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Magazin-Bereich: Seniorenpolitik

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„Handeln statt Misshandeln"

Initiative gegen Gewalt im Alter

Von Dr.med.Egon Schlesinger
Anlässlich des 10-jähriges Bestehens der „Bonner Initiative gegen Gewalt im Alter“, eine gemeinnützige und unabhängige Notruf-, Beratungs- und Informationsstelle, geleitet von Professor Dr. Dr. Rolf Dieter Hirsch, führte das "Rheinische Ärzteblatt" (Ausgabe 2/2008) ein Interview mit dem Vorsitzenden, das wir mit freundlicher Genehmigung der Redaktion hier für unsere Leser abdrucken dürfen

Prof.Hirsch, Bonn RhÄ:Herr Professor Hirsch, Sie sind seit 10 Jahren Vorsitzender der Initiative gegen Gewalt im Alter. Wo liegen die Schwerpunkte Ihrer Arbeit heute?  Professor Hirsch: Die SchwerpunkteGrafik, derzeit liegen auf einer weiteren Sensibilisierung der Öffentlichkeit und Politik zum Problembereich Gewalt gegen alte Menschen, nicht auf einer Skandalisierung. Wir möchten auch mehr Ärztinnen und Ärzte erreichen und sie ermutigen, sich an uns zu wenden. Sie sind die ersten Ansprechpartner von Opfern. Wir möchten mit Juristen stärker zusammenkommen, um die Vielzahl der Misshandlungen an rechtlich betreuten alten Menschen zu verringern und dem Betreuungsrecht mehr Geltung verschaffen. Ein Schwerpunkt ist auch, präventive Möglichkeiten weiter zu entwickeln, damit manche Gewalthandlung nicht auftritt. Zudem ist mehr Öffentlichkeitsarbeit auch notwendig, um Hilfesuchende noch besser erreichen zu können. Ein weiterer Schwerpunkt ist derzeit die Unterstützung älterer Migranten in Zusammenarbeit mit der Bonner Altenhilfe.   RhÄ: Wie viele Notrufe erhalten Sie und welche Problembereiche sind hier vordringlich?   Professor Hirsch: Wir haben in den 10 Jahren rund 29.000 Anrufe erhalten - seit 2004 rund 3.500 E-Mails -, davon rund 9.600 Notrufe. Ein großer Teil der Anrufer kommt aus Bonn und Umgebung. Aber auch Anrufe aus ganz Deutschland erreichen uns. Die Problembereiche sind sehr vielfältig. Sie reichen von der Unterstützung in der Pflege bei zunehmender Überforderung bis beispielsweise zu der Frage, ob ein Angehöriger wegen finanzieller Ausbeutung eines alten Menschen angezeigt werden kann.   RhÄ: Welches sind die häufigsten Formen von Gewalt gegen Senioren?   Professor Hirsch: Wir haben es oft zu tun mit seelischen Misshandlungen. Da wird zum Beispiel einem alten Menschen angedroht, dass er eingesperrt, dass er ins Heim oder in die Psychiatrie abgeschoben wird. Dann gibt es die Vernachlässigung, beispielsweise werden alte Menschen unnötigerweise im Bett gehalten, oder es werden Medikamente oder sogar Nahrung verweigert. Selten taucht eine Gewaltform allein auf. Meist ist die seelische Misshandlung kombiniert etwa mit Vernachlässigung oder körperlicher Gewalt. Zudem: Wird einmal misshandelt, so setzt sich dies in aller Regel fort. Ein Großteil der Anruferinnen und Anrufer gibt an, kontinuierlich misshandelt zu werden.    RhÄ: Sie haben eine Untersuchung zu den Folgen von Gewalt gegen alte Menschen gemacht. Zu welchen Ergebnissen sind Sie gekommen? Professor Hirsch: In der Studie berichteten 89 Prozent über vermehrte Angst, Gefühle der Erniedrigung, Missachtung und des Nichtvergessenkönnens sowie finanzielle Nachteile und körperliche Verletzung. Nur eine Person berichtete über eine eigene aggressive Antwort auf das Ereignis. Die Übrigen wehrten sich nicht. Langzeitfolgen schlossen die Vermeidung oder den vollständigen Abbruch des Kontaktes mit der misshandelnden Person ein. Hilfe von außen wurde kaum gesucht, da sich die Opfer davon nichts erwarteten. Meist haben sie später mit guten Bekannten und Verwandten darüber gesprochen.   RhÄ: Welche Hilfen bieten Sie derzeit an?   Professor Hirsch: Im Kern den Notruf und die Krisenberatung. Häufig sind zur weiteren Klärung mehrere Kontakte notwendig. Wir versuchen, mit möglichst allen Beteiligten zu sprechen, um gemeinsame Lösungswege zu finden. Wir vermitteln auch an Hilfeeinrichtungen zum Beispiel der  Bonner Altenhilfe und der Polizei. Dann haben wir das Curriculum „Gegen Gewalt in der Pflege" erarbeitet. Schwierig ist es, Anrufern von weit her zu helfen. Allerdings gelingt uns häufig auch dies unter Einbeziehung von lokalen Anlaufstellen. In Fortbildungsveranstaltungen und Seminaren vermitteln wir Kenntnisse über Gewalt für Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in der Altenarbeit, Geriatrie und Gerontopsychiatrie, aber auch für Laien und Behörden.   RhÄ: Gibt es heute insgesamt genügend Hilfsangebote für von Gewalt betroffene Senioren?   Professor Hirsch: Ganz klar: Nein. Wir fordern seit Jahren regionale Notruf- und Krisenberatungsstellen für alte Menschen. Diesbezügliche Forderungen haben wir an die verschiedenen politischen Gremien gestellt. Alle finden dies gut, aber niemand handelt. Bezeichnenderweise gibt es immer mehr Beratungsstellen für Menschen mit Demenz und ihre Angehörigen. Doch Gewalt taucht nicht nur in Pflegebeziehungen auf. Wir haben in Deutschland rund 6.000 Beratungsstellen für Kinder, Jugendliche und Familien, aber kaum eine für alte Menschen.   RhÄ: Welche weiteren Aktivitäten zum Thema liegen Ihnen am Herzen? Professor Hirsch: Gäbe es bundesweit Krisen- und Notrufberatungsstellen, angegliedert an andere Beratungsstellen, so könnte ein bundesweites Notruftelefon wie beispielsweise das Alzheimer-Telefon Hilfen in der Region vermitteln. Schleswig-Holstein hat mit einem landesweiten Notruftelefon begonnen und verfügt jetzt über mehrere dezentrale Einrichtungen, allerdings nur für die Pflege. Ich halte es für notwendig, dass möglichst viele Berufsgruppen - etwa Richter, Polizisten oder Mitarbeiter von Behörden - mehr über das Altern wissen. Aus Unkenntnis, Verharmlosung und Trägheit geschieht viel Gewalt. Die Charta der Rechte für hilfe- und pflegebedürftige Menschen sollte gesetzlich verankert werden.RhÄ: Welche Hilfe können Ärztinnen und Ärzte geben? Professor Hirsch: Ärztinnen und Ärzte könnten noch mehr Zivilcourage zeigen! Sie wissen oder ahnen oft, dass in Familien oder in Alteneinrichten Misshandlungen auftreten. Sie könnten durch Flyer auf Hilfemöglichkeiten hinweisen oder im Bonner Raum bei uns anrufen. Sie könnten auch Beteiligte ermuntern, sich bei uns zu melden. Es geht uns ja nicht unbedingt um Strafe. Wir wollen nicht tatsächlich oder vermeintlich Schuldige suchen, sondern Gewaltsituationen verringern.RhÄ: Suchen Sie noch weitere ehrenamtliche Mitarbeiter?Professor Hirsch: Da unsere finanzielle Situation nicht rosig ist, sind wir auf ehrenamtliche Kräfte angewiesen und freuen uns auf jeden Interessenten. Das Team besteht aus Ärzten, Psychologen, Sozialarbeitern, Altenpflegekräften und Pflegekräften. Allerdings braucht es schon eine Portion Mut, Ausdauer, Geduld und Menschenliebe, um der Konfrontation mit den Schattenseiten des menschlichen Daseins gewachsen zu sein. Viele Anrufer sind schon froh, dass endlich ein Mensch zuhört und nicht sofort Ratschläge gibt.

Das Interview führte Karola Janke-Hoppe,Redakteurin Rheinisches Ärzteblatt Düsseldorf 

Professor Dr. Dr. Rolf Dieter Hirsch ist Vorsitzender des Vereins „Handeln statt Misshandeln - Bonner Initiative gegen Gewalt im Alter (HSM)". Er ist gleichzeitig Leiter der Gerontopsychiatrie an den Rheinischen Kliniken in Bonn.Die „Bonner Initiative gegen Gewalt im Alter" ist eine gemeinnützige und unabhängige Notruf-, Beratungs- und Informationsstelle und feierte kürzlich ihr 10-jähriges Bestehen.

Weitere Informationen

Handeln statt Misshandeln (HsM)Bonner Initiative gegen Gewalt im Alter e.V. Goetheallee 51, 53225 BonnTel.: 02 28/63 63 22, Fax: 02 28/63 63 31E-Mail: info@hsm-bonn.de, www.hsm-bonn.deNotruf: 02 28/69 68 68

Spendenkonten

Sparkasse KölnBonn Konto: 13803127, BLZ 37050198    Sparda-Bank West e.G.   Konto: 589335, BLZ 37060590


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