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Kölner Bürger ehren Michael Gorbatschow

Mut, Verantwortung und Charakter

Von Dr. Egon Schlesinger
Die Bürgergesellschaft Thielenbruch e.V., Köln verlieh den Orden für Zivilcourage und Charakter an Michael Gorbatschow "in Anerkennung für seine herausragende und mutige Haltung und seinen wegweisendes, historisches Handeln zur Wiedererlangung der deutschen Einheit sowie des Weltfriedens".
Fotos von (C) Andrea Matzker. 

GorbiGorbiGorbiIGorbim beschaulich-noblen Villenvorort Thielenbruch am östlichen Rand von Köln ist der 14. Juni 2008 ein besonderer Tag. Aufregung und geschäftiges Treiben im Hause der Familie Patzer, Getränke-Lieferwagen vor der Tür, im Hause sorgen die fleißigen Hände der Nachbarn für frischen Kaffee und trockene Sitzgelegenheiten im Garten nach einem heftigen Regen, stündlich fährt  die Polizei  Motorradstreife. Ursache für diese Betriebsamkeit ist die Ordensverleihung  der hier ansässigen Bürgergesellschaft Thielenbruch e. V. Köln an einen der Großen der Weltpolitik, Michael Gorbatschow. Hans Dietrich Genscher, wie gewohnt im gelben Pullover, Ex-Außenminister unseres Landes und Weggefährte von Michael Gorbatschow, leitete seine Laudatio mit den Worten ein: "Die Bürgergesellschaft Thielenbruch hat gerufen und alle kamen" und betonte somit die Außerordentlichkeit dieses Ereignisses: Normale Kölner Bürger haben sich zusammengeschlossen, stiften einen Orden für Zivilcourage und Charakter und verleihen diesen seit dem Jahre 2000 in zweijährigen Abständen an Personen, die sie für wert erachten, für Zivilcourage und Charakter ausgezeichnet zu werden. Die Ordensträger waren bisher: Der Soziologieprofessor Erich Scheuch, Hanns Schäfer, Vorsitzender des Kölner Haus- und Grundbesitzervereins, Bischof Karl Lehmann und CDU-Bundestagsabgeordneter Friedrich Merz. Zwei Jahre lang bereitete die Bürgergesellschaft die Ordensverleihung gemeinsam mit dem Auswärtigen Amt vor. Und gegen 14:00 Uhr kamen sie: Michael Gorbatschow, wie immer lebendig und sehr  fit in Begleitung seiner Tochter Irina, die er zärtlich "Irisha" nennt, und die tatsächlich ihrer Mutter Raissa zum Verwechseln ähnlich sieht, samt Schwiegersohn und Dolmetscher, bestens organisiert von Pal Berkovics, der Gorbatschow's Deutschland-Besuche seit jeher professionell betreut. Die Gesellschaft nimmt zunächst Platz im Wohnzimmer der Familie Patzer, Gorbatschow bittet um einen Tee, lehnt Wodka und Sekt zur Begrüßung ab, und man plaudert u. a. mit Bürgermeister Josef Müller über die bevorstehende Preisverleihung, Inzwischen ist auch Hans Dietrich Genscher eingetroffen. Im Raum Blitzlichtgewitter sämtlicher Fotografen der Kölner und überregionalen Presse, die diversen Teams der Fernsehanstalten treten sich gegenseitig auf die Füße. Gorbatschow nimmt diesen Rummel belustigt zur Kenntnis und gibt geduldig unzählige Autogramme. Er lässt sich eine einzigartige Sammlung von Gorbatschow-Medaillen der Eheleute Driesch aus Thielenbruch zeigen. Danach ging die Gesellschaft in den Garten, wo unter Zeltdächern mehr als 650 geladene Gäste warteten und Gorbatschow wie Genscher freundlichst begrüßten. Der Vorsitzende der Bürgervereinigung, Klaus Herre, war überglücklich und sagte zur Einleitung nach zwei Jahren Vorbereitungsarbeit für dieses Ereignis, das auf den Tag genau 19 Jahre nach der Unterzeichnung der deutsch-sowjetischen Erklärung stattfand: "Wir sind nicht einmalig, aber einzigartig." Dem entsprach auch die Auszeichnung in Form einer Medaille mit dem Wappen der Bürgergesellschaft Tielenbruch, für die Klaus Herre in liebevollster Handarbeit eine kostbare Kassette aus dem Holz eines 20 Millionen Jahre alten Mammutbaumes geschnitzt und mit rotem Samt ausgelegt hatte. Im Rahmen einer sehr feierlichen, von musikalisch umrahmten und hoch emotionalen Veranstaltung hielt zunächst Ex-Außenminister Genscher seine Laudatio, in der er festhielt, dass die historische Leistung Gorbatschows darin besteht, Feindbilder abgerüstet zu haben, und ihm dafür viel Misstrauen entgegengebracht wurde. In diesem Zusammenhang erinnerte Gorbatschow in seiner Dankesrede daran, dass seinerzeit Helmut Kohl ihn mit Goebbels verglichen habe. Dies ist heute Vergangenheit, denn das Vertrauen zwischen Deutschland und Russland ist groß, und Gorbatschow hob hervor, dass sich Deutschland an sämtliche schriftliche und auch mündliche Vereinbarungen, die Wiedervereinigung betreffend, gehalten hat. Leider sei es mit anderen nicht so gewesen, sagte er und spielte auf die NATO-Osterweiterung an, sowie auf die Stationierung einer Raketenabwehr in Polen und der Tschechoslowakei. Gorbatschow meinte, dass hierdurch viele Chancen am Ende des kalten Krieges verspielt wurden. Den Regierenden empfahl er, "Mut und Charakter" bei ihren Entscheidungen zu beweisen, und nicht die harte Hand zu zeigen, wie es sich in Russland für einen guten Herrscher früher ziemte. Die Bilder zeigen die Ankunft Gorbatschows mit seiner Tochter Irina und die herzliche Begrüßung durch Genscher, sowie das Gespräch mit Bürgermeister Josef Müller und dem Autor dieses Berichtes.


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