner kannte das Ziel, und nach mehreren Zwischenaufenthalten in deprimierenden Sammellagern war scheinbar die Ankunft geschafft.
Ein LKW hatte unsere  Familie mit etwa zwanzig weiteren Personen in das Dorf „Brochterbeck“ im Münsterland gebracht. Neben einem Saalbau mitten im Ort an einem Stapel Langholzstämmen waren wir abgeladen worden.
Der wohlbeleibte Bürgermeister des Ortes bemühte sich wehement mit äusserst beredter Sprache, die keiner von uns Ankömmlingen verstand, bei den mit Pferdewagen angerückten Bauern eine Unterkunft für uns zu finden. Nach und nach wurde so das Häuflein der Gestrandeten immer kleiner.
Nur unsere Familie mit uns drei minderjährigen Kindern waren als letzte übrig geblieben.
Die Sonne näherte sich verdächtig nah dem Horizont, als wir noch auf den Baumstämmen zermürbt ausharrten -

- Es war der 8. Mai 1946 -

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