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Im Gebirge aus Eisen, Stein und Kohle

Erinnerungen an den Pütt

Von Edmund Kreuzner

Von 1945 bis 1949, um mal ein Datum zu nennen, waren wir drüben in der DDR; keine Hitler-Plakate, sondern von Stalin und die Sprüche waren im Grunde genommen, dieselben. Der Entschluss, dieses Land der Bauern und Arbeiter zu verlassen, war nicht so einfach. Die Umstände waren vielleicht noch schlimmer als direkt bei Kriegsende, denn ich kam von der Arbeit nach Hause und musste meiner Frau mitteilen: „Wenn ich nicht sofort verschwinde, werde ich verhaftet.“ Ich hatte da irgendwas geäußert, was diesen Leuten nicht passte.

Die Flucht nach Berlin geschah in zwei Etappen. Ich reiste vorneweg und musste meine Frau mit zwei kleinen Kindern zurücklassen, das war kein einfacher Entschluss. Es gelang mir, in Berlin nach einigen Bemühungen, Arbeit zu finden und ich erinnere mich an das Weihnachtsfest, an dem meine Frau unter unsäglichen Schwierigkeiten und Problemen in Berlin eintraf.

Jetzt machten wir sozusagen unseren zweiten Anfang, aber wir wussten, dass er nur von kurzer Dauer war. Als wir dann im Flugzeug saßen, in einer englischen Maschine, und nach Westen flogen, wusste ich nicht, wohin. Eigentlich hatten wir gar kein Ziel, es würde nur ein Flüchtlingslager sein, aber das wollte ich vermeiden. Wir fanden bei einem Bauern durch vielerlei Fürsprache eine einigermaßen erträgliche Unterkunft oben im Lipperland. Keine Arbeit, die Bauern waren nicht direkt abweisend, aber sie waren aber wie… Es war halt 1949 und es kamen immer noch Flüchtlinge, dies war wahrscheinlich ein Problem, das sie wahrscheinlich gar nicht begriffen.

Ich entschloss mich, auf einem Pütt anzufangen, das heißt in einem Bergwerk. Es wurde mir eine Wohnung versprochen, das war schon allerhand. Ich zog in ein Zwischenlager, die Matratze war hart und abgegriffen, die Baracke selbst war trostlos, direkt an der Kohlenhalde. Wenn ich aus dem Fenster sah, liefen ein paar Kaninchen rum. Die Spuren der Fremdarbeiter oder Zwangsarbeiter waren noch überall deutlich sichtbar. Ein ziemlich trostloser Anfang. Meine Frau hauste, das kann man ruhig sagen, oben in dem kleinen Dorf. Getrennter Haushalt, das Geld war knapp, aber ich spürte bald, dass die Gemeinschaft auf einem Pütt einem doch sehr helfen kann. Die Kumpel selbst stellten keine Fragen, auch der Bürokram war schnell erledigt. Ich fuhr meine erste Schicht, natürlich erschrak ich vor der ganzen Umgebung.

Die erste Seilfahrt meines Lebens vergesse ich niemals. Das kann man auch nicht vergessen: Da steh ich in dieser langen Schlange, als Neuling, wir rückten diesem schrecklichen Gerüst, von dem ein Höllenlärm ausging, immer näher. Ich bin als Kind ein einziges Mal in einem Fahrstuhl gefahren, aber das hier war schrecklich: alles Eisen, Geklirre, überall Lampen, ein Höllenlärm. Und hier sollte ich drauf gehen? Na ja.. Mein Kumpel zerrte mich mit und sagte: „Komm mal, komm mal.“ Ich sagte mir: „Na ja, da gewöhnst du dich ran.“

Na klar habe ich mich daran gewöhnt, aber ich will auf diese erste Seilfahrt kommen: Sechzehn Mann auf einem Satz, es gab vier Etagen, also eine ganze Menge Kumpel. Manchmal drängte sich noch einer mehr drauf, dann machte der Fahrstuhlführer, wie man das auch immer nennen möchte, das Eisengitter zu, ratzelte runter und ab ging's.

Erst dachte ich, ich geh kaputt, weil sich unter mir der Boden weg zog. Der Boden war schneller als ich und jetzt erst merkte ich, dass sich die Kumpel alle mit den Händen an einer Kette festhielten. Dadurch kriegte man ein besseres Gefühl für diese Sache. Die Spurlatten sah ich so vorbei sausen. Es wurde immer schneller. „So“, dachte ich, „wenn jetzt das Seil reißt….“ Ich hatte mir vorher, als wir noch vor dem Gerüst standen das dicke Seil beguckt und mein Kumpel sagte:“Ich weiß schon, was du denkst, „Wenn jetzt das Seil reißt..“, aber da mach dir mal keine Sorgen, das Seil gehört nicht dir, es gehört dem Pütt, da hast du nichts mit zu tun, wenn das Seil reißt.“ Das war ein schwacher Trost.

Auf einmal sausten links Lichter vorbei. Das war die Schicht, die nach oben fuhr. Wir fuhren nach unten, die fuhren nach oben. Dann denke ich, dass meine Beine irgendwie unnötig sind, die stoßen sich in den Bauch. Dann waren wir unten. „Meine Güte“, denke ich, „wie sieht denn das hier aus?“ Alles hell erleuchtet, schön ausgemauert. Ich hatte mir ja schon schreckliche Vorstellungen gemacht. Mein Kumpel Willi, der für mich verantwortlich war, meinte: „Komm, wir fahren mit dem Personenzug nach Sonnenschein.“ „Ach, sie schön, mit dem Personenzug nach Sonnenschein, dann ist es doch bestimmt nicht so schlimm auf der Zeche?!“ Ein Kumpel meinte: „Was ist das denn für einer?“ Da sagte mein Kumpel Willi: „Das ist der Herbert und das ist ein Neuer!“ „So“, sagte er, „ wieder ein verrückter mehr.“ Na, ja“, dachte ich, „ verrückt bin ich ja nicht, aber vielleicht hat er ja doch recht.“

Ich musste mich wundern, die Kumpel rannten alle nach so Brettern, die lagen alle am Stoß, das ist so eine Art Zimmerwand. Dort lagen die Bretter, die waren alle ziemlich abgewetzt und gleich lang. Das wunderte mich, dass sie alle gleich lang waren. Jeder packte sich also ein Brett wie eine Aktentasche unterm Arm und wir gingen irgendwo hin. Ich wusste ja gar nicht, wo ich war. Da gingen wir irgendwo hin und dort standen lauter Kohlenwagen, leere, feuchte, nasse Dinger. Da sprangen die Kumpel rein, vorher das Brett rein, dann die Lampe, dann sprangen sie selbst hinterher. Wir hatten einen Dicken dabei und ich musste mich wundern, wie der in den Wagen kam. Der sprang hoch, klemmte mit dem Bauch oben an der Kante, dann konnte er nicht abrutschen und dann kippte er einfach so um.

Mein Kumpel war schon lange drin, die Lampen waren ungeheure Dinger, wie übergroße Thermoflaschen und wogen 12 Pfund. Zwölffinder wurden die nur genannt. Jetzt wusste ich nicht, wie ich da hoch kam. Mein Kumpel war schon 55 oder 60, ich weiß es nicht genau, der machte das einfach so: Zack mit dem Bein rüber. Und ich machte das dann auch so zack und mit dem Bein rüber und habe dabei vergessen, dass ich doch die Lampe um den Hals hängen habe. Jetzt hing ich in dem Wagen drin und dachte, ich ersticke. Ein Kumpel meinte: „Die Lampe musst du auch mit rein nehmen.“ Ich kriegte sie nicht, aber ich hatte Glück, mein Kumpel half mir und ich ließ mich einfach fallen. Und schon lag ich auf einem anderen Kumpel, der schrie: „Du blöder Hund, kannst du nicht aufpassen?“ Na ja, den „Blöden Hund“ habe ich ihm nicht übel genommen, ich war ja froh, dass er mich nicht wieder raus geworfen hat. Jetzt musste man die Beine anziehen, das muss man sich so vorstellen, wie in einer Kiste, in der man die Beine nicht ausstrecken kann. Und gerade rüber sitzt noch jemand, der hat auch so die Beine angezogen, da sitzen 8 Mann in einem Wagen. Jetzt erst merkte ich, dass ich das Brett vergessen hatte. Ich rutschte ganz runter und mein Kopf war bei den Knien meines Nachbarn. Der meinte: „Das Brett musst du schon drunter tun, unterm Hintern, sonst kriegst du Hämorriden.“ Jedenfalls war ich froh, als ich auf dem Brett saß. Und dann ging es los: Es schrie einer: „He, du, Neuer, runter mit deiner Rübe, sonst ist sie ab und das ist nicht gesund.“ Das ist auch nicht gesund, ich hatte den Kopf zu hoch raus, weil ich gucken wollte, wo es lang ging. Ein Glück, über mir sauste das Gebirge vorbei, Eisen und Stahl und Steine. Das ratterte und schlingerte und da erzählte einer vom Fußball! Das war mir völlig unverständlich, wie der einfach vom Fußball erzählte, das heißt, er musste natürlich schreien. Bis einer schrie: „Halt die Klappe, ich will schlafen!“ Und zu mir meinte einer: „He, Macker, mach deine Funzel aus, ich will schlafen!“ Mein Gott, hier in dem Geratter und Gedröhne schlafen? Aber die schliefen wirklich, den Kopf so auf die Knie und die Arme so rum. Ich versuchte das auch, aber das klappte noch nicht so ganz. Na ja, ich war ja froh, dass ich da überhaupt noch lebte. „Halt! Aussteigen! Sonnenschein!“ schrie einer. Der hatte gut reden: Wie sollte ich denn aus der Hocke raus kommen?

Mein Kumpel war schon draußen, wie der das schaffte in seinem Alter! Ich kam nicht mal hoch, weil mir die Beine eingeschlafen waren. Der andere stieg schon aus und sagte: „Willst du aussteigen? Dann beeile dich, sonst wirst du Matsche!“ Ich dachte: „Matsche? Wie meint der denn das?“ „Ja“, sagte der, “ wir hatten mal einen, der wollte auch aussteigen und wusste nicht wie und dann war er in zwei Teile...“ Das war ja nun nicht gerade ein Trost, nicht? Und so schlimm wird’s wohl nicht gewesen sein, weil brutal waren sie ja nicht. Sie waren zwar offen, aber nicht brutal. Na ja, jedenfalls stiegen wir aus und es kam einer auf mich zu und fragte: „Bist du der Neue?“ „Ja“, sagte ich. „Willi, der geht mit dir!“ Da war ich ja froh, weil Willi für mich wie der liebe Gott war. So muss das sein, wenn jemand an den lieben Gott glaubt und ihn sieht, er war für mich alles. Ich lief hinter ihm her, denn ich wusste: Ohne Willi bin ich verloren. Er machte mir unterwegs Mut, sagte: „Du gewöhnst dich an alles, auch an die Hitze. Du brauchst da keine Angst haben.“

Der hatte gut reden, ich guckte immer nach oben, das war alles so wackelig, die Steine und die Stahlträger und das Holz. Natürlich hatte ich Angst. Da sagte er: „Wir sind jetzt auf Sonnenschein.“ Das hier hatte mit Sonnenschein gar nichts zu tun, nur Dreck und Hitze. Da kam einer vorbei, das war der Steiger, der meinte zu mir: „Also, du hältst dich immer an Willi.“ Das hätte ich sowieso gemacht, auch ohne, dass er mir das gesagt hätte. Da war so eine Rutsche, wie so abgesägte Badewannen oder Tischplatten aneinander aus schwerem Eisenblech, ein ewig langes Ding. So etwas Langes hatte ich noch nie gesehen. Wenn man da nicht aufpasst: Was einem da runter fällt, rutscht sofort 100 Meter tief. „Also pass auf, dass du die Lampe nicht verlierst.“ sagte Willi zu mir. Na ja, die Lampe 

hatte ich ja um den Hals, da hätte ich schon meinen Kopf verlieren müssen. „So“, sagte Willi, „jetzt wollen wir erst mal buttern.“ Du lieber Gott, da zwängte ich mich so an einen Holzbalken, ich hatte gar keinen Hunger. Willi meinte, ich müsse etwas essen, sonst würde mir schlecht. Aber mir war auch so schon schlecht, mir war es egal. Ich habe die Hälfte der Brote runter gewürgt und schrecklich viel Kaffee getrunken.

Auf einmal denke ich, die Welt geht unter: Da schreit einer irgendwas und da fängt das Blech, neben dem ich saß, an zu hüpfen wie so ein Floh, gewaltig hoch. Das war die Rutsche, der Mechanismus setzte sich in Bewegung. Der Willi hat sich gar nicht darum gekümmert, aber ich habe gedacht, es erschlägt mich. Aber es hat mich nicht erschlagen, es hüpfte immer vorbei.

Dann ging es los. Willi schrie mir zu:“ Ich mach jetzt ´n Einbruch!“ Ich dachte, der will wo einbrechen. „Nein, das heißt nur so, Ich mach jetzt den Einbruch und du sitzt jetzt hier und gibst mir immer Holz rüber, wenn Holz in der Rutsche kommt.“ Dann stellte sich Willi breitbeinig hin und macht ein großes Loch in die Kohlenwand, das kann man nicht beschreiben. Ich dachte: „Bloß weg hier, fott, das wird die erste und letzte Schicht sein.“ Dann dachte ich an meine Frau, die Lotte, der ich alles Mögliche versprochen hatte. Wir würden jetzt hier im Paradies leben. Ich war sogar so verrückt, von einem neuen Fahrrad gesprochen zu haben. Und eben dieser Willi verschaffte mir ein Bild von der Gegenwart, wie ich mich verhalten sollte, also kein Lehrmeister, sondern er zeigte mir einfach auf seine Weise, wie man Schwierigkeiten überwinden kann.

In der Arbeit war er unschlagbar, einfach und unkompliziert. Vielleicht gehört auch eine gewisse Wissenschaft dazu, mit der Kohle fertig zu werden. Und er gab mir eines Tages einen Priem, er meinte es sicher gut, aber das Zeug schmeckte fürchterlich, und ich hätte es beinah wieder ausgespuckt, aber ich wollte ihn nicht beleidigen. Er meinte, der Priem würde munter machen. Freilich machte der munter, denn mir wurde ziemlich schlecht. Und als es knallte und ein größerer Gebirgsbrocken herunter fiel, war der Priem weg. Aber ich hatte ihn nicht ausgespuckt, sondern verschluckt. Ich hatte daheim bei meiner Frau noch zu kämpfen, denn sie meinte: „Du stinkst aus dem Mund wie 'ne Tabakfabrik, hast du etwa eine Zigarre gegessen?“ Nein, ich hatte keine Zigarre gegessen, sondern hatte den Priem von Willi verschluckt. Vor dem musste ich es aber verheimlichen, denn er war so gutmütig und hätte mir sofort einen neuen gegeben! Das war ungeheuer gefährlich. Also brachte ich die ganze Schicht damit zu, mit diesem schrecklichen Priem im Magen Kohle zu machen.

Ich kam heim, da hatte ich noch die „Bergmannsbrille“ um. Ich hatte sie vergessen, in der Kaue gibt da es so einen Trick, da reibt man mit den Oberarmmuskeln am Auge und da gehen diese schwarzen Ränder weg. Meine Frau dachte, ich habe eine Brille auf, als ich heim kam. Und die Kumpels haben gar nichts gesagt, die wussten genau: das ist ein Neuer, das störte die gar nicht. Es liefen da etliche rum. Das waren vielleicht auch neue, man merkte das immer an den Gesichtern, die hatten so entsetzte Gesichter, vielleicht habe ich auch so eines gemacht.

Ich staunte über die Dicken, es gibt auch viele Dicke Kumpel! Wie das schafften: mit einer ungeheuren Geschwindigkeit hatten die sich gewaschen, obwohl sie doch wesentlich mehr Fläche zu waschen hatten als ich, ich war nur so ein dünner Hänfling. Das muss man lernen, das nicht einfach so „waschen“, die hatten eine Technik, dass die nach 10 Minuten schon raus waren. Die waren schon vor dem Zechentor, da hopste ich noch unter der Brause rum und wischte den Kohlendreck ab. Diese Technik habe ich gelernt: oben anfangen, alles einseifen, unten aufhören, unters Wasser, dann noch mal dieselbe Politur und dann kräftig schnauben. Als Bergmann war es nämlich so, dass, wenn man spuckte, man noch über das ganze Wochenende schwarz spuckt. Die Kumpel machten es dann immer so, dass sie am Wochenende, wenn sie spucken mussten, immer aufpassten, dass dann keiner in der Nähe war, weil es so schwarz war. Ein Kumpel ist immer noch tagelang von innen schwarz.

Ja, das war der Anfang. Ich habe immer gedacht, die Kaffeepulle ist ein so ein ungeheurer Behälter, aber wir haben dann gelernt, dass es nicht wahr ist. Wir hatten am Pütt natürlich auch Probleme untereinander. Es kamen immer mehr Leute: Pastöre ohne Kanzel, Tischler ohne Holz, Schlosser ohne Eisen. Diese bunte Mischung, ich erinnere mich an das Zechenlager: bei mir schlief über mir ein Pastor und ganz drüben einer aus Ostpreußen. Der Ostpreuße erzählte immer von seiner Pferdezucht und der Pastor versuchte, uns immer Gottes Wort zu erläutern. Aber er meinte: „Die Wirklichkeit ist eben doch ganz anders.“ Er hatte es sicher schwer, auch unten in der Grube, aber irgendwie respektierten ihn die Kumpel und auch seine Aussagen. Also gefrotzelt wurde bei ihm nicht, denn die Kumpel spürten, dass dieser Mann Gottes Wort auch unten kennen lernen will. Denn unten ist es wirklich eine ganz andere Welt.

Ich denke an verschiedene schwarze Punkte, eigentlich war ja alles schwarz da unten. Als ich verunglückte, als ich unterm Bruch lag, hörte ich, wie meine Kumpel sich auf der anderen Seite heranarbeiteten. Wir waren zu zweit unter dem Bruch und ich glaube, dass uns diese Zweisamkeit sehr geholfen hat. Der eine war von Ostpreußen, ich war aus Schlesien. Es konnte ja nicht alles auf einmal aus sein. Ich dachte an meine Frau und an meine Kinder. Bewegen konnten wir uns nicht, die Stempel hielten uns fest, ebenso wie die Kohle, die Steine. Und als das erste Loch in der Wand erschien und der Kumpel da durch kroch und mich streichelte, war das Gefühl ungeheuer. Ich hätte am liebsten, vielleicht habe ich auch, geweint, ich weiß es nicht. Er streichelte mich, noch mehr krochen in das Loch rein, und wir kamen wieder nach oben. Das ist nicht so selbstverständlich.

Wenn man unten ist, hat man ganz andere Gedanken. Vielleicht dachte ich viel an die Leute in Schlesien, die früher in unserer Straße wohnten. An Klenner Paul, der eines Tages nicht mehr von der Schicht zurück kam, sondern er wurde nach einem Unglück gebracht und war unterwegs gestorben.

Und das war in der Kolonie, in der Siedlung, in der ich wohnte, ähnlich: Kinder wurden geboren, und in der Nachbarschaft klopfen sie vielleicht an die Tür: Der Mann war im Pütt geblieben. Das kam früher verhältnismäßig oft vor. Vielleicht ist es heute besser, ich weiß es nicht, aber ich glaube doch.

Ein Kumpel namens Heinz, der hatte ein für damalige Verhältnisse ziemlich schweres Motorrad. Mein Fahrrad hatte ich noch nicht und ich musste immer zum Pütt laufen, immerhin zwei Kilometer. Und da hat er mich gesehen und sagte: „Warte, heute Mittag brauchst du nicht heim laufen, heute nehme ich dich mit.“ Das war ein ziemlich kalter Tag. Vielleicht hat er es gut gemeint. Ich kam da raus. Er gab so viel Gas, dass sich das Motorrad aufbäumte wie ein Pferd, ich wäre hinten beinah wieder runter gerutscht. Und dann ging das ab – ich bin noch nie zwischen zwei Pferdefuhrwerken auf so engem Raum vorbeigesaust wie mit ihm. Ich dachte, die Beine bleiben an den Pferden hängen. Aber es ging alles gut und er fuhr immer weiter, immer weiter, ich konnte ja hinten gar nicht sprechen, weil mir alles kalt war. Ich hatte die Jacke offen und alles Mögliche. Na jedenfalls ging es rasend schnell. Ich kam vor die Husemannstraße, vor unser Reihen-Eigenheim. „So“, sagte er, „dann bis morgen!“

Der hatte gut reden, ich konnte gar nicht absteigen, mir war alles, einschließlich der Füße, angefroren! Da ging ich in die Wohnung rein wie so ein Zwerg. Meine Frau fragte: „Was ist los?“ Ich konnte erst gar nicht sprechen, dann sagte ich bloß: „Mit dem fahr ich nie wieder!“ Ich bin auch mit ihm nicht mehr gefahren. Also das Mitfahren war sowieso kein Problem, die Kumpel waren sehr nett.

Einer der Kumpel hatte ein Messerschmitt-Roller zu dieser Zeit, was ja eine ungeheure Sache war damals, so ein kleiner Kabinenroller, oder was das war. Der nahm mich auch mit. Ich setzte mich hinten rein, da sagte der: „Wenn du willst, ich kriege 110 drauf!“ Der hat schlecht gesehen und er sagte mir: „Du musst mir sagen, wenn die Schranke unten ist.“

Ich saß hinten und er fragt mich, ob die Schranke runter ist! Da haben die mich Kumpel gefragt: „Du bist mit dem gefahren? Weißt du nicht, dass der, der mitfährt immer gucken muss, ob die Schranke runter ist?! Der sieht die Schranke nicht! Er hat da was mit den Augen, aber er kennt den Weg schon! Nur bei der Bahnschranke, da ist er immer noch unsicher.“ Also das war grauslich, das muss ich ja ganz offen sagen. Aber es freut mich, dass die Kumpel kaum einen stehen ließen. Die haben einen sogar auf dem Fahrrad mitgenommen auf dem Gepäckträger, wie oft bin ich auf dem Gepäckträger mitgefahren! Und dann hat man noch erzählt und geraucht, alles während der Fahrt.



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