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Bilanz der Unglücke

30 Meter neue Leitplanke markieren die Stelle an der A 9 (München – Berlin) bei Weißenfels, an der am 24. August 2003 der Unfall geschah. Die Reisegruppe war auf dem Weg von München nach Kiel zu einer Ostsee-Kreuzfahrt, als der Reisebus morgens um 2.37 Uhr von der Fahrbahn abkam, die Böschung hinunterstürzte und umkippte. Fünf Menschen starben, 19 wurden schwer verletzt.

Ein abschließendes Urteil zur Unfallursache wird erst in einigen Wochen erwartet. Laut zu-ständigem Oberstaatsanwalt Andreas Schieweck (49) aus Halle "haben die Vorermittlungen und die Hauptverhandlung ergeben, dass technisches Versagen mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit auszuschließen ist". Die Ermittlungen, so Schieweck, konzentrierten sich auf den gesundheitlichen Zustand des Fahrers.

Ein Unfall aus einer beispiellosen Serie von schweren Busunglücken, die im vergangenen Jahr in ganz Europa mehr als 200 Menschen das Leben kostete.

Im diesjährigen ADAC Bustest wurden auch zwei Anbieter überprüft, die 2003 in solch schwere Busunfälle verwickelt waren. Maxim Reisen, Veranstalter der Gewinnreise Istrien – Kroatien, hatte im Mai den Unfall am ungarischen Plattensee, bei dem 33 Menschen starben. Der Bus wurde auf einem Bahnübergang von einem Zug erfasst. Die Ursache der bereits abgeschlossenen Ermittlungen ist eindeutig: menschliches Versagen. Der Schock sitzt Geschäftsführer Wolfgang Muschalla (39) noch heute in den Knochen: "Wir haben alle eine Therapie gemacht, um das zu verarbeiten." Doch dabei blieb es nicht, die Verantwortlichen reagierten mit Maßnahmen. Unmittelbar nach dem Unglück änderte Maxim Reisen die Verträge mit seinen bundesweit rund 50 Busunternehmern. Darin werden jetzt ausdrücklich die Einhaltung der Lenk- und Ruhezeiten, eine zuverlässige Zwei-Fahrer-Besatzung bei längeren Fahrten und der Einsatz von neueren Bussen mit Sicherheitsgurten festgehalten. Ab 2005 sollen auch Fahrsicherheitstrainings für Fahrer Pflicht werden. Bei Nichteinhaltung müssen die Busunternehmer mit Sanktionen bis zu 2 000 Euro rechnen. Muschalla: "Ich möchte mit gutem Gewissen sagen können, dass ich alles für die Sicherheit getan habe."

Im aktuellen ADAC-Test erreichte die Gewinnreise nach Istrien Platz zwei. Der sehr komfortable und gepflegte Bus der Firma Schack-Touristik war technisch auf dem neuesten Stand. Die Fahrt wurde mit einer Zwischenübernachtung geplant, was auch für die Fahrgäste komfortabler war. Zu kritisieren waren, von Kleinigkeiten abgesehen, fehlende Sicherheitsinformationen und das Verhalten der Fahrer, die entweder nicht angeschnallt waren oder die Geschwindigkeitsbegrenzungen nicht immer einhielten.

Das zweite Unternehmen im Test, das im vergangenen Jahr in einen schweren Unfall verwickelt war, ist Urban-Reisen. Der Bus kam in einem italienischen Autobahntunnel bei Vicenza ins Schleudern und schrammte an der Tunnelwand entlang. Bei dem Unglück wurden sechs Menschen getötet und 38 schwer verletzt.

Trotzdem wurde die Fahrt der Firma zur Insel Helgoland letzte im jetzigen ADAC-Test. Nach wie vor gibt es keinen Notfallplan, keinerlei Schulungen für die Fahrer wie Notfallausbildung oder Fahrsicherheitstrainings. "Ich würde das sofort machen, wenn der Unternehmer das bezahlt", so der Kommentar des Fahrers. Doch der Unternehmer sieht keinen Anlass, regelmäßige Schulungen anzubieten: "Wir machen unser eigenes Krisenmanagement und glauben, dass Fahrsicherheitstrainings vor Unfällen nicht schützen" erklärt Juniorchef Philipp Urban (21). Immerhin soll Ende des Jahres ein Erste-Hilfe-Kurs durchgeführt werden. Die Routenplanung bei der Fahrt nach Helgoland war durch aufwändige Sammelfahrten zeitlich so knapp, dass der Fahrer unter Druck geriet, seine Ruhepausen nicht einhalten konnte und nur durch riskantes Fahrverhalten im Zeitplan blieb. Mit den Worten "wir müssen jetzt ein bisschen Gas geben" wurden rote Ampeln überfahren, Geschwindigkeitsbegrenzungen überschritten und in engen Baustellen Überholmanöver durchgeführt. Der Fahrer: "Die Tour ist knapp geplant." Im Unternehmen hat sich seit dem Busunglück in Italien offenbar nicht viel verändert. "Wir sprechen mit den Fahrern", erklärt der Juniorchef lapidar auf die Frage, ob sein Unternehmen nach dem schweren Unfall im vergangenen Jahr Sicherheitsmaßnahmen einleitete. Laut Urban-Reisen wurden von den italienischen Behörden keine technischen Mängel am Fahrzeug festgestellt. Die Ermittlungen konzentrierten sich auf den Fahrer, und der arbeitet nicht mehr für die Firma. Damit scheint das Thema für Urban erledigt zu sein.

Insgesamt hat die Busbranche durchaus seit dem vergangenen Jahr einige Anstrengungen für mehr Sicherheit unternommen, aber leider ist das noch lange nicht genug. Nicht nur der ADAC-Test beweist, dass es vor allem beim Fahrer und dem Sicherheitsmanagement der Unternehmer Mängel gibt. Bei Kontrollen des Bundesamtes für Güterverkehr im Juli und August dieses Jahres wurde von 550 kontrollierten Bussen jeder dritte beanstandet. Dabei ging es in der Regel um die Nichteinhaltung von Lenk- und Ruhezeiten und Unregemäßigkeiten bei der Dokumentation dieser Zeiten.

Dass auch technische Mängel immer wieder eine Rolle spielen, belegt das Unfallgutachten der französischen Behörden zu dem schweren Busunglück in Lyon am 17. Mai 2003, das dem Bundesverkehrsministerium vorliegt. "Der Bericht kommt zu, für mich bestürzenden Feststellungen", so Bundesminister Stolpe in seiner Stellungnahme vom August an die Präsidenten des Bundesverbandes Deutscher Omnibusunternehmer (bdo) und des Inter-nationalen Bustouristik Verbandes (RDA). Neben verschiedenen Verstößen gegen die Sicherheitsvorschriften wird auch der schlechte technische Zustand des deutschen Busses kritisiert, der kurz zuvor eine Hauptuntersuchung absolviert hatte.

Unmittelbar nach den Busunglücken im vergangenen Jahr einigten sich Bundesminister Stolpe, die deutschen Bushersteller und die Spitzenverbände der Busbranche auf einen Maßnahmenkatalog. An erster Stelle: Das Gütesiegel "Sicheres Omnibusreisen" – eine Qualitätsaussage über Fahrer, Fahrzeug und Busunternehmen. Es soll den Verbrauchern signalisieren, dass das betreffende Unternehmen verantwortungsvoll handelt und technisch sichere Busse sowie qualifizierte Busfahrer einsetzt.

Im August 2003 wurde vom Bundesverkehrsministerium und den Landesministerien die Initiative "Reisebussicherheit" ins Leben gerufen. Im Rahmen dieser Bund-/Länder-Initiative wurden Änderungen der Rechtsvorschriften eingeführt und umgesetzt, die sicherheitsbewussteres Verhalten bewirken sollen. Hierzu zählen die seit April geltende Anschnallpflicht für Fahrgäste, die Erhöhung der Bußgeldsätze bei Geschwindigkeitsüberschreitungen und Manipulationen am Fahrzeug (zum Beispiel am Fahrtschreiber), die Überprüfung der Geschwindigkeitsbegrenzer im Rahmen der jährlichen Hauptuntersuchung sowie verstärkte Kontrollen von Bussen und Unternehmern durch Behörden. Andere Maßnahmen wie die Einführung des digitalen Fahrtschreibers sind noch in Vorbereitung.

Doch das Gütesiegel "Sicheres Omnibusreisen" lässt auf sich warten. Die inhaltliche Gestaltung, Vergabekriterien und Kosten wurden anfänglich im Bundesverkehrsministerium mit den Busverbänden und Organisationen wie TÜV, DEKRA und ADAC diskutiert. Auf der Mitgliederversammlung des bdo Ende September 2003 in Berlin sprachen sich die Unternehmer dann aber überraschenderweise gegen ein Gütesiegel aus. In internen Unterlagen heißt es: "Die Mehrheit der Landesverbände ist gegen ein Zertifikat/ Siegel." Die Folge: Es entstehen Insellösungen wie zum Beispiel die des Bus-Landesverbandes Thüringen ("Busqualität Thüringen"), des Gesamtverbandes Verkehrsgewerbe Niedersachsen ("GVN-Bus-Prädikat") oder der Prüforganisationen TÜV und DEKRA ("Sicherheit im Busbetrieb").

Eine Entwicklung, die den Verbraucher weiter verunsichern wird. Klarheit für alle Beteiligten würde nur ein gemeinsames, bundeseinheitliches und aussagekräftiges Gütesiegel bringen, das für verlässliche Qualität und Sicherheit steht. Genau dieses Gütesiegel fordert der ADAC bis heute. Und auch der Bundesverkehrsminister will diese Lösung. In seinem Brief an die Busverbände schreibt er: "Ich würde es sehr begrüßen, wenn es den beteiligten und interessierten Institutionen schon bald gelänge, sich auf ein einheitliches Sicherheitssiegel oder Sicherheitszertifikat zu verständigen." Stolpes Schreiben endet mit den Worten: "Die Unternehmen und Ihre Verbände stehen aus wohlverstandenem eigenem Interesse in der Verantwortung". Eine Verantwortung, die sie endlich voll und ganz wahrnehmen sollten.
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